[Oper] Sergei Prokofjew – DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Sergei Prokofjew / Libretto vom Komponisten und Vera Janacópulos / nach Wsewolod Meyerholds Adaption eines Stückes von Carlo Gozzi / deutsche Textfassung von Werner Hintze / reduzierte Orchestrierung von Philipp Haag // in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 13. September 2025 / besuchte Vorstellung: 16. Oktober 2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG & BÜHNE Julius Theodor Semmelmann
KOSTÜME Devin McDonough
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Regina Wittmar
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Ja, Donnerlittchen! Potz Blitz! Himmel, Arsch und Wolkenbruch! Was ist denn hier passiert? Welche halluzinogenen Substanzen hatte sich Komponist Sergei Prokofjew eingeworfen, bevor er diesen überdrehten Spaß zusammenschusterte? Oder gönnte er sich – nachdem er aufgrund der Oktoberrevolution in Russland Exil in den USA suchte – die Freiheit, mit allen Opern-Konventionen zu brechen? Gemäß dem Motto „Neues Land – neues Glück: Ich erfinde mich neu!“.

Alles, was sich der durchschnittliche Opernkonsument von einer Oper erhofft, wird bei DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN gänzlich gegen den Strich gebürstet. Ouvertüre: Fehlanzeige! Koloraturarie und Tenorschmelz: Fehlanzeige! Gassenhauer: Fehlanzeige! Logik: Fehlanzeige! Realismus (Okay! Kann beim Genre Oper manchmal durchaus hinterfragt werden.): Fehlanzeige!

Und Regisseur und Bühnenbildner Julius Theodor Semmelmann machte sich noch nicht einmal die Mühe, irgendeinen Sinn aus dieser kruden Geschichte herauszukitzeln (Frechheit!). Es darf übertrieben werden! Es darf so übertrieben werden, dass es manches Mal beim Zuschauen beinah schmerzt! Es muss übertrieben werden!

Doch werfen wir zum besseren Verständnis (oder zur gänzlichen Verwirrung) einen Blick auf die so genannte (!) Handlung:

PROLOG Im Theater kracht es. Das Publikum ist sich uneinig, welches Stück gespielt werden soll. Die Bühnentechniker bringen Ordnung ins Chaos. Heute Abend: Die Liebe zu den drei Orangen. // 1. AKT Im Palast gibt es nichts zu lachen. Zumindest nicht für den Prinzen, der trübselig im Bett liegt und keinen Spaß versteht. Truffaldino soll ihn aufmuntern – bisher ohne Erfolg. In einem albtraumhaften Kartenspiel unterliegt der gute Magier Tschelio der bösen Zauberin Fata Morgana. Währenddessen schmieden Prinzessin Clarice und ihr Handlanger Leander Pläne für den Sturz der Königsfamilie. // 2. AKT Im Palast wird gefeiert. Der Prinz soll mit einem absurden Fest geheilt werden. Im Tumult mit Truffaldino geht Fata Morgana zu Boden – und der Prinz lacht! Im Zorn verwünscht die Zauberin diesen: Er soll sich in drei Orangen verlieben. Trotz aller Warnungen macht sich der Prinz mit Truffaldino auf die Reise. // 3. AKT Im Rückenwind des Luftgeists Farfarello erreichen der Prinz und Truffaldino das Zauberschloss der Riesin Cremona. In der Küche bewacht die Köchin die drei Orangen. Mit der Hilfe des Zauberers überlisten der Prinz und Truffaldino diese, schnappen sich die Früchte und ziehen in die Wüste. Durstig und erschöpft öffnet Truffaldino heimlich zwei Orangen, die sich als die verzauberten Prinzessinnen Linetta und Nicoletta entpuppen – und kurzerhand verdursten. Aus der dritten Orange schlüpft Prinzessin Ninetta. Eine plötzlich erscheinende Wasser-flasche ist ihre Rettung. Der Prinz ist verliebt. Listig verzaubert Fata Morgana die Prinzessin in eine Ratte und ersetzt sie durch Smeraldina als falsche Braut. Tschelio und Fata Morgana streiten erneut. // 4. AKT Im Palast wird Hochzeit gefeiert. Die Pläne von Fata Morgana werden durchkreuzt. Tschelio verwandelt die Ratte zurück in Ninetta. Dieses Märchen kennt ein glückliches Ende. Vielleicht sogar für arglose Bösewichte.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Im Vergleich zu seinen bekannteren Werken – beispielsweise zum später entstandenen Musikmärchen PETER UND DER WOLF (1936) – ist DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN nicht das Werk von Prokofjew, das aufgrund seiner eingängigen Melodien in meinem Gedächtnis haften bleiben wird. Aus dem Orchestergraben musizierte das Philharmonische Orchester Bremerhaven unter der Leitung von Marc Niemann natürlich wieder auf höchstem Niveau, und auch die Solist*innen, der Opernchor sowie der Extrachor zeigten eine so wunderbar ausgewogene Ensembleleistung, dass man es mir verzeihen möge, wenn ich den musikalischen wie gesanglichen Aspekten diesmal weniger Beachtung schenke.

Vielmehr gab es inszenatorisch und somit auch darstellerisch so viel zu sehen, dass ich kaum entscheiden konnte, wohin ich zuerst blicken sollte, und Gefahr lief, mir einen Tennis-Nacken einzufangen. Julius Theodor Semmelmann hat die imaginäre 4. Wand gnadenlos zum Einstürzen gebracht: Schon vor Beginn trudelten peu à peu die Sängerinnen des Chores im Zuschauersaal ein, um – kaum vom realen Publikum zu unterscheiden – in der ersten Reihe Platz zu nehmen. Doch kaum hatte die Vorstellung begonnen, erhob sich aus besagter Reihe lautstark Protest und gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen, die aus dem Foyer hinzukamen, stürmten sie die Bühne. Dort hatte Semmelmann den Zuschauersaal über die Bühne hinweg verlängert, indem er die Konzert-Muschel, die normalerweise zwecks Verbesserung der Akustik bei philharmonischen Konzerten zu Einsatz kommt, frecherweise zum Königspalast umfunktioniert: das königliche Bett in die Mitte, Lüster drüber und fertig. Doch die erste Reihe blieb nicht ungenutzt: Auch einige Solist*innen durften dort im Laufe der Vorstellung Schutz suchen und boten dem Publikum so die Gelegenheit, die exaltierten Kostüme und Frisuren von Devin McDonough näher in Augenschein zu nehmen.

Semmelmanns Inszenierung ist gespickt mit kruden Ideen und aberwitzigen Details, die meine Phantasie beflügelten und mich animierten, ebensolchen wirren Mumpitz in einige Szenen hinein zu interpretieren. Beispiele gefällig? Sehr gerne!

  • Wenn eine studierte Harfenistin sich an der Alt-Panflöte abarbeitet.
  • Wenn beim Film-mäßigen Vorspann – statt der brüllende MGM-Löwe – ein ORANG-Utan (!) von der Leinwand lächelt.
  • Wenn Prinzessin Clarice sich probeweise die Hermelinschärpe vom Königsmantel um die Schulter wirft, obwohl der König noch im Mantel steckt.
  • Wenn die Köchin per Kamera auf eine große Leinwand, vor der Truffaldino agiert, übertragen wird, und so die Illusion entsteht, die Riesin würde den kleinen Zwerg in die Pfanne hauen.
  • Wenn ich meine im Küchen-Bild der Köchin, freche Easter-Eggs zu entdecken.
  • Wenn der ehrwürdige Magier Tschelio plötzlich in seiner schättrigen Long John Cowboy-Unterwäsche vor dem Publikum steht.
  • Wenn der Luftgeist Farfarello so aufgeblasen auftritt, dass selbst sein Kostüm wie ein Luftballon anschwillt.
  • Wenn die Zauberin Fata Morgana von den Bühnenarbeitern betäubt und in eine Plastikplane gehüllt wird, bei deren Anblick mir prompt der Werbe-Slogan einer Gefrierbeutel-Marke in den Sinn kommt.
  • Wenn eine wilde Verfolgungsjagd mit allen Beteiligten zu einer irrwitzigen Slapstick-Szene wie aus „Väter der Klamotte“ mutiert.
  • Wenn…! Wenn…! Wenn…!

Und ich bin sehr sicher, dass mir bei einem zweiten Besuch der ORANGEN noch viele weitere Details auffallen würden.

Und das Ensemble nutze diese Möglichkeit zur schamlosen Übertreibung mit spürbarer Freude hemmungslos aus: Timothy Edlin wirkte als KÖNIG TREFF so introvertiert ehrwürdig und gleichzeitig so grau und farblos, als wäre er von einer Krankheit betroffen und nicht sein Sohn, der frisch und gesund seine hypochondrische Depression pflegte. Als herrlich schräge KÖCHIN à la Julia Child war Edlin dann extraordinär-extrovertiert und ging darin gänzlich aus sich heraus. Weilian Wang zeigte als PRINZ „der traurigen Gestalt“ seine hypochondrische Depression so bewundernswert konsequent in Körperhaltung und Mimik, dass mich ein kurzzeitig auftauchendes Lächeln auf seinem Gesicht völlig irritierte. Victoria Kunze bot an der Alt-Panflöte ein komödiantisches Kabinettstückchen, um dann als PRINZESSIN NINETTA (Orange Nr. 3) völlig sphärisch wie von einem anderen Stern zu sein. Andrew Irwin gab TRUFFALDINO mit vollem Körpereinsatz und dem burlesquen Charme eines Schmierenkomödianten. Boshana Milkov hauchte PRINZESSIN CLARICE alle nötigen Attitüden einer waschechten, karrieregeilen Intrigantin à la Lucrezia Borgia ein, gefiel aber auch in der kleinen Partie der PRINZESSIN LINETTA (Orange Nr. 1). LINETTAs Handlanger LEANDER lieh Kai Preußker seine männlich-markante Gestalt, der – stets auf seinen Vorteil bedacht – auch schamlos mit FATA MORGANA flirtete. Meredith Hoffmann-Thomson gab FATA MORGANA im glamourösen 50er Jahre Hollywood-Outfit mit divenhafter Exaltiertheit. Ihren Kontrahenten ZAUBERER TSCHELIO versuchte Frederic Mörth erfolglos würdevoll erscheinen zu lassen und scheiterte bereits daran, seinen festgeklemmten Zauberstab aus dem Bühnenboden zu befreien. Marcin Hutek wirkte als PANTALON, der rechten Hand von KÖNIG TREFF, bemitleidenswert überfordert und somit kurz vor dem Nervenzusammenbruch, war dafür als FARFARELLO (im wahrsten Sinne des Wortes) ganz wunderbar aufgeblasen. Katharina Diegritz verkörperte die undankbare Rolle der SMERALDINA mit Souveränität: Immer dann, wenn die Handlung neue Impulse brauchte oder eine Wendung benötigte, war SMERALDINA zur Stelle. Auch die entzückende PRINZESSIN NICOLETTA (aka Orange Nr. 2) von Minji Kim und der jugendliche, hochmotivierte ZEREMONIEMEISTER von Anton Kononchenko sollen nicht unerwähnt bleiben.

Bedauerlicherweise blieben bei der von mir besuchten Vorstellung viele Plätze im Zuschauerraum unbesetzt. Jaja, mit dem Humor ist es halt so eine Sache: Je weniger massenkompatibel der gezeigte Humor ist, umso schwerer lassen sich Menschen für ihn begeistern, bzw. umso weniger sind sie bereit, sich dem Unbekannten zu stellen.

Mein Humorzentrum hingegen wurde an diesem Abend ganz wunderbar wachgekitzelt und entlockte noch auf dem Heimweg meiner Kehle wieder und wieder ein amüsiertes Gekicher.


Vitamine sind ja so gesund – besonders im Herbst: Darum darf von diesen Frücht(ch)en weiterhin genascht werden. Noch bis zum Ende des Jahres steht DIE LIEBE ZU DEN FREI ORANGEN auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. 

[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2025/2026 / Stadttheater Bremerhaven

mit dem Marsch Nr. 1 aus der SUITE FÜR JAZZORCHESTER NR. 2 von Dimitri Schostakowitsch sowie Arien, Songs und Musiken von Emmerich Kálmán, Sergei Prokofjew, Guiseppe Verdi, Antonio Vivaldi, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, Vincenco Bellini, Stephen Sondheim und Erich Wolfgang Korngold

mit Ausschnitten aus SEIN ODER NICHTSEIN von Nick Whitby, DIE BAGAGE von Coco Plümer (nach Monika Helfer), 20.000 MEILEN UNTER DEM MEER von Justine Wiechmann (nach Jules Verne), TROJA! BLINDE PASSAGIERE IM TROJANISCHEN PFERD von Henner Kallmeyer, FÜNFTER SEIN von Inda Buschmann und JUB-Ensemble

sowie aus den Balletten DIE VIER JAHRESZEITEN und DER NUSSKNACKER von Alfonso Palencia

Premiere: 30. August 2025 / besuchte Vorstellung: 30. August 2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
CHOR Edward Mauritius Münch
SZENISCHE EINRICHTUNG Annika Ellen Flindt
MODERATION Lars Tietje, Marc Niemann, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia, Markus Tatzig

Musiktheater: Timothy Edlin, Meredith Hoffmann-Thomson, Marcin Hutec, Andrew Irwin, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Weilian Wang
Ballett: Marco Maronglu, Dawon Yang und Ballettkompagnie
Schauspiel: Frank Auerbach, Anna Caterina Fadda, Leon Häder, Angelika Hofstetter, Julia Lindhorst-Apfelthaler, Alexander Smirzitz und Marc Vinzing
JUB: Ümran Algün, Sander Lybeer, Coco Plümer und Tobias Sill
Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


Wie schön, dass diese furchtbare theaterlose Zeit nun (vorerst) vorbei ist!

Hatte ich mich zwar – wie auch schon in den vergangenen Jahren – mit der entsprechenden Lektüre versucht zu trösten und bin so zwischen zwei Buchdeckeln auf kultureller Wanderschaft gegangen, so war dies doch eher ein schwacher Ersatz für einen Besuch in einem echten Theater. Und so fieberte ich dem vergangenen Wochenende, an dem mein Stammtheater zwei Tage lang den Saison-Beginn zelebrieren sollte, voller Freude und Neugier entgegen.

Äußerst schwungvoll eröffnete GMD Marc Niemann und das Philharmonische Orchester Bremerhaven mit dem Marsch Nr. 1 aus der SUITE FÜR JAZZORCHESTER NR. 2 von Dimitri Schostakowitsch die Gala. Beinah schien es, als hätte der Komponist versucht, alles Militärische in diesem Marsch spielerisch zu ironisieren. Es wird die letzte Spielzeit von Marc Niemann am Hause sein: So kann BRÜCKEN, der Titel der kommenden Konzert-Saison wohl programmatisch interpretiert werden. Doch er hat in den vergangenen Jahren „das Feld“ (aka das Orchester) gut bestellt und mit Davide Perniceni und Hartmut Brüsch zwei feste Stützen am Haus, die auch an diesem Abend zeigten, dass sie das Philharmonische Orchesters souverän zu leiten verstanden.

Auch in diesem Jahr ließ es sich Intendant Lars Tietjen nicht nehmen, die Gala eloquent zu moderieren und uns somit durch den Abend zu geleiten. „Schützenhilfe“ erbat er sich von den jeweiligen Sparten-Leitungen Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia, die das Programm gemeinsam mit den Künstler*innen zusammengestellt hatten und so noch viele zusätzliche Informationen zu den entsprechenden Programmpunkten beisteuern konnten.

„So viele Komödien wie in dieser Spielzeit, spielen wir sonst nie“ meinte Peter Hilton Fliegel beinah entschuldigend und fügt hinzu, dass genau diese Art von Komödien so wichtig sei, da sie diejenigen verspottet, die unsere Freiheit bedrohen. Eingedeckt mit diesem Hintergrundwissen erhielt die Szene aus Nick Whitbys SEIN ODER NICHTSEIN, mit der das Schauspiel die Saison im großen Haus einläutet, eine zusätzliche Würze. Julia Lindhorst-Apfeltahler und Marc Vinzing boten einen pointiert-ironischen wie auch amüsanten Ausschnitt aus dieser wohl herrlich doppelbödigen Komödie.

