[Rezension] Nancy Campbell – Fünfzig Wörter für Schnee

Es gibt Regen, Hitze, Hagel, Stürme, Dürre, Wind und Kälte. Doch kein meteorologisches Phänomen gibt so viel Raum für märchenhafte Mystik und romantische Verklärung wie SCHNEE. Die fallenden Flocken im reinen Weiß lösen bei mir immer wieder ein kindliches Staunen aus. Ich stehe dann gerne in der Natur (oder auch nur am Fenster) und wundere mich, wie die Welt sich plötzlich unter einer jungfräulichen Decke versteckt und völlig verändert, Geräusche nur noch gedämpft wahrnehmbar sind, und die Hast des Alltags plötzlich ausgebremst wird. Doch die verschneite Landschaft birgt auch Geheimnisse. Es ist nicht einschätzbar, was sich alles unter dieser unschuldig weißen Decke verbirgt: Eine Wurzel könnte mich zum Straucheln bringen, oder eine versteckte Eisschicht lässt mich ausrutschen und hart zu Boden stürzen. Doch immer wieder verzeihe ich dem Schnee seine kleinen, launischen Tücken. Sorgt er doch mit seiner bloßen Anwesenheit dafür, dass ich immer wieder aufs Neue einen tiefen Frieden in mir spüre.

Nancy Campbell versucht diesem Phänomen in ihrem Buch auf den Grund zu gehen und kann uns zwangsläufig nur einen „kleinen“ Ausschnitt präsentieren. Doch dieser „kleine“ Ausschnitt lässt uns unseren Blick weiten und verlockt uns, neugierig in die Ferne zu schauen. So schickt sie uns in 50 kurzen Episoden auf Weltreise und erzählt uns so von vielfältigen Mythen und Märchen, die sich um den SCHNEE ranken.

Da lockt in Japan die Yuki-onna (Schneefrau) ihre auserwählten Liebhaber in einen Schneesturm, um sie so für sich zu gewinnen. Im Hebräischen ist eine Geschichte überliefert, in der ein armer Mann so sehnsüchtig dem Studium der Thora lauschen wollte, dass er sich heimlich auf das Dach der Studierhalle legte und selbst der einsetzende Sheleg (Schnee) ihn nicht vertreiben konnte. Auch wenn die Ebene in Russland wie ein einziges vereistes Plateau wirkt, so kann das geübte Auge anhand der Sastrugi (Erhebung im Schnee) den sicheren Weg finden. Auch in Estland ist es im Winter so kalt, dass die Einwohner die Jäätee (Eisstraßen) nutzen, d.h. sie nehmen die direkten Wege über die zugefrorenen Seen und Flüsse. Der Name des Himalayas setzt sich aus einer Verbindung zweier Wörter aus dem Sanskrit – himá (Schnee) und á-laya (Wohnsitz) – zusammen und beschreibt ihn damit ganz wunderbar. Jedes Jahr am 5. August begehen die Spanier das Fest der Virgen de las Nieves (Jungfrau vom Schnee), die der Legende nach an einem heißen Augustabend Schnee auf einen der Berge fallen ließ. Doch nicht nur Naturereignisse, Mystisches und Märchenhaftes hat die Autorin zusammengetragen, auch Skurriles gibt es zu erfahren. Oder habt Ihr etwa gewusst, dass hier in Deutschland Kunstschnee für Hollywood produziert wird?

Auch die Gestaltung wird dem Inhalt des Buches ganz wunderbar gerecht: Die Illustrationen sind in Weiß und in einem Blau-Violett gehalten, das auch für die Schrift zum Einsatz kam. Zudem sind den Kapitell die Abbildungen von Schneeflocken vorangestellt, die vom ersten bekannten Schneeflockenfotografen Wilson Bentley (1865-1931) stammten. Diese – mal verspielte, mal stringente – Formgebung ließ mich ehrfürchtig staunen über die mannigfachen Darstellungsformen, die die Natur uns schenkt.

Und so einzigartig wie sich jede Schneeflocke in ihrer Struktur unter dem Mikroskop zeigte, so vielfältig sind die Worte und Bedeutungen von SCHNEE in den Sprachen, in den Ländern, in den Kulturen dieser unserer gemeinsamen Welt.


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-3455011807

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gilbert Adair – OH DEAR! MISS MOUNT UND DER MORD IM HERRENHAUS

Weihnachtsstimmung auf ffolkes Manor: Colonel Roger ffolkes (sic!) und seine Gattin Mary haben ihre engsten Freunde zum Feste geladen. So findet sich in dem alten Gemäuer eine illustre Gästeschar zusammen: Neben dem Vikar der Gemeinde Clem Wattis und seiner Gattin Cynthia sind der Hausarzt der Familie Doktor Henry Rolfe nebst Gattin Madge ebenso anwesend wie auch der Sekretär Farrar. Für den nötigen Glamour sorgen die berühmte Bühnen- und Filmschauspielerin Cora Rutherford und die berüchtigte Kriminalautorin Evadne Mount. Alle Anwesende verstehen sich gar prächtig, und es verspricht ein angenehmes Weihnachtsfest zu werden. Doch dann tauchen Selina, die Tochter des Hauses, und ihr Freund Donald Duckworth auf und haben einen äußerst unangenehmen wie ungebetenen Gast im Schlepptau. Raymond Gentry, seines Zeichens Klatsch-Kolumnist bei einem schmierigen Boulevard-Blatt, entpuppt sich als eine widerwärtige Natter, die ihre Zähne mit Genuss ins Fleisch der Gäste rammt und voller Bosheit droht, deren intimsten Geheimnisse zu offenbaren. So hält sich die Anteilnahme der Anwesenden in Grenzen, als er am nächsten Morgen in einer von innen verschlossenen Dachkammer erschossen aufgefunden wird. Selbstverständlich muss ein solch schändlicher Mord (auch wenn alle der Meinung sind, dass das Opfer es verdient hätte) aufgeklärt werden. Aufgrund der misslichen Wetterlage ist mit einer Unterstützung durch die Polizei nicht zu rechnen und so wird sich mit dem pensionierten Chefinspektor Trubshaw vom Scotland Yard, der unweit von ffolkes Manor in der Nachbarschaft wohnt, beholfen. Trubshaw findet nicht nur die Gäste in gereizter Atmosphäre vor, von denen jede*r bei näherer Betrachtung ein Motiv für die Tat hätte, – Nein! – zudem muss er mit dem Übereifer einer Evadne Mount konkurrieren, die sich mit Elan in seine Ermittlungen einmischt. Wer von den beiden wird den Mörder/die Mörderin als Erste*r entlarven…?

