[Rezension] Danièle Linhart – BURNOUT. Arbeiten, bis man den Verstand verliert/ mit Illustrationen von Zoé Thouron

Vor 12 Jahren traf es auch mich: Nicht aus heiterem Himmel, nicht unvorbereitet, nicht ohne Vorwarnung, denn die Anzeichen waren schon Wochen, sogar Monate vorher für jede*n in meinem näheren Umfeld wahrnehmbar. Nur nicht für mich, bzw. ich wollte sie nicht sehen! Dabei waren die Zeichen mehr als eindeutig: Ich fühlte mich ständig müde und antriebsarm. Freude verspürte ich nur noch sehr selten. Dafür nisteten sich Knochen- und Gliederschmerzen bei mir ein und teilten sich meinen Körper mit unspezifischen Grippe-Symptomen. Schlafstörungen gepaart mit Rücken- und Nacken-Verspannungen sorgten dafür, dass die Migräne häufig bei mir zu Gast war. Die Signale, dass mit mir und meinem Leben etwas nicht stimmte, hätten nicht deutlicher ausfallen können. Doch ich funktionierte!

Ich war erst bereit, eine Entscheidung zu treffen, als mein Körper und meine Seele drohten, gänzlich zu streiken. Es war an einem Wochenende im März: Wie ein weidwundes Tier streifte ich unruhig durch die Wohnung, weinend und wimmernd, bis die Entscheidung feststand „Du brauchst Ruhe – sofort und reichlich!“. Trotzdem schleppte ich mich die nächsten beiden Tage zu meinem Arbeitsplatz. Einerseits gab es an beiden Tagen noch Termine, die wichtig für die mir anvertrauten Menschen waren. Andererseits wollte ich nochmals in mich hineinspüren, ob mein Gefühl mich nicht trüge. Meine Selbstwahrnehmung war so sehr durcheinander geraten, dass ich mir und meinen Empfindungen nicht mehr traute. Am Dienstagabend saß ich im Sprechzimmer meines damaligen Hausarztes, brach zusammen und bat inständig um eine AU. Am Mittwochmorgen war ich außerstande, das Bett zu verlassen. Doch der Heilungsprozess konnte nun endlich beginnen…!

Warum haben sich Burnout, Depressionen und sogar Selbstmorde am Arbeitsplatz in allen westlichen Gesellschaften so ausgebreitet, obwohl es heißt, dass die Arbeit in den letzten Jahrhunderten so viel weniger anstrengend geworden ist? Danièle Linhart beschreibt, auch auf humorvolle Art und Weise, was die perversen Auswirkungen der heutigen Managementmethoden sind, die die Arbeitnehmer*innen zunehmend prekarisieren und sie manchmal sogar an ihrem eigenen Wert und ihren Rechten zweifeln lassen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich glaube, selten klaffte bei mir die Schere aus Erwartung und Realität so weit auseinander, wie bei diesem Werk aus der Comic-Bibliothek des Wissens des Verlagshauses Jacoby & Stuart. Die Comic-Bibliothek des Wissens beschäftigt sich mit zeittypische Themen, die in dieser modernen Form der Wissensvermittlung dem nach Aufklärung Suchenden näher gebracht werden – eine großartige Idee, um auch sperrige Themen ansprechend und überschaubar zu präsentieren.

Doch warum wurde meine Erwartung enttäuscht, schließlich wurde mir genau das geboten, was der Werbetext versprach? Im Grunde belausche ich als Leser eine Unterhaltung zwischen Großvater und Tochter, die sich über die Arbeitsbedingungen der Vergangenheit im Vergleich zur Gegenwart (und der daraus resultierenden Belastungen) austauschen. In diese Unterhaltung schaltet sich der erwachsene Sohn der Tochter per Telefon ein, und später taucht eine Freundin des Großvaters auf. Beide – Sohn wie Freundin – zeigen deutliche Anzeichen eines Burnouts. Das war’s! Mehr passiert nicht!