Mit ihrer aparten Erscheinung und der Arie „Heia, in den Bergen ist mein Heimatland“ aus DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN von Emerich Kálmán stellte sich Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson dem Bremerhavener Publikum vor. Gemeinsam mit dem bestens aufgelegten Opernchor unter der Leitung von Edward Mauritius Münch bot sie reichlich Operetten-Seligkeit.

Dann betrat ein schlanker Jüngling die Bühne und überraschte mit seiner vollen Stimme: Bassbariton Timothy Edlin überzeugte gemeinsam mit Andrew Irwin in einer drolligen Szene aus der Oper DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN von Sergei Prokofjew, die Lust auf mehr machte.

Auch der letzte Neu-Zugang im Opern-Ensemble überzeugte auf ganzer Linie: Weilian Wang präsentierte bei „Lunge da lei … O mio rimorso!“ aus LA TRAVIATA, all das, was ich mir von einer tragfähigen, schön timbrierten Tenor-Stimme erhoffe.

Einer der Höhepunkt der jährlichen Gala ist stets die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. Die Namensgeberin, die in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts selbst im Ensemble des Stadttheaters Bremerhaven war, hätte in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert. Zudem vergab die Stiftung bereits seit 20 Jahren diesen nach ihr benannten Preis. Anlass genug, ihr Leben in Wort und Bild durch die/den frühere*n Preisträger*in Julia Lindhorst-Apfelthaler, Victoria Kunze und Mark Vinzing Revue passieren zu lassen.

In den vergangenen Jahren habe ich im Vorfeld immer gerätselt, wer den Preis erhalten könnte. Längst habe ich dies aufgegeben und lasse mich an dem Abend gerne überraschen. Wobei Insider, die einen wissenden Blick auf das Programm werfen, natürlich klar im Vorteil sind: Die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass der Programmpunkt, der nach der Verleihung an der Reihe ist, im direkten Zusammenhang mit dieser steht. Auch in diesem Jahr traf es zu: Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia, Assistent Bobby Briscoe und die Tänzer*innen der Ballettcompagnie durften diesen Preis für ihre herausragende künstlerische wie tänzerische Leistung in der vergangenen Spielzeit entgegen nehmen. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Direkt im Anschluss zeigte die Compagnie ihre Kunst in einem Ausschnitt aus dem Ballett zu DIE VIER JAHRESZEITEN aus der Saison 2023/2024. Mit dem „Pas de deux“ aus DER NUSSKNACKER begeisterten Dawon Yang und Marco Maronglu voller Grazie, Kraft und Anmut und machten Lust auf Tschaikowskis Märchenballett, dass im Oktober im Großen Haus zur Premiere kommt.


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Im JUB – Junges Theater Bremerhaven steht mit TROJA! BLINDE PASSAGIERE IM TROJANISCHEN PFERD von Henner Kallmeyer anscheinend eine sehr vergnügliche „Geschichtsstunde“ auf dem Programm, wie uns Coco Plümer, Tobias Sill und Sander Lybeer nachdrücklich bewiesen. Zu dem danach folgenden Auszug aus FÜNFTER SEIN gesellte sich zusätzlich Ümran Algün mit einem charmanten Auftritt zu ihren Kolleg*innen vom JUB.

Im kleinen Haus feiert bald DIE BAGAGE nach dem Roman von Monika Helfers seine Premiere. Diese Bühnenfassung wurde von JUB-Schauspielerin Coco Plümer erstellt und kommt somit als Erstaufführung auf die Bühne. Anna Caterina Fadda, Leon Häder und Angelika Hofstetter gaben einen sehr intensiven Einblick von der ersten Szene des Stücks.

„Romeo & Julia III.“: Nachdem in den vergangenen Jahre sowohl der Klassiker von Shakespeare als auch das Ballett mit der Musik von Prokofjew auf einer der Bühnen des Stadttheaters zu sehen war, scheint der Weg zur Opern als logische Folge unausweichlich. Als konzertante Fassung wird I CAPULETI E I MONTECCHI von Vincenzo Bellini den Spielplan bereichern. Sopranistin Victoria Kunze kleidete bei der Romanze „Oh! Quante volte“ Julias Sehnsucht nach ihrem Liebsten in feinen lyrischen Gesangslinien voller sanfter Melancholie.

Mit SWEENEY TODD von Stephen Sondheim steht in dieser Saison ein grandioses Werk aus dem Musical-Kanon auf der Agenda des Stadttheaters Bremerhaven. Wie feinsinnig, subtil und gleichzeitig lustig Musical sein kann, das beweist nicht nur dieses Werk sondern auch die Interpretin bzw. der Interpret. Nuanciert, mit schlichter Zurückhaltung und zartem Schmelz besang Tenor Andrew Irwin als Anthony seine große Liebe „Johanna“. Voller Spielfreude schlüpfte Mezzosopranistin Boshana Milkow in die Rolle der Mrs. Lovett und versuchte schlitzohrig und mit deftigen Charme „Londons schlimmste Pasteten“ unter das Volk zu bringen (Oder doch eher das Volk unter die Pasteten?). Beide meisterten sie grandios die Tücken der anspruchsvollen Partitur.

Apropos „schlichte Zurückhaltung“: Für die Arie „Mein Sehnen, mein Wehnen“ aus DIE TOTE STADT von Erich Wolfgang Korngold schien die lyrische Stimme des Baritons Marcin Hutek geradezu prädestiniert zu sein. Hier bewahrheitete sich abermals das Motto „weniger ist mehr“, denn nicht jedes Musikstück gewinnt durch eine auftrumpfende Stimme.

Doch dank LA TRAVIATA muss auf die große Oper in dieser Saison nicht verzichtet werden: Bevor Victoria Kunze und Weilian Wang mit „Libiamo, ne´lieti calici“ das ganz große Opern-Besteck auspackten, glänzte der Opernchor bei „Cori di Zingarelle/Mattadori“ in schönster stimmlicher Pracht.

Wie ein prall gefüllter Korb mit vielfältigen Leckereien präsentierte das Stadttheater Bremerhaven sein Programm zur Spielzeit 2025/2026 und lockte so verführerisch, dass ich mit Sicherheit das eine oder andere kulturelle Häppchen davon naschen werde.


THEATERFEST 2025 Nur wenige Stunden später lud das Stadttheater Bremerhaven zum Theaterfest ein, öffnete alle seine Türen und präsentierte ein buntes Programm vor, auf, hinter und neben der Bühne, u.a. mit Führungen, Mini-Konzerte, Besuch der Werkstätten, Einblicke in Proben, Kostümverkauf und vielen Mitmach-Aktionen. Da fiel es mir wahrlich schwer, eine Auswahl zu treffen, und ich musste aufpassen, dass es nicht zu einem Theater-Marathon ausartete. Glücklicherweise ist bei mir ein „Programmpunkt“ zwecks Regeneration jedes Jahr fest gesetzt: Der Besuch des Kuchenbüfetts der Landfrauen! 😉

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Mit der Eröffnungsgala und dem Theaterfest beginnt offiziell die SAISON 2025/2026 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit einem vielfältigen Programm begeistert.

[Oper] Jüri Reinvere – PEER GYNT (UA) / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Jüri Reinvere / Libretto vom Komponisten nach dem gleichnamigen Schauspiel von Henrik Ibsen // Uraufführung der originalen deutschsprachigen Fassung / in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 3. Mai 2025 / besuchte Vorstellung: 25. Mai 2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG & BÜHNE Johannes Pölzgutter
KOSTÜME & VIDEO Tassilo Tesche
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ BÜHNE & KOSTÜME Mina Purešić
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham & Tonio Shiga
INSPIZIENZ Regina Wittmar
SOUFFLAGE Mahina Gallinger
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Tyler Wefer 


Mit „Es war eine Herausforderung,…“ habe ich hier schon den einen oder anderen Beitrag begonnen, um dann den Satz mit „…der ich mich gerne gestellt habe!“ zu beenden. In diesem Fall stimmte der erste Teil des Satzes vollumfänglich. Doch beim zweiten Teil des Satzes muss ich leider attestieren „Nein, ich habe es nicht gerne getan!“.

Die Oper PEER GYNT von Jüri Reinvere war für mich – Hm! Wie umschreibe ich es am besten? – verwirrend? …verstörend? …belastend?

Noch nie habe ich eine Opernkomposition gehört, bei der die Töne so schräg und (in meiner Wahrnehmung) willkürlich aneinander gereiht wurden, wie es bei diesem Werk der Fall war. Melodik? Fehlanzeige! So manches Mal fragte ich mich, ob es noch Töne seien oder doch eher nur Krach. Zumal diese massive Disharmonie auch physische Reaktionen bei mir auslösten: Da brach unvermittelt der Schweiß bei mir aus, und ich spürte, wie meine Nackenmuskulatur sich zunehmend verspannte. Als ein Mensch, der öfter unter Migräne zu leiden hat, reagiere ich bedauerlicherweise sensibler auf eine laute Geräuschkulisse und vermeide darum nach Möglichkeit, mich allzu viel Lärm auszusetzen. Einige Zuschauer*innen waren nach der Pause nicht mehr zu ihrem Platz zurückgekehrt. Warum ich trotzdem der Oper bis zum Ende beigewohnt habe, lag an dem Respekt, den ich für die Künstler*innen empfand. Zumal mir einige Sängerinnen und Sänger des Ensembles persönlich bekannt sind, und ich sowohl sie wie auch das restliche Ensemble für deren Leistung sehr bewundere.

Die Oper wurde zwar auf Deutsch vorgetragen, doch aufgrund der ungewöhnlichen Formulierungen, der fragwürdigen Betonungen und einem Gesang, der manchmal an der Grenze zum Schreien kratzte, war die Sprache irgendwann nebensächlich. Zudem manche für mich unlogische Antwort/Reaktion bei den Duetten (Ich nenne es mal so, da mir kein besserer Begriff einfällt.) bei mir für zusätzliche Verwirrung sorgte.

Apropos Verwirrung:

Peer Gynt ist ein Aufschneider. Ein Fantast. Ein Träumer. Seine Geschichten sind größer als das Leben im norwegischen Dorf. Auf einer Hochzeit überschreitet er alle Grenzen: Er reißt Ingrid, die Braut eines anderen, mit sich in den Wald. Sie scheint ihm zu verfallen. Doch Peer stößt sie von sich. Er flieht in die Berge. Im Reich der Trolle begegnen ihm groteske Figuren. Peer soll die Grüne heiraten, die triebhafte, animalische Tochter des Trollkönigs. Doch Peer entkommt – vor allem sich selbst. Solveig, ein Mädchen aus dem Dorf, sucht Peer mit dessen Mutter Åse. Geduldig findet sie Verständnis für Peers wankelmütiges Treiben. Sie könnte seine Wahrheit werden. Doch Peer geht wieder. Ein Luftgeist warnt ihn: «Du fliehst nicht.» Doch Peer flieht weiter. Åse stirbt. Peer bleibt allein und verlässt seine Heimat. In Marokko wird Peer Geschäftsmann, Prophet, Betrüger. Man feiert ihn als norwegischen Messias. In Rom sieht er in einem Schlachthaus Menschen, die sich aufgegeben haben. Die Macht der Zerstörung verführt ihn und legt seine brutalen Charakterzüge frei. Solveig erscheint ihm – wie eine Erinnerung an seinen Ursprung. Zerrissen landet Peer in einer Irrenanstalt in Ägypten. Er zweifelt: Wer bin ich? Was ist Wahrheit? Was ist Lüge? Ihm wird vor Augen geführt: Er ist nur ein Denkmal seiner selbst, eine Projektionsfläche für die Möglichkeiten eines gelebten Lebens. Die Grinsekatze erscheint – spöttisch und allwissend. Sie entlarvt Peers Lügen. Er bleibt allein. Zurück in Norwegen gerät Peer auf einen Friedhof. Bei Nacht wird ein junger Mann begraben. Peer ahnt: Dieses Begräbnis gilt auch ihm. Solveig erscheint. Vergangenheit und Gegenwart berühren sich für einen Moment. Die junge Solveig singt ein Schlaflied des Friedens und der Vergebung. In der späten Vereinigung mit seiner Seelenverwandten findet Peer endlich Frieden. Und seine Geschichten Unendlichkeit.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Ob Regisseur und Ausstatter Johannes Pölzgutter eine stringente Inszenierung gelungen ist, mag ich nicht beurteilen, da sich die Handlung alles andere als schlüssig, geschweige denn stringent aufbaut. Vielmehr sind es aneinandergereihte Tableaus, die Pölzgutter auf der Drehbühne um einen offenen Quader herum schuf. Hier sind ihm einige eindrückliche Szenen gelungen, sei es der Auftritt der Trolle, der Tod von Åse, das Marokko-Bild sowie die Szenen im Schlachthaus, im Irrenhaus und auf dem Friedhof. Auch die Projektionen von Tassilo Tesche, die überlebensgroß das Gesicht des Hauptdarstellers auf die Wand warfen, und so PEER GYNTs innere Zerrissenheit bzw. seine ambivalenten Gefühle widerspiegelten, waren sehr gelungen. Tesche war auch für die kreativen Kostüme zuständig.

GMD Marc Niemann stand am Dirigentenpult und lotste mit sicherer Hand Orchester wie Sänger*innen durch die tobenden Wogen der Partitur. Hier möchte ich die Orchestermusiker*innen loben, die hochkonzentriert der Partitur folgten, mit nur wenigen Tönen ihren Beitrag zu diesem Klang-Konglomerat beitrugen, um danach wieder auf den nächsten Einsatz zu warten. Der Orchestergraben war so überfüllt, dass das Percussion-Instrumentarium auf die Seitenbühne ausweichen musste. Ein großes Lob möchte ich auch dem Opernchor, dem Kinderchor sowie dem Extrachor aussprechen, die unter der Leitung von Edward Mauritius Münch aus ihren Stimmen einen beeindruckenden Klangteppich woben und in jeder Szene mit schauspielerischer Präsenz überzeugten.

Die Solist*innenriege bot Bewundernswertes: Michael Müller-Kasztelan verausgabte sich in der Titelrolle PEER GYNT bis zur Erschöpfung, forderte seinen kräftigen Tenor abseits des Schöngesangs, um dann in den ruhigeren Passagen mit feinem Pianissimo zu überraschen. Alle anderen Solist*innen hatten mehrere Rollen zu bewältigen. Kristín Anna Guðmundsdóttir war als INGRID, GRÜNE oder auch ANITRA mit ihrem durchschlagenden Sopran eine ebenbürtige Partnerin zu Müller-Kasztelans PEER GYNT und scheute sich auch nicht vor Töne an der Grenze des Wohlklangs. Boshana Milkov berührte mit ihrem sensiblen Spiel und hüllte ÅSE und die ALTE SOLVEIG in ihren Rolleninterpretationen in einen Mantel voller Melancholie. Victoria Kunze als SOLVEIG bzw. SOLVEIGS ERSCHEINUNG war mit ihrem zarten Sopran nicht nur ein Lichtblick im Leben des PEER GYNT sondern verkörperte auch einfühlsam die Hoffnung und die Unschuld. Ulrich Burdack überzeugte gleich in vier prägnanten Rollen (DER ALTE VOM BERGE aka Trollkönig, VON EBERKOPF, BEGRIFFELDFELDT und FRIEDHOFSWÄRTER) und führte seinen flexiblen Bass scheinbar mühelos durch die Partitur. Marcin Hutek (PFARRER, MONSIEUR BALLON, SCHLACHTER, HUSSEIN und PROBST) und Andrew Irwin (SCHMIED, HERR TRUMPETERSTRALE, HUHU und GEALTETER SCHMIED) zeigten auch in diesen kleineren Rollen ihre solistischen Qualitäten, indem sie jeweils überzeugend sehr individuelle Rollenporträts kreierten. Countertenor Gerben van der Werf als DER LUFTGEIST und GRINSEKATZE gestaltete seine Auftritte sehr geheimnisvoll und wirkte so beinah auf mich, als wäre er der Teufel, der PEER GYNT im Nacken sitzt.

Am Ende der Vorstellung spendete ich voller Überzeugung reichlich Applaus – nicht für das Werk, dafür umso herzlicher für alle Beteiligten. 💖

P.S.: Liebes Team am Stadttheater Bremerhaven, bitte bietet mir weiterhin Stücke abseits des gängigen Repertoires. Doch beim nächsten Mal hoffe ich, dass ich dann den Satz „Es war eine Herausforderung,…“ voller Überzeugung mit „…der ich mich gerne gestellt habe!“ beenden darf. 🙂


So schnell wie er aufgetaucht ist, so rasch verschwindet PEER GYNT auch wieder vom Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Opernabend.