Werfen wir doch einmal einen Blick auf die Zutatenliste. Was haben wir denn hier?

  • ein Weihnachtsfest auf einem alten englischen Landsitz: Hatten wir schon!
  • ein Tatort, der von der Außenwelt abgeschnitten ist: Hatten wir schon!
  • ein Mord in einem von innen verschlossenen Raum: Hatten wir schon!
  • eine Vielzahl an Verdächtigen mit ebenso vielen Motiven: Hatten wir schon!
  • ein brummig-kauziger Inspektor: Hatten wir schon!
  • eine skurrile Amateurdetektivin: Hatten wir schon!
  • ein großer Showdown mit überraschender Auflösung: Hatten wir schon!

Gibt es somit einen logischen Grund, warum Ihr diesen Krimi lesen solltet?
Nein, den gibt es nicht, aber lest ihn trotzdem. Warum? Weil es einfach Spaß macht!

Autor Gilbert Adair erfindet das Genre wahrlich nicht neu. Vielmehr spielt er mit den Erwartungen, die die Leserschaft an einen guten, alten, englischen Krimi haben, und erfüllt uns diese. Dabei erlaubt er sich die Freiheit, in manchen Aspekten frecher zu sein als seine literarischen Vorbilder (Hinweis: Der Roman spielt im Jahre 1935 ist allerdings erst 2006 entstanden.). Im Zuge der Aufklärung des Falls müssen die Verdächtigen skandalöse Enthüllungen und pikante Anekdötchen offenbaren, die im Jahre 1935 durchaus Karrieren wie auch das gesellschaftliche Ansehen ruiniert hätten.

Nebenbei zitiert er genüsslich die Großen der Krimi-Zunft, lässt Evadne Mount über ihre schärfste Konkurrentin Agatha Christie wettern oder Cora Rutherford über ihr Treffen mit „Hitch“ (Alfred Hitchcock) berichten, in dessen nächsten Film sie (natürlich!) die Hauptrolle spielen soll. Dies geschieht so selbstverständlich mit einer signifikanten Leichtigkeit, dass diese Details sich absolut logisch und somit glaubwürdig in die Geschichte einfügen.

Zudem sorgt er mit seinen prallen Charakteren für eine Menge Unterhaltung und versteht es in den witzigen Dialogen, das Tempo der Geschichte immer wieder aufs Neue anzuziehen. Wenn ich mitten in der Geschichte plötzlich anfange, laut zu lesen, dann darf dieser Umstand durchaus positiv bewertet werden. Zeugt dies doch von meiner Lust als „alter“ Vor-Leser, den besagten Text zu interpretieren. Darum: Dies ist genau der richtige Krimi, um während der Feiertage im gemütlichen Kreise der Liebsten vorgelesen zu werden. Gibt es etwas Schöneres?


erschienen bei Oktopus (bei Kampa)/ ISBN: 978-3311300182

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Thierry Dedieu – Auf der Suche nach dem Schneemann

Tag für Tag treffen sich das Eichhörnchen, die Eule, der Igel und der Hase mit ihrem Freund dem Schneemann zum Spielen. Denn niemand kennt schönere Spiele, weiß lustigere Rätsel oder kann interessantere Geschichten erzählen als der Schneemann, der schon vieles gesehen und noch mehr erlebt hat. Die Freunde verbringen eine herrliche Zeit gemeinsam, bis eines Tages die ersten Frühlingsboten auftauchen. Die vier tierischen Freunde machen sich Sorgen um ihren eisigen Kumpel, der Tag für Tag schwächer wird, bis er eines Tages ganz verschwunden ist. Doch wo ist er nur geblieben? Er kann doch nicht gänzlich verschwunden sein? Und so folgen die Freunde den Spuren der Schneeschmelze in der Hoffnung, ihren Freund wieder zu treffen…!

Thierry Dedieu – Autor und Illustrator in Personalunion – hat ein niedliches Bilderbuch geschaffen, das die Themen Vergänglichkeit, Hoffnung, Trennung und Abschied kindgerecht anspricht und „nebenbei“ den Kreislauf der Natur auch für die Kleinsten nachvollziehbar erklärt.

Seine Illustrationen versprühen in ihrem Sepia-Look beinah einen Retro-Charme. Seine Figuren sind sehr detailreich-naturalistisch mit einem kleinen Hang ins Phantastische gezeichnet: So wirken die Tiere zwar recht naturgetreu, tragen allerdings auch Pudelmütze oder Sturzhelm. Gerade diese Requisiten im Zusammenspiel mit dem drolligen Habitus der Figuren sorgen für den märchenhaften Zauber der Geschichte.

Mir persönlich wirkten die Bilder beinah zu sehr wie Nahaufnahmen, bei denen die Freunde sehr dominant im Mittelpunkt stehen. Ich hätte mir hin und wieder gerne einen Blick aus der Entfernung gewünscht, um auch mehr von der Atmosphäre ihrer Umgebung wahrnehmen zu können.