Die Fakten bringt die Autorin auf den Punkt und schafft es, ein komplexes Thema, komprimiert und somit verständlich darzustellen. Doch mir fehlte die Leichtigkeit in der Umsetzung: Hätte ich damals während des Burnouts dieses Buch in die Hand bekommen, es hätte mich womöglich noch zusätzlich deprimiert. Der im besagten Werbetext versprochene Humor war leider für mich nicht wahrnehmbar. Vielmehr registrierte ich eher einen pessimistischen Grundton, der einem vom Burnout Betroffenen zusätzlich depressiv verstimmen könnte. Zudem gefiel mir die plakative Schwarz-Weiß-Einteilung nicht, in der der Arbeitgeber der Feind und der Arbeitnehmer das Opfer darstellt. Das Zustandekommen von Burnout lässt sich leider nicht damit begründen, dass nur ein Partner der Schuldige ist. Dazwischen gibt es eine Vielzahl an Grau-Abstufungen, und – Ja! – manchmal schimmert es trotz allem auch ein wenig bunt durch die angekratzte Oberfläche der geschundenen Seele.

Apropos bunt: Die Illustrationen sind zwar durchaus gefällig und zeigen eine eigenständige Handschrift bei den Charakteren. Doch hätte ich mir mehr Kreativität gewünscht, die das manchmal sehr starr wirkende Korsett eines Gesprächs aufbricht.

Wer sich für die arbeitsgeschichtlichen Hintergründe zu Burnout interessiert, ist mit dieser Ausgabe aus der Comic-Bibliothek des Wissens bestens beraten. Doch ich stellte mir die Frage „Ist es wirklich das, was ich über Burnout wissen möchte?“. Als betroffener Mensch wäre es mir egal, zu wissen, woher Burnout kommt. Ich möchte nur, dass es wieder geht!


erschienen bei Jacoby & Stuart / ISBN: 978-3964282217 / in der Übersetzung von Edmund Jacoby
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Nicholas Blake – MORD AUF DER KREUZFAHRT

Wie schon bei DAS GEHEIMNIS DER SILVESTERNACHT angekündigt, geht das Roulett bzgl. der Chronologie der Nigel Strangeways-Krimis fröhlich weiter. Waren wir beim eben erwähnten Krimi schon im Jahr 1964 angekommen, hüpfen wir mit der aktuellen Wiederveröffentlichung aus dem Klett-Cotta Verlag wieder um einige Jahre zurück. Sollte/könnte/müsste ich mich über diese nicht nachvollziehbare Veröffentlichungspraxis des Verlages aufregen? Ach, nö!

Vielmehr freue ich mich über jeden klassischen Kriminalroman, der mit einer Wiederveröffentlichung die Chance erhält, eine neue Generation von Leser*innen zu begeistern. Zumal es mir bisher immer Vergnügen bereitete, Nigel Strangeways auf seinen Missionen zu begleiten.

„Haben Sie jemals versucht, eine erwachsene Frau über die Reling eines Schiffes zu werfen?“ Die renommierte Bildhauerin Clare Massinger hat eine kreative Flaute. Um sie zu inspirieren, bucht ihr Partner, der Meisterdetektiv Nigel Strangeways, eine Kreuzfahrt in der Ägäis. Mit seinen griechischen Tempeln und Sandstränden soll dieser malerische Trip der perfekte Kurzurlaub werden. Doch schon, als sie auf die anderen Passagiere treffen, ahnen Nigel und Clare, dass diese Kreuzfahrt böse Überraschungen bereithalten wird. An Bord der Menelaos, einem Kreuzfahrtschiff in der Ägäis, scheint es, als wüsste jeder über die Angelegenheiten der anderen Bescheid: Eine Lehrerin, die sich von einem Nervenzusammenbruch erholt, wird von einer ehemaligen Schülerin zur Rede gestellt. Ein Intellektueller wird von eben dieser Lehrerin in Verlegenheit gebracht. Eine Verführerin bringt die männlichen Gäste ein ums andere Mal in Verlegenheit. Und zu allem Überfluss überwachen zwei Wichtigtuer jeden Passagier des Schiffes auf Schritt und Tritt. Als sich die Leben der Urlauber immer mehr verflechten, scheint Gefahr in der Luft zu liegen. Und dann geschieht tatsächlich ein Mord – und dann noch einer. Plötzlich ist jeder verdächtig. Nigels Urlaub währt also nicht allzu lange, und er muss die Wahrheit aufdecken, bevor ein weiterer Passagier aus dem Leben gerissen wird.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Auch diesmal kredenzte uns Nicholas Blake einen flotten, flüssig zu lesenden Kriminalroman, der in bester „Whodunit“-Manier eine üppige Zahl an Verdächtigen innerhalb einer wendungsvollen Handlung präsentierte. Er griff dabei zu einem oft erprobten und allzeit beliebten Kniff seiner Zunft und ließ sein Handlungspersonal innerhalb eines in sich abgeschlossenen Schauplatzes (Schiff bzw. Insel) agieren. Wobei Blake eine stimmungsvolle wie ansprechende Atmosphäre kreierte, die wie eine Symbiose aus „Das Traumschiff“ und „Tod auf dem Nil“ wirkte: Unterhaltung gepaart mit Spannung.

