Krachend fallen nach und nach die Eingangstüren der Theater unserer Republik in die Schlösser. Unzählige Schlüssel drehen sich in eben diesen, um sie zu verschließen. Frühestens in 8 Wochen drehen besagte Schlüssel sich wieder in die andere Richtung, um dem Publikum zur Spielzeit 2025/2026 wieder Einlass in die heiligen Hallen der Musentempel zu gewähren. Auch mein Stamm-Theater hat sich in die Sommerpause verabschiedet, und so versuche ich mich – wie in jedem Jahr – mit Lektüre rund um das Thema Theater abzulenken, um die theaterlose Zeit möglichst kurzweilig zu überstehen.
Mit DORNRÖSCHEN, dem zauberhaften Märchenballett von Peter Iljitsch Tschaikowsky habe ich mir ein Werk ausgesucht, das in der nächsten Saison auch an meinem Stamm-Theater zur Aufführung kommen wird. Beim 3. Familienkonzert wird das Philharmonische Orchesters Bremerhaven unter der musikalischen Leitung von Hartmut Brüsch die gelungene Kooperation mit der Ballettschule Dance Art fortführen. Irina und Marius Manole werden mit den Schüler*innen ihrer Ballettschule sicherlich wieder eine wunderbar kindgerechte wie phantasievolle Choreografie für das junge Publikum erstellen. Bis es soweit ist, muss ich mich leider beinah ein Jahr gedulden.
Wie schön, dass ich mich mit diesem Buch ein wenig trösten konnte: Und so warf ich die beigefügte CD in den Player, setzte mich mit dem Buch bewaffnet gemütlich in meinen Lesesessel, schlug die erste Seite auf und drückte bei der Fernbedienung auf „Play“…
HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um die, die dem Buch beigefügt ist. Es ist eine ältere Aufnahme, und sie dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln.
Susa Hämmerle lieferte wieder eine wunderbare Nacherzählung der Handlung und würzte diese mit witzigen Dialogen, die den Personen mehr Profil verliehen. Sie schuf so eine gelungene Textfassung, die zum Vorlesen prädestiniert ist und genügend Anknüpfungspunkte für die Musik bietet.
Doch so wohlgeraten der Text auch ist, die Schwerpunkte und somit das Hauptaugenmerk liegen bei einem MUSIKalischen BILDerbuch aus dem Annette Betz-Verlag nun einmal auf MUSIK und BILD.
Bei der beigefügten Aufnahme griff man abermals auf das Archiv des renommierten NAXOS-Labels zurück, deren Einspielungen von einer hohen Qualität sind und somit oftmals eine gute Wahl darstellen. Diesmal entschied man sich für eine Einspielung aus dem Jahre 1988 mit dem Tschechisch-Slowakischem Staatsorchester unter der Leitung von Andrew Mogrelia, die Tschaikowskys Kompositionen mit der richtigen Mischung aus theatralem Druck und träumerischen Schmalz „über die Rampe“ brachten. Dabei wurde die beinah 3-stündige Original-Aufnahme auf kindgerechte 62 Minuten eingekürzt, wobei die bekannten Melodien erhalten blieben, allerdings einige Passagen etwas abrupt endeten – ein Umstand, der für die Kids sicherlich eher von geringem Belang ist.
Diese Diashow benötigt JavaScript.
Schon mit dem ersten Bild verdeutlicht die Künstlerin Anette Bley nicht nur die enge Bindung des Werkes zur Bühne, sondern sie schuf auch einen gelungenen Einstieg in die Geschichte. Als Betrachtender dieses Bilderbuches versetzt sie mich in die Rolle des Zuschauers. Ich sitze im Saal eines Theaters und werfe einen Blick über den Orchestergraben zur Bühne. Während die Musiker noch ihre Instrumente stimmen, sitzt der Komponist höchstpersönlich am linken Bühnenrand und notiert in aller Eile noch einige Änderungen in seiner Partitur. Von der Seitenbühne schlendern die Protagonist*innen auf die Bühne, huschen durch den leicht geöffneten Vorhang und begeben sich im dahinter befindlichen Bühnenbild in Position. Es bleiben nur noch wenige Augenblicke bis zum Beginn der Vorstellung, der Dirigent hebt seinen Taktstock, und dann kann das Spiel beginnen.
Weich und fließend fügen sich die Figuren in ein detailreiches und zauberhaftes Setting. Jede Figur überzeugt durch eine prägnante Physiognomie und einem individuellen Kostümdesign, die es den Kids leichter macht, die Figuren auch auf den nachfolgenden Illustrationen wiederzuerkennen. Doch unbedingt sollten nicht nur die Hauptpersonen beachtet werden. Vielmehr bin ich mit meinem Blick auch an den Rand des Geschehens gewandert und habe dort etliches entdeckt, das mich sehr amüsiert hat. Da lohnt es sich, den Fokus auch auf die Nebenrollen zu lenken und darauf zu achten, wo sie im Laufe der Geschichte immer mal wieder auftauchen. Da lugt mal hier eine markante Nase um die Ecke, da schauen mal dort Füße hinter dem Sessel hervor, und auch das, was ich durch eine geöffnete Tür im Hintergrund erspähte, erheiterte mich sehr.
Anette Bley hat wahrlich märchenhafte Bilder kreiert, bei denen ich besonders die wundervolle Harmonie der Farben hervorheben möchte, die dafür sorgt, dass die Illustrationen beinah sphärisch wirken.
Schier endlos lange elf Monate dauert es noch, bis die entzückenden Figuren dieses Märchenballetts auf der Bühne meines Stamm-Theaters ihre Gestalt annehmen und endlich zu tanzen beginnen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich bis dahin wirklich so viel Geduld aufbringen kann! 🤩
erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219112122
Musik & Text von Kazuyo Nozawa / basierend auf dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Premiere: 1. Juni 2025 / besuchtes Konzert: 1. Juni 2025
Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus
MUSIKALISCHE LEITUNG & MODERATION Hartmut Brüsch ERZÄHLER Victor Seraphin Feuchte SOPRAN (HAHN) Victoria Kunze MEZZOSOPRAN (KATZE) Boshana Milkov TENOR (HUND) Andrew Irwin BASS (ESEL) Ulrich Burdack
Da sind sie wieder, die vier selbsternannten Musikanten, auf ihrem Weg nach Bremen, das sie nachweislich nie erreicht haben. Doch Geschichten wie diese eignen sich hervorragend dazu, Legenden zu erschaffen. Aber Legenden sind ja auch dafür da, um gepflegt zu werden, und so haben sie schon die Phantasie von so machen kreativen Köpfen angestachelt. In diesem Fall gehörte der kreative Kopf der japanischen Komponistin Kazuyo Nozawa, die Gesang und Komposition in Tokio und Wien studierte und für ihre Kompositionen internationale Auszeichnungen erhielt. Zur Seestadt Bremerhaven hat sie eine besondere Bindung: Von 1978 bis 2010 war sie Mitglied des Opernchores des Stadttheaters Bremerhaven. Ihr musikalisches Märchen DIE BREMER STADTMUSIKANTEN kam im Jahre 2014 im Stadttheater Bremerhaven zur Uraufführung, wo es gestern anlässlich des Kindertages (und zu Ehren des 80. Geburtstages der Komponistin) nochmals zur Aufführung kam.
Diese und viele weitere Informationen verriet uns der musikalische Leiter Hartmut Brüsch gleich zu Beginn des Konzertes und lenkte unser Augenmerk auf einige Besonderheiten des Stücks. So hatte Kazuyo Nozawa einige bekannte Melodien mit ihrer Komposition verwoben: Da gab es Anleihen zu Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven, aber es erklangen auch Zitate aus bekannten Volks- und Weihnachtsliedern wie „Am Brunnen vor dem Tore“ und „Morgen kommt der Weihnachtsmann“. Selbst die Eurovisions Fanfare kam beim dramatischen Finale zum Einsatz. Dieser Kniff wurde von der Komponistin nicht etwa angewandt, weil ihr selbst nichts Gescheites mehr einfiel, vielmehr liegt ihr die Musikvermittlung an junge Menschen sehr am Herzen, und sie schuf so für ihre jungen Zuhörer*innen musikalische Anknüpfungspunkte.
Auch dem Philharmonischen Orchester ist die Musikvermittlung an Kinder und Jugendliche sehr wichtig. Es gibt bei den Familienkonzerten immer ein musikalisches Vorprogramm im oberen Foyer des Stadttheaters, bei dem die Kids unter Anleitung der Orchester-Profis Instrumente kennenlernen und ausprobieren können. Und so nehmen die Musiker*innen ein Familienkonzert natürlich ebenso ernst wie ein großes philharmonisches Konzert.