[Musical] Marc Shaiman – CATCH ME IF YOU CAN / Stadttheater Bremerhaven

Musical von Marc Shaiman / Liedtexte von Scott Whitman & Marc Shaiman / Buch von Terrence McNally / Deutsche Fassung von Werner Sobotka / Basierend auf dem gleichnamigen Dreamworks-Film

Premiere: 1. Februar 2025 / besuchte Vorstellungen: 9. Februar 2025 & 15. November 2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni / Edward Mauritius Münch (15.11.)
INSZENIERUNG & CHOREOGRAFIE Till Nau
BÜHNE & KOSTÜME Lukas P. Wassmann
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Frauke Richter

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
CHOREOGRAFISCHE ASSISTENZ Saskia Kiselowa
ASSISTENZ BÜHNE & KOSTÜME Felipe Petik Pasqualotto
DANCE CAPTAIN Ramona Helder
INSPIZIENZ Regina Wittmar


Die Türen im Zuschauersaal waren noch nicht geschlossen, die letzten Nachzügler im Publikum suchten noch nach ihren Plätzen – teilweise mit Unterstützung des Servicepersonals, als der Vorhang sich schon hob und den Blick auf die stilisierte Abflughalle des Miami-Airports freigab. Eine Ansage aus dem Off bat uns, unsere gebuchten Plätze aufzusuchen, uns anzuschnallen und die vorhandenen Kommunikationsmittel auf Flugmodus zu stellen. Nach und nach schlenderten die ersten Passagiere von der Seitenbühne in die „Abflughalle“. Beinah unvermittelt wurden wir in die Geschichte hineinkatapultiert…!

Miami, Florida, 1960er Jahre: Am Flughafen wird Frank William Abagnale Junior, ein gesuchter Hochstapler, von FBI-Agent Carl Hanratty gefasst. Bevor er verhaftet wird, fordert Frank, seine Geschichte erzählen zu dürfen. Die Show beginnt.
New Rochelle, New York: Zu Weihnachten erhält Frank Jr. von seinem Vater ein Scheckbuch und einen Crashkurs in den Geheimnissen der Geschäftswelt. Als er auf eine öffentliche Schule wechseln muss, gibt er sich als Vertretungslehrer aus – sein erster Betrug. Die Ehe der Eltern wird zerrüttet, und Frank Jr. flieht nach New York City, um sich ein neues Leben aufzubauen.
New York City, New York: Frank Jr. entwickelt eine Methode, gefälschte Schecks zu erstellen, die er in Banken im ganzen Land einlöst. Gleichzeitig schlüpft er immer wieder in neue Identitäten. Als er sich als Pilot bei der Pan American World Airways einschleicht, beginnt seine Karriere als Trickbetrüger. FBI-Agent Hanratty verfolgt ihn.
Los Angeles, Kalifornien: Hanratty ist Frank Jr. auf den Fersen. In einem Hotel trifft er einen CIA-Agenten, der Frank Jr. angeblich gerade verhaftet hat. Doch etwas kommt Hanratty komisch vor. An Heiligabend ruft Frank Jr. Hanratty an. Der Agent erkennt, dass Frank im Herzen ein einsames Kind geblieben ist, und gesteht ihm, ebenfalls allein zu sein.
Atlanta, Georgia: Frank Jr. gibt sich als Kinderarzt aus und steigt rasch zum Oberarzt auf. Doch als er sich in die Krankenschwester Brenda Strong verliebt, kommen Zweifel an seinem Leben auf.
New Orleans, Louisiana: Nach kurzem Misstrauen wird Frank Jr. in die Familie Strong aufgenommen. Er gibt sich als Arzt, Anwalt und Lutheraner aus. Kurz vor seiner Verlobung mit Brenda erfährt Frank, dass Hanratty ihn gefunden hat. Er gesteht ihr die Wahrheit.
Miami, Florida, 1960er Jahre: Zurück am Flughafen. Hanratty droht Frank Jr. mit Gewalt, wenn er erneut versucht, zu fliehen. Die Show ist vorbei. Frank William Abagnale Junior wird zu über 10 Jahren Haft verurteilt. Doch er wird vorzeitig entlassen. Das FBI macht ihm ein Angebot: Er soll helfen, andere Trickbetrüger zu fassen. Frank und Hanratty arbeiten nun zusammen. Seltsam aber wahr…!

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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That’s Entertainment!

Regisseur und Choreograf Till Nau serviert sein Musical-Menü mit dem ganz großen Besteck: Da wurde nicht gekleckert, da wurde geklotzt – aus allen Gewerken, die das kleine Theater an der Weser zur Verfügung hatte. Es war deutlich zu merken, dass Inszenierung und Tanz in einer Hand vereint waren: Da gab es keinen Bruch bei den Übergängen. Szene für Szene spulte sich die Handlung rasant vor den Augen des Publikums ab. Neben den großen Show-Momenten, in denen Nau nicht nur dem eigens gecasteten Musical-Ensemble sondern ebenso den Solisten wie dem Opernchor flotte Füße verpasste, gelangen ihm auch die kleinen emotionalen Szenen, die vor allem durch ihre stringente Personenführung überzeugten.

Ausstatter Lukas P. Wassmann stellte eine multifunktionale Show-Treppe incl. verschiedener Spielebenen auf die Bühne und umhüllte diese mit weißen Vorhängen. Was evtl. anfangs wenig innovativ erschien, entpuppte sich auf der Drehbühne mit den passenden Requisiten zu einer raffinierten Spielfläche, wo die Vorhänge äußerst präzise getimt zum Einsatz kamen. Eine Vielzahl an stimmigen Kostümen und Frisuren versprühten den Flair der 60er und überzeugten durch Detailreichtum und eine szenisch abgestimmte Farbgebung. Einzig unsere beiden Hauptdarsteller blieben von dieser farbenfrohen Kostüm-Orgie verschont: Während HANRATTY seinen zerknautschten Columbo-Trenchcoat nie ablegte, wechselte ABAGNALE JR. „nur“ die Sakkos, je nachdem, welche Identität er sich gerade übergestreift hatte.

Komponist Marc Shaiman ist eine absolut theatertaugliche Musik gelungen. Da gibt es zwar nicht die eingängigen Melodien, die schon beim ersten Anhören im Ohr hängen bleiben, wie es in seinem Erfolgsmusical HAIRSPRAY der Fall war. Doch ist dies für CATCH ME IF YOU CAN durchaus kein Nachteil, da hier die Musik sich der Handlung anpasst, diese gekonnt untermalt und vorantreibt und in den Songs die Charaktere der handelnden Personen herausstellt. Für den authentischen 60er Jahre-Sound sorgten im Orchester u.a. Blechbläser, Percussion und Klavier. Unter dem Dirigat von Davide Perniceni erklang aus dem Orchestergraben eine gehörige Portion Swing, der in den Show-Nummern mit dem nötigen Druck, bei den Balladen allerdings fein differenziert dargeboten wurde.

Kraftvoll und völlig unangestrengt bis in die höchsten Töne präsentierte Tobias Bieri mit brillanter Stimme die Songs. Blondgelockt und unschuldig wirkend schlüpfte er in die Rolle des FRANK ABAGNALE JR., den er als modernen Baron Münchhausen voller Lässigkeit porträtierte. Dabei blitzte immer auch die Hilflosigkeit und Zerrissenheit der Figur hinter den vielen Identitäten hervor – insbesondere bei den Telefonaten, die er mit seinem scheinbaren Widersacher FBI-Agent CARL HANRATTY führte. Hier zeigten sich zwei verlorene Seelen, die sich nach einem Ort sehnten, den sie Heimat nennen dürfen. Frank Josef Winkels stattete CARL HANRATTY augenzwinkernd mit den Attitüden eines „hard-boiled detectives“ aus, zeigte doch hinter seinem spröden Charme stets den Menschenfreund und amüsierte mit einer liebenswürdigen Kauzigkeit. Hier war er für FRANK ABAGNALE JR. viel mehr das Vorbild der haltgebenden Vaterfigur als FRANK ABAGNALE SR. es je sein könnte.

Der Vorteil an einem kleinen Haus ist es, dass ich Künstler in sehr unterschiedlichen Rollen erleben darf: Stand Andrew Irwin noch zwei Tage zuvor als liebeshungriger FREDDY EYNSFORD-HILL in MY FAIR LADY auf der Bühne, gab er hier FRANK ABAGNALE SR. als charmanten Schmalspur-Gauner, der jedoch mit jedem misslungenen Coup die soziale Leiter weiter hinabrutschte. Irwin sang seine Songs mit abgedunkeltem Tenor in bester Crooner-Manier und gestaltete den Wandel vom großspurigen Möchtegern zum heruntergekommenen Niemand sehr ergreifend.

Ebenfalls der Vorteil eines kleinen Hauses ist es, dass kleinere Partien von Solisten aus dem Opernensemble verkörpert werden, die diese mit ihrer Expertise aufwerten: Boshana Milkov stattete der Partie der PAULA ABAGNALE mit einer üppigen Portion Erotik aus und ließ diese auch in ihrem satten Mezzo mitschwingen.

Im 1. Akt noch als Teil des quirligen Musical-Ensembles hatte Celena Pieper im 2. Akt die Möglichkeit aus der Chorus Line herauszutreten und als BRENDA STRONG mehr auf sich aufmerksam zu machen. Hier überzeugte sie nicht nur durch ihr natürliches Spiel sondern verwandelte mit ihrer großartigen Stimme den Song „Flieg, flieg ins Glück“ zu einer ergreifenden Hymne.

Das Musical-Ensemble – bestehend aus Ramona Helder, Nadja Kilchherr, Verena Kollruss, Valerio Croce und Stefan Preuth – tanzte die anspruchsvolle Choreografie voller Dynamik, umschwärmte die Solisten voller Esprit und zeigte Können und Klasse bei jedem Auftritt. Ebenso agil und voller Spielfreude präsentierten sich auch die Damen und Herren des Opernchors, die zudem in die div. Nebenrollen schlüpften, seien es Róbert Tóth und MacKenzie Gallinger als HANRATTYs Assistenten oder auch Iris Wemme-Baranowski und James Bobby als BRENDA STRONGs überkandidelte Eltern.

Ein begeistertes Publikum bedankte sich am Schluss mit Pfiffen, Jubelrufen und Standing Ovation: Wer exzellente Musical-Unterhaltung genießen möchte, hat nun am Stadttheater Bremerhaven abermals Gelegenheit dazu und sollte sich diese auf keinem Fall entgehen lassen.

NACHTRAG: Stellvertretend für alle guten Geister, die zwar nicht im Rampenlicht stehen aber im Hintergrund nicht minder wichtige Aufgaben erfüllen und so einen gelungenen Theaterabend garantieren, möchte ich Regieassistentin und Abendspielleitung Annika Ellen Flindt erwähnen. Bei der von mir besuchten Vorstellung übernahm sie für eine verhinderte Kollegin flugs einige Mini-Rollen und sorgte so für einen reibungslosen Ablauf der Vorführung. VIELEN DANK! ❤


Die musikalische Gaunerkomödie CATCH ME IF YOU CAN ist noch bis Ende Mai im Stadttheater Bremerhaven zu bewundern.

[Oper] Giacomo Puccini – TURANDOT / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Giacomo Puccini / Libretto von Guiseppe Adami und Renato Simoni / komplementiert von Franco Alfano / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 14. September 2024 / besuchte Vorstellung: 27. September 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG & BÜHNE Philipp Westerbarkei
KOSTÜME Tassilo Tesche
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Mario Orlando El Fakih Hernández, Edward Mauritius Münch
LICHT Thomas Güldenberg

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Regina Wittmar


„Ich mache Theater.“, schrieb Giacomo Puccini an seinen Librettisten Giuseppe Adami und verdeutlichte so, wie sehr ihm das gleichnamige Schauspiel von Carlo Gozzi bei der Komposition von TURANDOT inspirierte bzw. herausforderte, da er sich von seinem gängigen Rollenpersonal verabschiedete. Hatten bisher in seinen Werken die aufopferungsvollen, verletzlichen und doch heroischen Frauentypen (Mimi, Tosca, Cio-Cio-San) dominiert, stand hier eine gefühlskalte und grausame Person im Mittelpunkt. Und auch bei der Tenor-Partie fand eine Wandlung vom einfühlsamen Liebhaber zum zu allem entschlossenen Helden statt.

Doch je weiter sich das Projekt entwickelte, umso mehr haderte Puccini mit seiner Wahl. Vielleicht war dies aber auch schon seinem sich stetig verschlechterten Gesundheitszustand geschuldet: Er litt unter fortschreitenden Kehlkopfkrebs. Eine Operation konnte da leider nicht mehr helfen, und so verstarb er nur 5 Tage später am 29. November 1924. Zurück ließ er eine unvollendete Oper, bei der das Duett und das Finale des letzten Aktes fehlten.

Franco Alfano, ein Schüler Puccinis wurde beauftragt, das Werk anhand vorhandener Skizzen des Meisters fertigzustellen. Doch dieser entfernte sich immer mehr von der originären Idee Puccinis, dass schließlich Arturo Toscanini eingriff und Einhalt gebot, indem er etliche der Nachkompositionen strich. Seine Begründung: „zu viel Alfano und zu wenig Puccini“. Was schlussendlich von den Melodien am Ende des letzten Aktes zu TURANDOT nun Alfano oder Toscanini zuzuschreiben ist, werden wir vielleicht nie erfahren.

Das Volk von Peking erwartet die Hinrichtung des persischen Prinzen, der an der Lösung der drei Rätsel gescheitert ist. In der Menge der Schaulustigen entdeckt Prinz Calàf seinen Vater Timur, der – vom chinesischen Herrscher entthront – nun sein Exil in Peking fristet. Der alte Mann ist blind und wird aufopfernd von der Sklavin Liù gepflegt. Sie liebt den Prinzen und ist ihm darum ins Exil gefolgt. Alle drei leben versteckt, um nicht von den Feinden gefasst zu werden. Calàfs Herz entflammt aufgrund ihrer Schönheit für die Prinzessin Turandot und will sich ihren Rätseln stellen. Liù und Timur gelingt es nicht, ihn davon abzuhalten. Die drei Mandarine Ping, Pang und Pong trauern um das unglückliche Schicksal Chinas und hoffen, dass die Prinzessin die Liebe findet und die Hinrichtungen endlich aufhören. Doch die Trompeten kündigen den Beginn der nächsten Rätselzeremonie an. Der alte Kaiser Altoum bedauert die Grausamkeit, die er seiner Tochter erlaubt hat. Turandot erscheint und erklärt, warum sie den Männern immer wieder diese blutigen Rätseln stellt: Sie nimmt Rache für eine Ahnin, die von einem Fremden getötet wurde. Zu ihrem Erstaunen findet Calàf die Antworten auf ihre drei Fragen: Hoffnung, Blut, Turandot. Das Volk bricht in Jubel aus. Turandot aber bittet inständig ihren Vater, sie vom Gelübde der Hochzeit zu befreien, doch der bleibt streng. Calàf möchte ihre Liebe und nicht ihre Unterwerfung gewinnen, und so schlägt er ihr einen neuen Pakt vor: Sollte Turandot seinen Namen vor Morgengrauen in Erfahrung bringen, würde er nicht nur von der Hochzeit absehen, er wäre auch bereit zu sterben. Unter Todesstrafe darf niemand in Peking schlafen, sondern muss versuchen, den Namen des Fremden zu finden. Ping, Pang und Pong versuchen den fremden Prinzen mit allen Versuchungen zu bestechen. Timur und Liù, die man mit dem Fremden gesehen hat, werden aufgegriffen. Um Timur zu retten, behauptet Liù, dass nur sie den Namen des Fremden kennt. Um diesen zu erfahren, schreckt die Prinzessin nicht davor zurück, Liù zu foltern. Doch anstatt Calàf zu verraten, wählt sie als Erlösung den Freitod. Calàf ist von den Geschehnissen so betroffen, dass er, nachdem er Turandot einen leidenschaftlichen Kuss gegeben hat, sein Leben in ihre Hände legt. Doch dieser Kuss hat auch in Turandot Gefühle geweckt, und sie erklärt, dass sie den Namen des Fremden schon kenne: „Sein Name ist Liebe“.