Am Ende überrumpelte er mich doch tatsächlich mit einer Wendung, die ich durchaus hätte erahnen können, die mich allerdings so unvorbereitet dann doch überraschte.

Doch bis das verdiente Happy End eingeläutet werden konnte, hatte unser Held eine äußerst harte Nuss zu knacken: So musste er diesmal gleich zwei Morde aufklären. Oder waren es vielleicht doch nur ein Mord und ein Selbstmord, ein Unfall und ein Selbstmord oder doch ein Mord und ein Unfall…? Ja, da rauchte unserem Meisterdetektiv so manches Mal der Schädel. Zumal die Aussagen der Zeug*innen nicht immer glaubhaft, und die verdächtigen Personen nur allzu sehr darauf bedacht waren, ihre schmutzigen Geheimnisse für sich zu behalten. Doch auch mir rauchte der Kopf beim Mit-Rätseln. So flog ich nur so über die Seiten, begierig zu erfahren, wer der/die Täter*in ist, und wie er/sie „es“ gemacht hat.

Warum der Autor trotzdem der Meinung war, er müsste die Aufmerksamkeit der Leserschaft mit unheilschwangeren Vorahnungen wie „Hätte er da schon gewusst, dass…!“ oder „Sie konnte ja nicht absehen, was später…!“ ködern, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Zumal dieser fragliche „Kunstgriff“ mir absolut überflüssig und somit entbehrlich erschien. Doch dies ist in der Gesamtheit des positiven Eindrucks nur eine Kleinigkeit und somit eher zu vernachlässigen.

So hoffe ich sehr auf weitere Krimi-Wiederentdeckungen aus dem Klett-Cotta Verlag: Zumal unser gewitzter Privatdetektiv Nigel Strangeways noch von zwölf weiteren spannenden Kriminalfällen berichten könnte…!


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608986969 / in der Übersetzung von Michael von Killisch-Horn
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Musical] Jerry Bock – THE APPLE TREE (DSE) / Stadttheater Bremerhaven

Musik von Jerry Bock / Liedtexte von Sheldon Harnick / Buch von Jerry Bock, Sheldon Harnick und Jerome Coopersmith / Nach Geschichten von Mark Twain, Frank R. Stockton und Jules Feiffer / deutsche Textfassung von Hartmut H. Forche / Deutschsprachige Erstaufführung

Premiere: 16. März 2024 / besuchte Vorstellung: 28. März & 9. Mai 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni / Tonio Shiga (28.03.)
INSZENIERUNG Rennik-Jan Neggers
BÜHNE & KOSTÜME Alexander McCargar
CHOREOGRAFIE Nele Neugebauer
DRAMATURGIE Torben Selk
CHÖRE Mario El Fakih Hernández
LICHT Thomas Güldenberg

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
THEATERPÄDAGOGIK Katharina Dürr


Wenn es etwas gibt, was ich an „meinem“ Stadttheater Bremerhaven sehr schätze (neben vielen anderen Dingen), dann ist es der Umstand, dass das dortige Team immer wieder sehr rührig ist, um wenig gespielte Stücke von Autor*innen oder Werke von kaum beachteten Komponist*innen wieder für das Publikum ins Rampenlicht zu rücken. So hat das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann zwei wundervolle Symphonien der „vergessenen“ Komponistin Emilie Mayer auf CD eingespielt, die sogar für die renommierten Musikpreise INTERNATIONAL CLASSICAL MUSIC AWARD und OPUS KLASSIK nominiert war. Ebenso stand im vergangenen Jahr mit der Oper BREAKING THE WAVES eine deutsche Erstaufführung auf dem Spielplan, mit der mir ein absolut aufregender und zutiefst bewegender Opern-Momente geschenkt wurde.