Kazuyo Nozawas schuf wunderbar melodische Kompositionen, die charmant die einzelnen Stationen, die die Musikanten auf ihrer Wanderschaft durchlebten, untermalten und von Hartmut Brüsch und dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven mit Verve dargeboten wurden. Zudem gab es einige amüsante musikalische Anspielungen zu entdecken: Da durfte die Katze ihr Schicksal in Flamenco-Rhythmen à la CARMEN beklagen, oder der Hahn gackerte ganz aufgeregt eine Koloratur, wenn er die Bäuerin, die ihn in den Topf stecken wollte, als „Königin der Macht“ betitelte, was einen deutlichen Bezug zur „Königin der Nacht“ aus Mozarts DIE ZAUBERFLÖTE darstellte.
Diese Diashow benötigt JavaScript.
Doch all dieses Wissen trat gänzlich in den Hintergrund als unsere Star-Musikanten in der Verkörperung von Ulrich Burdack (Bass), Andrew Irwin (Tenor), Boshana Milkow (Mezzosopran) und Victoria Kunze (Sopran) die Bühne betraten. Schon allein optisch waren die Unterschiede dieser Vier nicht zu übersehen und deuteten auf die jeweilige Charakterisierung des Tieres hin.
Bei Ulrich Burdacks erstem Erscheinen als Esel fragte ich mich, warum er kein Kostüm trug. Doch dann entdeckte ich den grauen Schwanz unter dem Sakko des schwarzen Anzugs hervorlugen und verstand, dass hier die graue Eminenz auf der Bühne stand, die voller Weisheit und in sich ruhend die Geschicke seiner kleinen Truppe lenkte. Andrew Irwin als Hund jaulte zum Steinerweichen. Er erschien gänzlich in Straßenköter-Beige gekleidet – bis hin zu den zwei Socken, die ihm als Schlappohren dienten, und so seinen bemitleidenswerten Zustand zusätzlich unterstrichen. Boshana Milkovs Katze hatte sich auch in ihrem hohen Alter ihre Eleganz bewahrt und betrauerte ihr Schicksal mit Noblesse. Wurde das schwarze Fell im Laufe der Jahre auch stumpf, so präsentierte sie wenigstens ihren Brustlatz noch im strahlenden Weiß. Victoria Kunzes Hahn war auch im Alter noch eine schillernde Erscheinung, dem man den in die Jahre gekommenen Gockel allerdings durchaus ansah, da er in seinem bunten Federkleid so manchen geknickten Kiel nicht verbergen konnte.
Galt es für die Sänger*innen in den Solis, dass sie die eigene Stimmlage für die Kids im Publikum besonders hervorhoben, so vereinten sie sich absolut harmonisch in den mehrstimmigen Passagen.
Victor Seraphin Feuchte lieferte souverän den erzählerischen Rahmen zu diesem musikalischen Märchen und sorgte so dafür, dass auch die jüngsten Zuschauer*innen die Zusammenhänge verstanden. Auch die stimmigen Hintergrundprojektionen dürfen nicht unerwähnt bleiben, da hierzu die Schüler*innen der Pestalozzischule in Bremerhaven ganz zauberhafte Bilder kreiert haben.
Die Kinder im Publikum folgten sehr aufmerksam dem Geschehen auf der Bühne und reagiertem mit ansteckendem Lachen auf die humorvollen Wendungen in der Geschichte. Mit viel Jubel und Klatschen, was auch einer sichtlich gerührten Kazuyo Nozawa galt, wurden alle Künstler*innen von ihren jungen Zuschauer*innen verabschiedet. Doch allzu lange sollte dieser Abschied nicht dauern, denn, wie es sich für echte Stars gehörte, gaben sie nach dem Konzert noch eine Autogrammstunde für und mit ihren Fans.
💛💜❤️ ES WAR BEZAUBERND…! ❤️💜💛
Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!
Oper von Jüri Reinvere / Libretto vom Komponisten nach dem gleichnamigen Schauspiel von Henrik Ibsen // Uraufführung der originalen deutschsprachigen Fassung / in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln
Premiere: 3. Mai 2025 / besuchte Vorstellung: 25. Mai 2025
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus
MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann INSZENIERUNG & BÜHNE Johannes Pölzgutter KOSTÜME & VIDEO Tassilo Tesche DRAMATURGIE Markus Tatzig CHOR Edward Mauritius Münch LICHT Katharina Konopka
REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt ASSISTENZ BÜHNE & KOSTÜME Mina Purešić ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham & Tonio Shiga INSPIZIENZ Regina Wittmar SOUFFLAGE Mahina Gallinger REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Tyler Wefer
Mit „Es war eine Herausforderung,…“ habe ich hier schon den einen oder anderen Beitrag begonnen, um dann den Satz mit „…der ich mich gerne gestellt habe!“ zu beenden. In diesem Fall stimmte der erste Teil des Satzes vollumfänglich. Doch beim zweiten Teil des Satzes muss ich leider attestieren „Nein, ich habe es nicht gerne getan!“.
Die Oper PEER GYNT von Jüri Reinvere war für mich – Hm! Wie umschreibe ich es am besten? – verwirrend? …verstörend? …belastend?
Noch nie habe ich eine Opernkomposition gehört, bei der die Töne so schräg und (in meiner Wahrnehmung) willkürlich aneinander gereiht wurden, wie es bei diesem Werk der Fall war. Melodik? Fehlanzeige! So manches Mal fragte ich mich, ob es noch Töne seien oder doch eher nur Krach. Zumal diese massive Disharmonie auch physische Reaktionen bei mir auslösten: Da brach unvermittelt der Schweiß bei mir aus, und ich spürte, wie meine Nackenmuskulatur sich zunehmend verspannte. Als ein Mensch, der öfter unter Migräne zu leiden hat, reagiere ich bedauerlicherweise sensibler auf eine laute Geräuschkulisse und vermeide darum nach Möglichkeit, mich allzu viel Lärm auszusetzen. Einige Zuschauer*innen waren nach der Pause nicht mehr zu ihrem Platz zurückgekehrt. Warum ich trotzdem der Oper bis zum Ende beigewohnt habe, lag an dem Respekt, den ich für die Künstler*innen empfand. Zumal mir einige Sängerinnen und Sänger des Ensembles persönlich bekannt sind, und ich sowohl sie wie auch das restliche Ensemble für deren Leistung sehr bewundere.
Die Oper wurde zwar auf Deutsch vorgetragen, doch aufgrund der ungewöhnlichen Formulierungen, der fragwürdigen Betonungen und einem Gesang, der manchmal an der Grenze zum Schreien kratzte, war die Sprache irgendwann nebensächlich. Zudem manche für mich unlogische Antwort/Reaktion bei den Duetten (Ich nenne es mal so, da mir kein besserer Begriff einfällt.) bei mir für zusätzliche Verwirrung sorgte.
Apropos Verwirrung:
Peer Gynt ist ein Aufschneider. Ein Fantast. Ein Träumer. Seine Geschichten sind größer als das Leben im norwegischen Dorf. Auf einer Hochzeit überschreitet er alle Grenzen: Er reißt Ingrid, die Braut eines anderen, mit sich in den Wald. Sie scheint ihm zu verfallen. Doch Peer stößt sie von sich. Er flieht in die Berge. Im Reich der Trolle begegnen ihm groteske Figuren. Peer soll die Grüne heiraten, die triebhafte, animalische Tochter des Trollkönigs. Doch Peer entkommt – vor allem sich selbst. Solveig, ein Mädchen aus dem Dorf, sucht Peer mit dessen Mutter Åse. Geduldig findet sie Verständnis für Peers wankelmütiges Treiben. Sie könnte seine Wahrheit werden. Doch Peer geht wieder. Ein Luftgeist warnt ihn: «Du fliehst nicht.» Doch Peer flieht weiter. Åse stirbt. Peer bleibt allein und verlässt seine Heimat. In Marokko wird Peer Geschäftsmann, Prophet, Betrüger. Man feiert ihn als norwegischen Messias. In Rom sieht er in einem Schlachthaus Menschen, die sich aufgegeben haben. Die Macht der Zerstörung verführt ihn und legt seine brutalen Charakterzüge frei. Solveig erscheint ihm – wie eine Erinnerung an seinen Ursprung. Zerrissen landet Peer in einer Irrenanstalt in Ägypten. Er zweifelt: Wer bin ich? Was ist Wahrheit? Was ist Lüge? Ihm wird vor Augen geführt: Er ist nur ein Denkmal seiner selbst, eine Projektionsfläche für die Möglichkeiten eines gelebten Lebens. Die Grinsekatze erscheint – spöttisch und allwissend. Sie entlarvt Peers Lügen. Er bleibt allein. Zurück in Norwegen gerät Peer auf einen Friedhof. Bei Nacht wird ein junger Mann begraben. Peer ahnt: Dieses Begräbnis gilt auch ihm. Solveig erscheint. Vergangenheit und Gegenwart berühren sich für einen Moment. Die junge Solveig singt ein Schlaflied des Friedens und der Vergebung. In der späten Vereinigung mit seiner Seelenverwandten findet Peer endlich Frieden. Und seine Geschichten Unendlichkeit.