Ich hadere sehr mit dieser Oper, da sie mir so wenige Möglichkeiten zur Identifikation mit den beiden Haupt-Charakteren bietet. Da gibt es die Titelfigur, die äußerst ambivalente Gefühle bei mir hervorruft, da ihre überraschende Wandlung von der Serienmörderin zur geläuterten Geliebten mir nicht genügt. Als würde ein einziger Kuss eine plötzliche Sinneswandlung bei ihr auslösen können: Sie blinzelt verwundert und haucht „Huch! Wie konnte mir denn das passieren?“. Ist dies wirklich ausreichend, um sie von all ihren zuvor begangenen menschenverachtenden Taten freizusprechen? Und auch die Beweggründe von Prinz Calàf wirken auf mich eher „ungesund“, so als würde diese männermordende Maid sein männliches Ego so sehr kitzeln, dass er sich dieser Herausforderung schon beinah zwanghaft stellen müsste und dafür alle Warnungen in den Wind schießt.

Da war es ein äußerst kluger Schachzug von Regisseur Philipp Westerbarkei, der Oper schon rein optisch die fernöstliche Folklore zu nehmen und die Handlung in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts zu transferieren. Er kreierte eine Phantasie à la Babylon Berlin mit all seiner Dekadenz und Skurrilität. Zu den zarten Pianoklängen zur Melodie von „Nessun dorma“ sehen wir Turandot, die sich auf ihrem riesigen Divan lasziv rekelnd einen Schuss setzt. In ihrem wirren Drogenrausch tauchen die Gestalten der Handlung auf, gleich einem Panoptikum entsprungen, und vollführen einen fulminanten Tanz auf dem Vulkan. Da machen so einige Beweggründe der Figuren plötzlich einen Sinn, da sie im dubiosen Nebel von Turandots Drogenrausch absolut keinen Sinn ergeben müssen. Jaja, ich weiß, das klingt widersprüchlich!“

Doch unter diesen Voraussetzungen darf (muss) alles – „Over the Top“ – ein Wechselspiel der Extreme sein: Turandot präsentiert sich bei ihre glamourösen Auftritten wie eine Stummfilm-Diva. Der Chor erinnert in seiner Schwarz-weiß-Ästhetik an Figuren der Commedia dell’arte. Gesichtslose Kinder strecken Calàf ihre Puppen entgegen, die nur aus einem (abgeschlagene) Kopf zu bestehen scheinen. Das militärische Erscheinungsbild von Kaiser Altoum steht konträr zum schrillen Outfit der metrosexuellen Paradiesvögel Ping, Pang und Pong.

Philipp Westerbarkei, der auch für das atmosphärische Bühnenbild verantwortlich zeichnete, lässt das Ensemble von einem gemalten Proszenium, das an die alten Theater der Jahrhundertwende erinnert, einrahmen und von einem äußerst wandlungsfähigen Mond erhellen. Unterstützung erfährt er von Tassilo Tesche, der stimmige wie auch raffinierte Kostüme kreierte, die in ihrer jeweiligen Optik die Charaktere der handelnden Personen optimal unterstreichen.


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Ja, ich hadere mit dieser Oper, doch keinesfalls mit Puccinis Kompositionen. Auch wenn ich diese beim ersten Hören nicht gleich als seine erkannte: Puccini löste sich hier von den romantischen Klängen seiner vergangenen Werke und wirkt stattdessen ungewohnt experimentierfreudig. Er spannt einen großen kompensatorischen Bogen um das Werk, in dem er leitmotivartig die Melodie zu „Nessun dorma“ in verschiedenen Variationen erklingen lässt, die das gesamte Werk umrahmen, so wie in dieser Inszenierung die Sänger*innen vom Proszenium umrahmt werden.

Marc Niemann und das Philharmonischen Orchesters Bremerhaven lieferten grandios ab: Da wurde einerseits voller dramatischer Kraft musiziert ohne an Subtilität einzubüßen, um dann einen energetischen Klangteppich zu weben, der fein nuanciert die Stimmen der Sänger*innen hinauf in den Rang hob. „Bravo!“
„Bravo!“ auch für die bestens disponierten Chöre (Einstudierung: Mario El Fakih Hernández und Edward Mauritius Münch), deren Mitglieder – vom Opernchor über den Extrachor bis zum Kinderchor – eine immense stimmliche Ausdruckskraft boten, ebenso als Figuren im Stück Individualität zeigten und so zum Gelingen dieser wunderbaren Aufführung beitrugen.

Giacomo Puccini wünschte sich Sänger*innen, die klangschön sangen, gut gestalteten und die Opernfigur ausdrucksvoll und überzeugend darstellten. Ich glaube, er wäre mit dem Ensemble in Bremerhaven (größtenteils) zufrieden gewesen. Auch wenn diese Inszenierung wie ein Fest der Übertreibungen wirkt, muss die Rollengestaltung entsprechend differenziert sein, um glaubhafte Charaktere abseits bloßer Klischees auf die Bretter zu stellen.

Tenor Jan Kristof Schliep zeigt, dass selbst eine kleine Rolle Präsenz besitzen kann: Mit Rückgrat und Strenge verleiht er dem alten Kaiser Altoum Profil.
Bass Ulrich Burdack gab einen bemitleidenswerten Timur, der trotz eingeschränkter Mimik aufgrund der Augenbinden den Schmerz und die Verzweiflung seiner Figur verdeutlichen konnte.
Sopranistin Victoria Kunze begeisterte mit ihrem gefühlvollen Spiel und feiner Phrasierung und zeigte so eindringlich die charakterliche Stärke ebenso wie die verletzte Seele der Sklavin Liù.
Bei Marcin Hutek, Andrew Irwin und Ido Beit Halachmi ist es mir schier unmöglich, einen von ihnen hervorzuheben, da sie als Ping, Pang und Pong (die queere Version von Tick, Trick und Track) sowohl gesanglich wie auch darstellerisch ganz wunderbar miteinander harmonierten und einander ergänzten. Zudem versprühten sie bei ihren schrillen Auftritten mit ihrem deftigen Witz einen herrlich burlesquen Charme, ohne das Tragische hinter der bunten Fassade ihrer Figuren zu verleugnen.

Mit „Nessun dorma/ Keiner schlafe“ schuf Puccini eine der bekanntesten, wenn nicht sogar die bekannteste Tenor-Arie. Dabei ist diese Arie erstaunlich kurz, so als wollte der Komponist eine vokale Essenz schaffen, die alles enthält, um einen Sänger herauszufordern. Da gibt es große Emotionen, wunderbare Gesangslinien sowie den Spitzenton h, der auf dem zuletzt gesungenen „Vincerò!“ gipfelt. Gerade mal läppische drei Minuten gibt der Komponist dem Tenor, um zu beweisen, ob er wirklich singen kann. Tenor Thomas Paul kann singen: Scheinbar mühelos schickte er seinen strahlenden Tenor über den Orchestergraben ins Publikum. Bis in die hohen Register führte er sicher seine Stimme. Bei der makellos vorgetragenen Arie „Nessun dorma“ erhielt er völlig zu Recht einen frenetischen Applaus vom begeisterten Publikum. Leider war seine Darstellung nicht auf einem ebenso hohem Niveau wie sein Gesang: Hier präsentierte sich Paul sehr eindimensional, zeigte wenig Variation in Gestik und Mimik, warf sich dafür mit großer Geste in die Heldenpose, interagierte sehr zurückhaltend mit seinen Bühnenpartner*innen und sang gerne direkt von der Rampe. Ich sah mir seine Performance an und reagierte mit einer Mischung aus „Amüsiert sein“ und „Erstaunen“: Amüsiert sein, da dieser Habitus schon beinah anachronistisch zum Stil der Inszenierung wirkte. Erstaunen darüber, dass es tatsächlich noch Sänger gibt, die diese antiquierten Opern-Manierismen weiterhin für sich kultivieren.

Agnes Selma Weiland in der Partie der Turandot blieb zwangsläufig nichts anderes übrig, als ebenfalls direkt von der Rampe zu singen, um so wenigstens auf einer Spiel-Ebene mit ihrem Bühnenpartner zu sein. Eine Vorgehensweise, die bei ihren anderen Kolleg*innen nicht vonnöten war, da hier ein intensives Zusammenspiel stattfand. Weilands Turandot war voller kindlichem Erstaunen über das, was sie in ihrem Drogenrausch halluziniert und zeigte dabei überzeugend das Benehmen einer Süchtigen: eben noch verlangsamt in ihren Bewegungen und kurz davor einzuschlafen, dann der große, leidenschaftliche Ausbruch voller Energie – immer bemüht, den Status der großen Diva der Stummfilm-Ära aufrechtzuhalten. Mit ihrem dramatischen Sopran stellte sie sich sicher allen Herausforderungen der Partitur und verlor auch in den Höhen nichts von ihrer Strahlkraft.

Abermals hat das Stadttheater Bremerhaven nachdrücklich den Beweis angetreten, was ein eher kleines Haus in der sogenannten Provinz zu leisten imstande ist. Doch ich bin eh der Meinung, dass sich „provinziell“ weniger auf einen Ort bezieht als vielmehr die Geisteshaltung eines Menschen beschreibt. 😏


Appetizer gefällig? Nichts leichter als das…


Noch bis Anfang des kommenden Jahres steht Puccinis Spätwerk TURANDOT auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven.

[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2024/2025 / Stadttheater Bremerhaven

mit der Ouvertüre zu RUSLAN UND LUDMILLA von Michail Glinka sowie Arien, Songs und Musiken von Alan Jay Lerner & Frederick Loewe, Sergei Prokofjew, Wolfgang Amadeus Mozart und Giacomo Puccini

mit Ausschnitten aus DER DIENER ZWEIER HERREN von Carlo Goldoni/ Kay Neumann, TARTÜFF ODER DER GEISTIGE von John von Düffel, WOLF von Saša Stanišić, DIE WELT ZWISCHEN DEN NACHRICHTEN von Judith Kuckart & Ensemble sowie dem Ballett ROMEO UND JULIA von Alfonso Palencia

Premiere: 31. August 2024 / besuchte Vorstellung: 31. August 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
CHOR Edward Mauritius Münch
SZENISCHE EINRICHTUNG Annika Ellen Flindt
MODERATION Lars Tietje, Marc Niemann, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia, Markus Tatzig

Musiktheater: Ulrich Burdack, Marcin Hutec, Andrew Irwin, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Agnes Selma Weiland (als Gast), Thomas Paul (als Gast)
Ballett: Melissa Festa, Arturo Lamolda Mir
Schauspiel: Frank Auerbach, Henning Z Bäcker, Anna Caterina Fadda, Leon Häder, Angelika Hofstetter, Kay Krause, Julia Lindhorst-Apfelthaler, Alexander Smirzitz, Marc Vinzing, Marsha B Zimmermann, Aom Flury (als Gast)
JUB: Janek Biedermann, Ulrich Fassnacht, Meike Hoßbach, Coco Plümer
Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


Die Tür der Tiefgarage öffnete sich und schlagartig war die Musik vom nahen Weinfest auf dem Theodor-Heuss-Platz zu hören. Auf dem Theatervorplatz standen einsam die Bühne sowie einige Pavillons und wartete auf ihren Einsatz beim morgigen Theaterfest. Aus den Fenstern des Theater erstrahlte warmes Licht und lockte mich ins Innere. Die neue Spielzeit konnte (durfte endlich) beginnen.

Eröffnet wurde die Gala mit der Ouvertüre zu RUSLAN UND LUDMILLA von Michail Glinka, die das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann energiegeladen vortrug und so die Gala voller Schwung eröffnete. Marc Niemann versprach ein Wiederhören mit diesem musikalischen Werk beim NEUJAHRSKONZERT, das zudem mit einer wunderbaren Besonderheit aufwarten wird. Doch auch unter dem Dirigat von Hartmut Brüsch und Davide Perniceni, die den Taktstock bei den Programmpunkten zu den ihnen anvertrauten Produktionen übernahmen, zeigten die Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters ihr Können.

„Never change a winnig team!“: Warum sollte etwas verändert werden, was sich nur allzu gut bewährt hat? Und somit führte abermals Intendant Lars Tietje hauptverantwortlich durch das Programm und bat bei passender Gelegenheit – sozusagen als „Sidekick“ – die jeweilige Sparten-Leitung in den Personen von Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia auf die Bühne.

Im Schauspiel beginnt die Spielzeit mit DER DIENER ZWEIER HERREN, einem Komödien-Klassiker von Carlo Goldoni, der durch Kay Neumann einen Bremerhaven-typischen Touch erhielt. Frank Auerbach, Henning Z Bäcker, Anna Caterina Fadda, Kay Krause, Alexander Smirzitz, Marsha B Zimmermann und Aom Flury zeigten in der dargebotenen Szene, wie viel Esprit in diesem Stück steckt.

Statt einer klassischen Operette gibt es in diesem Jahr ein Musical, das allerdings sehr in der europäischen Musik-Tradition verankert ist und seit der deutschen Erstaufführung zu den beliebtesten Werken seiner Gattung zählt: MY FAIR LADY. Mit sonorem Bass wünschte sich Ulrich Burdack charmant „Bringt mich pünktlich zum Altar“. Andrew Irwin bot bei „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“ mit fein-akzentuierter Stimme und schelmischen Spiel eine der besten Interpretationen dieses Songs, denen ich bisher – sowohl live wie auch auf CD – lauschen durfte. Gäbe es eine bessere Wahl für die Partie der Eliza Doolittle: Bei „Ich hätt’ getanzt heut’ Nacht“ brillierte Victoria Kunze mit ihrem wunderschönen Sopran wieder bis in die höchsten Töne. Flankiert wurden die Sänger*innen durch den bestens disponierten Opernchor, bei dem der neue Chordirektor Edward Mauritius Münch für die Einstudierung verantwortlich zeichnete.

Einer der Höhepunkt der jährlichen Gala ist stets die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. Gerne rätsele ich im Vorfeld mit, wer es werden könnte. In diesem Jahr tat ich es nicht, und so wurde ich von der Entscheidung ebenso überrascht wie die Preisträgerin selbst: Eine sprach- wie fassungslose Julia Lindhorst-Apfelthaler stand – schon mit den Requisiten für die nachfolgende Szene in der Hand – auf der Bühne und wurde für ihre herausragenden darstellerischen Leistungen geehrte. Absolut verdient: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Apropos Requisiten: Diese kamen direkt im Anschluss der Preisverleihung zum Einsatz bei einer Szene aus TARTÜFF ODER DER GEISTIGE, eine Wiederaufnahme aus der vergangenen Saison. Gemeinsam mit Marc Vinzing bot Julia Lindhorst-Apfelthaler einen pointierten wie witzigen verbalen Schlagabtausch.

In dieser Saison schenkt uns Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia mit ROMEO UND JULIA wieder ein Handlungsballett. Konnte bis vor wenigen Wochen die wohl bekannteste Liebesgeschichte der Welt noch auf der Sommerbühne als Schauspiel erlebt werden, wird sie nun mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Tanzes erzählt. Melissa Festa und Arturo Lamolda Mir tanzten in der berühmten Balkon-Szene voller Leidenschaft, Ästhetik und Sinnlichkeit zur Musik von Sergei Prokofjew.


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Das JUB (Junges Theater Bremerhaven) ist immer für eine Überraschung gut: Diesmal haben sie vom mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis geadelten Kinderbuch WOLF von Saša Stanišić eine eigene Fassung für die Bühne erarbeitet. In der gezeigten Szene mimten Janek Biedermann, Ulrich Fassnacht, Meike Hoßbach und Coco Plümer eine Gruppe Jugendlicher, deren Geduld während einer Waldwanderung zunehmend auf eine harte Probe gestellt wird.

Ich konnte mir ein „Das wird aber auch Zeit!“ nicht verkneifen, als ich erfuhr, dass Marcin Hutek in LE NOZZE DI FIGARO von Wolfgang Amadeus Mozart die Partie des Grafen Almaviva übernehmen wird. Hutek ist schon seit einigen Jahren Mitglied des Musiktheater-Ensembles, doch durfte bisher sein Talent „nur“ (!) in kleineren Rollen zeigen. Ich bin der Meinung, dass da eine große Partie längst überfällig war. Dass er fähig ist, diese mit seinem warmen Bariton zu gestalten, zeigte er mit dem Rezitativ „Hai già vinta la causa!“ und der anschließenden Arie „Vedrò, mentr’io sospiro“. Boshana Milkov überzeugte abermals mit ihrem tragfähigen, schön fließenden Mezzo in der Arie des Cherubino „Non so più“. Und auch bei diesem Medley würzte der Opernchor mit „Giovani liete fiori spargete“ die Szenerie mit seinem Gesang.