Auch in diesem Jahr gibt es auf dem Spielplan eine von diesen in Vergessenheit geratenen Werken zu entdecken: Mit dem Musical THE APPLE TREE präsentiert das Stadttheater sogar eine deutschsprachige Erstaufführung. Die Namen des Komponisten-Texter-Duos ließen mich aufhorchen: Jerry Bock und Sheldon Harnick schufen zwei Jahre vor der Premiere von THE APPLE TREE mit dem warmherzigen FIDDLER ON THE ROOF (bei uns besser bekannt als: ANATEVKA) eines der populärsten und meistgespielten Musicals auf deutschen Bühnen. Eingedeckt mit diesem Hintergrundwissen machte ich mich voller Neugierde und mit hohen Erwartungen auf den Weg Richtung Bremerhaven.

THE APPLE TREE setzt sich aus drei Teilen zusammen: „Das Tagebuch von Adam und Eva“ ist eine ungewöhnliche Variante der Geschichte vom ersten Menschenpaar, basierend auf dem gleichnamigen Buch von Mark Twain. „Die Lady oder der Tiger?“ ist eine Rock-n-Roll-Geschichte über die Unbeständigkeit der Liebe, angesiedelt in einem mythischen, barbarischen Königreich. „Passionella“ geht auf die Aschenputtel-Variation von Jules Feiffer zurück und handelt von einer Schornsteinfegerin, deren Träume vom Ruhm als Filmstar beinahe ihre Chance auf die wahre Liebe vereiteln.

(Inhaltsangabe der Homepage des Theaterverlages entnommen.)

Leider wirkte das Stück – wahrscheinlich aufgrund dieser Drei-Teilung – sehr wenig homogen auf mich, zumal der Komponist zu den „Variationen über die Versuchung“ (so der Untertitel des Musicals) ebenfalls Variationen im Musik-Stil schuf, die ein verbindendes Leitmotiv vermissen ließen. Da genügte es mir nicht, dass im zweiten wie auch im dritten Teil die Melodie „The Apple Tree (Forbidden Fruit) / Verbot’ne Frucht“, die die Schlange beim Sündenfall im ersten Teil zum Besten gibt, abermals erklang. Auch zeigte das Stück sowohl im dritten aber vor allem im ersten Teil deutliche Längen, die die Konzentration des Publikums durchaus herausfordern könnte. Leider wurden diese Längen vom Bremerhavener Produktions-Team nicht ausgemerzt, bzw. wahrscheinlich durfte das Team sie nicht ausmerzen, da es Vorgaben vom Verlag gab, die eingehalten werden mussten. Dabei hätten sensible Kürzungen dem Fluss der jeweiligen Geschichte sicherlich äußerst gutgetan.

Ist THE APPLE TREE ein Werk, das im Musical-Kanon eine große Rolle spielt und man somit unbedingt kennen sollte? Nein! Ich wage sogar die dreiste Vermutung zu äußern, dass, würde es nicht vom Glanz ANTAVEKAs profitierten, es schon längst in der Versenkung verschwunden wäre.

Sollte man allerdings die Inszenierung in Bremerhaven gesehen haben? Ja! Was auf dem ersten Blick wie ein Widerspruch anmutet, ist allein einer differenzierten Sichtweise geschuldet. Auch wenn mir einige Aspekte an einem Theaterbesuch weniger zusagen, kann ich doch trotzdem die guten Anteile würdigen, oder?

Regisseur Rennik-Jan Neggers setzt auf nuancierte Rollenporträts, wagt sich auch an die stillen Momente, amüsiert mit kleinen Details „am Rande“ und poliert an der Oberfläche der Dialoge, bis eine feine Ironie zum Vorschein kommt. Zum Glück steht ihm im Stadttheater Bremerhaven eine talentierte Solistenriege wie ein variabler Opernchor zur Verfügung, die alle schon in so manchen Produktionen ihre Vielseitigkeit gezeigt haben. Zumal dieses Musical den Gesangssolisten reichlich Möglichkeiten bietet, sich in den Solos und Duetten von ihrer besten Seite zu zeigen.