Dafür komplementiert der wenige aber unterstützenden Text die Bilder sehr gelungen und trägt zum Verständnis der Handlung bei. Unsere possierlichen Helden werfen sich mit so viel liebenswerten Elan in ihr Abenteuer, dass es mir ganz und gar nicht schwerfiel, sie in mein Herz zu schließen…!


erschienen bei aracari/ ISBN: 978-3907114216

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Georges Simenon – Weihnachten bei den Maigrets

Weihnachten könnte für Monsieur und Madame Maigret so ruhig und entspannend sein – wo doch der berühmteste Kommissar von Paris über die Feiertage frei hat. Doch leider durchkreuzt eine aufdringliche Nachbarin ihnen ihre Pläne und weckt die Neugier des Kommissars mit einer mysteriösen Geschichte. Neben ihr in der Wohnung lebt ein junges Paar mit seiner Pflegetochter, die aufgrund eines Beinbruchs das Bett hüten muss. Und dieses Mädchen berichtet nun, dass sie in der Nacht zuvor Besuch vom Weihnachtsmann erhalten hätte, der ihr eine Puppe schenkte aber auch die Dielen in ihrem Zimmer untersuchte. Auf Drängen der Nachbarin befragt Maigret das Mädchen und ist durchaus bereit, ihr zu glauben. Zumal ihre Pflegemutter sich äußerst verdächtig benimmt, da sie sich dem Kind gegenüber beinah emotionslos verhält und versucht, die Geschichte herunterzuspielen. Maigret hat zwar keine Beweise, doch sein Instinkt rührt sich heftig, und er bittet seine Mitarbeiter um Unterstützung. So mutiert seine Wohnung zum inoffiziellen Hauptquartier einer ebenso inoffiziellen Ermittlung. Madame Maigret hätte sich viel lieber ein friedliches Weihnachtsfest gewünscht, doch Maigrets Instinkt trügt ihn auch diesmal nicht…!

Simenon lesen bedeutet, in Atmosphäre zu baden! Nun mag dieser Satz vielleicht etwas pathetisch erscheinen, doch genau diese Empfindung spüre ich, wenn ich Simenon lese. Selten habe ich einen Autor erlebt, der es schafft, mit wenigen Sätzen so punktgenau ein Milieu zu schildern. Wenige Sätze, manchmal nur Wörter genügen und vor meinem inneren Auge entsteht das entsprechende Setting der Geschichte. Dabei gehören seine Figuren selten der gehobenen Klasse an. Vielmehr skizziert er Menschen, die gestrauchelt und somit vom Leben gezeichnet sind. Manche sind mir als Leser sympathischer, andere sind es eher weniger. Doch allen ist gemein, dass sie Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten sind.

Ebenso wie er mit nur einem Wort das Milieu treffend beschreibt, lässt er zwischen seinen Figuren manches unausgesprochen, um die Verbindung der Figuren zueinander zu porträtieren. An seinem freien Tag könnte Maigret endlich mal ausschlafen: So schleicht sich Madame Maigret leise aus dem Schlafzimmer, um ebenso leise das Frühstück zu richten. Maigret liegt unterdessen wach im Bett und würde lieber aufstehen. Doch seine Frau wäre sehr enttäuscht, wenn er dies täte, da sie sich so sehr wünscht, dass er mal ausschläft.

Diese kleine Szene könnte sich so oder ähnlich zwischen machen langjährigen Eheleuten abspielen: Der großen stürmischen Liebe ist einer innigen Vertrautheit gewichen. Man fühlt sich einander verbunden und hat sich im gemeinsamen Leben angenehm arrangiert. Doch die Träume der Jugend sind ausgeträumt oder zumindest werden sie verdrängt. Nur manchmal brechen sie wieder an die Oberfläche hervor: So fühlte ich als Leser bei den Maigrets die Trauer um die eigene Kinderlosigkeit, die sie – besonders zu Weihnachten und speziell mit dem Wissen um das kranke Kind im Nachbarhaus – zu überrollen schien. Diese ungewohnt intimen Einblicke, die der Autor uns hier gewährt, werden von ihm aber so feinfühlig geschildert, dass ein Gefühl von Voyeurismus gar nicht erst aufkommt.

Vielmehr streute Simenon über diese kleine kriminalistische Weihnachtsgeschichte mit seinem weltberühmten Kommissar nehmst ebenso berühmter Gattin einen Hauch Melancholie, der mir beim Lesen die Augen feucht werden ließ…!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311130949

[Rezension] Siegfried Lenz – Das Wunder von Striegeldorf. Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Franziska Harvey

„Ich gestehe, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen.“
Siegfried Lenz

Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. In seinen Werken setzte er sich immer gerne mit gesellschaftskritischen Themen auseinander, hinterfragte hierarchische Strukturen oder thematisierte die Zeit des Nationalsozialismus bzw. seine Aufarbeitung. Dabei blieb er seiner Heimat bzw. seinen Wurzeln stets verbunden. Schon die Erzählungen seines Erstlingswerks „So zärtlich war Suleyken“ siedelte er im ostpreußischen Masuren an, und auch die im Jahre 1957 erschienene Novelle „Das Wunder von Striegeldorf“ zeigt ein verspieltes Bild seiner Heimat.

Der Besenbinder Heinrich Matuschitz und der Forstgehilfe Otto Mulz sitzen für ein halbes Jahr hinter Gittern und müssen sich eine Zelle teilen. Dabei hätte das, wofür sie eingebuchtet wurden, wirklich jedem passieren können: Matuschitz hatte sich zum wiederholten Male ein Motorrad „geborgt“, und Mutz hatte aus Gram, dass sein Weib ihm mit dem Wilddieb abhandengekommen ist, „versehentlich“ den Forst abgefackelt. Nun sitzen sie einträchtig nebeneinander im Kittchen und genießen die berühmten Striegeldorfer Sonnenuntergänge. So schön, so gut – würde nicht Weihnachten nahen: Vieles könnte ein Masure hinnehmen, aber auf einen Heiligen Abend in Freiheit könnte er nicht verzichten. So hecken die beiden Schlitzohren eine List aus, wie sie unbemerkt aus dem Gefängnis entwischen können, um diesen Abend in ihrem Sinne zu begehen. Danach würden sie auch ganz sicher wieder zurückkommen, um ihre restliche Strafe abzusitzen. Gesagt, getan – doch als die beiden Schwerenöter wieder ins Gefängnis hinein möchten, wird ihnen der Zugang verwehrt. Da sie ja nicht offiziell ausgebrochen sind, können sie somit auch nicht wieder einbrechen…!