Die kommende Spielzeit hält etwas Besonderes bereit: Erstmals gibt es mit DIE WELT ZWISCHEN DEN NACHRICHTEN eine Kooperation des Stadttheaters Bremerhaven mit der bremer shakespeare company, wo das Stück abwechselnd auf dem Spielplan stehen wird. Eine „Night Radio Show“ bildet den Rahmen für Shakespeares Sonette und somit für die Geschichten der Menschen, die beim Moderator anrufen und aus ihrem Leben erzählen. Leon Häder und Angelika Hofstätter machten mit ihrem Auftritt neugierig auf diese ungewöhnliche Inszenierung.

Im Musiktheater wird die Saison mit TURANDOT von Giacomo Puccini eröffnet: In der Partie der Titelfigur machte Agnes Selma Weiland mit hochdramatischen Sopran mit der Arie „In questa reggia“ nachdrücklich auf sich aufmerksam. Mit der Tenor-Arie des Opern-Repertoires „Nessun dorma“ empfahl sich Thomas Paul sehr effektvoll für die Rolle des Calàf. Bei der emotionalen Arie „Diecimile anni al nostro Imperatore“ stand Agnes Selma Weiland der Opernchor an Dramatik in nichts nach.

Mit einem frenetischen Applaus, Standing Ovation, Bravo-Rufe und Begeisterungs-Pfiffe wurden nicht nur die Künstlerinnen und Künstler verabschiedet – vielmehr galt der Dank ebenso den vielen Menschen vor, hinter, neben und über der Bühne. Denn nur in der Gemeinschaft eines Teams ist es möglich, den Theaterzauber immer wieder erneut aufleben zu lassen. 💖


Mit dieser Eröffnungsgala beginnt die SAISON 2024/2025 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit seinem vielfältigen Programm begeistert.

[Oper] Richard Strauss – DER ROSENKAVALIER / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Richard Strauss / Libretto von Hugo von Hofmannsthal / in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 4. Mai 2024 / besuchte Vorstellungen: 10. & 16. Mai 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann / Hartmut Brüsch (10.05.)
INSZENIERUNG & BÜHNE Julius Theodor Semmelmann
KOSTÜME Carola Volles
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHÖRE Mario Orlando El Fakih Hernández
LICHT Thomas Güldenberg

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ BÜHNE & KOSTÜM María del Mar Sánchez Expósito
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Mahina Gallinger


Da saßen wir am Montag vor der Premiere bei der „Kostprobe“ im oberen Rangfoyer, blickten auf die kleine Bühne und staunten: Die Kostümabteilung hatte dort zur Anschauung drei Schneiderpuppen mit traumhaften Roben drapiert. Mit Ehrfurcht betrachteten wir die detailreiche und filigrane Arbeit, bevor Regisseur Julius Theodor Semmelmann sich den Fragen von Dramaturg Markus Tatzig stellte, die uns Einblicke in den Entstehungsprozess von DER ROSENKAVALIER gaben. Es ist Semmelmanns erste Regiearbeit, und er schwärmte in den höchsten Tönen über die Zusammenarbeit mit dem Stadttheater Bremerhaven. „Musste“ er sich als Bühnenbildner und Ausstatter bisher den Wünschen und Vorstellungen anderer Regisseure fügen, durfte er hier „in die Vollen gehen“ und ein Rokoko-Ambiente par excellence kreieren, wie er uns auch anhand von Bühnenbildentwürfen und Arbeitsproben vermittelte.

Die Frage aus dem Auditorium, ob sich ein solch großer Aufwand für nur 5 Vorstellungen überhaupt lohne, konterte er charmant mit „Es ist doch alles da!“. Oftmals können die Kolleg*innen in den Werkstätten ihr Können und ihre Kunst nicht gänzlich zeigen, da der verantwortliche Regisseur dies für seinen Inszenierungsstil nicht einfordert. Semmelmann berichtete von der Kollegin aus dem Malersaal, der vor Freude die Tränen kamen, da sie nun endlich einmal zeigen durfte, was sie in ihrer Ausbildung gelernt hatte. Auch bei den üppigen Kostümen griff man auf Stücke aus dem Fundus zurück und änderte diese entsprechend um, bzw. bei der Neu-Anfertigung wurden passende Stoffe verwendet, die schon vorhanden waren. Stichwort: Nachhaltigkeit!

Auch bzgl. einer Kuriosität in DER ROSENKAVALIER, die der Entstehungszeit der Oper geschuldet aber heute nicht tolerierbar ist, konnte Semmelmann uns beruhigen: Es wird kein Mohr auftreten. Stattdessen flattert ein kleiner Putto namens Cupiderl durch die Szenerie.

Eingedeckt mit diesen und vielen weiteren Informationen schlichen wir leise in die Sitzreihen des Rangs, um der laufenden Probe von DER ROSENKAVALIER zu lauschen…

Feldmarschallin Fürstin Werdenberg vergnügt sich in ihrem Schlafzimmer mit ihrem jungen Geliebten Octavian. Ihr Techtelmechtel wird durch das überraschende wie taktlose Eintreffen ihres Vetters, den Baron Ochs auf Lerchenau jäh unterbrochen. Octavian gelingt es im letzten Moment in die Kleider einer Kammerzofe zu schlüpfen. Dadurch entgeht er zwar den verdächtigen Blicken des Barons, muss stattdessen aber seine plumpen Annäherungsversuche über sich ergehen lassen. Um seine ständigen Geldnot zu lindern, gedenkt Baron Och die Tochter des wohlhabenden und frischgeadelten Herrn von Faninal zu ehelichen. Die Feldmarschallin schlägt vor, dass Octavian (von dessen Anwesenheit der Baron nichts ahnt) als Bräutigamsführer – den sogenannten Rosenkavalier – auftreten soll. Als Baron Ochs das Bild des Erwählten betrachtet, ist er von der Ähnlichkeit mit der Kammerzofe überrascht und vermutet, dass sie eine uneheliche Schwester des Grafen sei. Auch an diesem Tag strömen Massen an Bittsteller in die Gemächer der Feldmarschallin in der Hoffnung auf Zuwendung. Nach einer anstrengenden Audienz bleibt sie allein in ihren Gemächern zurück. Müde und erschöpft fühlt sie sich alt. Ihre Jugend scheint sie zunehmend zu verlassen, und so fürchtet sie, dass sie ihrem jungen Liebhaber bald nicht mehr genügen wird. Im Haus des Herrn von Faninal erwartet seine Tochter Sophie die Ankunft des Rosenkavaliers. Octavian erscheint in dieser Funktion, überreicht ihr die silberne Rose und verliebt sich augenblicklich in sie. Auch Sophie ist von dem charmanten Jüngling angetan. Kurz darauf stößt Baron Ochs dazu, der Manieren vermissen lässt und sich gegenüber Sophie ungehobelt verhält. Sophie fühlt sich von ihrem zukünftigen Ehemann regelrecht abgestoßen. Als sich Octavian und Sophie heimlich küssen, werden sie von Valzacchi und Annina, zwei italienischen Intriganten, verraten: Der Baron schenkt dieser Angelegenheit keine große Aufmerksamkeit, schließlich nimmt er es selbst mit der Treue nicht so genau. Doch Octavian fordert ihn auf, von Sophie abzulassen. Im Handgemenge verletzt er den Baron mit seinem Degen. Sophies Vater greift ein und droht, sie auf ewig ins Kloster zu schicken, sollte sie sich der Heirat verweigern. Hier kann nur eine List helfen: Kurz darauf überreicht Annina dem Baron einen Brief, durch den ihn die „Kammerzofe“ der Feldmarschallin zu einem geheimen Treffen in einem Wirtshaus einlädt. Der Baron hofft auf ein amouröses Techtelmechtel und nimmt die Einladung nur allzu gerne an. Allerdings haben Octavian, Valzacchi und Annina ihm eine Falle gestellt: Während der Baron gegenüber der „Kammerzofe“ wieder aufdringlich wird, erscheint die verkleidete Annina mit diversen Kindern im Schlepptau und behauptet, der Baron wäre der Vater und hätte sie und die Kinder schändlich im Stich gelassen. Der Baron gerät so sehr in Rage, dass sogar die Polizei einschreiten muss. In diesem Tumult tauchen – wie verabredet – Sophie und ihr Vater auf. Herrn von Faninal ist entsetzt über das Verhalten von Baron Ochs und verweigert ihm die Ehe mit seiner Tochter. Doch erst die eintreffende Feldmarschallin kann endgültig für Ruhe sorgen: Sie beschwichtigt die Polizei und sorgt dafür, dass der lüsterne Baron verschwindet. Ihr selbst bleibt nichts anderes übrig, als Octavian für die Hochzeit mit seiner geliebten Sophie freizugeben.

12 Tage später: Ich hatte mir sagen lassen, dass die Premiere glanzvoll über die Bühne gegangen war. Die Kritiker*innen waren danach nur voll des Lobes. Nun saß ich (an-)gespannt im Zuschauersaal des Stadttheaters Bremerhaven und wartete auf den Beginn der 2. Aufführung. Gespannt: Ich war voller Vorfreude, auf das, was ich in wenigen Minuten zu sehen und zu hören bekomme sollte. Angespannt: Mehrfach hatte ich vorab versucht, mich dem Werk rein akustisch anzunähern und bisher keinen befriedigenden Zugang bekommen. Da halfen mir bedauerlicherweise auch keine liebgemeinten Insider-Tipps aus dem Ensemble. Und so tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass ich vielleicht erst die theatralische Umsetzung benötigte, um so Verknüpfungen zwischen der Handlung, den Personen und der Musik herstellen zu können.

Von der Musik würde es überreichlich geben, wie mir ein staunender Blick in den Orchestergraben offenbarte. Dicht an dicht saßen die Musiker*innen neben- und hintereinander und wirkten, als hätte jemand mit ihnen Tetris gespielt, um jede noch so kleine Lücke auszufüllen. Der Dirigent erschien und hob seinen Taktstock. Schwelgerisch tobten Strauss’ Kompositionen aus dem Orchestergraben über den Bühnenrand zum Publikum hinauf in den Rang. Der rote Samtvorhang öffnete sich langsam und offenbarte eine Inszenierung mit Humor, Witz und Ironie, einen wahrgewordenen Opern-Traum, eine bunt-schillernde Seifenblase, einen überschäumenden Theater-Zauber voller Raffinesse, Stil und Klasse…


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Der rote Samtvorhang öffnete sich, und eine fiebrige Faszination nahm von mir Besitz und sollte auch den ganzen Abend über nicht weichen. Ja, ich war fasziniert – allerdings weniger von der Musik. Ich habe durchaus schon Abende im Musiktheater erlebt, da tröstete mich die Musik über so manchen inszenatorischen Firlefanz des modernen Regietheaters hinweg. Hier war es genau umgekehrt.

Sorry, Richy, doch ich fürchte, wir werden 
musikalisch nicht die besten Freunde.“

Julius Theodor Semmelmann kann sein ursprüngliches Metier nicht verleugnen (und sicher will er es auch nicht). Genauso akribisch und bis ins kleinste Detail ausgefeilt wie er seine Bühnenbilder gestaltete, ging er auch bei seiner ersten Regie-Arbeit vor: Nichts schien dem Zufall überlassen, jede Geste und jeder Blick wirkte begründet, jede Handlung war wohldurchdacht. Da meinte ich sogar ein paar neckische „Easter Eggs“ mit Bezug zum Haus bzw. zur Stadt, die vielleicht nur Kennern auffallen könnten (wenn überhaupt), zu entdecken: Flatterte zwischen all den exotischen Vögeln in der Voliere der Feldmarschallin nicht auch eine Möwe herum? Und steckte unter der rosa gepuderten Perücke vom Frisör nicht Chefmaskenbildner Henrik Pecher höchstpersönlich, um der Feldmarschallin die Haare hingebungsvoll zu ondulieren?

Dabei wirkte es auf mich, als hätte Semmelmann sich bei seinem Konzept von den Motiven „Aufbruch“ und „Vergänglichkeit“ leiten lassen. Da haben wir auf der einen Seite die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg, die – zwar noch jung an Jahren – ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusst ist und deren Halten an bestehenden gesellschaftlichen Normen nicht nur Bürde sondern auch Schutz darstellt. Auch Herr von Faninal klammert sich an diese gesellschaftlichen Normen, da sie Ansehen, Ruhm und ein sicheres Leben für sich und seine Familie bedeuten. Baron Ochs auf Lerchenau ist es egal, von welcher Gesellschaft er schmarotzt, da er sich überall und nirgends zurechtfinden würde. Auf der anderen Seite stehen die jungen Leute Sophie und Octavian, die bereit sind, in eine neue, noch unsichere Welt aufzubrechen. Sophie ist da deutlich wagemutiger als Octavian: Allzu gerne hätte sie den Geliebten an ihrer Seite, doch sie wäre nicht bereit, ihre Prinzipien abermals einem Mann unterzuordnen. Octavian steht zwischen der alten und der neuen Welt und fühlt sich hin und her gerissen zwischen seiner Zuneigung (oder ist es doch eher Loyalität?) zur Fürstin und seiner frischen, reinen Liebe zu Sophie. Er muss sich entscheiden…!

Auch an den Kostümen von Carola Volles ist die Haltung bzw. Entwicklung der Figuren wahrnehmbar: Da überraschen zwischen all der farbigen Üppigkeit des Rokokos moderne Kostümteile und Accessoires und lassen so Rückschlüsse auf die Haltung der Figuren zu – seien es die sportiven Trekkingschuhe an den Füßen von Ochs oder die feschen Hipster-Sonnenbrillen bei Valzacchi und Annina. Besonders auffällig wird es beim Schlussbild, in dem die Feldmarschallin und Herr von Faninal im vollen Ornat auftreten, Octavian einen Mix aus Kleidungsstücken der unterschiedlichen Welten trägt und Sophie das Rokoko-Gewand abgestreift hat und sich als moderne und selbstbewusste junge Frau präsentiert. Ansonsten gelang Volles das bewundernswerte Kunststück, dass sie für jede aber wirklich absolut jede Figur das passende Kostüm kreierte, das den jeweiligen Charakter gar trefflich und höchst individuell porträtierte.

Selbst die Bühnenbilder werden Opfer des Motivs „Vergänglichkeit“: Wie ein Kaleidoskop sich dreht und immer wieder neue Bilder zusammensetzt, so dreht sich auch die Bühne. Das Boudoir der Feldmarschallin aus dem 1. Akt wird in seine Einzelteile zerlegt und für die Wirtschaft im 3. Akt wieder „anders“ zusammengefügt. Die üppige Pracht im 2. Akt besteht „nur“ aus bemalten Leinwänden, zwischen denen sich – einer Spieluhr gleich – die Möbelstücke in Position drehen und somit zeigen „Es ist alles nur Fassade!“. Dabei kann das Publikum stets an jedem Bühnenbild vorbei in den hinteren Bühnenraum schauen, so als wollte Semmelmann betonen, dass in dieser Gesellschaft mehr „Schein“ als „Sein“ vorherrscht.

Die Bühne war mit Solisten, Opernchor, Kinderchor und Extrachor nebst Statisterie reichlich bevölkert, und so befürchte ich beinah, dass ich bei meiner nun folgenden Lobhudelei mit Sicherheit jemanden vergessen werde: Ich bitte vielmals um Entschuldigung!

Die Chöre waren nicht nur zahlenmäßig groß, auch stimmlich und darstellerisch waren sie mächtig und gestalteten ihre jeweiligen Partien mit Agilität und Spielfreude. Katharina Diegritz war eine entzückend flatterhafte „Jungfer Marianne Leitermeisterin“ und nahm zudem die reizenden Kinder des Kinderchores sanft unter ihre Fittiche. Miloš Bulajić stattete den „Sänger“ mit den wichtigsten Attributen seiner Zunft aus: große Geste und tenoralem Schmelz. Andrew Irwin und Eva Maria Summerer füllten die Buffo-Partien „Valzacchi“ und „Annina“ mit Charme und Esprit aus. Marcin Hutek amüsierte als „Herr von Faninal“ mit Ahnungslosigkeit und wirrer Überforderung. In der stummen Rolle „Cupiderl“ tobte Laura Gabrielli voller überschäumender Clownerie über die Bühne und war Amor, Hermes und Luzifer in Personalunion. Philipp Mayer gab den „Baron Ochs auf Lerchenau“ mit lakonischem Witz und einer gehörigen Portion Bauernschläue. Bis ins tiefste Register ließ er seinen voluminösen Bass ertönen, ohne an Flexibilität einzubüßen.