(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)
Diese Diashow benötigt JavaScript.
Ob Regisseur und Ausstatter Johannes Pölzgutter eine stringente Inszenierung gelungen ist, mag ich nicht beurteilen, da sich die Handlung alles andere als schlüssig, geschweige denn stringent aufbaut. Vielmehr sind es aneinandergereihte Tableaus, die Pölzgutter auf der Drehbühne um einen offenen Quader herum schuf. Hier sind ihm einige eindrückliche Szenen gelungen, sei es der Auftritt der Trolle, der Tod von Åse, das Marokko-Bild sowie die Szenen im Schlachthaus, im Irrenhaus und auf dem Friedhof. Auch die Projektionen von Tassilo Tesche, die überlebensgroß das Gesicht des Hauptdarstellers auf die Wand warfen, und so PEER GYNTs innere Zerrissenheit bzw. seine ambivalenten Gefühle widerspiegelten, waren sehr gelungen. Tesche war auch für die kreativen Kostüme zuständig.
GMD Marc Niemann stand am Dirigentenpult und lotste mit sicherer Hand Orchester wie Sänger*innen durch die tobenden Wogen der Partitur. Hier möchte ich die Orchestermusiker*innen loben, die hochkonzentriert der Partitur folgten, mit nur wenigen Tönen ihren Beitrag zu diesem Klang-Konglomerat beitrugen, um danach wieder auf den nächsten Einsatz zu warten. Der Orchestergraben war so überfüllt, dass das Percussion-Instrumentarium auf die Seitenbühne ausweichen musste. Ein großes Lob möchte ich auch dem Opernchor, dem Kinderchor sowie dem Extrachor aussprechen, die unter der Leitung von Edward Mauritius Münch aus ihren Stimmen einen beeindruckenden Klangteppich woben und in jeder Szene mit schauspielerischer Präsenz überzeugten.
Die Solist*innenriege bot Bewundernswertes: Michael Müller-Kasztelan verausgabte sich in der Titelrolle PEER GYNT bis zur Erschöpfung, forderte seinen kräftigen Tenor abseits des Schöngesangs, um dann in den ruhigeren Passagen mit feinem Pianissimo zu überraschen. Alle anderen Solist*innen hatten mehrere Rollen zu bewältigen. Kristín Anna Guðmundsdóttir war als INGRID, GRÜNE oder auch ANITRA mit ihrem durchschlagenden Sopran eine ebenbürtige Partnerin zu Müller-Kasztelans PEER GYNT und scheute sich auch nicht vor Töne an der Grenze des Wohlklangs. Boshana Milkov berührte mit ihrem sensiblen Spiel und hüllte ÅSE und die ALTE SOLVEIG in ihren Rolleninterpretationen in einen Mantel voller Melancholie. Victoria Kunze als SOLVEIG bzw. SOLVEIGS ERSCHEINUNG war mit ihrem zarten Sopran nicht nur ein Lichtblick im Leben des PEER GYNT sondern verkörperte auch einfühlsam die Hoffnung und die Unschuld. Ulrich Burdack überzeugte gleich in vier prägnanten Rollen (DER ALTE VOM BERGE aka Trollkönig, VON EBERKOPF, BEGRIFFELDFELDT und FRIEDHOFSWÄRTER) und führte seinen flexiblen Bass scheinbar mühelos durch die Partitur. Marcin Hutek (PFARRER, MONSIEUR BALLON, SCHLACHTER, HUSSEIN und PROBST) und Andrew Irwin (SCHMIED, HERR TRUMPETERSTRALE, HUHU und GEALTETER SCHMIED) zeigten auch in diesen kleineren Rollen ihre solistischen Qualitäten, indem sie jeweils überzeugend sehr individuelle Rollenporträts kreierten. Countertenor Gerben van der Werf als DER LUFTGEIST und GRINSEKATZE gestaltete seine Auftritte sehr geheimnisvoll und wirkte so beinah auf mich, als wäre er der Teufel, der PEER GYNT im Nacken sitzt.
Am Ende der Vorstellung spendete ich voller Überzeugung reichlich Applaus – nicht für das Werk, dafür umso herzlicher für alle Beteiligten. 💖
P.S.: Liebes Team am Stadttheater Bremerhaven, bitte bietet mir weiterhin Stücke abseits des gängigen Repertoires. Doch beim nächsten Mal hoffe ich, dass ich dann den Satz „Es war eine Herausforderung,…“ voller Überzeugung mit „…der ich mich gerne gestellt habe!“ beenden darf. 🙂
So schnell wie er aufgetaucht ist, so rasch verschwindet PEER GYNT auch wieder vom Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Opernabend.
Opera buffa von Wolfgang Amadeus Mozart / Libretto von Lorenzo Da Ponte / nach der Komödie La Folle Journée ou le Mariage de Figaro (Der tolle Tag oder Die Hochzeit des Figaro) von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Premiere: 15. März 2025 / besuchte Vorstellungen: 15. & 29. März 2025
REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham & Tonio Shiga INSPIZIENZ Mahina Gallinger REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Tyler Wefer
Mozart passt – immer und zu jeder Gelegenheit, ob beim Sport, beim Hausputz oder zur Klausurvorbereitung. Während der Schwangerschaft nimmt Mozart positiven Einfluss auf die Entwicklung des ungeborenen Kindes. Wer mit Mozart ins Bett geht, kann die Einschlafprobleme bald vergessen.
Mozart ist ein Alleskönner, ein Tausendsassa, ein Genie: Er entspannt, hilft und heilt,…
…und er unterhält auf hohem Niveau!
In einem unmöblierten Zimmer nimmt Figaro Maß für sein künftiges Ehebett. Er ist glücklich: Vor wenigen Jahren war er noch ein einfacher Barbier in Sevilla. Nun ist er Kammerdiener des Grafen und wird in wenigen Tagen seine geliebte Susanna heiraten, die Kammerzofe der Gräfin. Die Hochzeitsvorbereitungen laufen, doch was seine Zukünftige noch nicht weiß: Der Graf hat mit Hintergedanken dem Paar dieses Zimmer im Schloss spendiert. Als Figaro seiner Braut stolz ihr künftiges Ehezimmer präsentiert, wird Susanna ärgerlich. Ihr ist bekannt, dass der Graf Almaviva seine Gemahlin fortlaufend betrügt und es nun auch auf sie abgesehen hat. Mit diesem Zimmer will er sie nur in seiner Nähe wissen. Figaro ist schockiert, als er dies hört. Es wird ihm einiges klar: Nun weiß er, warum ausgerechnet er beauftragt wurde, als Kurier nach London zu reisen. Doch diese Schmach wird er nicht einfach hinnehmen. Es wird sich noch herausstellen, wer von den beiden der Raffiniertere ist: der feine Herr Graf oder der listige Figaro? Schon lange hat der Graf ein Auge auf Susanna geworfen. Dumm nur, dass er höchst persönlich das „ius primae noctis“, das Recht der ersten Nacht abgeschafft hat, und er nun andere Mittel anbringen muss, um hoffentlich bei der reizenden Susanna landen zu können. Er versucht sie mit einem kleinen Vermögen zu locken, damit sie sich ihm am Abend im Park hingibt. Dumm nur, dass sein eigener Page Cherubino, im Zimmer versteckt, das schmutzige Angebot angehört hat. Cherubino wiederum ist in die Gräfin verliebt, flirtet aber auch heftig mit Susanna und ist auch einem Tête-à-Tête mit Barbarina, der Tochter des Gärtners Antonio, nicht abgeneigt. Als der Graf dies zufällig erfährt, will er den jungen Burschen zur Strafe zur Armee schicken. Doch auch aus einer anderen Richtung droht Gefahr: Die Haushälterin Marcellina will die Hochzeit platzen lassen, da Figaro ihr einst die Ehe versprochen hatte, sollte er seine Schulden bei ihr nicht bezahlen können. Unterstützung erhält sie von Bartolo, dem Leibarzt des Grafen, mit dem sie früher einmal ein kleines amouröses Techtelmechtel hatte. Später stellt sich überraschenderweise heraus, dass die Frucht ihrer gemeinsamen Leidenschaft eben genau jener Figaro ist, den sie zu heiraten gedachte. Da ist die „frischgebackene“ Mutter überglücklich und zerreißt voller Freude den Schuldschein. Die Begeisterung von Bartolo ist dagegen eher überschaubar, da er Figaro nie verzeihen konnte, dass er damals seine Heiratsabsichten mit der Gräfin torpediert hatte. Susanna wird bewusst, dass sie dringend handeln muss. Gemeinsam mit der Gräfin Almaviva, die zunehmend unter der Untreue ihres Gatten leidet, schmiedet Susanna einen Plan, um den Hochmut der Kerle endgültig empfindlich zu stutzen. Bei der Ausübung ihrer Pläne erhalten sie die Unterstützung von Cherubino, den sie als Frau verkleidet haben, damit er der Strafe des Grafen entgeht. Die Gräfin diktiert Susanna einen Brief, den sie dem Grafen zuspielt und somit dem erhofften Schäferstündchen zustimmt. Die beiden Frauen tauschen ihre Garderoben. Dabei erscheint die Gräfin verkleidet mit Susannas Hut und Kleid zum Treff mit ihrem untreuen Gatten, was Figaro zu ganz falschen Schlussfolgerungen treibt und ihm ein paar Ohrfeigen einbringt. Glücklicherweise erkennt er noch rechtzeitig seine geliebte Susanna in der Robe der Gräfin und weiß sich so ihrer Treue sicher. Doch auch der Graf Almaviva leistet seiner Gattin reumütig Abbitte.
Mozarts Musik zu lauschen, ist für mich ein absoluter Hochgenuss! Mozarts Werk auf der Bühne zu erleben, ist für mich die pure Wonne. Selbst (allzu) kreative Regie-Konzepte können dem Meister nichts anhaben. So sehr diese auch ihre Berechtigung haben, ihren Reiz auf mich ausüben, indem sie meinen Blickwinkel verändern und so meinen Horizont erweitern. Doch bei einer naturalistischen Inszenierung schalte ich unwillkürlich in den Wohlfühl-Modus: Mit einem wohligen Seufzer lehne ich mich in meinem Sitz zurück, und mein Herz springt und hüpft vor Freude!
HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.
Schon beim Klang der Ouvertüre wurde mir wieder allzu deutlich, dass es in dieser Oper äußerst turbulent zugeht: Es ist nicht zu überhören, dass die handelnden Personen voller Gefühl mit- und umeinander ringen und so reichlich Bewegung in die Geschichte bringen. Trefflich zu einer Opera buffa kitzelte Davide Perniceni genau diese vibrierende Leichtigkeit aus dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven heraus. Schwelgerisch, in großen musikalischen Bögen umrahmte er die Sänger*innen bei den Arien. Zudem gab es bei dieser Inszenierung im/am Orchestergraben Ungewohntes zu bestaunen: Der Orchestergraben wurde angehoben, was für einen schlankeren Klang sorgte (mein subjektiver Eindruck). Zudem begleitete Perniceni die Sänger*innen bei den Rezitativen höchstpersönlich am Cembalo.
Einer klassischen Screwball-Komödie nicht unähnlich zieht Regisseur Achim Lenz in der ersten Hälfte das Tempo an. Da werden so manche Türen geöffnet und wieder geschlossen, nur um zu erleben, dass das, was man dahinter wähnte, nicht (mehr) dort zu sein scheint. Bereits während der Ouvertüre tobten die Darsteller*innen vor dem geschlossenen Vorhang über die Vorderbühne und gaben sich so unverwechselbar, dass dies einer nonverbalen Vorstellung der Personen gleichkam. Lenz drehte bei der Charakterisierung der Figuren an der empfindlichen Schraube zur Übertreibung, lotete diese souverän aus und gab die Figuren nie der Lächerlichkeit preis, indem er sie in albernem Klamauk verfallen ließ. Vielmehr wusste er um die Talente seines Ensembles und nutzte diese charmant: So durfte beispielsweise Victoria Kunze (als studierte Harfenistin) in ihrer Rolle als Susanna zu eben jenem Instrument greifen, um die Canzone, die Cherubino für seine angebetete Gräfin gedichtet hatte, musikalisch zu untermalen. Das genannte Tempo ließ sich natürlich nicht dauerhaft durchhalten – nicht, dass der Regisseur dazu nicht befähigt gewesen wäre. Da hatte schon der Meister Mozart selbst den erzählerischen Ton verändert, um zu verhindern, dass die Figuren zu bloßen Abziehbildern verkamen. Vielmehr waren sie nun getriebene Charaktere, denen zunehmend die Masken vom Gesicht gerissen wurden, und die so in tragikomische Situationen tappten. Genau diese Weiterentwicklung arbeitete Lenz mit seinem talentierten Ensemble fein heraus.
Ausstatter Bernhard Bruchhardt stellte auf die Drehbühne ein Bilderbuch-Italien, in dem die Sonne heller strahlte und die Sterne romantischer funkelten: mit hohen Fassaden, ebenso hohen Fenstern mit passenden Fensterläden, mit üppiger Wandmalerei im Boudoir der Gräfin und einem echten Olivenbaum im herrschaftlichen Garten – stimmungsvoll ausgeleuchtet und mit ebenso stimmungsvollen Hintergrundprojektionen komplementiert. Seine Kostüme zitieren den Historismus und beschreiben klar den Stand bzw. die Position der jeweiligen Person im sozialen Gefüge.
Diese Diashow benötigt JavaScript.
Mozart hat in dieser Oper dem Chor ein eher überschaubares Pensum zugedacht, doch dies nutzte der Opernchor unter der Leitung von Edward Mauritius Münch wieder mit Bravour. Zudem schlüpften aus seinen Reihen einige Sänger*innen voller Spielfreude in die div. Nebenrollen, seien es Masahiro Yamada als wenig verschwiegener ANTONIO, Katharina Diegritz als seine kecke Tochter BARBARINA oder auch Gustavo Oliva als buckelnder BASILIO bzw. „sprunghafter“ DON CURZIO.
Brigitte Rickmann überzeugte als resolute MARCELLINA und gab sehr unterhaltsam die auf den eigenen Vorteil bedachte Intrigantin. Ihr zur Seite stand Bass Ulrich Burdack als BARTOLO, der erfolglos versuchte, seine Rachsucht („Bah, wat hat er für ’ne fiese Charakter!“ 😄) zu unterdrücken: Bei „La vendetta, oh, la vendetta!“ zügelte Burdack noch seine Gefühle, die er dann später völlig unvermittelt aus sich herausbrechen ließ.
Mezzosopranistin Boshana Milkov gefiel abermals in einer Hosenrolle: Als hormonell aufgeladener Jungspund CHERUBINO, der verzweifelt dem Grafen zu entkommen versucht, erntete sie reichlich Lacher aus dem Publikum. Mit der Arie „Non so più cosa son, cosa faccio“ setzte sie einen von vielen gesanglichen Glanzpunkten in dieser Inszenierung.
LA CONTESSA DI ALMAVIVA ist für mich – inmitten all dieser „buffa“-Figuren – die einzig wahre „seria“-Partie. Von Anfang an umweht die Gräfin ein Hauch von Traurigkeit und Wehmut. Kristín Anna Guðmundsdóttir gestaltete dies u.a. bei „Porgi, amor, qualche ristoro“ äußerst feinfühlig mit ihrem jugendlich klingenden Sopran. Ihre CONTESSA schien kaum älter als SUSANNA. So sah ihre Beziehung zueinander auch weniger nach einem Arbeitsverhältnis zwischen Herrin und Dienerin aus, vielmehr spürte ich als Zuschauer stets die Vertrautheit und Loyalität zwischen diesen beiden starken Frauen.
Victoria Kunze als SUSANNA glänzte wieder mit ihrer Natürlichkeit in der Rollengestaltung. Blitze anfangs in ihrem Spiel noch ein wenig ELIZA DOOLITTLE auf, gewann schnell SUSANNA mit eigener Körpersprache die Oberhand: eine selbstbewusste und zupackende junge Frau, die ihr Leben (und die Liebe) selbstbestimmt in die Hand nimmt. Dafür, dass SUSANNA eine solch wichtige Figur in dieser Oper ist, hat Mozart ihr häufig „nur“ die Aufgabe der Duett-Partnerin (abgesehen von der kurzen Arie „Venite… inginocchiatevi“ im 2. Akt) zugeteilt. Erst kurz vor dem Finale ehrte sie der Meister mit Rezitativ und Arie „Giunse alfin il momento“ und „Deh vieni non tardar, o gioia bella“, beides gefühlvoll von Kunze mit kultiviert geführter Stimme und silbrig schimmernden Sopran gestaltet.
SUSANNAS Love Interest FIGARO präsentierte sich in der wohlgeformten Gestalt von Bariton Florian Götz, der schon mit seinem ersten gesungenem „Cinque…“ verdeutlichte, dass hier ein wahrer Charmebolzen auf der Bühne steht, der nicht nur seine SUSANNA bezirzt sondern auch das Publikum problemlos um den Finger wickelt. Mit potenter Stimme gefällt er bei „Non più andrai, farfallone amoroso“, um gegen Ende der Oper bei Rezitative und Arie „Tutto è disposto“ und „Aprite un po’ quegli occhi“ auch Verzweiflung auszudrücken, bevor er seine geliebte SUSANNA zum Happy End endlich in die Arme schließen darf.
Gefühlt seit Jahren fordere ich „Gebt dem Mann endlich eine große Partie!“. Ob ich nun tatsächlich erhört wurde, mag ich nicht zu beurteilen, ist aber schlussendlich auch ohne Belang. Marcin Hutek wurde mit IL CONTE DI ALMAVIVA eine Partie anvertraut, in der er seine Talente endlich zeigen darf. Gesanglich überzeugte er abermals mit seinem schönen Bariton. Doch es steckte auch viel komödiantisches Potential in diesem Kerl, das er in der Rolle des Grafen – sehr zum Vergnügen des Publikums – voll entfalten durfte: Er protzte und schwadronierte, er gockelte und drohte – alles umsonst. Je mehr er diese Allüren an den Tag legte, umso drastischer glitten ihm die Fäden aus den Händen. Da half ihm auch nicht sein angeberisches Auftreten wie bei „Hai già vinta la causa!“ und „Vedrò, mentr’io sospiro“. So schaffte Hutek das Kunststück, dass mir diese Figur trotz (oder wegen) ihrem Scheitern sympathisch blieb.
Kritikpunkte! Gab es Kritikpunkte? Naja, den zweiten Teil der Vorstellung nach der Pause empfand ich als etwas zu hektisch. Doch diesen Umstand schrieb ich dem holprigen Probenprozess aufgrund Krankheit im Ensemble gepaart mit der Aufregung zur Premiere zu. Doch ist dies wirklich ein Kritikpunkt, oder fällt es nicht vielmehr unter die Rubrik „Leiden auf hohem Niveau“?
In 14 Tagen schaue ich nochmals am Hofe Almavivas im Italien an der Weser vorbei. Ich freue mich drauf!!! ❤
Nachtrag zum 29. März 2025…oder auch DER DOPPELTE FIGARO: „Frühling lässt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte / Süße, wohlbekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land.“ dichtete einst Eduard Mörike so fein. Doch mit Düfte tummeln sich auch die fiesen Pollen durch die Lüfte, und so trat Dramaturg Torben Selk zu Beginn der Vorstellung vor den Vorhang, um das Publikum zu informieren, dass der Sänger des Figaros Florian Götz leider von einer Pollen-Allergie betroffen sei: Die Partie spielen könne er, nur leider nicht singen. Glücklicher- wie auch dankenswerterweise hatte sich Bariton Carl Rumstadt von der Oper Bonn bereiterklärt, die Partie vom Bühnenrand zu singen und so dem indisponierten Kollegen seine Stimme zu leihen. Florian Götz gab abermals einen agilen und kraftstrotzenden Figaro, sang die Partie im kaum hörbaren „pianissimo“ und suchte den Blickkontakt mit seinem Kollegen, um möglichst synchron seine Lippen zu dessen Gesang zu bewegen. Dies gelang den beiden Künstlern so überzeugend, dass sich meine anfängliche Irritation (Darsteller von vorne, Stimme von links) schnell legte, und ich flott in den Genuss-Modus umschalten konnte. Zumal die warme, volltönende Stimme von Carl Rumstadt ganz wunderbar mit der Charakterisierung des Figaros von Florian Götz harmonierte. Es war grandios!
Kritikpunkte! Kritikpunkte? Welche Kritikpunkte? Ach ja, da war ja noch etwas…! 14 Tage nach der Premiere zur 4. Vorstellung haben sich alle „Kritikpunkte“ in Wohlgefallen aufgelöst. Da stimmten die Zwischentöne ebenso wie das neckende Zusammenspiel der Sänger*innen, die Abläufe waren fließender, und von der Hektik der Premiere fehlte jede Spur. Übrig blieb „nur“ ein rundum gelungener Abend!!!
Mozarts zauberhafte Oper LE NOZZE DIE FIGARO steht leider nur für wenige Vorstellungen auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Also: Nix wie hin!
Kompositionen von Clara Schumann, Robert Schumann und August Klughardt
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Premiere: 17. Februar 2025 / besuchtes Konzert: 17. Februar 2025
Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven/ New York Saal
OBOE Luc Durand VIOLA Kari Träder KLAVIER Zuzanna Hutek
Ich trat aus dem geschützten Parkhaus hinaus, und eine klirrende Kälte empfing mich. Meine Schritte lenkten mich an der gläsernen Werft vorbei direkt ans Hafenbecken. Ich blieb für einen Moment am Rand der Hafenmauer stehen, gierig sog ich die frische Luft in mich ein und lauschte den Geräuschen der Hafenwelten: Aus einem nahen Lokal erklang beim Öffnen der Tür das Stimmengewirr der Gäste und das Klappern von Geschirr zu mir herüber. Ein leichter Wind ließ die Wellen sanft an die Kaimauer schlagen, und über mir schrien die Möwen für mich unsichtbar im Dunkel des Abends. Ich schlenderte weiter über die Fußgängerbrücke und näherte mich dem Deutschen Auswandererhaus, dessen düstere Fensterfront vor mir aufragte. Nur die Beleuchtung in der Lobby ließ erahnen, dass hier noch nicht zur Gänze Ruhe eingekehrt war…!
Nach Jahrzehnten, nachdem ich als junger Mensch ein Klassik-Abonnement beim Kulturzentrum Gut Sandbeck bei uns in Osterholz-Scharmbeck hatte, gönnte ich mir wieder ein Kammerkonzert. Während die großen Symphonie-Konzerte mit orchestraler Wucht und ihrem Zusammenspiel einer Vielzahl an Instrumentalisten überzeugen, punkten Kammerkonzerte durch ihren Minimalismus, indem nur wenige Instrumente im Rampenlicht stehen. So wird meine Aufmerksamkeit als Zuhörer auf die jeweiligen Solist*innen fokussieren. Mit Interesse und Bewunderung beobachte ich sie so nur allzu gerne bei der Ausübung ihrer Kunst.
Der New York Saal im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven entpuppte sich als ein funktionaler Mehrzweckraum. Würde auch hier die Musik das Wunder vollbringen können, diese beinah sterile Atmosphäre aufzubrechen – zumal der Untertitel des Konzerts uns SELTENE MUSIK DER ROMANTIK versprach? Als Solist*innen betraten Luc Durand an der Oboe, Kari Träder mit der Viola und Zuzanna Hutek am Klavier die „Bühne“. Werke von Robert Schumann, Clara Schumann und August Klughardt standen auf dem Programm.
Diese Diashow benötigt JavaScript.
Nachdem Luc Durand das Publikum begrüßt und einige Anmerkungen zum Programm gemacht hatte, startete das Konzert mit DREI ROMANZEN FÜR OBOE UND KLAVIER OP. 94 von Robert Schumann, die im Zusammenspiel von Durand mit Zuzanna Hutek beinah verträumt erschienen. Leicht und sehr verspielt entführten mich die Kompositionen in meiner Phantasie zu einem lauen Frühlingstag voller Unbeschwertheit.
Bei SCHILFLIEDER OP. 28 FÜR OBOE, VIOLA UND KLAVIER von August Klughardt gesellte sich Kari Träder dazu. Der Klang der Viola gab sofort den Ausdruck dieser Kompositionen vor: Mit einem dunkleren und somit volleren Ton als die Violine meinte ich die Melancholie in den Melodien erahnen zu können. Ich erinnerte mich an meine Empfindungen kurz vor Eintreffen im Auswandererhaus: Die Wellen spielten über die Wasseroberfläche, und der Wind rauschte über das Schilf hinweg. Die SCHILFLIEDER entstanden nach dem gleichnamigen Gedichtzyklus von Nikolaus Lenau, die Luc Durand freundlicherweise als Kopie dem Programmzettel beigefügt hatte. Dies gab mir die Gelegenheit, während der Darbietung der Künstler*innen den Versen zu folgen, die Klughardt zu seiner Musik inspiriert haben. Die schwermütigen Verse um eine unerfüllbare Liebe wurden von den Melodien kongenial untermalt.
Die DREI ROMANZEN von Clara Schumann wurden von Luc Durand eigens für dieses Konzert für Oboe (ursprünglich Violine) und Klavier eingerichtet. Mit einer schwelgerischen Eleganz gingen hierbei die beiden Instrumente eine schwärmerische Verbindung ein, bei der insbesondere Zuzanna Hutek mit einem dynamischen Klavierpart überzeugte.
Den Abschluss bildeten die MÄRCHENERZÄHLUNGEN. VIER STÜCKE FÜR KLARINETTE (OBOE), VIOLA UND KLAVIER OP. 132 von Robert Schumann. Diese Kompositionen kamen anfangs sehr verspielt daher, entwickelnden im zweiten Part ihre Dramatik, wechselten dann zu romantischen Klängen, um dann lebhafter im Happy End zu gipfeln. Beinah schien es mir, als hätte Robert Schumann musikalisch versucht, einen ähnlichen Spannungsaufbau zu kreieren, wie es auch für eine verschriftlichte Märchenerzählung üblich ist.
Wie eingangs bereits erwähnt, genieße ich es sehr, die Künstler*innen unmittelbar zu erleben. Sehr deutlich wurde mir dabei abermals, dass, um ein Instrument virtuos beherrschen zu können, der gesamte Körper involviert und in Bewegung ist – so wie es auch beim Gesang der Fall ist. Auch bewunderte ich das wortlose sich aufeinander abstimmen der drei Solist*innen: Da genügte manches Mal nur ein Blick oder ein dezentes Nicken mit dem Kopf.
Luc Durand, Kari Träder und Zuzanna Hutek haben nachdrücklich den Beweis erbracht, dass Musik die Macht besitzt, selbst einen kargen Raum wie dem New York Saal in allen Farben der Melodik zu tauchen und ihm etwas von seiner Tristesse zu nehmen.
Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!
Musical von Marc Shaiman / Liedtexte von Scott Whitman & Marc Shaiman / Buch von Terrence McNally / Deutsche Fassung von Werner Sobotka / Basierend auf dem gleichnamigen Dreamworks-Film
Premiere: 1. Februar 2025 / besuchte Vorstellungen: 9. Februar 2025 & 15. November 2025
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus
MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni / Edward Mauritius Münch (15.11.) INSZENIERUNG & CHOREOGRAFIE Till Nau BÜHNE & KOSTÜME Lukas P. Wassmann DRAMATURGIE Markus Tatzig CHOR Edward Mauritius Münch LICHT Frauke Richter
REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt CHOREOGRAFISCHE ASSISTENZ Saskia Kiselowa ASSISTENZ BÜHNE & KOSTÜME Felipe Petik Pasqualotto DANCE CAPTAIN Ramona Helder INSPIZIENZ Regina Wittmar
Die Türen im Zuschauersaal waren noch nicht geschlossen, die letzten Nachzügler im Publikum suchten noch nach ihren Plätzen – teilweise mit Unterstützung des Servicepersonals, als der Vorhang sich schon hob und den Blick auf die stilisierte Abflughalle des Miami-Airports freigab. Eine Ansage aus dem Off bat uns, unsere gebuchten Plätze aufzusuchen, uns anzuschnallen und die vorhandenen Kommunikationsmittel auf Flugmodus zu stellen. Nach und nach schlenderten die ersten Passagiere von der Seitenbühne in die „Abflughalle“. Beinah unvermittelt wurden wir in die Geschichte hineinkatapultiert…!
Miami, Florida, 1960er Jahre: Am Flughafen wird Frank William Abagnale Junior, ein gesuchter Hochstapler, von FBI-Agent Carl Hanratty gefasst. Bevor er verhaftet wird, fordert Frank, seine Geschichte erzählen zu dürfen. Die Show beginnt. New Rochelle, New York: Zu Weihnachten erhält Frank Jr. von seinem Vater ein Scheckbuch und einen Crashkurs in den Geheimnissen der Geschäftswelt. Als er auf eine öffentliche Schule wechseln muss, gibt er sich als Vertretungslehrer aus – sein erster Betrug. Die Ehe der Eltern wird zerrüttet, und Frank Jr. flieht nach New York City, um sich ein neues Leben aufzubauen. New York City, New York: Frank Jr. entwickelt eine Methode, gefälschte Schecks zu erstellen, die er in Banken im ganzen Land einlöst. Gleichzeitig schlüpft er immer wieder in neue Identitäten. Als er sich als Pilot bei der Pan American World Airways einschleicht, beginnt seine Karriere als Trickbetrüger. FBI-Agent Hanratty verfolgt ihn. Los Angeles, Kalifornien: Hanratty ist Frank Jr. auf den Fersen. In einem Hotel trifft er einen CIA-Agenten, der Frank Jr. angeblich gerade verhaftet hat. Doch etwas kommt Hanratty komisch vor. An Heiligabend ruft Frank Jr. Hanratty an. Der Agent erkennt, dass Frank im Herzen ein einsames Kind geblieben ist, und gesteht ihm, ebenfalls allein zu sein. Atlanta, Georgia: Frank Jr. gibt sich als Kinderarzt aus und steigt rasch zum Oberarzt auf. Doch als er sich in die Krankenschwester Brenda Strong verliebt, kommen Zweifel an seinem Leben auf. New Orleans, Louisiana: Nach kurzem Misstrauen wird Frank Jr. in die Familie Strong aufgenommen. Er gibt sich als Arzt, Anwalt und Lutheraner aus. Kurz vor seiner Verlobung mit Brenda erfährt Frank, dass Hanratty ihn gefunden hat. Er gesteht ihr die Wahrheit. Miami, Florida, 1960er Jahre: Zurück am Flughafen. Hanratty droht Frank Jr. mit Gewalt, wenn er erneut versucht, zu fliehen. Die Show ist vorbei. Frank William Abagnale Junior wird zu über 10 Jahren Haft verurteilt. Doch er wird vorzeitig entlassen. Das FBI macht ihm ein Angebot: Er soll helfen, andere Trickbetrüger zu fassen. Frank und Hanratty arbeiten nun zusammen. Seltsam aber wahr…!
(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)
Diese Diashow benötigt JavaScript.
That’s Entertainment!
Regisseur und Choreograf Till Nau serviert sein Musical-Menü mit dem ganz großen Besteck: Da wurde nicht gekleckert, da wurde geklotzt – aus allen Gewerken, die das kleine Theater an der Weser zur Verfügung hatte. Es war deutlich zu merken, dass Inszenierung und Tanz in einer Hand vereint waren: Da gab es keinen Bruch bei den Übergängen. Szene für Szene spulte sich die Handlung rasant vor den Augen des Publikums ab. Neben den großen Show-Momenten, in denen Nau nicht nur dem eigens gecasteten Musical-Ensemble sondern ebenso den Solisten wie dem Opernchor flotte Füße verpasste, gelangen ihm auch die kleinen emotionalen Szenen, die vor allem durch ihre stringente Personenführung überzeugten.
Ausstatter Lukas P. Wassmann stellte eine multifunktionale Show-Treppe incl. verschiedener Spielebenen auf die Bühne und umhüllte diese mit weißen Vorhängen. Was evtl. anfangs wenig innovativ erschien, entpuppte sich auf der Drehbühne mit den passenden Requisiten zu einer raffinierten Spielfläche, wo die Vorhänge äußerst präzise getimt zum Einsatz kamen. Eine Vielzahl an stimmigen Kostümen und Frisuren versprühten den Flair der 60er und überzeugten durch Detailreichtum und eine szenisch abgestimmte Farbgebung. Einzig unsere beiden Hauptdarsteller blieben von dieser farbenfrohen Kostüm-Orgie verschont: Während HANRATTY seinen zerknautschten Columbo-Trenchcoat nie ablegte, wechselte ABAGNALE JR. „nur“ die Sakkos, je nachdem, welche Identität er sich gerade übergestreift hatte.
Komponist Marc Shaiman ist eine absolut theatertaugliche Musik gelungen. Da gibt es zwar nicht die eingängigen Melodien, die schon beim ersten Anhören im Ohr hängen bleiben, wie es in seinem Erfolgsmusical HAIRSPRAY der Fall war. Doch ist dies für CATCH ME IF YOU CAN durchaus kein Nachteil, da hier die Musik sich der Handlung anpasst, diese gekonnt untermalt und vorantreibt und in den Songs die Charaktere der handelnden Personen herausstellt. Für den authentischen 60er Jahre-Sound sorgten im Orchester u.a. Blechbläser, Percussion und Klavier. Unter dem Dirigat von Davide Perniceni erklang aus dem Orchestergraben eine gehörige Portion Swing, der in den Show-Nummern mit dem nötigen Druck, bei den Balladen allerdings fein differenziert dargeboten wurde.
Kraftvoll und völlig unangestrengt bis in die höchsten Töne präsentierte Tobias Bieri mit brillanter Stimme die Songs. Blondgelockt und unschuldig wirkend schlüpfte er in die Rolle des FRANK ABAGNALE JR., den er als modernen Baron Münchhausen voller Lässigkeit porträtierte. Dabei blitzte immer auch die Hilflosigkeit und Zerrissenheit der Figur hinter den vielen Identitäten hervor – insbesondere bei den Telefonaten, die er mit seinem scheinbaren Widersacher FBI-Agent CARL HANRATTY führte. Hier zeigten sich zwei verlorene Seelen, die sich nach einem Ort sehnten, den sie Heimat nennen dürfen. Frank Josef Winkels stattete CARL HANRATTY augenzwinkernd mit den Attitüden eines „hard-boiled detectives“ aus, zeigte doch hinter seinem spröden Charme stets den Menschenfreund und amüsierte mit einer liebenswürdigen Kauzigkeit. Hier war er für FRANK ABAGNALE JR. viel mehr das Vorbild der haltgebenden Vaterfigur als FRANK ABAGNALE SR. es je sein könnte.