Lenz lässt die Ereignisse seiner kleinen, charmanten Geschichte von einem namenlosen Ich-Erzähler im Plauderton berichten, der sich als Großneffe von Matuschitz outet. Der persönliche Aspekt bietet so die Möglichkeit, die Geschehnisse in einem wohlwollenden Licht zu beleuchten. Die beiden kriminellen Hallodris werden mit reichlich Sympathie bedacht, die auch auf die Leserschaft abfärbt. Man kann diesen beiden Schlawinern einfach nicht böse sein. Ganz im Gegenteil – vielmehr erhalten sie unsere volle moralische Unterstützung beim Überlisten der Obrigkeit, die dabei ganz und gar nicht vorteilhaft porträtiert wird. Voller urwüchsigem Charme und mit einer üppigen Portion Bauernschläue versehen, lassen sich die Beiden durch den Heiligen Abend treiben und gestalten diesen ganz nach ihrem Gusto. Dabei scheren sie sich nicht um Konventionen, sind in ihrem Spiel niemals böse, sondern vielmehr sehr darauf bedacht, dass niemand Schaden nimmt.

Franziska Harvey fängt in ihren drolligen Illustrationen die Atmosphäre des vergangenen Ostpreußens ganz wunderbar ein. Sie ironisiert wo nötig ohne den märchenhaften Charakter der Geschichte unbeachtet zu lassen. Dabei schafft sie eine solche Einheit zwischen Bild und Text, dass ich mir diese Geschichte ohne ihre Illustrationen nicht mehr vorstellen könnte.

Siegfried Lenz schuf eine ganz und gar herzerwärmende Geschichte, die durch die Kunst der Illustration noch verfeinert wurde…!!!


erschienen bei cadeau (bei Hoffmann und Campe)/ ISBN: 978-3455380835

[Rezension] Nicholas Blake – Das Geheimnis des Schneemanns

Einem Hilferuf gleich mutet die Nachricht von Clarissa Cavendish an, die sie ihrer Cousine Georgia Strangeways schickt, in der Hoffnung so auch das Interesse ihres Gatten dem bekannten Privatermittler Nigel Strangeways zu wecken. Auf dem Anwesen Easterham Manor von Clarissas langjährigen Freunden Charlotte und Hereward Restorick passieren Vorfälle parapsychischer Natur: Während einer Séance gebärdet sich die Hauskatze wie ein tollwütiger Derwisch, als stände sie unter dem negativen Einfluss einer übernatürlichen Macht. Als die Strangeways in Easterham Manor eintreffen, werden sie von einer äußerst ungewöhnlichen Gesellschaft erwartet: Neben dem Hausherren, seiner Gattin und deren beiden Kindern, befinden sich noch seine erwachsenen Geschwister Andrew und Elizabeth sowie der Arzt Dr. Bogan und Elizabeths Freunde Will Dykes und Eunice Ainsley als Gäste auf dem Anwesend. Noch bevor sich Nigel Strangeways eingehend mit dem merkwürdigen Verhalten der Katze beschäftigen kann, wird Elizabeth Restorick erhängt in ihrem Zimmer aufgefunden. Schon bald lassen Indizien den Schluss zu, dass es sich um einen Mord handelt, der als Selbstmord getarnt wurde. Da das Anwesend aufgrund der anhaltenden Schneestürme mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschnitten ist, muss sich der Mörder/ die Mörderin noch im Haus befinden. Jede*r der anwesenden Personen erscheint somit verdächtig. Gemeinsam mit Detective Inspector Blount vom Scotland Yard nimmt Nigel die Ermittlung auf und tappt dabei in so manche Sackgasse: logische Schlussfolgerungen können nicht bewiesen werden, mögliche Motive werden entkräftet. Der Fall scheint unlösbar, bis Andrew Restorick und Dr. Bogan eines Nachts verschwinden und wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheinen. Erst als Tau-Wetter einsetzt, und der Schnee zu schmelzen beginnt, offenbart der Schneemann im Garten von Easterham Manor sein schauriges Geheimnis…!

Nach Das Geheimnis von Dower House (1936) ist dies nun der zweite Fall des smarten Privat-Schnüfflers Nigel Strangeways, der seinen Weg ins heimische Bücherregal findet. Und auch dieses Mal überzeugt Nicholas Blake mit einer geschickt verzwickten Geschichte, die mit prallen Typen und überzeugenden Dialogen (Hier wusste jemand, wie man gute Dialoge schreibt!) punktet. Zudem zeichnet der Autor einige kraftvolle Frauen-Porträts, allen voran die Gattin unseres Helden, deren Erscheinen alles andere als nur schmückendes Beiwerk darstellt.

Schwächelte der vorangehende Krimi ein wenig an einer aufgeblasenen Schluss-Sequenz, setzt Blake diesmal die Lösung des Rätsels an den Anfang – ohne wichtige Fakten zu verraten – und lässt die Leserschaft über die Handlung des gesamten Romans hinweg dem alles entscheidenden Schluss-Akkord entgegen fiebern.

Dieser Roman ist so sehr mit seiner Entstehungszeit (1941) verhaftet, dass – neben dem Charme der Vergangenheit – Äußerungen bzgl. der damaligen politischen Lage unvermeidbar sind. Die Geschichte spielt zu einer Zeit, als der 2. Weltkrieg tobte, und so hätte das Fehlen von entsprechenden Hinweisen und Kommentaren zwangsläufig etwas sonderbar auf mich gewirkt. Doch dem Autor gelingt es, dieses Zeit-Kolorit wohldosiert einzusetzen. Darüber hinaus erfreut er seine Leserschaft mit für die damalige Zeit überraschend pikant-frivolen Anspielungen: Das „anrüchige“ Wörtchen aus drei Buchstaben fällt nicht nur einmal…!

