[Noch ein Gedicht…] Moritz Hürtgen – ANGST VOR DEM VERSAGEN

Schlips und Kleid, da sitzen sie,
Nur um mir zu lauschen.
Hände weich und Zitterknie.
Will wer mit mir tauschen?

Himmel hilf! Es ist so weit,
Später feines Essen.
Leute, ich bin nicht bereit,
Hab den Text vergessen.

Mama! Papa! Oma! Ihr
Seht mich doch verzagen.
Heiligabend, ich bin vier –
Angst vor dem Versagen!

Moritz Hürtgen

[Rezension] Rex Stout – ZYANKALI VOM WEIHNACHTSMANN. Ein Fall für Nero Wolfe

„Au, weia, jetzt habe ich es wohl zu toll getrieben! Aber woher sollte ich ahnen, dass dieser kleine Streich solche weitreichenden Folgen nach sich zieht: Ich dachte, ich erweise der reizenden Margot Dickey nur einen klitzekleinen Gefallen, wenn ich ein gefälschtes Heiratsaufgebot mit ihrem und meinem Namen auf ebenjenen Formular besorge. Margot wollte ihren Chef Kurt Bottweil aus der Reserve locken, damit er ihr endlich einen Heiratsantrag macht. Und ich hatte mein perfides Vergnügen daran, meinem Boss Nero Wolfe die frohe Kunde unter die Nase zu reiben, dass bald ein weibliches Wesen durch sein Heim schweben könnte. Doch nun sank Kurt Bottweiler während einer Weihnachtsfeier in seinem Atelier zyankali-vergiftet zu Boden, und der barkeepende Weihnachtsmann hinter dem Tresen verschwand inkognito und hinterließ nur seine äußere Hülle sprich sein Weihnachtsmann-Kostüm. Ich kann nur hoffen, dass Wolfe mir diesen kleinen Streich verzeiht und mir aus der Klemme hilft. Ansonsten sieht es auch für einen Archie Goodwin düster aus…!“

Auch ein Rex Stout blieb von einem Weihnachtskrimi nicht verschont. Wobei das „Fest der Liebe“ schon so einige seiner Kolleg*innen animiert hat, so gänzlich unfestliche wie wenig liebevolle Verbrechen an den Feiertagen zu begehen – zu mindestens auf dem Papier.

In diesem Fall rasseln Stouts Helden in gewohnt kurzweiliger Manier aneinander und bieten sich ein Kräftemessen, bei dem Archie Goodwin diesmal den Kürzeren zieht. Wobei fairerweise erwähnt werden muss, dass Nero Wolfe nicht ganz mit offenen Karten spielt. Ihr merkt schon, meine kryptischen Worte sollen Eure Neugier schüren und Euch veranlassen, diese kleine Geschichte selbst zu lesen.

Apropos klein: Dieses Büchlein ist eine kleine, wenn auch charmante Mogelpackung. So handelt es sich hier um eine Novelle von 112-seitigem Umfang. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass diese im Jahre 1957 ursprünglich im Magazin „Collier’s“ erschienen ist und danach im Laufe der Jahrzehnte eine kleine Rundreise durch einige Anthologien mit Krimi-Erzählungen machte. Das dieses, mir vorliegende Büchlein nun doch eine gewisse Dicke aufweist, ist einerseits der Verwendung dickeren Papiers geschuldet, andererseits dem 23 Seiten starken Nachwort von Franz Dobler zu verdanken.

Mit der Zugabe dieser Ingredienzien wurde dieses kurzweilige Geschichtchen auf Roman-Optik „aufgebläht“. Diesen Umstand verzeihe ich dem Verlag aber gerne: Auch diese Wieder-Veröffentlichung und Neu-Übersetzung gefällt im ansprechenden Leineneinband mit dem typischen „Nero Wolfe“-Retro Look. Das Nachwort in „24 Shots“ ist so wunderbar ironisch-humorvoll, trifft gekonnt den Ton der Geschichte und offenbart dem Leser so manche Anekdote aus dem Stoutschen Kosmos,…

…und Länge ist nicht alles: Manchmal ist weniger mehr!