Der Vorteil an einem kleinen Haus ist es, dass ich Künstler in sehr unterschiedlichen Rollen erleben darf: Stand Andrew Irwin noch zwei Tage zuvor als liebeshungriger FREDDY EYNSFORD-HILL in MY FAIR LADY auf der Bühne, gab er hier FRANK ABAGNALE SR. als charmanten Schmalspur-Gauner, der jedoch mit jedem misslungenen Coup die soziale Leiter weiter hinabrutschte. Irwin sang seine Songs mit abgedunkeltem Tenor in bester Crooner-Manier und gestaltete den Wandel vom großspurigen Möchtegern zum heruntergekommenen Niemand sehr ergreifend.
Ebenfalls der Vorteil eines kleinen Hauses ist es, dass kleinere Partien von Solisten aus dem Opernensemble verkörpert werden, die diese mit ihrer Expertise aufwerten: Boshana Milkov stattete der Partie der PAULA ABAGNALE mit einer üppigen Portion Erotik aus und ließ diese auch in ihrem satten Mezzo mitschwingen.
Im 1. Akt noch als Teil des quirligen Musical-Ensembles hatte Celena Pieper im 2. Akt die Möglichkeit aus der Chorus Line herauszutreten und als BRENDA STRONG mehr auf sich aufmerksam zu machen. Hier überzeugte sie nicht nur durch ihr natürliches Spiel sondern verwandelte mit ihrer großartigen Stimme den Song „Flieg, flieg ins Glück“ zu einer ergreifenden Hymne.
Das Musical-Ensemble – bestehend aus Ramona Helder, Nadja Kilchherr, Verena Kollruss, Valerio Croce und Stefan Preuth – tanzte die anspruchsvolle Choreografie voller Dynamik, umschwärmte die Solisten voller Esprit und zeigte Können und Klasse bei jedem Auftritt. Ebenso agil und voller Spielfreude präsentierten sich auch die Damen und Herren des Opernchors, die zudem in die div. Nebenrollen schlüpften, seien es Róbert Tóth und MacKenzie Gallinger als HANRATTYs Assistenten oder auch Iris Wemme-Baranowski und James Bobby als BRENDA STRONGs überkandidelte Eltern.
Ein begeistertes Publikum bedankte sich am Schluss mit Pfiffen, Jubelrufen und Standing Ovation: Wer exzellente Musical-Unterhaltung genießen möchte, hat nun am Stadttheater Bremerhaven abermals Gelegenheit dazu und sollte sich diese auf keinem Fall entgehen lassen.
NACHTRAG: Stellvertretend für alle guten Geister, die zwar nicht im Rampenlicht stehen aber im Hintergrund nicht minder wichtige Aufgaben erfüllen und so einen gelungenen Theaterabend garantieren, möchte ich Regieassistentin und Abendspielleitung Annika Ellen Flindt erwähnen. Bei der von mir besuchten Vorstellung übernahm sie für eine verhinderte Kollegin flugs einige Mini-Rollen und sorgte so für einen reibungslosen Ablauf der Vorführung. VIELEN DANK! ❤
Die musikalische Gaunerkomödie CATCH ME IF YOU CAN ist noch bis Ende Mai im Stadttheater Bremerhaven zu bewundern.
Kompositionen von Giorgio Battistelli, Wolfgang Amadeus Mozart und Max Reger
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Premiere: 18. November 2024 / besuchtes Konzert: 19. November 2024
Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus
MUSIKALISCHE LEITUNG Srba Dinić KLAVIER Matthias Kirschnereit
Ich kann mich nicht erinnern, ob ich je ein klassisches Sinfoniekonzert besucht habe, also so ein „richtig“ klassisches Klassikkonzert und nicht ein Familienkonzert oder eine Gala. Einige Kammerkonzerte hatte ich durchaus in der Vergangenheit schon erleben dürfen: Da gab es vor einiger Zeit ein Klassik-Abonnement beim Kulturzentrum Gut Sandbeck bei uns in Osterholz-Scharmbeck, das ich mir als junger Mensch gönnte, um meinen Horizont bzgl. klassischer Musik zu erweitern. Ich fürchte, dass von diesen Konzerten nicht viel in meiner Erinnerung hängen geblieben ist, doch zumindest hat es meine Bereitschaft, mich unvoreingenommen der Musik zu nähern, erweitert. Somit saß ich nun im großen Haus des Stadttheaters Bremerhavens und wartete auf den Beginn meines ersten „richtig“ klassischen Klassikkonzerts,…
…und dachte bei mir „Mit Mozart macht man nichts verkehrt.“: Nun hat das Philharmonische Orchester mit seinem GMD Marc Niemann es sich auf die Fahnen geschrieben, im Rahmen der „Composer in Residence“ auch unbekannte bzw. selten gespielte Werke einem Publikum zugänglich zu machen. Dabei kommen Kompositionen von Künstler*innen unterschiedlicher kultureller und regionaler Hintergründe oder Herkunft zur Aufführung. Auch werden zu den Sinfoniekonzerten des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven gerne Gast-Solist*innen bzw. –Dirigent*innen geladen, um sowohl dem Publikum als auch dem Orchester die Möglichkeit zu bieten, verschiedene künstlerische Handschriften erleben zu können.
Ein Titel wie MOZARTS ERBE(N) bietet ausreichend Raum zur individuellen Deutung: Wird nicht jede*r Komponist*in – ob direkt oder indirekt, ob bewusst oder unbewusst – von der Genialität eines Wolfgang Amadeus Mozart inspiriert? Die Frage, in wieweit sich „Composer in Residence“ Giorgio Battistelli bei der Entstehung seines Werkes APRÈS JOSQUIN, das als deutsche Erstaufführung in Bremerhaven erklang, von Mozart hat beeinflussen lassen, kann allein nur der Komponist beantworten. Bei seiner Komposition verzichtete er auf eine Melodienfolge bzw. ein Leitthema. Vielmehr webte er einen Klang-Teppich, in dem er die Instrumente teils recht konträr zueinander setzte. Gast-Dirigent Srba Dinić bot gemeinsam mit dem Orchester ein für mich spannendes wie gleichzeitig verwirrendes Hörerlebnis, das es mir mit seinen aufwühlenden wie auch zart-minimalistischen Tönen ermöglichte, frei zu assoziieren, und so eine Vielzahl an unterschiedlichen Bildern in meinen Kopf entstehen zu lassen. Dinić ist u.a. GMD des Staatstheaters Braunschweig sowie Chefdirigent des renommierten Orchesters „Die St. Georg Streicher“ in Belgrad und hatte bereits Gastengagements an internationalen Opernhäusern, wie die Staatsoper Stuttgart, Teatro Massimo in Palermo und die Semperoper Dresden.
Beim 2. Programmpunkt kam der große Meister selbst zur Aufführung: Für das KONZERT FÜR KLAVIER UND ORCHESTER NR. 23 A-DUR KV 488 konnte als Solist Matthias Kirschnereit gewonnen werden, der virtuos sein Instrument beherrschte und diesem die schwelgerischen Töne aus Mozarts Feder mit gefühlvollem Anschlag entlockte. Eingebettet wurde er vom Philharmonischen Orchester, das die Töne des Klaviers zart einrahmte oder akzentuiert hervorhob. Auch Kirschnereit ist ein international gefragter Künstler, der vielfach ausgezeichnet wurde, und dessen CD-Einspielungen u.a. mit dem ECHO-Klassik geadelt wurden. Zudem gibt es mit/von ihm eine Gesamteinspielung der Klavierkonzerte Mozarts mit den Bamberger Symphonikern – somit saß vor uns ein absoluter Mozart-Experte am Flügel. Als Zugabe schenkte uns Kirschnereit seine beseelte Interpretation von Frédéric Chopins NOCTURNE NR. 20 CIS-MOLL.
Beim letzten Programmpunkt, Max Regers VARIATIONEN UND FUGE ÜBER EIN THEMA VON MOZART FÜR ORCHESTER OP. 132, hatte das Philharmonische Orchester abermals die Chance, sein Können zu zeigen. Dirigent Srba Dinić führte die Musiker*innen souverän durch die acht Variationen und eine Fuge, die sich mal sanft umschmeichelnd, mal expressiv drängend, dann zart flirrend, explosiv aufbrausend oder mit verspielter Leichtigkeit präsentierten und in einem dramatischen Finale gipfelten. Dabei wirkte es auf mich beinah so, als würde das Grundthema, das stets wohltuend erkennbar blieb, jeweils in eine andere Garderobe gekleidet werden.
Es war ein Programm voller musikalischer Kontraste (Mozart: brillant / Reger: abwechslungsreich / Battistelli: herausfordernd), das sowohl vom Dirigenten sowie vom Solisten bis zum Orchester grandios dargeboten wurde.
Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!