Ansonsten ist dieser Kriminalroman genau das, was ich von ihm erwartet habe: eine kurzweilige Unterhaltung – nicht mehr, nicht weniger, aber selbst das schafft nicht jeder Krimi!


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608983470

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

DER [INNOVATIONS-AWARD] …auf alte Freunde und neue Bekanntschaften!

Als ich die Aktion auf dem Buchperlenblog von Gabriela, der Initiatorin dieses Awards, entdeckte, spielte ich schon mit dem Gedanken – auch ohne Nominierung – daran teilzunehmen. Doch dann kam dieses, jenes und welches dazwischen, und die Aktion geriet bei mir zwar nicht in Vergessenheit, rückte allerdings ein wenig in den Hintergrund. Doch da hatte ich die Rechnung ohne meine Schwester im Geiste gemacht: Auf ihrem Blog Buchpfote hat Tina nicht nur die Idee dieser Aktion ganz wunderbar umgesetzt, sie hat dankenswerterweise auch mich nominiert,…

…und da bin ich nun!!!

Doch worum geht es überhaupt bei diesem [INNOVATIONS-AWARD]? Es geht schlicht und ergreifend um eine kollegiale Vernetzung innerhalb der Blogger-Community, damit wir weiterhin sichtbar bleiben und nicht in Vergessenheit geraten. Denn: Es ist hier still geworden – bei mir und auch bei vielen meiner Kolleg*innen – vielleicht zwangsläufig, da wir alle pandemie-bedingt anderen Herausforderungen ausgesetzt sind. Doch gerade in solchen Zeiten brauchen wir motivierende Aktionen wie diese…!

Darum: Macht gerne mit!!!


Natürlich gibt es ein paar Regeln, die es zu befolgen gilt:

  • Nenne den Schöpfer des Awards und setze einen Link auf den Blog. ✔️
  • Nutze den bekannten Header des Awards oder erstelle dir selbst einen. ✔️
  • Danke der Person, die Dich nominiert hat und verlinke ihren Blog in Deinem Post. ✔️
  • Nominiere selbst ein paar Blogger. ✔️
  • Vor allem, hab Spaß daran mitzumachen!!! ✔️✔️✔️

 Für meinen Beitrag gilt:

  • Stelle deinen Blog kurz vor. ✔️
  • Erzähle gern von anderen Formaten/Beiträgen abseits von Rezensionen. ✔️
  • Empfehle einen Blog, den du gern besuchst. ✔️

Wer bin ich?

Mein Name ist Andreas Kück, ich bin 51 Jahre alt, aus Überzeugung verheiratet und lebe mit Kerl & Kater in einer niedersächsischen Kreisstadt in der Nähe von Bremen. Hauptberuflich bin ich als examinierter Krankenpfleger in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung tätig.
Zuerst habe ich versucht etwas Blog-Ähnliches auf facebook zu etablieren, habe aber sehr schnell festgestellt, dass dies nicht das richtige Medium für mich ist bzw. für das, was ich mir vorstelle. Zudem gefielen mir auch teilweise das Niveau und der Umgangston dort nicht. So habe ich mich auf die Suche nach möglichen Alternativen gemacht und dabei einen guten Freund interviewt, der selbst schon einen Blog hatte. So kam es, dass ich am 7. Juli 2018 meinen ersten, (sehr) kleinen Beitrag auf meinem brandneuen Blog veröffentlicht habe.

Auf ein besonderes Buchgenre bin ich nicht spezialisiert, wobei die Krimis einen deutlichen Anteil bei meinen Rezensionen einnehmen. Ansonsten lese ich auch sehr gerne Romane und Erzählungen, taste mich so langsam an die Lyrik heran und muss natürlich als Patenonkel des liebsten Patenkinds der Welt wissen, was bei den Kleinen so »up to date« ist – abgesehen davon, dass ich selbst wunderschöne Kinder- und Jugendbücher über alles liebe. Sogenannte »Splatter-Thriller«, bei denen schon ab dem ersten Absatz das Blut aus den Seiten tropft, lese ich eher selten – ebenso wie Fantasy, Gothic und klassische Liebesromane.

Bei mir kann die geneigte Besucherin/ der geneigte Besucher meines Blogs neben Rezensionen noch eine Menge mehr entdecken: Gedichte, Zitate von Autoren und aus Büchern, Kurz-Portraits von Autoren, Glossen, Beiträge zu besonderen Tagen oder Aktionen und noch eine Menge mehr (s.a. unten).


Fernab der klassischen Rezension…

Montagsfrage (1)

130 (im Wort: einhundertunddreißig) Mal hat Antonia, die Hüterin der MONTAGSFRAGE meine Kolleg*innen und mich mit der Beantwortung einer Frage rund um die Themen Bloggen, Lesen und Literatur herausgefordert. So manches Mal ertönte nach dem ersten Lesen mein verzweifelter MONTAGSFRAGE-Schrei, da ich so spontan nichts aber auch gar nichts mit der Frage anfangen konnte. Doch statt zu resignieren, wird dann immer mein Ehrgeiz geweckt. Schließlich bin ich einer der wenigen Teilnehmer*innen, der ALLE Fragen bisher beantwortet hat (und auch weiter beantworten wird „bis das der Tod…“, aber das ginge hier doch zu weit). So blicke ich Frage für Frage auf mich und mein Leben als Leser, rüttle an den Schubladen meiner Erinnerungs-Kommode, befördere so einiges Verschüttetes an die Oberfläche und reflektiere so mein eigenes Handeln. Liebe Antonia, nochmals meinen herzlichsten Dank für diese Möglichkeit zur Selbstreflektion…!