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Schon beim ersten Zusammentreffen des pragmatischen Adams von Andrew Irwin mit der quirligen Eva von Victoria Kunze ahnt das Publikum, dass hier viel Potential für sowohl witzige wie auch rührende „Szenen einer Ehe“ zu finden ist. So wird amüsant unterstellen, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau schon in der Schöpfungsgeschichte begründet liegen. Männer und Frauen passen eben nicht zusammen (Eine Tatsache, die mir als schwuler Mann schon seit langem bewusst war!). Und so zeigen Kunze und Irwin eine Vielzahl an Facetten einer zwar durch göttliche Fügung entstandenen aber ansonsten sehr weltlichen Beziehung. Dabei präsentieren sich bei den Songs so manche kleine Perlen, die durch die Interpretation der Künstler*innen einen zarten Lüster erhalten: So entzückte zum Beispiel Victoria Kunze bei „Here in Eden / Hier in Eden“ in ihrem Erstaunen über den ersten Tag auf Erden. Adams Klagelied über „Eve / Eva“ wurde von Andrew Irving so fein akzentuiert gestaltet, dass es die reine Freude war, ihm zu lauschen. Als verführende wie verführerische Schlange trat Marcin Hutek in Erscheinung, um „The Apple Tree (Forbidden Fruit) / Verbot’ne Frucht“ erfolgreich an die Frau zu bringen. Besonders dem intensiven Zusammenspiel von Kunze und Irwin ist es zu verdanken, dass die Längen beim Einakter Das Tagebuch von Adam und Eva keinen Einfluss auf die Konzentration des Publikums nahmen.

Mit Die Dame oder der Tiger? präsentiert sich der kürzeste Part dieser Trilogie. Diese Kürze scheint der Geschichte durchaus gut zu bekommen, da alles viel komprimierter, viel kompakter wirkt. Die Handlung kommt schneller auf den Punkt und ermöglicht so den Solisten, genüsslich voller Witz und Ironie zu agieren. Hatte ich bei HÄNSEL UND GRETEL noch die mangelnde Textverständlichkeit bei Marcin Huteks Vortrag bedauert, muss er seitdem fleißig an seiner Diktion gearbeitet haben. Brilliert er doch nun gut verständlich als kerniger Hauptmann Sanjar und liefert gemeinsam mit Boshana Milkow als Prinzessin Barbra bei „Forbidden Love / Wenn man verboten liebt“ ein humoristisches Kabinettstückchen ab. Milkow lässt zudem mit lüstern vibrierenden Mezzo beim Song „I’ve Got What You Want / Ich hab’, was du willst“ keinen Zweifel aufkommen, dass es nur eine Frau gibt, die die Krallen ins männliche Objekt der allgemeinen weiblichen Begierde schlagen darf. Diesmal taucht die Schlange/die Verführung in Person des Balladensängers auf, den Patrick Ruyters mit hellem Bariton in „I’ll Tell You a Truth / Das Lied, das ich sing“ die Strippen ziehen lässt. War er beim ersten Teil „nur“ die Stimme Gottes, tänzelt Ulrich Burdack nun als Papa Schlumpf-Lookalike huldvoll winkend über die Bühne oder echauffiert sich entrüstet über die Amouren seiner Tochter Barbra.

Wesentlich mehr hat Burdack im dritten Part Passionella. Eine Romanze aus den Sechzigern zu tun. Es scheint keine Szene zu geben, in der er nicht präsent ist – entweder fungiert er als sympathischer Erzähler, oder er schlüpft pointiert in die diversen Rollen und zaubert dazu aus seiner schier unerschöpflichen magischen Tasche so manche Kostümteile und Requisiten hervor. Im Mittelpunkt der Handlung steht Victoria Kunze als Titelheldin Ella/Passionella, eine einfache Kaminkehrerin, die sich nichts sehnlicher wünscht, als ein großer Star zu sein. Hier erscheint die Schlange/die Verführung in Form der lieben guten Fee, die Katharina Diegritz scheinbar harmlos verkörpert, aber voller Niedertracht für Verwirrung im Leben von Ella sorgt. Kunze darf u.a. in „Gorgeous / Wahnsinn“ ihre Star-Qualitäten unter Beweis stellen. Ihr zur Seite überzeugt abermals Andrew Irwin, der mit lässigem Hüftschwung als smarter Rock ’n’ Roller Flipp gegenüber Passionella behauptet „You Are Not Real / Du bist nicht real“.