Doch an diesem Abend standen abermals die drei Künstlerinnen auf der Bühne, die schon im vergangenen Jahr gemeinsam in BREAKING THE WAVES für Furore sorgten:

Victoria Kunzes schlanker, wendiger Sopran erklang silbrig-fein bis in die höchsten Töne. Ihre Sophie erduldet nicht sittsam, was über ihren Kopf hinweg entschieden wird. Vielmehr zeigt sie eine deutliche Haltung mit klaren Moralvorstellungen. Doch durch die Hülle der Jugend lässt Kunze auch eine gefestigte Ernsthaftigkeit schimmern, die der Figur die nötige Tiefe verleiht.

Signe Heibergs Stimme scheint über ein schier unendliches Volumen zu verfügen, das sie aber nur äußert geschmackvoll und mit einem feinen Gespür für Nuancen einsetzt. Ihre Feldmarschallin ist ganz Menschenfreundin, die voller Güte und Fürsorge auf die Ihren achtet. Doch sie ist nicht nur Herrscherin, sie ist auch Frau und weiß um ihre Vergänglichkeit. So zieht ein feiner Hauch von Melancholie und Traurigkeit durch Heibergs Rollenporträt.

Titelgebend und somit in der Partie, die die Fäden in der Hand behält, brilliert Boshana Milkov mit ihrem warmen, üppigen Mezzo mit samtenen Timbre. Bei ihr ist Octavian einerseits der Jungspund, der zum ersten Mal die Liebe überschwänglich kostet und beinah darin zu ertrinken droht. Gleichzeitig lässt Milkov die innere Zerrissenheit der Figur erahnen, die zwischen der Zuneigung zweier Frauen schwankt. Jede liebt er auf seine sehr individuelle Weise, und jede verdient seinen Respekt. Hier zeigt Milkovs Octavian eine charakterliche Reife, die allen anderen Männern in diesem Stück fehlt.

Und abermals ergänzten sich Victoria Kunze, Signe Heiberg und Boshana Milkov gar wunderbar in ihrem Zusammenspiel und vereinten ihre Stimmen ganz exquisite in einer berührenden Harmonie.

„Okay, Richy, das muss ich dir lassen:
Die Final-Szene hast Du echt klasse hingekriegt!“

Da saß ich nun im Theater, lauschte dem Gesang dieser drei großartigen Künstlerinnen, ein Schauer strich über meine Haut, und eine erste Träne rann mir über die Wange. So schön…!

❤️


Wer nun die unbändige Lust verspürt, mehr von DER ROSENKAVALIER zu erfahren, der/die…

…lauscht den Worten von Regisseur  Julius Theodor Semmelmann,…

…kann den talentierten Bühnenmaler*innen dank dem Bericht Detailverliebt – die wundervolle Bühnenmalerei für „Der Rosenkavalier“ von Björn Gerken auf LOGBUCH BREMERHAVEN bei der Arbeit über die Schultern schauen,…

…oder lässt sich bei #angeklopft von Boshana Milkov und Marcin Hutek Interessantes zu ihren Partien berichten.


Hurtig, hurtig! DER ROSENKAVALIER lässt sich im Stadttheater Bremerhaven nur für einige wenige Vorstellungen im Mai in amouröse Abenteuer verstricken.

[Musical] Jerry Bock – THE APPLE TREE (DSE) / Stadttheater Bremerhaven

Musik von Jerry Bock / Liedtexte von Sheldon Harnick / Buch von Jerry Bock, Sheldon Harnick und Jerome Coopersmith / Nach Geschichten von Mark Twain, Frank R. Stockton und Jules Feiffer / deutsche Textfassung von Hartmut H. Forche / Deutschsprachige Erstaufführung

Premiere: 16. März 2024 / besuchte Vorstellung: 28. März & 9. Mai 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni / Tonio Shiga (28.03.)
INSZENIERUNG Rennik-Jan Neggers
BÜHNE & KOSTÜME Alexander McCargar
CHOREOGRAFIE Nele Neugebauer
DRAMATURGIE Torben Selk
CHÖRE Mario El Fakih Hernández
LICHT Thomas Güldenberg

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
THEATERPÄDAGOGIK Katharina Dürr


Wenn es etwas gibt, was ich an „meinem“ Stadttheater Bremerhaven sehr schätze (neben vielen anderen Dingen), dann ist es der Umstand, dass das dortige Team immer wieder sehr rührig ist, um wenig gespielte Stücke von Autor*innen oder Werke von kaum beachteten Komponist*innen wieder für das Publikum ins Rampenlicht zu rücken. So hat das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann zwei wundervolle Symphonien der „vergessenen“ Komponistin Emilie Mayer auf CD eingespielt, die sogar für die renommierten Musikpreise INTERNATIONAL CLASSICAL MUSIC AWARD und OPUS KLASSIK nominiert war. Ebenso stand im vergangenen Jahr mit der Oper BREAKING THE WAVES eine deutsche Erstaufführung auf dem Spielplan, mit der mir ein absolut aufregender und zutiefst bewegender Opern-Momente geschenkt wurde.

Auch in diesem Jahr gibt es auf dem Spielplan eine von diesen in Vergessenheit geratenen Werken zu entdecken: Mit dem Musical THE APPLE TREE präsentiert das Stadttheater sogar eine deutschsprachige Erstaufführung. Die Namen des Komponisten-Texter-Duos ließen mich aufhorchen: Jerry Bock und Sheldon Harnick schufen zwei Jahre vor der Premiere von THE APPLE TREE mit dem warmherzigen FIDDLER ON THE ROOF (bei uns besser bekannt als: ANATEVKA) eines der populärsten und meistgespielten Musicals auf deutschen Bühnen. Eingedeckt mit diesem Hintergrundwissen machte ich mich voller Neugierde und mit hohen Erwartungen auf den Weg Richtung Bremerhaven.

THE APPLE TREE setzt sich aus drei Teilen zusammen: „Das Tagebuch von Adam und Eva“ ist eine ungewöhnliche Variante der Geschichte vom ersten Menschenpaar, basierend auf dem gleichnamigen Buch von Mark Twain. „Die Lady oder der Tiger?“ ist eine Rock-n-Roll-Geschichte über die Unbeständigkeit der Liebe, angesiedelt in einem mythischen, barbarischen Königreich. „Passionella“ geht auf die Aschenputtel-Variation von Jules Feiffer zurück und handelt von einer Schornsteinfegerin, deren Träume vom Ruhm als Filmstar beinahe ihre Chance auf die wahre Liebe vereiteln.

(Inhaltsangabe der Homepage des Theaterverlages entnommen.)

Leider wirkte das Stück – wahrscheinlich aufgrund dieser Drei-Teilung – sehr wenig homogen auf mich, zumal der Komponist zu den „Variationen über die Versuchung“ (so der Untertitel des Musicals) ebenfalls Variationen im Musik-Stil schuf, die ein verbindendes Leitmotiv vermissen ließen. Da genügte es mir nicht, dass im zweiten wie auch im dritten Teil die Melodie „The Apple Tree (Forbidden Fruit) / Verbot’ne Frucht“, die die Schlange beim Sündenfall im ersten Teil zum Besten gibt, abermals erklang. Auch zeigte das Stück sowohl im dritten aber vor allem im ersten Teil deutliche Längen, die die Konzentration des Publikums durchaus herausfordern könnte. Leider wurden diese Längen vom Bremerhavener Produktions-Team nicht ausgemerzt, bzw. wahrscheinlich durfte das Team sie nicht ausmerzen, da es Vorgaben vom Verlag gab, die eingehalten werden mussten. Dabei hätten sensible Kürzungen dem Fluss der jeweiligen Geschichte sicherlich äußerst gutgetan.

Ist THE APPLE TREE ein Werk, das im Musical-Kanon eine große Rolle spielt und man somit unbedingt kennen sollte? Nein! Ich wage sogar die dreiste Vermutung zu äußern, dass, würde es nicht vom Glanz ANTAVEKAs profitierten, es schon längst in der Versenkung verschwunden wäre.

Sollte man allerdings die Inszenierung in Bremerhaven gesehen haben? Ja! Was auf dem ersten Blick wie ein Widerspruch anmutet, ist allein einer differenzierten Sichtweise geschuldet. Auch wenn mir einige Aspekte an einem Theaterbesuch weniger zusagen, kann ich doch trotzdem die guten Anteile würdigen, oder?

Regisseur Rennik-Jan Neggers setzt auf nuancierte Rollenporträts, wagt sich auch an die stillen Momente, amüsiert mit kleinen Details „am Rande“ und poliert an der Oberfläche der Dialoge, bis eine feine Ironie zum Vorschein kommt. Zum Glück steht ihm im Stadttheater Bremerhaven eine talentierte Solistenriege wie ein variabler Opernchor zur Verfügung, die alle schon in so manchen Produktionen ihre Vielseitigkeit gezeigt haben. Zumal dieses Musical den Gesangssolisten reichlich Möglichkeiten bietet, sich in den Solos und Duetten von ihrer besten Seite zu zeigen.


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Schon beim ersten Zusammentreffen des pragmatischen Adams von Andrew Irwin mit der quirligen Eva von Victoria Kunze ahnt das Publikum, dass hier viel Potential für sowohl witzige wie auch rührende „Szenen einer Ehe“ zu finden ist. So wird amüsant unterstellen, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau schon in der Schöpfungsgeschichte begründet liegen. Männer und Frauen passen eben nicht zusammen (Eine Tatsache, die mir als schwuler Mann schon seit langem bewusst war!). Und so zeigen Kunze und Irwin eine Vielzahl an Facetten einer zwar durch göttliche Fügung entstandenen aber ansonsten sehr weltlichen Beziehung. Dabei präsentieren sich bei den Songs so manche kleine Perlen, die durch die Interpretation der Künstler*innen einen zarten Lüster erhalten: So entzückte zum Beispiel Victoria Kunze bei „Here in Eden / Hier in Eden“ in ihrem Erstaunen über den ersten Tag auf Erden. Adams Klagelied über „Eve / Eva“ wurde von Andrew Irving so fein akzentuiert gestaltet, dass es die reine Freude war, ihm zu lauschen. Als verführende wie verführerische Schlange trat Marcin Hutek in Erscheinung, um „The Apple Tree (Forbidden Fruit) / Verbot’ne Frucht“ erfolgreich an die Frau zu bringen. Besonders dem intensiven Zusammenspiel von Kunze und Irwin ist es zu verdanken, dass die Längen beim Einakter Das Tagebuch von Adam und Eva keinen Einfluss auf die Konzentration des Publikums nahmen.

Mit Die Dame oder der Tiger? präsentiert sich der kürzeste Part dieser Trilogie. Diese Kürze scheint der Geschichte durchaus gut zu bekommen, da alles viel komprimierter, viel kompakter wirkt. Die Handlung kommt schneller auf den Punkt und ermöglicht so den Solisten, genüsslich voller Witz und Ironie zu agieren. Hatte ich bei HÄNSEL UND GRETEL noch die mangelnde Textverständlichkeit bei Marcin Huteks Vortrag bedauert, muss er seitdem fleißig an seiner Diktion gearbeitet haben. Brilliert er doch nun gut verständlich als kerniger Hauptmann Sanjar und liefert gemeinsam mit Boshana Milkow als Prinzessin Barbra bei „Forbidden Love / Wenn man verboten liebt“ ein humoristisches Kabinettstückchen ab. Milkow lässt zudem mit lüstern vibrierenden Mezzo beim Song „I’ve Got What You Want / Ich hab’, was du willst“ keinen Zweifel aufkommen, dass es nur eine Frau gibt, die die Krallen ins männliche Objekt der allgemeinen weiblichen Begierde schlagen darf. Diesmal taucht die Schlange/die Verführung in Person des Balladensängers auf, den Patrick Ruyters mit hellem Bariton in „I’ll Tell You a Truth / Das Lied, das ich sing“ die Strippen ziehen lässt. War er beim ersten Teil „nur“ die Stimme Gottes, tänzelt Ulrich Burdack nun als Papa Schlumpf-Lookalike huldvoll winkend über die Bühne oder echauffiert sich entrüstet über die Amouren seiner Tochter Barbra.

Wesentlich mehr hat Burdack im dritten Part Passionella. Eine Romanze aus den Sechzigern zu tun. Es scheint keine Szene zu geben, in der er nicht präsent ist – entweder fungiert er als sympathischer Erzähler, oder er schlüpft pointiert in die diversen Rollen und zaubert dazu aus seiner schier unerschöpflichen magischen Tasche so manche Kostümteile und Requisiten hervor. Im Mittelpunkt der Handlung steht Victoria Kunze als Titelheldin Ella/Passionella, eine einfache Kaminkehrerin, die sich nichts sehnlicher wünscht, als ein großer Star zu sein. Hier erscheint die Schlange/die Verführung in Form der lieben guten Fee, die Katharina Diegritz scheinbar harmlos verkörpert, aber voller Niedertracht für Verwirrung im Leben von Ella sorgt. Kunze darf u.a. in „Gorgeous / Wahnsinn“ ihre Star-Qualitäten unter Beweis stellen. Ihr zur Seite überzeugt abermals Andrew Irwin, der mit lässigem Hüftschwung als smarter Rock ’n’ Roller Flipp gegenüber Passionella behauptet „You Are Not Real / Du bist nicht real“.

Ausstatter Alexander McCargar designte eine schräge Rampe, die dank einiger strategisch einsetzbarer Bühnenteile und prägnanter „Extras“ sich in die jeweiligen Handlungsorte verwandelte. Mit den Kostümen unterstreicht er den jeweiligen Charakter der Figur: Adam und Eva sind im schlichten Weiß gekleidet, wobei der Alterungsprozess durch graue Kleidungsstücke angedeutet wird. Die an Sandalen-Filme erinnernde Handlung des zweiten Teils wird mit der Farbwahl der Kostüme relativiert bzw. karikiert: Beim Anblick der blau-weißen Kostüme musste ich unwillkürlich an „Die Schlümpfe“ denken. Im dritten Teil trägt der Chor biedere Kleidung in allen Facetten von Beige, während Passionella und Flipp ausgefallene Roben tragen, die die Charaktere der Figuren eher ein wenig überhöhen.

Tonio Shiga und das Philharmonische Orchester Bremerhaven lassen die Melodien von Jerry Bock mit einem Gespür für feine Nuancen aus dem Graben erklingen und verleihen so den bereits erwähnten Song-Perlen einen zusätzlichen Glanz.


Nachtrag zum 9. Mai 2024: Da hatte ich nach meinem ersten Besuch des Musicals THE APPLE TREE, das das Stadttheater Bremerhaven als deutschsprachige Erstaufführung zeigte, doch tatsächlich ein wenig geunkt. So bemängelte ich u.a., dass mir bei der Musik ein verbindendes Leitmotiv fehlte. Zudem empfand ich die Lieder beim ersten Anhören als wenig eingängig. Doch nun saß ich heute in der Dernière und freute mich schon sehr auf einige Songs, die sich im Laufe der Zeit langsam aber stetig in mein Herz geschlichen hatten. Erst beim wiederholten Hören entblätterten sie wie eine Blüte ihre schlichte Schönheit. Daran waren natürlich die tollen Künstler*innen am Stadttheater Bremerhaven nicht ganz unschuldig.

Zumal ich beim THEATERSNACK ZUR MITTAGSZEIT am 3. April die wunderbare Gelegenheit hatte, mit Tenor Andrew Irwin, Kapellmeister Tonio Shiga, Dramaturg Torben Selk und dem Leiter des Musiktheaters Markus Tatzig ins Gespräch zu kommen. THEATERSNACK ZUR MITTAGSZEIT ist eine Kooperation des Stadttheaters mit der Stadtbibliothek Bremerhaven: An jedem ersten Mittwoch im Monat haben Interessierte die Gelegenheit, ihre Mittagspause in der Stadtbibliothek zu verbringen. Während herzhaft ins Pausenbrot gebissen wird, hört und sieht man auf der dortigen Standkorbbühne Ausschnitte aus dem aktuellen Programm und erhält nebenbei noch einige Hintergrundinformationen.