Blog-ge-switch-er

Ich lese einen Beitrag auf einem Blog, einer Literaturseite, einem Buchportal etc. und denke „Diesen interessanten Artikel musst du dir merken!“. Doch wie stelle ich es am Elegantesten an? Listen anlegen? Karteikarten erstellen? Archive pflegen? Dann kam mir der Gedanke, dass diese Artikel evtl. auch für meine Mit-Blogger*innen von Interesse sein könnten. So war die Idee für [Blog-Ge-„switch“-er] geboren. Zugegeben, es ist ein sperriges Wort. Aber mir wollte partout nichts Originelleres einfallen. Was ich aber im Grunde damit ausdrücken wollte, ist, dass ich von einem Blog zum nächsten Blog „gehüpft“ bin und mir angeschaut habe, was meine Blogger-Kolleg*innen so alles Interessantes „gezwitschert“ bzw. veröffentlicht haben.

kulturtipps

Pandemie-bedingt ist es leider auf dieser Rubrik ruhiger geworden: Keine Kultur, keine Tipps! Es war zum Heulen! Natürlich hoffe ich, dass die Zeiten nun besser werden, und ich so eine reelle Chance habe, diese Rubrik bald wieder mit mehr Inhalt füllen zu können. Was allerdings unabhängig von dieser Rubrik vor und während der Pandemie weiterhin erfolgte, waren meine Beiträge zu Kulturelles Kunterbunt… (sofern welche stattfanden), in denen ich meine Eindrücke von Besuchen bei kulturellen Events wiedergab. Schaut doch mal vorbei!

Literaten im Fokus

Manchmal juckt es mich und ich muss mich kratzen! – will heißen: Manchmal stolpere ich über eine Autorin/ einen Autor und denke „Über diese Person wolltest du schon immer viel mehr erfahren!“. Manchmal gebe ich diesem Drang sogar nach. So wurde die Rubrik Literaten im Fokus geboren. Im Rahmen einer kleinen Retrospektive schaue ich auf das Leben und Wirken dieser Literaten und werfe auch einen Blick auf Zeitumstände und Weggefährten. Es ist eine sehr interessante aber auch zeit- und arbeitsintensive Auseinandersetzung mit Künstler*innen der schreibenden Zunft.

Ich lade gern mir Gäste ein! Be my guest...

Dies ist mein jüngstes Baby, das gerade erst seine ersten zaghaften Schritte gemacht hat, und ich bin dankbar für alle meine Gäste, die diese Schritte gemeinsam mit mir gewagt haben. Die Idee hinter dieser Rubrik ist eigentlich sehr einfach erklärt: Warum soll immer nur ich auf meinem Blog „sabbeln“, wo ich doch tolle Menschen kenne, die so viel Interessanteres zu berichten hätten. Nachdem schon Ute und Carmela zu Wort kamen, wird im September Lars von seinen Erfahrungen als Selfpublisher berichten.

Die Bücher meines Lebens

Besonders das Ende des Jahrs 2019 war sehr bewegend für mich: Ich feierte meinen 50. Geburtstag! Es war für mich an der Zeit, ein Resümee zu ziehen und Entscheidungen zu treffen. Auch einen sehr persönlichen Rückblick auf mein Leben als Leser gönnte ich mir anhand von 14 Büchern, die ich mit größtem Bedacht auswählte und die so zu Recht den Titel Die Bücher meines Lebens tragen dürfen. Es war für mich einerseits emotional aufwühlend und gleichzeitig sehr, sehr schön. Anhand der Bücher konnte ich viele wichtige Stationen meines Lebens benennen, die mir nochmals offenbarten, warum ich der Mensch werden konnte, der ich heute bin…!

Lektüre zum Fest

Hatte ich schon erwähnt, dass ich Weihnachten liebe? Nein! Also: Ich liebe, liebe, liiiiiebe Weihnachten und selbstverständlich auch die passende Literatur. Hach, und es gibt Jahr für Jahr immer so viel Schönes und Neues zu entdecken. Von dieser Ausbeute profitiere ich natürlich auch als Vor-Leser. Und da ich hoffe, dass ich nicht der einzige Weihnachts-Fan in der Blogger-Sphäre bin, bekommt Ihr immer ab Mitte Oktober ein mehrgängiges Menü zur Literatur zum Fest aufgetischt. Bon Appetit!


Wen empfehle ich Euch?

Seit Beginn meiner Blogger-Karriere verfolge ich seinen Blog reisswolfblog und bin ein Fan seiner kompetenten und ausführlichen Rezensionen. Dabei geizt er manchmal nicht mit bissig-ironischen Kommentaren und würzt seine Beiträge auch gerne mit einer Prise „schwarzen Humor“. Doch auch bei ihm meine ich, eine gewisse Trägheit wahrzunehmen.

Lieber Frank!
Vielleicht kann ich Dich hiermit ein wenig aus Deiner Lethargie scheuchen!
Gruß Andreas


Ich gebe den Award weiter an…

…da ich bei jedem einzelnen dieser Blogs, der Meinung bin, dass sie ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient hätten! 

[Rezension] Willem Elsschot – Maria in der Hafenkneipe

„Maria van Dam, Kloosterstraat 15“ steht auf dem Stückchen Pappe, das drei orientalische Seeleute dem Ich-Erzähler unter die Nase halten und mit gebrochenem Englisch nach dem Weg fragen. An diesem nassen Novemberabend sind sie auf der Suche nach dem bezaubernden Mädchen, das am selben Tag an Bord gekommen war, um die Säcke zu flicken. Unter der angegebenen Adresse ist keine Maria zu finden. Doch statt aufzugeben, suchen sie weiter: Und so führt unser Erzähler die Seeleute gleich ein Hirte die heiligen drei Könige durch die Straßen der Hafenstadt von Haus zu Haus, von Ort zu Ort, von Begegnung zu Begegnung. Doch Maria bleibt unauffindbar, und so verabschieden sich die vier Männer zur späten Stunde und ziehen getrennte Wege…!