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608964110

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Anton Čechov – Wintergeschichten

Anton Čechov, der große russische Dramatiker, der so bedeutende Bühnen-Werke wie „Die Möwe“, „Onkel Wanja“ und „Der Kirschgarten“ hervorgebracht hat, war auch als Schriftsteller und Novellist äußerst produktiv. Wer bisher mit der russischen Literatur – oder vielleicht auch im Besonderen mit Čechov – eine gewisse Schwere verband, darf nun aufatmen: Diese Anthologie mit Wintergeschichten offenbaren einen Autoren voller Witz und Ironie, mit Charme und Grazie und natürlich auch mit der gewissen Schwere.

Viele seiner Geschichten spielen in der Provinz, karikieren das Leben des Kleinbürgertums ebenso wie den schwindenden Einfluss des Adels und trafen dank des satirischen Grundtons mein Humorzentrum. Auf tragisch-komischer Weise wird die Monotonie des Lebens beschrieben, ohne eine gewisse Kritik an den damaligen Gesellschaftsnormen zu verheimlichen.

Bei anderen Geschichten meinte ich als Leser, die erdrückende Enge des gesellschaftlichen Korsetts förmlich zu spüren. Seine Protagonist*innen versuchen dieser Enge zu entfliehen – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Beinah psychologisch beschreibt er die Beziehungen der Menschen untereinander, innerhalb ihres Standes oder auch Standes übergreifend und lässt die Leserschaft an seinen desillusionierten Beobachtungen teilhaben. Bei der Lektüre dieser Geschichten musste ich zwangsläufig den einen oder anderen befreienden Seufzer ausstoßen.

Doch plötzlich erfreute er mich mit drolligen Erzählungen voller Situationskomik, in denen er die Banalitäten des Alltags persifliert. Scheinbar mit einem verschmitzten Augenzwinkern beschreibt er die kleinstädtische, provinzielle Idylle und gestattet uns so einen tiefen Blick in die russische Seele.

Dann offenbart er wieder anrührende Geschichten, die voller Reinheit und Anmut sind, beinah märchenhaft die Sehnsüchte der Menschen beschreiben und mit sanften Flügeln die Seele des Lesers streifen. Auch DAS ist Anton Čechov! Besonders diese Geschichten wärmten mein Herz und versetzten mich in eine zarte Stimmung sanfter Melancholie,…

…und auch hier habe ich geseufzt: voller Sehnen und wohliger Zustimmung!

Mit dieser Sammlung an Erzählungen schenkt der Diogenes Verlag uns eine funkelnde Auswahl aus Čechovs umfangreichem Œuvre und präsentiert ihn als einen äußerst vielseitigen wie vielschichtigen Romancier.


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257070767 / in der Übersetzung von Peter Urban

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #62: Wenn ihr euch eine Sprache aussuchen könntet, in der ihr gern flüssig lesen könntet, welche wäre das?

…die Frage ist ganz einfach zu beantworten: GAR KEINE!!!

Ich bin und bleibe ein Fremdsprachen-Legastheniker: Französisch hatte ich als Schulfach schnellstmöglich abgewählt, und als beste Note in Englisch konnte ich mit einer 4 „glänzen“. Dafür hat mein Mann ein Faible für Sprachen, war als Austauschschüler in Frankreich, frischt im Frühjahr im Rahmen eines Bildungsurlaubes sein „Französisch“ auf und hatte zum Zwecke der urlaubsbedingten Völker-Verständigung auch schon Dänisch und Schwedisch gelernt. So kommt es, dass ich ihn in fremd(sprachig)en Gefilden immer vorschicke, während in der Heimat immer ich voran stürme. Aber ich vermisse auch nichts: Meine Kernkompetenzen liegen definitiv auf anderen Gebieten.

Und obwohl ich so gar nicht sprachaffin bin, finde ich es ganz wunderbar, dass es so viele unterschiedliche Sprachen gibt. Zeugt dies doch von einer immensen kulturellen Vielfalt auf unserer großen, bunten Welt.

So ziehe ich meinen imaginären Hut vor all den talentierten Übersetzer*innen, denen ich es verdanke, auch als Fremdsprachen-Legastheniker an dieser kulturellen Vielfalt teilhaben zu dürfen. Die Arbeit der Übersetzer*innen darf nicht unterschätzt werden: Tragen sie doch eine große Verantwortung am Erfolg eines literarischen Werkes im jeweiligen Land.

Als ich die erste Übersetzung von Edgar Allan Poes Gedicht „Der Rabe“ las, war ich etwas enttäuscht und fragte mich, warum dies nun eines der bekanntesten und beliebtesten Werke von Poe sein sollte. Meine Recherche ergab, dass im Laufe der Jahrzehnte mindestens 10 unterschiedliche deutsche Übersetzungen entstanden sind. So begab ich mich weiter auf die Suche nach einer Fassung, die den von mir erhofften Rhythmus von Sprache und Reime wiedergab, und fand sie glücklicherweise in der Übersetzung von Carl Theodor Eben.

Gerade beschäftige ich mich mit der ganz wunderbaren Anthologie „Nichts als Weihnachten im Kopf“ aus dem Kampa Verlag (Rezension folgt!) in der auch eine meiner liebsten Weihnachtsgeschichten „Das Geschenk der Weisen“ von O. Henry zu finden ist. Schon nach wenigen Sätzen war mir klar, dass es sich hier um eine Neu-Übersetzung (von Regina Roßbach/ 2019) handeln musste. Dabei erscheinen die Veränderungen zur älteren Übersetzung von Theo Schumacher aus dem Jahre 1994 nur marginal. Aber gerade diese kleinen Feinheiten nehmen Einfluss auf den Tonfall der Geschichte, bringen diese sprachlich zum Funkeln und würden mich somit immer die ältere Übersetzung wählen lassen,…

…und so trägt die Qualität der Übersetzung eine nicht unerhebliche Rolle, ob ich besagte Geschichte für eine meiner Lesungen auswähle, und sie mich so zu einer „flüssigen“ (den Bogen zur heutigen Montagsfrage schlagend) Interpretation animiert. 😄

…und in welcher Sprache würdet Ihr gerne Eure Lektüre genießen?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Brian Flynn – Die Morde von Mapleton

Familie, Freund und Feind haben sich auf Einladung von Sir Eustace Vernon auf seinem Anwesend versammelt, um gemeinsam Heiligabend zu feiern. Während des Festdinners erhält er jedoch eine dubiose Nachricht, die ihm veranlasst, die Gesellschaft eilig zu verlassen. Einige Stunden später werden die Gäste durch einen Schrei aufgescheucht: ein Unbekannter ist in das Arbeitszimmer von Sir Eustace eingedrungen, und der Butler wird ermordet aufgefunden. Was niemand zu diesem Zeitpunkt ahnt ist, dass die Leiche von Sir Eustace einige Kilometer entfernt an einem Bahnübergang auf den Gleisen durch Zufall vom Polizeipräsidenten höchstpersönlich Sir Austin Kemble und dem äußerst talentierten Privatdetektiv Anthony Bathurst aufgefunden wurde. Zusammen mit Inspector Craig vom ortsansässigen Polizeirevier nehmen sie die Ermittlungen auf und stolpern über Ungereimtheiten, Widersprüche und Geheimnisse der Gäste, die sich wünschten, dass diese lieber im Dunklen verborgen blieben…!

Seit einiger Zeit gräbt der Dumont Verlag alte Schätze aus der goldenen Ära des britischen Krimis wieder aus und serviert sie in einer äußerst ansprechenden Optik den Krimi-Freunden. In diesem Fall handelt es sich um den im Jahre 1929 erschienenen ersten Roman um den gewieften Ermittler Anthony Brathurst.

Das Alter merkt der Leser diesem Krimi durchaus an: So ist der Roman ein Zeugnis seiner Zeit in Bezug auf die Geschlechterrollen, der Hierarchie innerhalb der Polizei und dem gesellschaftlichen Gefüge. Einige Dialoge muten aus heutiger Sicht etwas „geziert“ – wenn nicht sogar „spröde“ – an, versprühen fraglos ihren speziellen Charme und entlockten mir so manches Mal ein Schmunzeln.

Autor Brian Flynn hält sich nicht mit einer umfangreichen Personenbeschreibung auf, vielmehr überlässt er es der Phantasie des Lesers, aus den Dialogen und Reaktionen der Protagonisten ein Bild der jeweiligen Person vor dem inneren Auge zu kreieren. Leider entschlüpft ihm hin und wieder doch ein Detail: Hatte ich mir Anthony Brathurst schon als Mann in den besten Jahren und mit einer gewissen Reife vorgestellt, platzte diese Vorstellung wie eine Seifenblase, da der Autor nach ca. ¾ des Romans sich genötigt sah, auf dessen junges Alter (ohne eine genaue Anzahl an Jahren zu nennen) hinzuweisen. Ich weiß nicht wie es anderen Leser*innen geht: Aber je nachdem, wie ich die Rollen innerhalb eines Romans skizziere, erhalten die Personen vor meinem inneren Auge eine eigene Dynamik.

Dafür versteht es der Autor geschickt, falsche Fährten zu legen und den Leser mit allerlei Details zu verwirren.

„Die Morde von Mapelton“ ist nicht der große, brilliante Wurf, dafür eine nostalgische und durchaus kurzweilige Krimi-Unterhaltung für die Feiertage.


erschienen bei Dumont/ ISBN: 978-3832181062

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Die Bücher meines Lebens] Ein Nachwort…

Nun ist sie auch schon wieder vorbei – die Rückschau auf mein (Lese-)Leben anlässlich meines 50. Geburtstages. Ich hoffe, sie hat Euch gefallen!

Ich möchte mich von Herzen für Euer Feedback bedanken, das mich via Kommentar und Mail aber auch persönlich erreichte: Euer Interesse an mein (Lese-)Leben hat mich sehr gefreut! Neben all der Lobhudelei, die natürlich mein Herz entzückt, meine Seele berührt und mein Ego gestreichelt hat, fiel auch häufig der Satz „Das war aber sehr persönlich!“. Ja, ich stimme Euch zu: Es war sehr persönlich! Aber „anders“ hätte ich es für mich nicht realisieren können. Wie hätte ich sonst nachvollziehbar vermitteln können, warum ein literarisches Werk mein Leben bereichert hat, wenn ich die Umstände der entsprechenden Lebenssituation nicht beschreibe? Und trotzdem ich vieles an persönlichen Erinnerungen mit Euch geteilt habe, bleibt eine Vielzahl an Details zu diesen Erinnerungen weiterhin ganz bei mir…!

Diese Rückschau war auch nur möglich, da ich ohne Zorn zurückblicken konnte. Auch auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole, aber ich war nie jemand, der frühere Entscheidungen irgendwann bereut hat oder über erlittene Schicksalsschläge in Selbstmitleid verfallen wäre. Alles, was mir in meinem Leben bisher passierte, hat im Nachhinein einen Sinn ergeben,…

…und so halte ich es (insbesondere auch in schwierigen Zeiten) mit Elke Heidenreich alias Helma Krap aus „Raumpatrouille Orion – Rücksturz ins Kino!“:

„Alles wird galaktisch gut!“ 🙂

Frühestens in 10 Jahren – sofern es mich und meinen Buch-Blog da noch gibt – wird es eine Fortsetzung geben: Freut Euch nun schon auf…

[Die Bücher meines Lebens – Reloaded!]

Herzlichen Dank für Euer Interesse!

Liebe Grüße
Andreas


 

[Die Bücher meines Lebens] Anne Müller – SOMMER IN SUPER 8

– 2018 –


Eine scheinbar perfekte Kindheit in den 70er Jahren, festgehalten auf etlichen Super 8-Filmchen, in einer scheinbar perfekten Familie, in einer scheinbar perfekten Idylle. Aber schon ab dem ersten Kapitel durchzieht den Roman einen Hauch des Vergänglichen: Dieses filigrane, familiäre Konstrukt droht in jedem Moment in sich zusammen bzw. auseinander zu brechen, auch wenn angestrengt versucht wird, das Bild einer Vorzeige-Familie aufrechtzuerhalten. Bilder können täuschen…

Diese perfekte Idylle bekommt sehr schnell die ersten Risse: Das bemerkte ich an einem scheinbar belanglosen Nebensatz, an einer wie zufällig hingeworfenen Beschreibung – Anne Müller kreiert hierfür nicht die großen Szenen sondern lässt die Familientragödie in kleinen Augenblicken ablaufen, die zusammengenommen eine umso zerstörerischere Wucht entwickeln. Ganz langsam aber subversiv tropft das Leben mit seinem alltäglichen Wahnsinn in die Kindheit und raubt ihr die Unbeschwertheit.

Es vervollständigt das Bild keiner perfekten Familie aber doch einer sehr normalen Familie: Die Tragödien in der Kindheit hinterlassen in jungen Jahren immer den Eindruck, dass sie alleine nur die eigene Familie treffen. Mit der Zeit kommen wir zu der tröstlichen Erkenntnis, dass sich Tragödien hinter jeder Fassade abspielen. Doch mit der Erkenntnis schwindet die Kindheit.