Ausstatter Alexander McCargar designte eine schräge Rampe, die dank einiger strategisch einsetzbarer Bühnenteile und prägnanter „Extras“ sich in die jeweiligen Handlungsorte verwandelte. Mit den Kostümen unterstreicht er den jeweiligen Charakter der Figur: Adam und Eva sind im schlichten Weiß gekleidet, wobei der Alterungsprozess durch graue Kleidungsstücke angedeutet wird. Die an Sandalen-Filme erinnernde Handlung des zweiten Teils wird mit der Farbwahl der Kostüme relativiert bzw. karikiert: Beim Anblick der blau-weißen Kostüme musste ich unwillkürlich an „Die Schlümpfe“ denken. Im dritten Teil trägt der Chor biedere Kleidung in allen Facetten von Beige, während Passionella und Flipp ausgefallene Roben tragen, die die Charaktere der Figuren eher ein wenig überhöhen.

Tonio Shiga und das Philharmonische Orchester Bremerhaven lassen die Melodien von Jerry Bock mit einem Gespür für feine Nuancen aus dem Graben erklingen und verleihen so den bereits erwähnten Song-Perlen einen zusätzlichen Glanz.


Nachtrag zum 9. Mai 2024: Da hatte ich nach meinem ersten Besuch des Musicals THE APPLE TREE, das das Stadttheater Bremerhaven als deutschsprachige Erstaufführung zeigte, doch tatsächlich ein wenig geunkt. So bemängelte ich u.a., dass mir bei der Musik ein verbindendes Leitmotiv fehlte. Zudem empfand ich die Lieder beim ersten Anhören als wenig eingängig. Doch nun saß ich heute in der Dernière und freute mich schon sehr auf einige Songs, die sich im Laufe der Zeit langsam aber stetig in mein Herz geschlichen hatten. Erst beim wiederholten Hören entblätterten sie wie eine Blüte ihre schlichte Schönheit. Daran waren natürlich die tollen Künstler*innen am Stadttheater Bremerhaven nicht ganz unschuldig.

Zumal ich beim THEATERSNACK ZUR MITTAGSZEIT am 3. April die wunderbare Gelegenheit hatte, mit Tenor Andrew Irwin, Kapellmeister Tonio Shiga, Dramaturg Torben Selk und dem Leiter des Musiktheaters Markus Tatzig ins Gespräch zu kommen. THEATERSNACK ZUR MITTAGSZEIT ist eine Kooperation des Stadttheaters mit der Stadtbibliothek Bremerhaven: An jedem ersten Mittwoch im Monat haben Interessierte die Gelegenheit, ihre Mittagspause in der Stadtbibliothek zu verbringen. Während herzhaft ins Pausenbrot gebissen wird, hört und sieht man auf der dortigen Standkorbbühne Ausschnitte aus dem aktuellen Programm und erhält nebenbei noch einige Hintergrundinformationen.

So bestens präpariert eröffneten sich mir bei meiner heutigen Stippvisite im „Garten Eden“ ganz neue Perspektiven. 🍎


Doch lassen wir bei #angeklopft Victoria Kunze und Andrew Irwin gerne selbst zu Wort kommen.


Ihr möchtet Euch auch der Versuchung hingebe? Dann müsst Ihr Euch beeilen: Es gibt leider nur noch wenige Termine für THE APPLE TREE am Stadttheater Bremerhaven.

[Rezension] Kathrin Aehnlich – DER KÖNIG VON LINDEWITZ

Mit ihrem Roman WIE FRAU KRAUSE DIE DDR ERFAND konnte Kathrin Aehnlich mich nicht nur überzeugen sondern auch begeistern. Schon in ihrem Erstlingswerk warf sie einen humor- wie liebevollen Blick auf die Menschen in den so genannten neuen Bundesländern. Dabei sind die „neuen“ Bundesländer nach 35 langen Jahren der Wiedervereinigung bei weiten nicht mehr neu. Sie sind gealtert. Auch die dort lebenden Menschen sind älter geworden. Ihr Leben hat sich durchaus verändert, aber trotz allem haben die gemeinsame Vergangenheit und die persönlichen Schicksale immer noch einen großen Einfluss auf ihr Denken und Handeln…