So bestens präpariert eröffneten sich mir bei meiner heutigen Stippvisite im „Garten Eden“ ganz neue Perspektiven. 🍎


Doch lassen wir bei #angeklopft Victoria Kunze und Andrew Irwin gerne selbst zu Wort kommen.


Ihr möchtet Euch auch der Versuchung hingebe? Dann müsst Ihr Euch beeilen: Es gibt leider nur noch wenige Termine für THE APPLE TREE am Stadttheater Bremerhaven.

[Operette] Franz Lehár – DIE LUSTIGE WITWE / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Franz Lehár / Libretto von Victor Léon und Leo Stein

Premiere: 3. Februar 2024 / besuchte Vorstellungen: 08.02., 28.04. & 12.05.2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Hartmut Brüsch / Davide Perniceni (28.04.)
INSZENIERUNG Isabel Hindersin
BÜHNE & KOSTÜME Tanja Hofmann
CHOREOGRAFIE Rosemary Neri-Calheiros
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Mario Orlando El Fakih Hernández
LICHT Frauke Richter

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
CHOREOGRAFISCHE ASSISTENZ Lucia Giarratana
INSPIZIENZ Regina Wittmar


Na? Gelüstet es euch manchmal auch nach einer großen Portion Schmalz? Einige schauen sich mit einer Familienpackung Papiertaschentücher bewaffnet drei Rosamunde Pilcher-Verfilmungen nacheinander oder mehrere Staffeln „friends“ in Folge an, andere werfen eine Schlager-CD in den Player und erklären lautstark „Schuld war nur der Bosa Nova!“ oder behaupten vehement „Er gehört zu mir!“.

Sollte ich hingegen ein unbändiges Verlangen nach Schmalz verspüren, stille ich dieses gerne, indem ich mich auf den Weg ins Theater mache, um mich dank eines passenden Stücks in Unmengen Schmalz zu wälzen, zu suhlen, zu ertränken,…

…und wenn dann noch mit DIE LUSTIGE WITWE ein wahrer Schmacht-Fetzen aus dem Operetten-Himmel auf dem Programm steht, dann ist mein Glück perfekt, und ich gebe mich diesem Zustand hemmungslos hin. ACHTUNG: Jede Störung wird gnadenlos geahndet!

HINWEIS: Die obige Aufnahme stammte nicht aus der besprochenen Inszenierung sondern dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln. 

Es gibt so viele wunderbar unterhaltsame Werke im Operetten-Repertoire, doch zum (ungekrönten) Königspaar würde ich zwei Werke wählen. Da gibt es einerseits DIE FLEDERMAUS (1874) von Johann Strauß, die pikant-frivol die Bigotterie des gehobenen Bürgertums auf den Arm nimmt, andererseits DIE LUSTIGE WITWE (1905) von Franz Lehár, die äußerst amüsant die Eitelkeit der Männer bloßlegt. Beiden Operetten ist gemein, dass sie mit präsenten Frauen-Porträts aufwarten und die sogenannten „Herren der Schöpfung“ recht blass aussehen lassen.

Im pontevedrinischen Gesandtschaftspalais in Paris wird fröhlich der Geburtstag des Fürsten gefeiert. Nur Baron Mirko Zeta ist besorgt. Die junge reiche Witwe Hanna Glawari soll demnächst eintreffen. Sollte sie nun einen Pariser zum neuen Mann nehmen, so würde der finanziell schlecht dastehende pontevedrinische Staat nicht mehr von ihrem Geld profitieren. Daher plant Baron Zeta, den Gesandtschaftssekretär Graf Danilo Danilowitsch mit Hanna Glawari zu verkuppeln. Doch Graf Danilo vergnügt sich lieber im „Maxim“ mit den aufreizenden Grisetten und muss erst durch Njegus, dem Assisteneten des Barons, in den Gesandtschaftspalais geschleppt werden. Als Hanna Glawari erscheint, sind gleich alle von ihr angetan. Sie ist sich allerdings durchaus bewusst, dass die anwesenden Herren sie nur wegen ihres Geldes begehren. Graf Danilo kommt müde vom nächtlichen Treiben im „Maxim“ zum Fest. Er kennt Hanna von früher und hätte sie damals auch gerne geheiratet, wenn nicht sein Onkel dagegen gewesen wäre. Dieser fand die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Hanna nicht standesgemäß. Doch Danilo liebt Hanna immer noch, zeigt dies nicht, denn sie soll nicht glauben, dass er sie nur wegen ihres Reichtums begehrt. Darum lehnt er auch Baron Zetas Verkuppelungsversuch ab. Valencienne, Zetas junge Frau, hat ihren Fächer verloren, auf dem ihr Verehrer Camille de Rosillon eine Liebeserklärung geschrieben hat. Zu allem Unglück gerät der Fächer in die Hände ihres Ehemannes, der aber nicht ahnt, dass er seiner Frau gehört. Bei der Damenwahl wählt Hanna Danilo als ihren Tänzer, was er jedoch ablehnt. Er bietet diesen Tanz für 10.000 Francs zum Verkauf an. Die anwesenden Herren sind brüskiert und suchen das Weite. Endlich ist er mit Hanna allein und überredet sie zum gemeinsamen Tanz. Am darauffolgenden Tag hat Hanna die Gesellschaft in ihr Palais zu einem pontevedrinischen Fest geladen. Ihr ist bewusst geworden, dass sie Danilo immer noch liebt. Doch dieser verhält sich weiterhin reserviert und versucht zudem herauszufinden, wem der Fächer mit der Liebeserklärung gehört. Durch einen Zufall gelangt der Fächer aber wieder in die Hände von Valencienne. Sie bittet Camille de Rosillon, er möge doch um Hanna Glawari werben. So wunderbar ihre gemeinsamen Träumereien auch seien, sie ist schließlich verheiratet: Als anständige Frau würde sie seinem Werben nie nachgeben. Camille bittet zum Abschied um ein letztes Treffen in einem kleinen Pavillon. Baron Zeta hat die beiden heimlich beobachtet und lässt den Pavillon öffnen. Doch gemeinsam mit Camille tritt Hanna heraus. Um Valencienne nicht zu kompromittieren, hat sie schnell ihren Platz eingenommen. Als sie dreist verkündet, dass sie sich mit Camille de Rosillon verloben werde, kann Danilo seine Eifersucht nicht mehr verbergen. Nun erkennt Hanna deutlich, dass Danilo sie immer noch liebt. Wütend flüchtet er in sein geliebtes „Maxim“. Hanna lässt den Saal in ihrem Palais mit Unterstützung von Njegus nicht nur in das „Maxim“ verwandelt sondern hat auch das komplette Ensemble engagiert. So gelingt es ihr, Danilo wieder in ihre Nähe zu locken. Baron Zeta ist noch immer in großer Sorge um die Millionen der Glawari, denn wenn Hanna den Pariser Camille de Rosillon heiratet, ist der pontevedrinische Staatsbankrott nicht mehr abzuwenden. Danilo appelliert an Hannas Vaterlandsliebe, doch die hatte ohnehin nie vor, einen Franzosen zu heiraten. Sie klärt Danilo über die prekäre Situation im Gartenpavillon auf. Doch leider erfährt auch Baron Zeta davon und fordert von Valencienne die sofortige Scheidung. Jetzt, wo er frei ist, könnte er selbst Hanna Glawari heiraten. Diese klärt alle Anwesenden über eine pikante Klausel im Testament ihre verstorbenen Mannes auf: Im Falle einer neuerlichen Heirat würde sie das gesamte Vermögen verlieren. Endlich gesteht ihr Danilo seine Liebe, denn jetzt kann Hanna ihm nicht mehr vorwerfen, dass er sie nur ihres Geldes wegen heiraten möchte. Doch Hanna hat noch eine weitere Überraschung parat: Zwar würde sie das Vermögen verlieren, allerdings ginge es über in den Besitz ihres neuen Ehemanns. Auch Baron Zeta muss seiner Gattin Abbitte leisten. Valencienne hat ihn auf ihre Antwort aufmerksam gemacht, die sie unter der Liebeserklärung auf dem Fächer hinterlassen hat. Dort steht deutlich geschrieben: „Ich bin eine anständige Frau“.

Es war wieder einer der Abende, an dem sich schon beim Klang der ersten Töne aus dem Orchestergraben ein penetrant-permanentes Dauergrinsen auf meinem Gesicht einnistete und mich grenzdebil erscheinen ließ. Doch ich konnte nichts dagegen tun, bzw. ich wollte nichts dagegen tun. Bereits bei der Ouvertüre begann Hartmut Brüsch mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven auch noch das letzte Quäntchen Schmalz aus der Partitur zu kitzeln. Da erklangen Lehars Kompositionen so herrlich schwelgerisch und schmissig. Dann ließ er die bekannten Melodien wieder erfrischend schlank erklingen, um bei einige Arien diese beinah Couplet-artig zu umschmeicheln.

Ebenso schlank – beinah entschlackt – zeigte sich die Inszenierung von Isabel Hindersin. Hindersin sah sich anscheinend die Vorlage (s.a. die obige Inhaltsangabe) sehr genau an, entdeckte Widersprüche darin und bemühte sich, diese auszumerzen. Die Vorlage bietet Porträts von selbstbewussten Frauen, die dann im entscheidenden Moment doch wieder nur den männlichen Ansprüchen genügen. Dieser Umstand wirft Fragen auf. Ein Beispiel: Bleibt Hanna Single, kann sie eigenständig über ihr Erbe verfügen; heiratet sie, dann fällt das Erbe an ihren neuen Ehemann. „Hä?“ (unverständliches Kopfschütteln) Jede kluge Frau würde unter diesen Umständen eine „wilde“ Ehe vorziehen. Solche unzeitgemäßen Ungereimtheiten finden sich öfter in diesem Stück und sind natürlich dessen Entstehungszeit geschuldet. Bei Hindersin behauptet Hanna einfach, sie hätte ihr Erbe schon ausgegeben, somit ist das Objekt der allgemeinen männlichen Begierde nicht mehr existent, was das Verhalten der Herren ad absurdum führt. Auch Valenciennes Fächerbekenntnis „Ich bin eine anständige Frau“ wird von ihrem Gatten ignoriert, der sich ihrer nur allzu schnell entledigt, um sich dann der scheinbar reichen Witwe anbiedernd vor die Füße zu werfen. Warum sollte sie loyal gegenüber einer solchen Kanaille sein, wenn sie sich stattdessen der Liebe des feschen Camille de Rosillon sicher sein kann? Selbst das schmissige von den Herren vorgetragene „Ja, das Studium der Weiber ist schwer“ erhält eine Frischzellenkur, indem die Damen sich einmischen mit „Das Studium der Männer ist schwer“, was zu einem gemeinsamen „Das Studium der Menschen ist schwer“ gipfelt und somit implementiert, dass es durchaus auch Menschen mit einer nichtbinären Geschlechtsidentität gibt. Damit verleiht die Regisseurin den Figuren einen Hauch Realismus, der durchaus auch Raum für Tragik und Trauer bietet. Sie befreit so die Charaktere aus dem gängigen klischeehaften Operetten-Korsett. Für die ersten beiden Akte findet sie – auch für die Modernisierungen – eine stringente Erzählweise. Der dritte Akt wirkte dagegen auf mich etwas zerfasert in seiner Struktur.

Auch Tanja Hofmann spendierte der Ausstattung diesen Hauch Realismus. Die pontevedrinische Botschaft hat schon deutlich bessere Zeiten erlebt: Da blättert der Putz von den Wänden, und die Gäste müssen aufpassen, dass sie von herunterstürzenden Dekorationsteilen nicht getroffen werden. Es wirkt eher wie ein in die Jahre gekommenes Vereinsheim „irgendwo im Nirgendwo“ auf dem Lande. Hannas Palais hingegen fungiert als eine Art Spiegelkabinett, als wolle es die Protagonist*innen zwingen, einen offenbarenden Blick in den Spiegel und somit hinter die Fassaden zu werfen. Für den 3. Akt kreiert Hofmann diesen einzigartigen Pariser Flair: Hier dürfen sich Valencienne und Camille zum Tête-à-Tête in eine Litfaßsäule aka Pavillon zurückziehen, und unsere Held*innen finden am Fuße des Eifelturms unterm funkelnden Sternenhimmel endlich zueinander. Auch bei den Kostümen beweist Tanja Hofmann Raffinesse und Chic. Sie kleidet die Figuren so stimmig und geschmackvoll, dass die Garderobe schon auf den jeweiligen Charakter schließen lässt. Einzig beim wunderbaren Paris-Bild bewies sie leider bei den Kostümen für Ballett und Chor weniger Gespür. Beinah schien es, als wäre ein Sturm, wie er häufig an der Küste vorkommt, mit Schmackes durch den Kostümfundus gefegt, und alles, was zu Boden gefallen ist, musste nun auf der Bühne getragen werden.

Choreografin Rosemary Neri-Calheiros sorgte bei den Solisten und dem Chor für flinke Füße und ließ das Ballett u.a. als Grisetten (m/w/d) beim Can-Can „Ja, wir sind es, die Grisetten“ temperamentvoll über die Bühne toben.


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Glücklicherweise sind die Zeiten vorbei, in denen die Operette von der 2. Sängergarde bestritten wurde, eben durch jene Sänger*innen, bei denen die Stimmen für die große Oper nicht ausreichten. Wenn bei den Genren im Musiktheater so unterschiedliche Kriterien angelegt werden, darf es nicht verwundern, wenn die Qualität entsprechend ausfällt. Das Stadttheater Bremerhaven verfügt momentan (zur Freude des Publikums) über ein hochtalentiertes Musiktheater-Ensemble, wo jede*r ebenso in TOSCA oder RUSALKA brilliert wie im Musical oder in der Operette.

In der klassischen Operette gibt es sogenannte Stimmfächer, die den entsprechenden Rollen zugeordnet werden. Da gibt es das Leading-Paar, bestehend aus dramatischem Sopran und Heldentenor, und das Buffo-Paar, das sich aus Soubrette und Spieltenor zusammensetzt. Hierbei soll sich die jeweilige Charakterisierung der Figur schon im Klang der Stimme widerspiegeln.

Apropos „Drama“: Selten habe ich das „Vilja-Lied“ so gefühlvoll und zugleich so traurig vernommen, wie in der Interpretation durch Signe Heiberg. Bei ihr ist Hanna Glawari eine moderne, selbstbewusste Frau, die von den enervierenden Avancen der Männer so angewidert ist, dass sie nur mit Mühe höflich bleiben kann. Fein nuanciert setzte sie ihren Sopran ein, um so auch musikalisch die Kränkungen zu verdeutlichen, die die Figur erleiden musste. Das Duett „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen“ gestaltete sie gemeinsam mit Konstantinos Klironomos äußerst innig und exquisit. Graf Danilo Danilowitsch ist bei Konstantinos Klironomos ein absoluter Heißsporn. Mit seinem potenten Tenor setzte Klironomos beim Gassenhauer „O Vaterland/ Da geh’ ich zu Maxim“ eine erste gesangliche Marke. Doch auch darstellerisch konnte er das ambivalente Verhalten dieses charmanten Hallodris glaubhaft vermitteln, der seine wahren Gefühle gegenüber Hanna nur schwerlich verstecken kann.

Abermals stehen Victoria Kunze und Andrew Irwin als kongeniale „Partners in Crime“ auf der Bühne und bieten sich ein höchst amüsantes Gefecht. Kunze gab eine quirlige, beinah naiv-unbedarfte Valencienne, die immer wieder hin und her gerissen wurde zwischen ehelicher Treue und dem Wunsch nach echter Zuneigung. Irwins Camille de Rosillon wirkte beinah, als würde ihn so viel weibliches Temperament überfordern. Dabei litt er sichtlich bei dem Gedanken, „seiner“ Valencienne entsagen zu müssen. Gemeinsam harmonierten sie abermals ganz und gar wunderbar in ihren Duetten, wobei das voller Wehmut vorgetragene „Wie eine Rosenknospe/ Sieh dort den kleinen Pavillon“ besonders herausstach.