Ich kenne dieses Gefühl, das Anne Müller in ihrem Erstlingsroman aufleben lässt, nur zu gut: Der Zauber der unbeschwerten Kindheit ist noch spürbar, zugleich nimmt man verunsichert die kommende Veränderung wahr und lauert ängstlich auf den Wendepunkt!

Als ich diesen Roman Ende August letzten Jahres zum ersten Mal las, traf er mich still, leise und überraschend heftig. Voller Erstaunen über meine Empfindungen las ich von dieser Kindheit, die so flüchtig wie der Sommer schien. Ich las so vieles von dem, was mir schmerzlich bekannt war, und spürte der Einsamkeit meiner eigenen Kindheit und Jugend nach. Die Wunden sind noch wahrnehmbar. Vielleicht werde ich sie mein Leben lang fühlen, aber mit Ablauf der Jahre sind sie nicht mehr so schmerzhaft. Doch jedes Jahr zum Spätsommer empfinde ich diese besondere Atmosphäre: Das Licht ist sanft. Die Luft ist mild. Der Sommer ist noch nicht gänzlich verflogen, doch sein Ende lässt sich schon erahnen…

…Vergänglichkeit! …Wehmut!

Bei einem Klassentreffen zeigte ein ehemaliger Mitschüler mir Fotos von unseren Klassenfahrten: Von den Fotos lachte mir ein scheinbar fröhliches Kind entgegen. Wenn ich den Fotos Glauben schenke, dann bin ich glücklich gewesen! Ich weiß es besser…

…und bin voller Dankbarkeit für mein jetziges Leben!


erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328600152

[Rezension] Dezember – Gedichte/ herausgeben von Evelyne Polt-Heinzl & Christine Schmidjell

Von dieser kleinen, feinen Reihe mit Gedichten zu jedem Monat hatte ich Euch ja schon im Februar dieses Jahres berichtet. Nun möchte ich die Gelegenheit nutzen, um Euch einerseits an diese Reihe zu erinnern, andererseits ist Weihnachtszeit auch Gedichte-Zeit: Wer punktet bei der betrieblichen Weihnachtsfeier oder an Heiligabend vor der Verwandtschaft nicht gerne mit dem einen oder anderen auswendig vorgetragenen Vers.

Diesmal haben die Herausgeberinnen ihre bunte Schar von Poet*innen unter den Überschriften Erwartungsvoller Auftakt samt Nikolaus, Schneefall im Advent, Traurig-schöne Dezembertage, Christnacht – damals und heute, Weihnachtsfeiern vielerorts und Das Jahr klingt aus versammelt. Natürlich verwundert es nicht, dass die namhaften Vertreter*innen der schreibenden Zunft besonders über diesen Monat ihr Füllhorn an lyrischen Ergüssen ausschütteln und ihre Leserschaft mit bekannten und weniger bekannten Werken erfreuen. Da treffen die zarten Verse einer Mascha Kaléko ebenso auf die geschüttelten (nicht gerührten) Reime von Joachim Ringelnatz, wie Alfred Andersch sich mit Robert Walser vergnügt, während Else Lasker-Schüler und Annette von Droste-Hülshoff gemeinsam das Jahr ausklingen lassen.

Wie bei jedem Monat der Reihe ist auch der Dezember in der Reclam-typischen Größe erhältlich, passt in Hose- oder Handtasche und ist somit schnell zur Hand, um Langeweile im Keim zu ersticken.

Auf der Verlagsseite des Reclam-Verlages findet Ihr die komplette Reihe. Übrigens: Die Gedicht-Heftchen mit ihrer wunderbaren Gestaltung der Umschläge eignen sich auch hervorragend als Mitbringsel für Geburtstagskinder…

…oder zum Selberschenken: Ich habe mir vorgenommen, so peu à peu das Jahr „vollzumachen“! Macht doch mit!


erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150191224

[Die Bücher meines Lebens] Agatha Christie – UND DANN GAB’S KEINES MEHR

– 2011 –


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Osterholz-Scharmbeck, im Jahre 2019

Sehr geehrte gnädige Frau!

Leider habe ich es bisher versäumt ihnen mitzuteilen, wie sehr ich sie und ihre Kunst verehre: Seit Jahren – Ach, was sage ich! – seit Jahrzehnten lese ich mit zunehmender Begeisterung Ihre Romane und Geschichten. Zuerst nur sehr vereinzelt, mal hier einen Roman, mal da ein Geschichtchen, bis ich im Jahre 2011 in Gänze zu Ihnen fand und sowohl hoffnungs- als auch hemmungslos ihrem Talent verfiel.

Aber auch auf der Kino-Leinwand, dem Fernseh-Bildschirm oder der Theater-Bühne verzück(t)en Ihre Werke mich und sorg(t)en für eine spannende Unterhaltung. Sei es mit den wunderbar-kurzweiligen vier Miss Marple-Filmen aus den 60er Jahren, mit der exzellenten TV-Serie „Poirot“ oder der Bühnenadaptionen zu „Tod auf dem Nil“. Mir ist durchaus bekannt, dass ihnen die Darstellung der Miss Marple durch Dame Margaret Rutherford so ganz und gar nicht zugesagt hat, da sie ihrer Original-Typisierung des Charakters so gänzlich widersprach. Aber vielleicht tröstet sie das Wissen, dass diese Filme sich einer ungebrochen großen Beliebtheit beim Publikum erfreuen. Bei David Suchet als Hercule Poirot bin ich mir sehr sicher, dass er vor ihrem strengen Auge Gnade gefunden hätte: Dieser großartige Schauspieler hat die Rolle des belgischen Privatdetektivs mit einer solchen Brillanz verkörpert und damit andere Interpretationen ins Abseits gedrängt.

Aber was ist es, das ihren Ruhm – allen Ostfriesenkrimis und skandinavischen Meuchelmördern zum Trotz – bis heute nicht verblassen lässt und für eine über Jahre andauernde Begeisterung bei Ihren Leserinnen und Lesern sorgt? Vielleicht darf ich es Ihnen anhand Ihres Romans „Und dann gab’s keines mehr“ erläutern?

Wirft man einen Blick auf Ihre Rezeptur, erscheint es ganz leicht:

  • Zutatenliste: eine einsame Insel als Ort der Handlung, ein geheimnisvoller Gastgeber, eine überschaubare Anzahl an Protagonisten, skandalöse Vorwürfe als Begründung für die Tat(en)…
  • Zubereitung: Nacht für Nacht bzw. Tag für Tag stirbt auf mysteriöse Art und Weise ein Protagonist nach dem Vorbild einer Strophe aus einem Kinderreim, jede(r) verdächtigt jede(n), Verwirrungen über Verwirrungen…
  • Beilagen: packende Charaktere, flüssige Dialoge, schlüssiger Handlungsaufbau, Spannung bis zum Schluss mit dem gewissen „Aha-Effekt“…

…und immer die über allem schwebende Frage „Whodunit?“

Doch so manche Nachahmer, die Ihrer Rezeptur folgten, scheiterten kläglich, da das Handwerk nicht beherrscht wurde. Bei Ihnen, gnädige Frau, haben wir es mit einer Autorin zutun, die ihr Handwerk von der Pieke auf gelernt hat und die Leserschaft mit ihrer langjährigen Erfahrung im Aufbau des Spannungsbogens und mit raffinierten Stimmungswechseln begeistert, ohne dass sie – trotz der vielen Erfahrung – in eine routinierte Monotonie verfällt. Werke von Ihnen, Mrs. Christie, verlocken geradezu, vorgetragen zu werden.

Doch es sollten noch einige Jährchen ins Land ziehen, bevor ich die Traute hatte, mit meiner Verehrung an die Öffentlichkeit zu treten: So habe ich mir erlaubt im Rahmen einiger Lesungen, die eine und andere Geschichte aus ihrer Feder einem fraglos wohlwollenden Publikum vorzutragen. Und ich darf ihnen ohne Übertreibung aber durchaus mit einem Hauch Stolz versichern: Ihre Schöpfung und meine Interpretation bildeten eine kongeniale Einheit…!

…und so danke ich Ihnen, liebe gnädige Frau, aus voller Überzeugung und übervollem Herzen für die vielen Stunden an Zerstreuung und Inspiration, an Spannung und Humor, die sie mir mit Ihren Werken geschenkt haben.

Ich verbleibe mit hochachtungsvollem Gruß
Ihr sehr ergebener
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erschienen bei Fischer/ ISBN: 978-3596511143 / Neu-Auflage erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455650716