Bruno Henker weiß mehr als andere. Er kennt die Lebensläufe und Familiengeschichten, auch die Geheimnisse der Lindewitzer. Er weiß, warum der eine trinkt, wer wen verraten hat, wer Zugang zu den begehrten Westwaren hatte, und warum das herbeigesehnte neue leben viele nicht glücklicher macht. Warum Claudia, die sich nach der weiten Welt gesehnt hat, als Touristenführerin in Lindewitz hängen blieb. Warum sich im Leben der 1923 geborenen Zwillinge Anne und Marie die Geschichte des ganzen Jahrhunderts spiegelt. Warum Tante Mausi, die mit 93 Jahren in einem Pflegeheim lebt, sich von ihrem Großneffen täglich eine Flasche Rotwein bringen lässt. Warum Claudius immer noch mit seiner fast hundertjährigen Mutter zusammenwohnt. Warum Benedikt es zum Entsetzen der Familie vorzog, nach einem mit Bravour absolvierten Jurastudium einen Späti in Tante Huldas ehemaligem Gemischtwarenladen zu eröffnen. Bruno weiß auch, wie sich das Viertel durch die „Vorkommnisse“ vor einem Jahr verändert hat. Diesen Überfall der Rechten auf das Viertel, die Nacht, in der sie die Scheiben eingeschmissen und brennende Fackeln auf die Dächer geworfen haben. Und warum darüber geschwiegen wird. Aber hat Schweigen je geholfen?

(Inhaltsangabe dem Klappentext des Buches entnommen!)

Lindewitz steht stellvertretend für einen Stadtteil in irgendeiner größeren Stadt im Osten der Republik. Alles scheint hier seinen gewohnten Gang zu gehen: Die Bewohner*innen haben sich in ihrem Mikro-Kosmos eingerichtet. Man kennt sich, kennt auch die Geschichten der Familien und weiß, wer mit wem warum und wie… – Naja, geht ja niemanden etwas an. Ist ja schließlich so ’ne Familienangelegenheit,…

…und dann wird geschwiegen, geschwiegen und weggeschaut. Und plötzlich sind da Kräfte am Werk, die niemand haben wollte. Plötzlich tauchen Gestalten auf, die mit Ihrer Haltung und ihren Handlungen das gemütliche Leben in Lindewitz auf den Kopf stellen. Plötzlich? Nein, diese subversiven Elemente agieren schon viel, viel länger. Denn etwas nicht sehen (wollen), bedeutet nicht, dass es nicht da ist!

Kathrin Aehnlich siedelt ihre Geschichte im Osten unseres Landes an, um so vor dem Hintergrund der DDR-Vergangenheit eine plausible Begründung sowohl für das Handeln wie auch für das Ausharren der Menschen zu bieten. Ja, es sind eben „nur“ Menschen und keine Heiligen oder Helden. Es sind Menschen: fehlerhaft, unvollkommen und doch einzigartig. Schnörkellos erzählt die Autorin uns ihre Geschichten: Sie alle haben ihre ganz individuellen „Alt-Lasten“, mit denen sie versuchen umzugehen. Viele dieser „Alt-Lasten“ wurden tief in der Seele verscharrt, in der Hoffnung, dass sie nie wieder zutage treten mögen. Doch dann passiert etwas Unvorhergesehenes, etwas schier Unmögliches, und Wunden werden aufgerissen, die dann bluten und schmerzen.

Voller Wärme skizziert die Autorin ihre Charaktere und entblättert Seite für Seite die jeweiligen Schicksale – sowohl im hier und jetzt, wie auch in der Vergangenheit. Und je mehr ich von diesen Menschen und ihren Lebensläufen erfahre, umso mehr reift in mir folgende Erkenntnis: Nein, Heilige sind sie ganz bestimmt nicht. Aber Helden sind sie auf jedem Fall!

Kathrin Aenlichs Geschichte ist – trotz einem ernsten Grundton – absolut ermutigend und lebensbejahend, voller Humor und einer großen Portion Respekt für die einfachen Menschen.

Und: Ja, in diese Geschichte liegt Lindewitz im Osten. Aber gibt es ein Lindewitz nicht überall…?


erschienen bei Kunstmann / ISBN: 978-3956145834

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Benjamin Chaud – BÜHNE FREI FÜR PAPA BÄR!

🎭 Heute ist WELTTHEATERTAG! 🎭

Und anstatt – wie in den vergangenen Jahren – markige Zitate div. Theatergrößen zu bemühen, habe ich mich diesmal entschieden, euch stattdessen ein ganz und gar charmantes Bilderbuch zu präsentieren. Ich werde nie müde zu betonen, dass ich Bilderbücher, die den Kids das Theater und die Musik auf so wunderbarer Weise näher bringen, sehr liebe.