Der flämische Schriftsteller Alfons De Ridder veröffentlichte unter dem Pseudonym Willem Elsschot im Jahre 1946 diese unspektakulär anmutende Erzählung, die 1948 sogar mit dem belgischen Staatspreis ausgezeichnet wurde. Auf knapp 90 Seiten in einem kleinen Büchlein folgen wir den Männern durch das nächtliche Antwerpen auf der Suche nach einer Vision. Die unbekannte Maria gleicht einem Irrlicht (Originaltitel der Geschichte: Het dwaallicht), verspricht die Verheißung und steht als Sinnbild für die Träume und Wünsche aber auch für die Enttäuschungen, die die Protagonisten auf ihrer Wanderschaft erleben müssen.

Denn die Reaktionen der Mitmenschen, denen sich die ausländischen Matrosen aussetzen, fallen recht unterschiedlich aus: Sie erhalten dort Unterstützung, wo sie es nicht erwartet hätten, und erfahren Ablehnung, wo sie nicht damit rechnen. Elsschot beschreibt manche Einheimische wenig schmeichelhaft (Zitat: „Ein würdiges Exemplar des Herrenvolkes, das wir Weißen schließlich sind.“) und demaskiert sie, indem er ihnen beschämende Worte des Fremdenhasses in den Mund legt.

Da fungiert unser Ich-Erzähler dankenswerter Weise als ausgleichender Katalysator, der für Menschlichkeit und Toleranz steht und eine wohltuende Wandlung vom widerwillig Helfenden zum engagierten Unterstützer vollzieht. Der Autor porträtiert seine „heiligen drei Könige aus dem Morgenland“ äußerst respektvoll und lässt sie die Menschen in ihrem Umfeld mit Höflichkeit begegnen. Zwischen diesen Männern aus zwei unterschiedlichen Kulturen entspinnt sich ein Gespräch über Glaube, Liebe und Familie. Ethnische Unterschiede treten zutage, und Lebensentwürfe werden verglichen, was in gegenseitiger Akzeptanz mündet. Und so trennen sie sich am Ende nicht unbedingt als Freunde doch durchaus als sich gegenseitig Verstehende,…

…und Maria? Sie bleibt nebulös im Verborgenen, und Esschot verrät uns nicht, für welche Maria sie sinnbildlich steht (die Heilige oder die Hure). Das bleibt der Interpretation des Lesers überlassen.

Knapp 90 Seiten in einem kleinen Büchlein: Manchmal braucht eine Geschichte nicht mehr, um sich gänzlich zu entfalten, seine Leserschaft zu fesseln und zum Nachdenken anzuregen!


erschienen bei Unionsverlag/ ISBN: 978-3293004108 / Neuauflage erschienen bei Unionsverlag/ ISBN: 978-3293005648

[Rezension] René Goscinny – Weihnachten mit dem kleinen Nick/ mit Illustrationen von Jean-Jacques Sempé

Als ich selbst noch Kind war (Mir fällt gerade auf, dass ich bei der diesjährigen „Lektüre zum Fest“ recht häufig einen Blick in die Vergangenheit werfe!), waren meine Klassenkameraden von „Der kleine Nick“ ganz begeistert: „Das ist sooo lustig! Das musst Du unbedingt lesen!“ So lieh ich mir aus der Gemeindebücherei eines der vielen Nick-Bücher aus, begann zu lesen und fand es gar nicht sooo lustig. Was – bitteschön – sollte daran nun so witzig sein? Ich las das Buch erst gar nicht zu Ende, sondern brachte es enttäuscht in die Bücherei zurück.

Jahrzehnte später (2009) saß ich mit meinem Mann im Kino, und endlich erlag ich dem Charme vom kleinen Nick. Den Heimweg konnten wir nur in Etappen zurücklegen, da wir – vor Lachen geschüttelt – immer wieder die Fahrt unterbrechen mussten und uns somit nicht auf den Verkehr konzentrieren konnten. Und trotzdem griff ich auch danach nicht zum Buch: Die Erinnerung an die Enttäuschung in der Kinderzeit war wohl noch sehr präsent!

Doch in diesem Jahr lasse ich Enttäuschung Enttäuschung sein und taste mich „todesmutig“ mit „Weihnachten mit dem kleinen Nick“ an seine Welt heran. Schon bei der Eröffnungsgeschichte, in der Nick einen Wunschzettel an den Weihnachtsmann schreibt und selbstlos sich selbst nichts wünscht, kichere ich entzückt vor mich hin. Bei den lebhaft geführten Diskussionen der Kinder auf dem Schulhof, wer nun welches Geschenk vom Weihnachtsmann bekommt und wessen Geschenk am meisten Eindruck schindet, lachte ich mehrfach laut auf. Ich fühlte mich ein wenig ertappt, als ich von den Tücken des Weihnachtsbaum-Kaufs am Heiligabend las, denn gemeinsam mit dem Baum kann auch schnell die häusliche Stimmung kippen. Beinah empfand ich Mitleid mit Nicks Papa, der mit einer starken Erkältung lieber ins Büro geht, da er nur dort seine Ruhe hat und sich so ordentlich auskurieren kann.

René Goscinny schaute den liebenswerten Gören sehr genau auf’s Maul und traf deren kindlichen Ton genial: In ihrer schlichten und naiven Art erklären Nick und seine Freunde uns die Welt, hinterfragen die Handlungen der Erwachsenen und führen so einiges „ad absurdum“. Dabei steckt hinter ihren Taten weder Böswilligkeit noch ein spontaner, unbedachter Aktionismus, – Nein! Nein! – denn vor der Tat werden sich tiefschürfende Gedanken gemacht. Ihre Beweggründe sind aus ihrer Sicht absolut logisch, haben Hand und Fuß und somit ihre Berechtigung. Schließlich können sie ja nichts dafür, dass die Erwachsenen diese Logik nicht begreifen. Jean-Jacques Sempés Illustrationen fangen diesen kindlichen Zauber wunderbar ein, sind pointiert, humorvoll und absolut liebenswert. Gemeinsam mit dem Text bilden die Zeichnungen eine berückende Einheit.