Sollte ich die Stimm-Konstellationen beider Paare beschreiben, wären Heiberg/Klironomos ein vollmundiger Rotwein mit komplexen Aromen, während Kunze/Irwin eher ein prickelnd-leichter Schaumwein sind, der gar köstlich am Gaumen perlt. Dies stellt keine Wertung dar: Beide Weine sind absolut köstlich! Interessant war es für mich erstmals zu bemerken, wie Franz Lehár bei den beiden Paaren die jeweilige Beziehung bzw. deren Entwicklung schon rein musikalisch (an)deutete. Während das Buffo-Paar Valencienne und Camille ihre innige Vertrautheit direkt von Beginn an mit gefühlvollen Duetten verdeutlichte, hält der Komponist das Leading-Paar Hanna und Danilo musikalisch auf Abstand, indem er ihnen jeweils Solo-Arien in die Kehlen komponierte oder sie voller Ironie wie beim „Lied vom dummen Reiter“ aufeinander prallen lässt. Erst zum fulminanten Happy End gestehen sich die Beiden mit „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen“ ihre gegenseitige Zuneigung und dürfen sich so im Gesang vereinen.

Nun ist die Rolle des Baron Mirko Zeta eher eine Sprechrolle als eine Gesangsrolle. Glücklicherweise braucht Ulrich Burdack niemanden mehr zu beweisen, dass er singen kann. Doch selten habe ich ihn so komödiantisch leichtfüßig auf der Bühne erleben dürfen: Da wurde geprotzt und schwadroniert, selbstverliebt der Bart gebürstet und sich so voller Elan in die Brust geworfen, dass die daran gehefteten Orden mächtig klapperten. Voller Schadenfreude beobachtete das Publikum, wie dem eitlen Gockel die Federn gerupft wurden, währenddessen er seinen Handlanger Njegus schikanierte. Mit der Rolle des Njegus fand Hans Neblung abermals den Weg ins Stadttheater Bremerhaven, mit dem er sich schon über Jahre verbunden fühlt. Sein Njegus ist weniger der speichelleckende Opportunist, wie er gerne in anderen Inszenierungen dargestellt wird, sondern vielmehr der wissende Vertraute, der um Schadensbegrenzung bemüht ist. Nun stellt man einen Musical-Darsteller mit internationalem Renommee nicht einfach so auf eine Bühne und lässt ihn dann nicht singen. So gönnte das Produktionsteam dem Nejegus von Hans Neblung einen Solo-Auftritt, den er in einem spektakulären Blütenkleid gewohnt charmant präsentierte.

„Last but not least“: Abermals sorgte Chordirektor Mario Orlando El Fakih Hernández für einen voluminösen Wohlklang bei den Sänger*innen des Opernchores, von denen sich einige auch höchst unterhaltsam solistisch in div. Nebenrollen profilierten.


Nachtrag zum 12. Mai 2024: Da sah ich mir doch tatsächlich zum 3. Mal die Operette DIE LUSTIGE WITWE an und saß diesmal im Stadttheater Bremerhaven neben „meiner“ Ute. Ute lebt in einer Wohngemeinschaft der Lebenshilfe, und ich begleite sie ehrenamtlich bei Kultur- und Freizeitaktivitäten. Da sind die Damen von der Theaterkasse auch immer ganz wunderbar: Ute bekommt genau DIE Karten zu DEN Plätzen, von denen sie der Aufführung trotz Handicaps bestmöglich folgen kann.

Es war für mich immer wieder ein Fest, Ute zu erleben, mit welch überschwänglicher Freude sie die Aufführung genoss und mir auf dem Heimweg in den höchsten Tönen vorschwärmte

„Die haben alle so toll gesungen und so toll getanzt,
und die Musik war so schön und die Kostüme so cool…!“

Angefangen hat alles im Jahre 2013 als ich bei der Lebenshilfe zu arbeiten begann und u.a. für Ute die Aufgaben des Bezugsbetreuers übernahm. Bis dahin nahm Ute aufgrund der verschiedensten Faktoren kaum an kulturellen Angeboten teil. Ich war der Meinung, dies müsste dringend geändert werden. Ute war von dieser Idee begeistert, und so formulierten wir für sie ihren ganz persönlichen Förderplan. Auch als ich im Herbst 2019 den Arbeitgeber wechselte, blieb ich Ute ehrenamtlich als ihr persönlicher Kultur-Attaché erhalten.

Doch damals musste ich mir von einigen „netten“ Kolleginnen ungehörige Fragen anhören wie „Versteht sie denn überhaupt alles?“ und „Hat sie denn auch was davon?“. Meine Antworten fielen mit „Nein!“ und „Ja!“ sehr knapp aus. Danach ließ ich keine weiteren Diskussionen mehr zu.

Nein, sie braucht nicht alles zu verstehen: Kultur zu erleben ist schließlich kein Wettkampf, bei dem man ein vorher gesetztes Ziel erreichen muss. Kultur ist bunt und vielfältig und berührt emotional auf so unterschiedlichen Ebenen, dass Ute sich intuitiv genau das heraussucht, was ihr gefällt, und was sie für sich braucht. Darum: Ja, sie hat enorm viel davon!

Zudem schafft sie es immer wieder, auch meine eingefahrene Sichtweise aufzubrechen: Die Möglichkeit, Kultur erleben zu dürfen, ist für Ute nicht selbstverständlich. Diese Freiheit hat sie sich erkämpft und erarbeitet und genießt es nun.

Seit 10 Jahren gehen wir nun schon zusammen ins Theater. Ende offen…! ❤


Dank #angeklopft erhalten wir sogar eine Audienz beim pontevedrinischen Botschafter Ulrich Burdack.


Noch bis Ende Mai geht´s weiterhin recht turbulent zu bei DIE LUSTIGE WITWE am Stadttheater Bremerhaven.

[Oper] Antonín Dvořák – RUSALKA / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Antonín Dvořák / Libretto von Jaroslav Kvapil / in tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 25. Dezember 2023 / besuchte Vorstellung: 7. Januar 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG Johannes Pölzgutter
BÜHNE & KOSTÜME Michael Lindner
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Mario El Fakih Hernández
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
INSPIZIENZ Mahina Gallinger


Wenn das nicht der Trend für den Städte-Tourismus 2024 wird: Nicht nur Kopenhagen hat eine Meerjungfrau, auch andere Hafenstädte können mit einer eigenen Version aufwarten. Nun schickt auch Bremerhaven eine Meerjungfrau ins Rennen um die Gunst des Publikums. Allerdings sitzt diese nicht auf einem Stein im Hafenbecken und schaut verträumt in die Ferne. Vielmehr robbt sie höchst athletisch über die Bühne des Stadttheaters und hört auf den Namen RUSALKA.

An einem nächtlichen Waldsee necken drei Waldelfen den alten Wassermann. Doch der hat ganz andere Sorgen: Seine Tochter Rusalka träumt von einer Seele, die sie fühlen, vor allem aber lieben lässt, und die den Wasserwesen nicht gegeben ist. Rusalka hat sich in einen Prinzen verliebt, den sie bei einer nächtlichen Jagd gesehen hatte. Ihr Vater ist entsetzt und warnt sie vor der Menschenwelt, bevor er wieder zum Grund des Sees abtaucht. Doch Rusalkas Sehnsucht nach Liebe ist so groß, dass sie die heimtückische Hexe Ježibaba um Hilfe bittet. Diese macht aus ihrem Fischschwanz zwei Beine, nimmt ihr aber die Sprache. Auf der Jagd ist der Prinz vom Weg abgekommen und findet sich schließlich am Ufer des Sees wieder. Hier trifft er auf die stumme, hilflose Rusalka. Er nimmt sie, bereits in sie verliebt, mit auf sein Schloss. Dort löst die stumme Unbekannte mit ihrem eigentümlichen Benehmen bei der Schloss-Gesellschaft Befremden aus. Als Wasserwesen ist sie für die Liebe nicht geschaffen und kann den Avancen des Prinzen nicht nachgeben. Dieser tröstet sich mit einer fremden Fürstin, die den Prinzen nur aus Eitelkeit, nicht aus Liebe verführt. Diese Untreue bricht Rusalka das Herz, und sie wünscht sich zurück in die Wasserwelt. Ihr Vater erscheint und erlaubt ihr, ihm in die Wasserwelt zu folgen. Doch aufgrund ihrer Verzauberung kann sie kein Wasserwesen mehr sein, vielmehr ist sie gezwungen, als ein todbringendes Irrlicht umherzuwandern. Dem Prinzen quält die Reue über seinen Verrat, und obwohl er nun weiß, dass Rusalka kein menschliches Wesen ist, liebt er sie weiterhin. Der Jäger und der Küchenjunge wagen sich zur Hexe Ježibaba mit der Bitte, ihren scheinbar von Rusalka verhexten Prinzen von diesem Fluch zu befreien. Die Hexe verspottet sie und jagt sie davon. Dann erscheint der Prinz persönlich am See und bittet Rusalka reumütig um einen Kuss als Vergebung. Rusalka, die ihn immer noch liebt, warnt ihn, dass ihr Kuss ihn töten würde. Doch der Prinz verzehrt sich so sehr nach ihr, dass er sie abermals um diesen Kuss bittet. Rusalka erfüllt die Bitte und küsst den Prinzen, der darauf stirbt. Sie entschwindet daraufhin auf ewig in den dunklen Wald.

Märchenseligkeit á la Disney?! Nein, damit erfreut Regisseur Johannes Pölzgutter das Publikum nicht. Er lässt durchaus das Märchenhafte der Geschichte in seiner Interpretation durchschimmern, kredenzt aber auch sehr vieles, was kantig, sperrig, beinah urwüchsig anmutet. Seine Inszenirung besticht durch eine präzise Personenführung und der Fokussierung auch auf die Nebenrollen, die dadurch deutlich an Profil gewinnen. Klar voneinander abgegrenzt zeigt er die Menschen- gegenüber der Mythenwelt. Rusalka wünscht sich eine Seele: In der Interpretation von Pölzgutter werden die Menschen oberflächlich und gefühlskalt dargestellt, denen Prestige und eine öffentlichkeitswirksame Selbstdarstellung über alles geht. Im Vergleich dazu konzentrieren sich die Wasserwesen auf das Wesentliche, auf die inneren Werte. Da zeigen die angeblich kalten „Fische“ viel mehr Seele als die ach so gefühlvollen Menschen.

Stichwort „Fische“: Ausstatter Michael Lindner schuf ein stimmiges Ambiente, bei dem die Welt der Wasserwesen permanent präsent war, sei es bei den schuppenartigen Kleidern von Rusalka und der Hexe, dem Neoprenanzug des Jägers, der Wandgestaltung im Schloss oder mit einem überdimensionalem Glaskasten, der an ein Aquarium erinnerte.


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In der Titelrolle überzeugte abermals Sopranistin Signe Heiberg auf ganzer Linie. Es gelang ihr mit Haltung, Gestik und Mimik, aber vor allem mit ihrem seelenvollen Blick ihrer Rusalka mit einer Aura der andauernden Melancholie zu umgeben. Mit nuanciert-geführter Stimme brillierte sie beim „Měsíčku na nebi hlubokém / Lied an den Mond“, mit expressiven Sopran gestaltete sie bei „Necitelná vodní moci / Unendlich Herzeleid“ die Empfindungen Rusalkas von Resignation bis Schmerz. Zudem zeigte sie in dieser Partie erneut, welch exzellente Schauspielerin sie ist.

Rein Optisch entsprach Konstantinos Klironomos dem Idealbild eines Prinzen aus dem Märchen. Dabei ist dieser Prinz ein oberflächlicher Fatzke, ein egoistisches und verwöhntes Bürschchen, gewohnt, das Bedienstete hinter ihm herräumen und Bewunderer ihn schmeichelnd umgarnen. Es verwundert kaum, dass die gefühlvolle Rusalka mit diesem „schönen Schein“ wenig anzufangen weiß. Auch hier sorgt Pölzgutter mit einer kleinen Änderung, dass die Figur ein differenzierteres Profil erhält: In dieser Inszenierung lässt sich der Prinz nicht von Rusalka den todesbringenden Kuss geben, vielmehr greift er zum Messer und sticht sich selbst in die Brust. Meine Interpretation: Er möchte Rusalka nicht die Schuld aufbürden, für seinen Tod verantwortlich zu sein, und zeigt hier erstmals ein selbstloses Verhalten. Klironomos sang diese Partie anfangs mit protziger tenoraler Kraft, um im emotionalen Finale dann schöne lyrische Töne anzuschlagen.

Charakterlich würde die fremde Fürstin viel besser zum Prinzen passen, die Julia Mintzer mit üppigen Sopran und reichlich Sex-Appeal ausstattet. Dabei wirkte sie berechnend und emotionslos und war so viel mehr eine Antipathie-Trägerin als die böse Hexe Ježibaba.

Boshana Milkov punktete schon bei ihrer ersten Arie „Čury mury fuk / Abra, cabra, fort“ mit ihrem satten Mezzo-Sopran, zeigte in ihrer Rollengestaltung der Hexe alle Attitüden einer Bösewichtin und spielte diese genüsslich aus. Trotzdem blitzten immer wieder hinter der Fassade der Bosheit auch tragische Züge hervor, die diese Figur so ambivalent machten. Johannes Pölzgutter schuf ein unsichtbares Band zwischen Rusalka und Ježibaba, indem er die beiden Sängerinnen sich teilweise synchron zueinander bewegen ließ. Dann wieder schienen sich die Bewegungen der Beiden zu spiegeln, als würde die Jüngere das Schicksal der Älteren wiederholen.

Der Regisseur arbeitete mit Doppelsymbolik: So reproduzierte sich Rusalkas Verlust ihrer Flosse durch das Messer der Hexe mit der Häutung eines erlegten Tieres durch den Jäger. Charisma und Maskulinität (Attribute, die gemeinhin bei der Rolle eines Prinzen vermutet wird) zeigte Marcin Hutek mit warmen Bariton als Jäger, der zwar unter den Allüren seines Herren litt, trotzdem loyal hinter ihm stand und so seine edle Haltung zeigte. Ansonsten kann ich hier nur nochmals meinen Wunsch anbringen, den ich schon bei TOSCA geäußert hatte: Wann darf ich Marcin Hutek endlich in einer großen Partie erleben? Victoria Kunze sorgte als drolliger Küchenjunge für die wenigen humorigen Momente des Stücks,  amüsierte mit quirligem Spiel und überzeugte mit ihrem blendenden Sopran. Als Waldelfe war sie zudem – gemeinsam mit Minji Kim und Maria Rosenbusch – ganz und gar entzückend.

Ulrich Burdack verbrachte in der Rolle des Wassermanns ca. 90% seiner Spielzeit – körperlich sicherlich sehr herausfordernd – robbend und rollend auf dem Bühnenboden. Mit deformiertem Schädel und einem Körper, der übersäht war mit Warzen und Haaren, glich er eher einer Kröte als einem stattlichen Meermann. Bei dieser anspruchsvollen Bass-Partie gibt es ungewöhnlich hohe Passagen, mit denen sich Burdack außerhalb seiner gesanglichen Komfortzone wagte. „Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“ lautet ein Sprichwort. Würden wir alle immer auf Nummer sicher gehen, gäbe es keine Weiterentwicklung. Dies gilt für Sänger*innen ebenso wie für mich als Krankenpfleger. Mit lyrischem Bass beklagte er mitleidsvoll in „Celý svět nedá ti, nedá / Wehe dir, Rusalka, wehe“ das Schicksal seiner Tochter. Durch sein nuancenreiches und sensibles Spiel schaffte es Burdack, dass der noble Charakter des Wassermanns die weniger ansprechende Optik überstrahlte und diese vergessen machte.

Getragen wurden die Stimmen der Sänger*innen durch das bestens disponierte Philharmonische Orchester Bremerhaven unter der musikalischen Leitung von Marc Niemann. Niemann schuf mit den Musiker*innen eine enorme Klangfülle. Er lässt er das Orchester bei den dramatischen Szenen musikalisch auftrumpfen, um wenige Augenblicke später die filigranen Arien sensibel zu untermalen. Dabei besticht das Orchester durch seine instrumentale Feinheit.

Anmerkung: Die Oper wird auf Tschechisch vorgetragen. Als ich dies erfuhr, war auch ich nicht vor Vorurteilen gefeit. Erwartete ich doch ein eher ungewohntes, wenn nicht sogar irritierendes Hör-„Vergnügen“. Umso mehr überraschte mich die Melodik dieser Sprache, die zusammen mit Dvořáks Musik eine wunderbare Einheit bildete.


Leider steht RUSALKA nur noch für einige wenige Vorstellungen auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven.