MONTAGSFRAGE #99: Wie nützlich findet ihr die Buchpreisbindung?

Für mich gilt das Buch als ein Kulturgut, und Kultur hat halt eben seinen Preis. Ich bin immer wieder erstaunt, welche Maßstäbe die Menschen ansetzen, um zu beurteilen, was ein Gut kosten darf. Ohne Aufzumucken kippt der Mensch das teuerste Motorenöl in „des Deutschen liebstes Kind“, aber das für einen Roman, an dem viele Menschen bis zu seinem Erscheinen über Jahre hart gearbeitet haben, 20 Euro verlangt wird, erhitzt die Gemüter und wird als „zu teuer“ tituliert.

Ich bin davon überzeugt, dass wir hier in Deutschland keine so bunte und vielfältige Landschaft an unabhängigen Buchhandlungen hätten, wenn es die Buchpreisbindung nicht gäbe. Gerade diese unabhängigen Buchhandlungen sichern uns Leserinnen und Lesern eine breite Palette an ganz unterschiedlichen Publikationen, bei denen neben großen Verlagen auch die kleinen Indie-Verlage ihre Nische finden, und Literatur abseits des Mainstreams mit Enthusiasmus gepflegt wird. Ohne Buchpreisbindung würden Buch-Ketten und große Online-Anbieter den Markt beherrschen, die Preis diktieren und vornehmlich die Bücher anbieten, die sich möglichst massenkompatibel verkaufen lassen.

Jetzt höre ich schon die Unken rufen „Ja, aber wenn es keine Preisbindung gäbe, dann könnten auch Geringverdiener ein Schnäppchen unter den Neuerscheinungen machen!“. Ja, könnten sie, aber tun sie’s denn auch?! Ich kann da durchaus aus eigener Erfahrung sprechen, da es auch bei mir Zeiten gab, in denen ich finanziell nicht so rosig aufgestellt war. Trotzdem hatte ich immer ausreichend Lesestoff bei mir zuhause – dank Büchereien und Bibliotheken, Bücherschränke und -flohmärkte sowie den Online-Antiquariaten. Es waren nicht immer die aktuellsten Werke (Das war mir auch gar nicht so wichtig!), aber es waren immer Werke, die meinen Interessen entsprachen. Und auch hier bei den gebrauchten Büchern gab es eine Vielfalt an Themen zu entdecken und so mancher kurioser Schatz wurde von mir wieder ans Tageslicht befördert. Wer lesen will, findet Mittel und Wege!

Ich befürchte, dass ohne die Buchpreisbindung die Diversität in der Literatur auf der Strecke bleibt.

…und wie lautet Eure Meinung? Buchpreisbindung: Ja! 🔲 Nein! 🔲 Vielleicht! 🔲 Bitte ankreuzen! 😄


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Alex Lépic – Lacroix und die stille Nacht von Montmartre

Schnee fällt auf Paris und verwandelt die Seine-Metropole in eine weiße Winter-Weihnachts-Landschaft. Lichter erleuchten stimmungsvoll den beliebten Place du Tertre. Doch Moment: Wo am Tag zuvor noch die üppigen Lichterketten für weihnachtliches Ambiente sorgten, fehlt nun von ihnen jegliche Spur. Als Commissaire Lacroix vom Kommissariat des fünften Arrondissements von diesem Vorfall aus der Zeitung erfährt, vermutet er dahinter nur einen Dumme-Jungen-Streich. Als tags darauf die riesige Tanne bei Sacré-Cœur gefällt am Boden liegt, ist sein Interesse geweckt, und er bietet seiner dortigen Kollegin Rose Violet seine Unterstützung an. Zeit könnte er genügend erübrigen, da sein eigenes Revier gerade von einer vor-weihnachtliche Trägheit beherrscht wird. Beide Ermittler tippen zuerst auf einen Weihnachtsgegner als Täter. Doch als am darauf folgenden Tag ein Anschlag auf einen Kutscher erfolgt und dessen Pferd abgestochen wird, bekommt dieser Fall eine gänzlich andere Dimension…!

Seit seinem ersten Fall „Lacroix und die Toten vom Pont Neuf“ entwickelt sich der Commissaire aus Paris langsam zu einer modernen Variante von Kommissar Maigret. Parallelen sind schnell gefunden: So zitiert Autor Alex Lépic respektvoll doch offensichtlich die berühmte Vorlage, staffiert seinen Commissaire Lacroix mit Hut und Pfeife aus, charakterisiert ihn als besonnenen, vorausschauenden Mann, der dem Genuss nicht abgeneigt ist, und lässt ihn in den Straßen und Gassen von Paris agieren. Dabei liefert der Autor seinen Leser*innen vieles von dem, was sie auch an den Simenon-Romanen lieben und schätzen, vermeidet aber tunlichst, dass seine Romane als bloßes Plagiat eines großen Vorbildes erscheinen.

Locker, leicht und unangestrengt fließt die Handlung über die Seiten und bietet immer wieder abwechslungseiche Entwicklungen ohne in Hektik zu verfallen. Auch die Personenzeichnung gefällt mit ihren kauzigen Typen, die eine enorme Bandbreite an Charakteren abdeckt. Zudem verströmt der vorliegende Roman viel Atmosphäre durch die Beschreibung vom winterlichen Paris mit seinen typischen Bistros und Cafés, den verschneiten Parks und der Bohème des Künstlerviertels  – wie wir es auch aus den Maigret-Romanen kennen.

Doch so wie die dort handelnden Personen Kinder ihrer Zeit sind, so ist auch das Handlungspersonal der Lacroix-Romane der heutigen Zeit verbunden. Während Frauen im Polizeidienst bei Simenon eher Randerscheinungen sind, treten sie hier gleichberechtigt auf. Während Madam Maigret vornehmlich Hausfrau war, ist Madam Lacroix beruflich als Bürgermeisterin des siebten Arrondissements tätig. Während die weitere familiäre Bande bei Maigret im Dunkeln schlummert, kann Lacroix einen Zwillingsbruder vorweisen, der Geistlicher in der Kirche Sainte-Clotilde ist. Diese Konstellation an Personen ermöglicht eigenständige Verwicklungen unabhängig vom literarischen Vorbild.

Trotz aller Modernität hat sich Lacroix einen Hauch traditioneller Schrulligkeit bewahrt und weigert sich z. Bsp. ein Handy zu nutzen – eine Eigenart, die ihn mir sehr sympathisch macht, da auch ich kein Handy besitze. Lacroix und ich, wir sind die besten Beweise dafür, dass ein Leben ohne Handy möglich ist!

All diejenigen, die nun versuchen sollten, mehr über den Autor in Erfahrung zu bringen, seien gesagt „Spart Euch die Mühe!“. Alex Lépic ist ein geschlossenes Pseudonym. Um die Person, die sich dahinter verbirgt, ranken sich beinah schon Mythen, und die Namen einiger namhafter Autoren sind in diesem Zusammenhang schon genannt worden. Da nützten auch nicht die „investigativen“ Frage, die BuchMarkt dem Verleger Daniel Kampa stellte: Er blieb und bleibt standhaft!

Doch wer sich auch immer hinter diesem Pseudonym verbirgt: Ihm ist ein für sich einnehmender Roman gelungen, der über eine gehörige Portion Pariser Charme verfügt und so beim Lesen viel Freude bereitet.

P.S.: Manchmal überschlagen sich die Ereignisse, und eben noch Aktuelles ist im nächsten Augenblick nur noch eine „olle Kamelle“. Hinter dem Pseudonym „Alex Lépic“ versteckte sich Journalist und Autor Alexander Oetker.


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311125174

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #98: Kann ein Autor auch ein guter Rezensent sein?

Meine spontane Antwort: Na klar! Warum denn nicht???

„Frage nochmals gründlich lesen und erst nach dem Denken schreiben!“

Meine weniger spontane Antwort: Ja, es wäre möglich!!!

Ein Koch kann doch auch über ein Mahl, das ein anderer Koch zubereitet hat, urteilen. Als Krankenpfleger kann ich doch auch einen Verband, den eine andere Pflegefachkraft bei einem Patienten angelegt hat, beurteilen. Ja, ich kann es machen. Doch ob ich darin auch gut bin, steht auf einem ganz anderen Blatt. Denn dieses kleine Adjektiv innerhalb der Frage setzt einen anderen Schwerpunkt und generiert eine gänzlich andere Antwort.

Nur weil ich selbst in dem zu beurteilenden Metier tätig bin, bedeutet es nicht, dass ich fähig bin, eine halbwegs objektive Beurteilung abzugeben. Im Gegenteil: Sollte dies nicht der Fall sein, dann wäre es besser, sich selbst zurück bzw. wenigstens die eigene Klappe zu halten. Somit ist die Qualität einer Rezension abhängig von der jeweiligen Persönlichkeit des Autors: Kann dieser Autor sein eigenes Ego und den Wünsch nach Aufmerksamkeit für sein persönliches Oeuvre zurückstellen und selbstlos die Bühne für das Werk eines Kollegen bereiten? Und ist er in der Lage bei diesem literarischen Werk des Kollegen, die Qualitäten wohlwollend anzuerkennen und Schwächen respektvoll zu benennen? Denn dies wären die Grundvoraussetzungen für eine objektive Beurteilung – sofern ein Mensch zur Objektivität fähig ist (siehe auch MONTAGSFRAGE #47). Wenn er sich dazu in der Lage fühlt, wäre die besagte Rezension ein konstruktives Feedback eines Kollegen, aus dem der Rezensierte frische Impulse für seine zukünftige Arbeit ziehen könnte.