Und manchmal fällt mir so ein Kleinod völlig überraschend und somit unvorbereitet in die Hände. In diesem Fall wurde ich in einem öffentlichen Bücherschrank fündig. Ein Hoch auf diese Erfindung: Meine Freude war groß! Somit handelt es sich bei meinem Fund zwar nicht um eine Neu-Erscheinung, doch auch hier gilt der viel zitierte Spruch „Oldies but Goldies!“.

Der Herbst ist da, die Tage sind schon kühl. Es ist ruhig geworden in der Bärenhöhle im Wald. Papa Bär schnarcht bereits, da summt plötzlich eine verspätete Biene an der Höhle vorbei. Wo eine Biene ist, ist auch Honig! Das weiß der kleine Bär und rennt hinterher. Papa Bär wacht auf und macht sich sofort auf die Suche. Er schaut überall nach, aber im Wald ist der kleine Bär nirgends zu finden. Schließlich gelangt er an einen lauten und belebten Ort. Er sieht das Hinterteil des kleinen Bären gerade noch in einem prächtigen Bau verschwinden…

(Inhaltsangabe dem Klappentext dieses Buches entnommen!)


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Benjamin Chaud ist in diesem Fall Texter und Illustrator in Personalunion. Wobei den Texten eher eine erklärend-unterstützende Aufgabe zukommt. Hauptaugenmerk liegt auf den tollen Illustrationen, die eine Menge Dynamik ausstrahlen und mit vielen witzigen Details amüsieren. Dabei weisen sie eine wunderbare Ähnlichkeit mit den beliebten Wimmelbüchern auf: Beim Betrachten verlor ich mich in dem jeweiligen Bild und entdeckte selbst beim wiederholten Anschauen viele skurril-humorige Einzelheiten.

So folgte ich Papa Bär auf seiner Suche nach dem kleinen Bär durch Wald und Stadt, hinein ins Opernhaus und durch das Foyer hinter die Bühne. Plötzlich steht er selbst im Rampenlicht auf der Bühne, blinzelt erstaunt ins helle Licht der Scheinwerfer und versucht, den kleinen Bär im Publikum zu erkennen. Sein vorgetragenes Bären-Lied kommt beim Publikum allerdings nicht gut an und sorgt dort leider eher für Panik. Der einzige, der bei dieser Darbietung ruhig auf seinem Platz sitzen bleibt und Applaus spendet, ist natürlich der kleine Bär.

Auf dem Weg dorthin staunte ich über die Phantasie des Zeichners, die sich Bild für Bild offenbarte: Allein im Stadtbild wird hinter jedem Fenster eine eigene kleine Geschichte erzählt. Oder auch der Blick hinter die Bühne gibt einen wundervollen Einblick über die vielen Werkstätten und Abteilungen, die Anteil an einer Bühnenproduktion haben. Unvermittelt im Bild entdeckte Details lösten bei mir ein spontanes Lachen aus und steigerte meine Freude, dieses entzückende Bilderbuch entdeckt zu haben. Absolut bezaubernd…!

Übrigens: Die alles auslösende Biene finden unsere beiden pelzigen Freunde auf dem Dach des Opernhauses, das dort drei Bienenkörbe beheimatet.


erschienen bei Gerstenberg / ISBN: 978-3836954327 / in der Übersetzung von Anja Malich

[Noch ein Gedicht…] Frank Wedekind – SCHLUSS

Ich wußte ehmals nichts davon,
Bin unschuldsvoll gewesen,
Bis daß ich Wielands Oberon
Und Heines Gedichte gelesen. –

Die haben sodann im Lauf der Zeit
Mein bißchen Tugend bemeistert.
Ich träumte von himmlischer Seligkeit
Und ward zum Dichten begeistert.

Auch fand ich, das Dichten sei keine Kunst,
Man müßt‘ es nur einmal gewohnt sein. –
Ich sang von feuriger Liebesbrunst,
Von Rosenknospen und Mondschein;

Besang der Sonne strahlendes Licht.
Viel Schönes ist mir gelungen.
Jeweilen mit dem schönsten Gedicht
Hab‘ ich mich selber besungen.

Und folgte treu der gegebenen Spur
Auf meine Muster gestützet;
Schrieb viele Bogen Makulatur. –
Wer weiß, zu was sie noch nützet? –

Und wenn das Dichten so weitergeht,
So darf ich im Tode behaupten:
„Am Ende war ich doch ein Poet,
Obwohl es die wenigsten glaubten.“ –

Frank Wedekind


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