Nachdem ich nun einen Blick auf die Original-Vorlage werfen durfte, wuchs meine Hochachtung auf die Filmemacher, die so liebevoll detailreich Nicks Welt auf Zelluloid gebannt haben. Wie schon im Film waren auch in den Geschichten zwei Personen meine beiden heimlichen Helden: Chlodwig und der Hühnerbrüh! Insgesamt zehn Geschichten vom kleinen Nick und seinen Freunden versammeln sich in diesem weihnachtlichen Band, und ich fand sie alle „Echt prima!“

Doch wieso gefielen sie mir nicht, als ich selbst noch ein Kind war? Ich kann es mir nur so erklären: Die kindliche Logik von Nick und seinen Freunden entsprach damals meiner eigenen kindlichen Logik. Die Denkweise der Figuren erschien mir völlig normal, und so konnte ich den Humor nicht verstehen. Heute ist es anders: Heute schließe ich mich der Meinung meiner Klassenkameraden von damals an und gestehe begeistert:

„Das ist sooo lustig!“


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257011807

[Rezension] Französische Weihnachten/ herausgegeben von Annette Wassermann & Italienische Weihnachten/ herausgegeben von Klaus Wagenbach

Andere Länder andere Sitten! Oder auch: Andere Länder andere Weihnachts-Rieten! Das kann auch die moderne Globalisierung nicht verhindern. Nie waren wir uns so „nah“ (!) wie heute. Via Internet kommunizieren wir mit der ganzen Welt und haben dank Social Media überall „Freunde“. Manches wirkt dabei auf mich recht oberflächlich und wie auf Massenkompatibilität getrimmt, denn nur dann gibt es von den Mitgliedern der Community einen „Daumen hoch“. Gleichheit ist so herrlich unangestrengt!

Ich will mich aber anstrengen – gerne sogar! Ich will auch keine Gleichheit, – im Gegenteil – ich will es bunt, abwechslungsreich und vielfältig. Ich will die ganze kulturelle Bandbreite. Ich will andere Menschen und ihre Kulturen kennenlernen und mit ihnen in Beziehung treten. Denn in Beziehung treten, bedeutet, sich mit Menschen auseinandersetzten, und das macht Arbeit! Ich will mir von anderen Kulturen gerne das abgucken, was mir gefällt und mich dabei trotzdem auf meine Wurzeln besinnen. Denn ich habe eine eigene Identität, die sich u.a. aus Genen, Wissen und Erfahrungen zusammensetzt und mit der familiären Vergangenheit verknüpft ist.

Weihnachten ist ein wunderbares Paradebeispiel für Vielfalt: In vielen Ländern der Erde wird die Geburt Jesu Christie mit diesem Fest gefeiert. Viele Völker dieses Erde feiern somit aus dem gleichen Grund und doch wieder recht unterschiedlich. Ein Blick zu unseren europäischen Nachbarn genügt…!

In „Französische Weihnachten“ gibt Herausgeberin Annette Wassermann uns einen vielfältigen Querschnitt der französischen Literaturszene u.a. mit Erzählungen von Olivia Rosenthal, Leila Slimani, Colette, Marcel Pagnol oder Michel Houellebecq. Irgendwie dachte ich bei Weihnachten in Frankreich (Achtung: Klischee) an verschneite Gassen in Paris und „Savoir-vivre“ in federleichte Worte verpackt. Diese Anthologie offenbart uns sozusagen eine andere Seite der französischen Seele. In den Geschichten dreht sich alles um Beziehungen (Geht es nicht immer um Beziehungen?): Mutter/Vater vs. Tochter/Sohn, Ehefrau vs. Ehemann, Geliebte vs. Geliebter, Schwester/Bruder vs. Bruder/Schwester und.so.weiter.und.so.fort! Die Erzählungen speisen sich aus der Melancholie des Vergänglichen und aus den Erinnerungen der Vergangenheit. Vieles bleibt unausgesprochenes. Es wird getan, als freue man sich über die Geschenke, da sich über Geschenke gefreut werden muss – es gehört sich so! Und wie überall auf der Welt, wenn Menschen, die sich als Familie bezeichnen, zusammenkommen, wird viel zu viel geredet und viel zu wenig gesagt.

Auch in den Geschichten in „Italienische Weihnachten“ dreht sich vieles um Beziehungen. Doch Herausgeber Klaus Wagenbach wählte für seine Sammlung auch Werke aus, in denen es eher mystisch und märchenhaft und durchaus auch humorvoll zugeht. Da hat durchaus das südländische Temperament der Italiener seinen Einfluss auf die Sicht der Dinge. Zudem resultiert der Witz in einigen Geschichten aus der Absurdität in alltäglichen Begebenheiten und dem scheinbaren Hang der Italiener zur Dramatisierung. Hier wird (im Vergleich zu den Franzosen) prinzipiell über alles gesprochen, und dies erfolgt möglichst temperamentvoll. Autor*innen wie Sebastiano Vassalli, Andrea Camilleri, Natalia Ginzburg, Leonardo Sciascia und Laura Mancinelli kreierten Erzählungen zwischen Fiktion und Realität, zwischen Moderne und Tradition.

Beiden Anthologien sind gemein, dass sie weder anbiedernd gefällig daherkommen noch leicht-bekömmliche Fast-Food-Kost anbieten. Dem Leser wird die Auseinandersetzung mit dem Gelesenem abverlangt, und dies kann durchaus die Erinnerung an eigene Erfahrungen wiederaufleben lassen. Diese Erzählungen eignen sich nur bedingt als launige Feiertagslektüre unter dem Tannenbaum: Sie sind erwachsen.


erschienen bei Wagenbach Salto/ ISBN: 978-3803113467 (Französische Weihnachten) & ISBN: 978-3803113221 (Italienische Weihnachten)