„Merkt man meinen Worten eigentlich an, dass ich selbst ausgebildeter Praxisanleiter für meine Berufsgruppe bin? Ich habe sozusagen meinen „Meister“ gemacht, der mich zum Ausbilden befähigt!“

Gerne möchte ich in diesem Zusammenhang zwei Namen nennen: Elke Heidenreich und Roger Willemsen. Beide sind/ waren Könner*innen der schreibenden Zunft und haben es immer verstanden, sowohl eloquent als auch taktvoll ihre Kritik zu äußern. Denn nichts anderes ist eine Rezension: eine Kritik. Leider ist in unserer heutigen Gesellschaft der Begriff „Kritik“ eher negativ behaftet. Ich habe dies nie verstanden! Für mich war die geäußerte Kritik immer auch eine Möglichkeit, mein Handeln zu hinterfragen, neu zu überdenken und zu verbessern. Ich hatte aber auch das große Glück, sehr gute Vorgesetzte bzw. (um beim Begriff aus dem Handwerk zu bleiben) Meister an meiner Seite zu haben.

Mein Credo war es seit jeher, mich immer an positive Vorbilder zu orientieren: Der Lehrling lernt von seinem Meister! Und so hoffe ich, dass in mir als Meister immer auch ein wenig vom Lehrling erhalten bleibt!

…???


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[Noch ein Gedicht…] Fritz Eckenga – LIEBE LINDE

Ich ritzte manches Herz in deine Rinde,
so manchen Pfeil, so manches Initial.
Stand G für Guddi oder für Gerlinde?
Und wer war noch mal C? Etwa Chantal?

Egal – du hast die Schnitte still ertragen,
du knarztest allenfalls mit dem Geäst,
und wenn wir unter deiner Krone lagen,
hat dein Lindenpipi uns benässt.

Die Herzen wuchsen mit dir hoch ins Blaue,
die Namen sind vernarbt in deiner Haut,
verzogen sich schon bald ins Ungenaue,
und keinen davon trug die spätre Braut.

Du gossest all die Kerben früher Triebe
mit deinen honiggoldnen Tränen aus.
Dein Bernstein füllt mein Alphabet mit Liebe,
das Z steht für Zwischenfall mit Klaus.

Fritz Eckenga

[Rezension] Agatha Christie – Hercule Poirots Weihnachten

Mein lieber James,

Du bist immer einer meiner treuesten und wohl-
wollendsten Leser gewesen, weshalb ich ernstlich
verstört war, als ich ein kritisches Wort von Dir hörte.
Du hast Dich beschwert, meine Morde seien mittler-
weile zu raffiniert, regelrecht anämisch. Du würdest
Dich nach einem „guten brutalen Mord mit viel Blut“
sehnen. Einen Mord, bei dem kein Zweifel daran
besteht, dass es sich um einen Mord handelt!
Hier ist sie also, Deine Geschichte – extra für Dich
geschrieben. Ich hoffe, sie gefällt Dir.

Deine Dich liebende Schwägerin
Agatha

*

Weihnachten auf dem Landsitz Gorston Hall: Mit durchschnittener Kehle liegt der alte Simeon Lee tot in einer Lache aus Blut in seinem Arbeitszimmer. Im Zimmer herrscht ein heilloses Chaos als hätte ein erbitterter Kampf stattgefunden, und aus dem Tresor wurden wertvolle Roh-Diamanten entwendet. Die einzige Tür ist verschlossen, und der Schlüssel steckt von innen im Schloss. Eine Flucht des Täters durch eines der Fenster ist nicht möglich, da sich der Raum in einer der oberen Stockwerke befindet. So deutet alles darauf hin, dass einer von der Familie, den Gästen oder der Dienerschaft der Täter zu sein scheint. Und alle Anwesende hätten mehr als einen triftigen Grund, einen tiefen Groll gegenüber dem Opfer zu hegen. Superintendent Sugden von der örtlichen Polizei steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe und bittet den Chief Constable Colonel Johnson um Unterstützung. Dieser hat über die Feiertage niemand geringeren als Hercule Poirot zu Gast. Mit vereinten Kräften stürzt sich das ungleiche Trio in die Ermittlungen, wobei Poirot seine Mitstreiter immer wieder mit seinen unorthodoxen Ermittlungsmethoden irritiert und die Verdächtigen mit unberechenbaren Fragen aus der Fassung bringt. Poirots kleinen grauen Zellen arbeiten auch zu Weihnachten wie ein präzises Uhrwerk, und so verwundert es nicht, dass er – „et voilà“ – auch diesmal eine verblüffende Lösung des Falls bietet…!

Je mehr Romane ich von Agatha Christie lese, umso mehr muss ich den Hut vor dieser Lady ziehen, die völlig zu Recht als „Queen of Crime“ betitelt wird. Sie nimmt die Zutaten eines klassischen britischen Krimis, schüttelt und rüttelt sie durcheinander, um (Wen wundert’s!?) einen klassischen britischen Krimi mit dem gewissen Etwas ihrer Anhängerschaft zu präsentieren. Dabei sind ihre Dialoge wieder so brillant, dass diese durchaus eins-zu-eins zum Drehbuch umgewandelt werden könnten. Die Handlungspersonen werden sehr präzise beschrieben und prägnant charakterisiert.

Häppchenweise offenbart die Autorin ihren Leser*innen sowohl die Hinter- als auch Beweggründe der Verdächtigen. Dabei behält sie alle Fäden der Handlung in ihren versierten Händen, verknotet diese bei passender Gelegenheit, um uns zu verwirren und auf eine falsche Fährte zu locken. Am Ende sind jedoch alle Fäden entwirrt, alle Handlungsstränge finden logisch zueinander und keine Frage bleibt unbeantwortet. Christie war, ist und bleibt eine Klasse für sich!!!

Mein einziger (augenzwinkernder) Kritikpunkt an dieser Geschichte: Es geht so un-weihnachtlich zu. Im ganzen Roman taucht kein Mistelzweig, kein Weihnachtsbaum und nicht der klitzekleinste Plumpudding auf. Nur Mord & Totschlag…!

„Schwager James, ich hoffe, Du warst zufrieden!“

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Daniela Kaufmann-Strässle von „read eat live“.


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455600308

[Rezension] Nicholas Blake – Das Geheimnis von Dower House

Ferguson O’Brien bekommt seit einiger Zeit anonyme Morddrohungen, die das ehemalige Fliegerass nicht ganz ernst nimmt. Erst als der unbekannte Briefeschreiber ihm mitteilt, dass seine Ermordung für den 2. Weihnachtsfeiertag anberaumt wurde, schaltet O’Brien den gewitzten Privatdetektiv Nigel Strangeways ein. Er bittet ihn, sich unauffällig unter die Gäste zu mischen, die er zu Weihnachten eingeladen hat. Hierbei handelt es sich um eine äußerst vielfältige Gästeschar. Außer den genannten Personen befinden sich – neben den Hausangestellten bestehend aus dem Butler Arthur Bellamy und der Köchin Mrs Grant – über die Festtage folgende Personen in Dower House: Entdeckerin Georgia Cavendish mit ihrem Bruder Edward Cavendish, die umwerfend schöne Lucilla Thrale mit zweifelhaften Ruf, Nachtclub-Besitzer Mr Knott-Sloman mit noch zweifelhafteren Ruf sowie Literatur-Professor Philip Starling. Es scheint ein entspanntes Fest zu werden, bis der Gastgeber erschossen in einer Hütte in der Nähe des Hauses aufgefunden wird. Der erste Eindruck lässt auf Selbstmord schließen, doch einige Indizien lassen Nigel Strangeways zweifeln. Als dann ein schändlicher Mordversuch an Bellamy verübt wird, ist die Verwirrung perfekt. Zusammen mit der Polizei versucht Strangeways den Wirrwarr aus Lügen, Verdächtigungen und Verschleierungen zu entknoten und muss dafür einen Blick in die Vergangenheit aller Beteiligten incl. des Mordopfers werfen…!

Was tut ein angesehener Professor der Universität Oxford nicht alles aus Geldnot: Er legt sich einen Künstlernamen zu und schreibt unter diesem Pseudonym von 1935 bis 1966 einige äußerst erfolgreiche Kriminalromane. So oder ähnlich könnte es bei Cecil Day-Lewis (alias Nicholas Blake), der im Jahre 1968 von der Queen zum Hofdichter ernannt wurde, abgelaufen sein. Somit konnte er – von den hehren Sphären der Poesie bis zu den mörderischen Abgründen – eine erstaunliche literarische Bandbreite vorweisen, die auch diesem Krimi zugutekam.  

Nicholas Blake (Ich bleibe bei meiner weiteren Ausführung bei dem Namen, der auf dem Cover des Buches steht!) bietet mir als Leser in seinem erstmals 1936 erschienenen Roman alle gängigen Ingredienzien, die für eine klassische Kriminalgeschichte vonnöten sind. Einerseits erfüllt Blake die Erwartungen seiner Leserschaft, indem er bekannte (und beliebte) Klischees bedient und einen spannenden Plot mit falschen Fährten liefert. Andererseits überrascht er mit interessanten Charakterzeichnungen der handelnden Personen, die die Klischees wieder konterkarieren. So hegt der taffe Abenteurer Ferguson O’Brien eine stille Freude am weihnachtlichen Dekorieren seines Hauses. Sein Butler Bellamy lässt die noble Zurückhaltung seiner Zunft vermissen und gehört eher zur robusten, direkten Sorte. Der hochgebildete Literaturprofessor Philip Starling frönt dem Klatsch und Tratsch und erfreut mit bissig-ironischen Bemerkungen. Und selbst der taffe Ermittler Nigel Strangeways wirkt eher wie ein harmloser rot-blonder Durchschnitts-Engländer.

Mit pointierten Dialogen gelingt es dem Autor die Spannung aufzubauen. Leider weist die Handlung auch die eine oder andere Längen auf und hätte besonders gen Ende etwas knackiger ausfallen können. Primär die Verfolgungsjagd „zu Lande“ und „in der Luft“ (Warum nicht auch „zu Wasser“?), die sich Ermittler und Täter am Schluss liefern, empfand ich eher ermüdend und war für den Verlauf der Geschichte eher unerheblich.

Doch trotz dieser kleineren Schwächen bereitete mir dieses Werk aus der goldenen Zeit des Kriminalromans – in Kombination mit Wolldecke, Tee und Plätzchen – einige vergnügliche Stunden.


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608983463

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Hugh Nini & Neal Treadwell – LOVING: Männer, die sich lieben. Fotografien von 1850-1950

Am Blick zweier Menschen erkennt der aufmerksame Beobachter, ob diese Beiden sich lieben. Da können die Gesten noch so zurückhaltend und die Körperhaltung eher defensiv sein, der Blick verrät sie…! Wenden sich die Liebenden einander zu, vollführen ihre Körper eine Wandlung. Sie nehmen eine Position ein, die sich über Jahrzehnte (wenn nicht sogar Jahrhunderte) hinweg nicht verändert hat und unabhängig ist von Herkunft, sozialer Stellung, Ethnie, Alter, Geschlecht und sexueller Orientierung. Die Liebenden neigen vertraut die Köpfe zueinander: Es scheint beinah so, als wäre diese Position der gegenseitigen Zuneigung in der Genetik des Menschen verankert.

Hugh Nini und Neal Treadwell entdeckten vor über 20 Jahren ein altes Original-Foto, auf dem zwei junge Männer sich umarmen und verliebt in die Augen schauen. Anfangs dachte das Paar noch, das es sich hierbei eher um einen einmaligen Fund handelte. Bewusst machten sich die beiden auf die Suche nach weiteren Fotos einer Liebe zu einer Zeit, als diese Liebe „nicht sein durfte“, gesellschaftlich nicht anerkannt war und bei Entdeckung oftmals auch bedrohliche Konsequenzen nach sich ziehen konnte. Trotzdem wagten diese Männer es, ihre Liebe füreinander auf einem Foto zu konservieren.

Über die Jahre hinweg trugen Hugh Nini und Neal Treadwell über 2800 Fotografien aus aller Welt (USA, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Russland u.a.) zusammen und schufen so eine einzigartige Sammlung, die gleichzeitig eine Reise durch Länder und Epochen darstellte. Änderten sich auch Mode, Frisuren oder Bild-Hintergründe, die Haltung der porträtierten Männer zueinander zeigt eine erstaunliche Ähnlichkeit – unabhängig vom Entstehungsjahr oder dem Herkunftsland. Wir erfahren nur wenig von den Porträtierten. Oftmals sind es nur die wenigen Informationen, die das Foto selbst bzw. eine Notiz auf der Fotorückseite preisgeben. Und gerade diese raren handschriftlichen Notizen sind es, die das Verlangen dieser Männer nach Anerkennung und Normalität widerspiegeln: Die Zeile „Ich schicke dir ein Foto, das wohl den Vorhang von einem kleinen Teil meines Lebens lüftet.“ steht auf der Rückseite eines Fotos aus Bulgarien und offenbart mehr als sie verschweigt.

Alle diese Männer hätten sich sicherlich ein offenes Miteinander gewünscht. Doch sie waren gezwungen, sich und ihre Liebe zu verstecken, dem Wohlwollen des jeweiligen Fotografen ausgesetzt und mussten auf dessen Verschwiegenheit hoffen. Selbst die etwas kitschig anmutenden Selbstinszenierungen, sei es in einem Fotostudie auf einem „Honeymoon“ oder als nachgestelltes Hochzeitsfoto mit Brautstrauß und/oder Sonnenschirm, sollen schlicht und ergreifend nur das ausdrücken, was auf einem selbst gemalten Papp-Schild steht („not married but willing to be“), das zwei junge Herren in die Kamera halten, und signalisiert, dass sie zusammen gehören. Andere Paare bleiben lieber für sich und halten ihre Liebe via Foto-Automat fest und sichern so, dass weder Fotograf noch die Angestellten eines Entwicklungslabors sie denunzieren könnten. Auf wenigen Fotos sind neben den Paaren auch weitere Frauen, Männer bzw. (Kriegs-)Kameraden abgelichtet: Zu diesen Menschen muss ein enormes Vertrauen bestanden haben, ansonsten hätten die Liebenden es nicht gewagt, ihre Liebe so eindeutig vor ihnen zu zeigen.

Ich fühle mich diesen unbekannten Männern auf eine verwirrende Weise verbunden. Verwirrend vielleicht aufgrund der Erkenntnis, dass sich zwischen den 1950er und 80er Jahren wenig gesellschaftlich getan hatte: Selbst in den 80ern aufgewachsen war „schwul“ damals ein gängiges Schimpfwort, und AIDS galt als „Schwulenseuche“. Nie hätte ich es in dieser Zeit gewagt, mich zu outen. Zu groß war meine Angst vor Repressalien. Da versteckte ich mich doch lieber weiter hinter einer Fassade aus Konventionen. Erst als ich den Mut fand, dieses Bollwerk niederzureißen, begann mein wahres Leben. Ich konnte atmen und war frei für eine Partnerschaft.

Rund 350 Fotografien haben Hugh Nini und Neal Treadwell aus ihrer umfangreichen Sammlung für diesen opulenten Bildband ausgewählt. Sie erzählen Geschichten voller Melancholie und Sehnsucht, von Zuneigung und Verbundenheit aber auch von Enttäuschungen, Kränkungen, Verleugnungen und nicht gelebte Leben.

Aber vor allem anderen sind diese Fotografien eins: Ein Ausdruck von Liebe!


erschienen bei Elisabeth Sandmann/ ISBN: 978-3945543825

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #97: Ist die Zukunft der Buchmessen online?

Uih…! Und diese Frage wird jemandem gestellt, der noch nie in seinem Leben eine Buchmesse besucht hat und somit keine Vergleichsmöglichkeiten vorweisen kann.

Trotzdem habe ich da so ein Gefühl, eine Ahnung, oder vielleicht ist es auch Hoffnung: Nein! Die Zukunft der Buchmesse ist NICHT online!!!

Diese Frage kann durchaus „globaler“ gesehen werden: Wozu noch Theater, Kino, Konzerte, Lesungen etc. live anbieten? Geht doch auch alles online!

Es ist eine gruselige Vorstellung, die mir Schnappatmung beschert und sich wie „der Untergang des Abendlandes“ für mich anfühlt. Nein, ich will mir keine Theateraufführung zuhause anschauen! Nein, ich will mir keine Lesung zuhause anhören! Und auch wenn ich bisher noch nie eine Buchmesse besucht habe und vielleicht auch nie besuchen werde, gefällt mir der Gedanke, ich könnte (wenn ich wollte) sie live vor Ort besuchen.

Denn zum Besuch eines kulturellen Events gehört für mich so viel MEHR: Gerne möchte ich zur Erläuterung bei meinem Bespiel der Theateraufführung bleiben, da ich hier über die nötige Erfahrung verfüge. Dieses Beispiel lässt sich aber durchaus auch auf andere Live-Events übertragen.

Am Anfang einer Saison blättere ich in den vielen Saison-Vorschauen, entdecke spannende Stücke, die ich immer schon mal (wieder) sehen wollte und bin voller Vorfreude. Wochen vorher schaue ich dann nach einem möglichen Termin, buche die Karten und bin voller Vorfreude. Sobald die Karten bei mir eingetrudelt sind, hefte ich sie gut sichtbar an die Pin-Wand und bin voller Vorfreude. Der Termin naht, ich reserviere einen Tisch im Restaurant für ein gemütliches Essen „hinterher“ und bin voller Vorfreude. Am Tag selbst wähle ich meine Garderobe aus, putze die Schuhe auf Hochglanz, rasiere und pflege mich und bin voller Vorfreude. Wir treffen uns mit lieben Freunden, machen uns gemeinsam auf den Weg ins Theater und sind voller Vorfreude. Im Theater erwerben wir ein Programmheft, suchen zuerst das Klo und dann unsere Plätze auf und sind voller Vorfreude. Die Saaltüren schließen sich, das Licht erlischt, und die Freude kann beginnen. Die Vorstellung ist zu Ende, wir klatschen uns die Hände wund und sind voller Freude. Dann schlendern wir zum nahgelegenem Restaurant, genießen das Essen, diskutieren über das gerade Gesehene und sind voller Freude. Am nächsten Tag blättere/ lese ich im Programm, erinnere mich an einen schönen Abend und bin voller Freude. Einige Tage später treffen wir unsere Freunde, sprechen über unseren gemeinsamen Theaterbesuch und sind voller Freude…!

Online-Veranstaltungen sind durchaus „praktisch“. Aber „praktisch“ ist ein Adjektiv, das ich so ganz und gar in keinem Zusammenhang mit Kultur bringen kann.

Online würde so vieles verloren gehen oder zumindest in seiner Form reduzierter sein, wie der direkte Kontakt zu Menschen, der unmittelbare Austausch, die Atmosphäre eines einmaligen Augenblickes und ganz, ganz viel Emotionen!!!

…und könnt Ihr Euch für eine Online-Buchmesse erwärmen???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Krimi] Reginald Rose – DIE ZWÖLF GESCHWORENEN / Metropol Theater Bremen

Buch von Reginald Rose / Deutsch von Horst Budjuhn / in einer Fassung für szenische Lesung des „theaterwerk Bremen“ von Dirk Böhling

Premiere: 10. Juli 2020 / besuchte Vorstellung: 9. Oktober 2020 / Metropol Theater Bremen

Inszenierung: Dirk Böhling


Nach dem Corona-Lockdown öffneten im Sommer langsam wieder die kulturellen Einrichtungen und präsentierten kreative Formate, um Künstler wieder vors Publikum und Publikum wieder vor die Künstler zu bekommen. Im Metropol-Theater (ehemals Musical-Theater) in Bremen bot Theater-Chef Jörn Meyer (Foto: rechts) verschiedenen kleineren Bühnen eine Heimstätte, da er dort pandemiekonforme Bedingungen bieten kann, um wieder Kultur anbieten zu können. Als erste Produktion hatte am 10. Juli 2020 das Stück „Die zwölf Geschworenen“ als szenische Lesung Premiere und konnte als Lebenszeichen der Bühnenschaffenden nach den Corona-Beschränkungen angesehen werden. Moderator, Schauspieler und Regisseur Dirk Böhling (Foto: links) rief das „theaterwerk Bremen“ ins Leben, um mit wechselnden Ensembles kleinere Bühnenformate wie Liederabende, Live-Hörspiele oder Literatur an verschiedenen Spielorten umzusetzen. Für seine Premieren-Produktion versammelte er ein illustres Ensemble aus Schauspieler*innen der verschiedenen Theater und der freien Kulturszene Bremens. Aufgrund der positiven Publikumsresonanz wurde das Stück am 9. Oktober 2020 nochmals aufgeführt.

Es ist der heißeste Tag des Jahres. An diesem Tag findet der letzte Tag eines schwerwiegenden und an sich eindeutigen Mordprozesses mit schier erdrückender Beweislast statt: Ein 19jähriger aus einem Slumviertel hat im Streit seinen Vater mit einem extrem auffälligen Springmesser erstochen. Die Anklage präsentierte zwei glaubhafte Zeugen. Beide haben den Jugendlichen bei der Ausführung der Tat beobachtet und ihn kurz darauf wegrennen gesehen. Zwölf Männer und Frauen völlig unterschiedlichen Charakters und Temperaments müssen als Geschworene in diesem Mordprozess einen einstimmigen Schiedsspruch fällen. In einem engen, von der Außenwelt abgeschlossenen Raum beraten sie darüber. Da der Fall eindeutig ist, wird mit einem raschen Ende der Sitzung gerechnet. Elf der Geschworen sind sich sofort einig: Der Angeklagte ist schuldig. Einer jedoch stellt sich gegen die Mehrheit: Er hat einen begründeten Zweifel und plädiert deshalb für nicht schuldig. Die Entscheidung über Leben und Tod eines Menschen ist ihm mindestens eine faire Diskussion wert. Das Unverständnis der Mitgeschworenen ist groß. Sie versuchen, den Zweifler mit mehr oder weniger stichhaltigen Argumenten von ihrem Schuldspruch zu überzeugen. Detailgenau werden noch einmal die Zeugenaussagen besprochen, die Tatwaffe erneut betrachtet, ebenso wie der Tatort-Plan und das Motiv. Und plötzlich, nach genauerer Analyse, scheinen die Beweise keineswegs mehr eindeutig. Die hitzigen Gemüter stoßen aufeinander, Reibereien, Streitigkeiten bestimmen die Diskussion. Die Atmosphäre im Raum ist zum Zerreißen gespannt. Doch nach und nach wird die Mauer der Vorurteile und schnellen Schlussfolgerungen brüchig…! Wie hoch ist das Risiko, einen Unschuldigen hinrichten zu lassen?

Auf offener Bühne stehen zwölf Tische in regelmäßigen Abständen zueinander. Jeder Tisch ist mit einer Nummer gekennzeichnet. Die Namen der Geschworenen werden wir nicht erfahren: Die Details ihrer Identität verstecken sich hinter der jeweiligen Nummer. Aus dem Off ertönt die Stimme des Richters, der den Geschworenen nochmals ihre Aufgabe erläutert, über Schuld bzw. Unschuld eines Menschen zu entscheiden. Vier Frauen und acht Männer treten auf, begeben sich mit ihrem Textbuch zu ihren zugedachten Tischen und nehmen dort Platz. Das Spiel beginnt…!

Zwölf Schauspieler*innen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichem beruflichem Werdegang und von unterschiedlichen Bühnen treffen in dieser szenischen Lesung aufeinander und verkörpern die ebenso unterschiedlichen Geschworenen. Die Dynamik der Aufführung entstand so nicht nur aus dem Text, sondern auch aufgrund der Persönlichkeiten der teilnehmenden Künstler*innen. Regisseur Dirk Böhling, der selbst mitwirkte, bot mit Susanne Baum, Ulrike Knospe, Franziska Schubert, Sabine Urban, Jens Asche, Martin Baum, Ibrahim Benedikt, Denis Fischer, Marco Linke, Mateng Pollkläsener und Marcus Rudolph ein talentiertes Ensembles.

„Die zwölf Geschworenen“ ist ein Ensemble-Stück, trotzdem treten wie in jedem sozialen Gefüge einige Charaktere hervor, während andere lieber im Hintergrund bleiben. Als Zuschauer „übersah“ ich irgendwann das Textbuch in der Hand der Akteur*innen, da die Sprache das Geschehen bestimmte. Je weiter der Abend vorrückte, je detaillierter über den Tat-Hergang diskutiert wurde, umso mehr offenbarten sich die Charakterzüge der Beteiligten: Persönliche Ressentiments traten zutage und erlittene Enttäuschungen wurden auf den Angeklagten projiziert.

So bot diese Aufführung eine Vielzahl an Charakterstudien mit starken Momenten und 90 Minuten spannende Unterhaltung. Gerne mehr davon…!


Ob es weitere Aufführungen von DIE ZWÖLF GESCHWORENEN am Metropol Theater in Bremen geben wird, ist bisher nicht bekannt. Ebenso gibt es leider noch keine Homepage vom „theaterwerk Bremen“, um mögliche Termine zu erfahren. Darum: Augen offen halten!

[Rezension] Michael Ende – Die unendliche Geschichte (Schmuckausgabe)/ mit Illustrationen von Sebastian Meschenmoser

Vor über einem Jahr erschien diese Schmuckausgabe anlässlich des 40. Geburtstages des Buches. Vor beinah einem Jahr habe ich sie von meinem Liebsten zum 50. Geburtstag erhalten, denn schließlich zählt Die unendliche Geschichte zu „Die Bücher meines Lebens“. Doch seitdem liegt dieser Prachtband unberührt auf der Ablage unseres Couchtisches. Irgendetwas hinderte mich, dieses Buch in die Hand zu nehmen und aufzuschlagen. Ausreden hatte ich reichlich parat: „Das Buch ist zu groß und zu schwer: Das kann ich nur an einem Tisch sitzend betrachten.“ und „Um dieses Buch richtig genießen zu können, brauche ich Zeit: Im nächsten Urlaub – Ja, dann setze ich mich dran!“

Ich glaube, mein Zaudern und Zögern lag vielmehr darin begründet, dass ich Angst hatte, diese Schmuckausgabe könnte nicht meine Erwartungen erfüllen und die Illustrationen würden gegen die vor über 40 Jahren entstandenen Bilder in meinem Kopf rebellieren. Schließlich liegt diese Geschichte mir so sehr am Herzen, und da war meine Befürchtung, vielleicht enttäuscht zu werden, einfach zu groß. Zudem konnte mich die Gestaltung der Neu-Auflage des Romans, die im Frühjahr des vergangenen Jahres erschien, leider nicht gänzlich überzeugen.

Doch nun war endlich die Zeit gekommen, mich meiner Furcht zu stellen…!

Die Handlung setze ich als bekannt voraus, und so werde ich mein Augenmerk ganz auf die Gestaltung des Buches lenken. Der Illustrator und Kinderbuchautor Sebastian Meschenmoser hat sich dieser herausfordernden Aufgabe gestellt. Meschenmoser ist mir u.a. durch seine bezaubernden Geschichten um Herrn Eichhorn bekannt.

Der Schutzumschlag gleitet vom Buch und offenbart einen edlen roten Leinen-Einband. Auf dem vorderen Deckel schlängeln sich in plastischer Prägung zwei Schlangen, die sich gegenseitig in den Schwanz beißen, um den Name des Autors und den Titel des Buches. Ich schlage das Buch auf und auf dem Vorsatzpapier „begrüßen“ mich in mehreren Reihen formiert eine Armada an Sphynx.

Dann beginnt die Geschichte, und ich atme auf als mein Blick auf den bekannten zweifarbigen Satzdruck in Rot und Grün fällt. Okay, auf die ursprünglichen, wunderbaren „Von A bis Z mit Buchstaben und Bildern“ wurde auch hier verzichtet, dafür hat Sebastian Meschenmoser eigene, äußerst phantasievolle Anfangsbuchstaben kreiert, die einen direkten Bezug zum folgenden Kapitel bilden und durch liebevolle Einzelheiten überraschen. Ich blätterte weiter und stieß auf das erste bunte Bild, das sich über zwei Seiten erstreckt. Insgesamt 50 großformatige Ölgemälde hat er für „Die unendliche Geschichte“ erstellt, auf denen Michael Endes Helden und Geschöpfe mal düster-bedrohlich, mal in einer überwältigenden Farbigkeit lebendig werden. In seinen Kunstwerken unterstreicht Meschenmoser das Surreale in Endes Geschichte. Weitere 138 ausdrucksstarke Zeichnungen verteilen sich über die 415 Seiten des Buches.

Allen Illustrationen ist gemein, dass ein flüchtiger Blick nicht ausreicht, um alle Feinheiten zu erfassen. Ausreichend Muße ist vonnöten, um die vielen ironischen Kleinigkeiten und versteckten Details aufzuspüren. Unwillkürlich erinnerte mich Meschenmosers Kunst an die Arbeit von Tatjana Hauptmann zu Das große Märchenbuch, und wie dieses Standard-Werk aus dem Diogenes-Verlag hat auch die Schmuckausgabe von „Die unendliche Geschichte“ das Potential zum Klassiker: Michael Endes Geschichte ist es schon seit Jahrzehnten!

Je weiter die Handlung voranschreitet, je mehr sich die reale Welt mit der Welt von Phantasien vermischt, umso tiefer wurde ich in das Buch durch die grandiosen Illustrationen hineingesogen,…

…und ich ertappte mich dabei, wie ich beim Betrachten der Bilder den Atem anhielt und mir die Augen feucht wurden,…

…denn alles war so bekannt und doch so neu und dabei so wunderschön,…

…und ich fühlte mich wie damals als Kind, als ich „Die unendliche Geschichte“ zum ersten Mal für mich entdeckte,…

„…aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden!“

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meines Blogger-Kollegen Hauke Hader von der Buchhandlung „Almut Schmidt“ in Kiel.


erschienen bei Thienemann/ ISBN: 978-3522202503