Musik von Frederick Loewe / Buch von Alan Jay Lerner / nach Bernhard Shaws PYGMALION und dem Film von Gabriel Pascal / deutsch von Robert Gilbert / in deutscher Sprache
Premiere: 2. November 2024 / besuchte Vorstellungen: 17. November 2024, 5. Januar 2025, 7. Februar 2025, 13. April 2025 & 11. Mai 2025
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus
MUSIKALISCHE LEITUNG Hartmut Brüsch / Tonio Shiga (05.01. & 07.02.) INSZENIERUNG Toni Burkhardt BÜHNE Wolfgang kurima Rauschning KOSTÜME Susana Mendoza CHOREOGRAFIE Kati Heidebrecht DRAMATURGIE Torben Selk CHOR Edward Mauritius Münch LICHT Katharina Konopka
Es war am 5. Juni 1988: Es sollte mein erster Besuch eines Musicals werden. Ich saß mit einer vergünstigten Schülerkarte im zweiten Rang des Theaters am Goetheplatz in Bremen (Bei meinem damaligen Budget, das ich mir durch Zeitungsaustragen verdingte, war Besseres nicht drin.), blickte aus der Vogelperspektive von oben herab über den ersten Rang und das Parkett zur Bühne und wartete gespannt auf das, was mich erwartete. Schließlich war ich als Theaterbesucher noch völlig unbeleckt und konnte diesbezüglich auf keine Erfahrungen zurückgreifen. Alles war für mich neu und aufregend: Die Musiker*innen des Orchesters stimmten ihre Instrumente, während das grelle Schrillen einer Klingel den Beginn der Vorstellung ankündigte. Langsam wurde das Licht gedimmt, und eine vibrierende Spannung bemächtigte sich meiner. Der Dirigent erschien, und das Publikum applaudierte, also applaudierte auch ich. Zu den ersten Takten der Ouvertüre hob sich der Vorhang und gab den Blick frei auf das Bühnenbild, das Covent Garden in London darstellen sollte. Das Spiel begann. Niemals zuvor hatte ich eine verführerische Symbiose, wie diese aus Musik, Text, Gesang, Schauspiel und Tanz, erleben dürfen. Es war um mich geschehen!
Seitdem hat mich das Musicalfieber nie mehr losgelassen, und gerade MY FAIR LADY nimmt hier eine Sonderstellung ein. So sah ich im Laufe der Jahrzehnte auf den Bühnen dieses Landes bisher vier verschiedene Inszenierungen dieses Musical-Klassikers. Doch seit unserem letzten Zusammentreffen mussten satte 21 Jahre verstreichen, bis ich nun der LADY abermals meine Aufwartung machen durfte. Und so schummelte sich mir beim Klang der traumhaften Ouvertüre eine kleine Träne ins Auge – vor Rührung, doch noch vielmehr vor Freude,…
HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.
Bei seinen Feldstudien vor der Londoner Oper erregt das Blumenmädchen Eliza Doolittle mit ihrer Art zu sprechen die Aufmerksamkeit von Henry Higgins, einem international anerkannter Professor für Phonetik. Als ihr auffällt, dass er sich Notizen macht, protestiert sie und sucht Unterstützung bei Oberst Pickering, der gerade die Oper verlässt. Es stellt sich heraus, dass er, als Fachmann der indischen Dialektik, ein Kollege von Higgins und extra seinetwegen aus Indien nach London gereist ist. Beide beginnen sofort zu fachsimpeln, wobei Higgins erwähnt, dass er – mit Hilfe des richtigen Unterrichts – aus diesem ordinären Blumenmädchen mit Leichtigkeit eine Lady machen könnte. Elizas Aufmerksamkeit ist geweckt. Beim Gehen wirft Higgins Eliza gönnerhaft einige Münzen zu. Eliza ist von diesem unerwarteten „Reichtum“ entzückt und erträumt für sich einige bescheidene Annehmlichkeiten. Auf den Boden der Realität bringt sie ihr Vater Alfred P. Doolittle, der offiziell als Müllkutscher tätig ist, inoffiziell aber lieber in der Kneipe seinen unbändigen Durst stillt und hofft, von seiner Tochter ein paar Münzen schnorren zu können. Am nächsten Tag steht Eliza bei Higgins vor der Tür, um den erwähnten Unterricht zu buchen. Sie träumt von einer Anstellung in einem feinen Blumenladen. Doch Higgins macht sich einen Spaß aus ihrem Ansinnen. Er ist für dergleichen nicht zu haben, selbst nicht gegen Bezahlung, die Eliza ihm anbietet. Wieder geraten die Männer ins fachsimpeln, und schließlich bietet Oberst Pickering eine Wette an: Er würde alle Kosten übernehmen, wenn Higgins es tatsächlich schaffen sollte, Eliza so weit zu bringen, dass niemand – selbst nicht am britischen Hofe – sie als armes Mädchen der Unterschicht erkennen würde. Higgins kann nicht widerstehen und nimmt die Herausforderung an. Eliza sieht ihre Chance auf eine bessere Zukunft und stimmt ebenfalls zu. Das Mädchen wird umgehend im Haus von Higgins einquartiert und erhält von der Hausdame Mrs. Pearce widerstrebend eine optische Rundumerneuerung. Schon am nächsten Tag beginnt ihr Unterricht. Plötzlich steht Elizas Vater vor der Tür und versucht den Herren ein paar Pfund aus der Tasche zu locken. Dabei stellt er sich rhetorisch so raffiniert an, dass Higgins ihn als „originellsten Moralisten“ weiterempfiehlt. Über Wochen ziehen sich die quälenden Sprachübungen hin. Alle sind erschöpft, bis sich plötzlich bei Eliza die ersten Erfolge einstellen. Zur Probe nimmt Higgins sie zum Pferderennen nach Ascot in die Loge seiner Mutter. Mrs. Higgins ist anfangs wenig begeistert von dieser Idee, schließt Eliza aber zunehmend in ihr Herz. Zwar sticht Eliza dank ihrer Natürlichkeit aus der Masse der versnobten Upperclass hervor und erregt so die Aufmerksamkeit des jungen Freddy Eynsford-Hill, doch im Eifer entfleucht ihr ein sprachlicher Fauxpas, mit dem sie die Anwesenden schockiert. Allein Freddy ist von ihr entzückt und begibt sich eilends zum Haus von Henry Higgins, in der Hoffnung mit ihr sprechen zu können. Doch Elizas Drill geht Woche für Woche weiter, und aus dem soziale Rohdiamant entwickelt sich langsam ein funkelnder Edelstein. Auf dem festlichen Botschafterball soll sie sich nun abermals bewähren: Eliza ist absolut reizend und so überzeugend, dass selbst der anwesende Sprachforscher Zoltan Karpathy keinen Makel an ihr erkennen kann. Vielmehr ist ihr Englisch zu exzellent: Karpathy ist davon überzeugt, dass Engländer nie ein so reines Englisch sprechen. Vielmehr findet man dies nur bei Ausländern, und so vermutet er, dass Eliza eine ungarische Prinzessin sein muss. Zurückgekehrt im Haus von Higgins gratuliert Oberst Pickering den Kollegen für seine herausragende Arbeit. Dieser zeigt sich wiederum erleichtert darüber, dass jetzt endlich alles vorbei sei. Eliza, die still danebensteht und zu Recht auf ihre Leistungen stolz sein könnte, wird von den beiden Herren gänzlich übersehen. Sie ist zutiefst verletzt und verlässt noch während der Nacht das Haus. Vor der Tür stolpert sie über den dort wartenden Freddy, der ihr abermals wortreich zu vermitteln versucht, wie sehr er sie liebt. Doch Eliza hat genug von Männern, die nur sprechen und nicht handeln. Da sie nun nicht mehr weiß, wo sie hingehört, zieht es sie zu ihrer alten Heimat. Dort trifft sie ihren Vater, der im Begriff ist, zu heiraten. Aufgrund der Empfehlung von Higgins hat er ein erträgliches Erbe erhalten. Grund genug für seine „Madam“, endlich in den Hafen der Ehe zu schippern, auch wenn Alfred P. Doolittles Begeisterung sich in Grenzen hält. Eliza erkennt, dass sie auch hier keine Zuflucht finden kann, und verabschiedet sich endgültig von ihrem Vater. Am nächsten Morgen ist Higgins außer sich, dass Eliza ohne ein Wort verschwunden ist. Eilends geht er auf die Suche und findet sie bei seiner Mutter, die ihrem Sohn deutlich zu verstehen gibt, wie richtig Eliza gehandelt hat. Eliza bietet ihm die Stirn: Aus der Schülerin ist eine ebenbürtige Persönlichkeit geworden. Geknickt kehrt Higgins zurück und muss sich eingestehen, wie sehr er sie vermisst. Wehmütig schaltet er den Phonografen an und lauscht den Tonaufzeichnungen ihrer Stimme. Da betritt Eliza das Zimmer: Sie ist zurück…!
Diese Diashow benötigt JavaScript.
…und meine Freude sollte sich im Laufe der Vorstellung weiter stetig steigern. Regisseur Toni Burkhardt und sein Produktionsteam schenkten dem Bremerhavener Publikum eine Inszenierung, die ein permanentes Hochgefühl bei mir auslöste, ein wahres Vergnügen und eine einzige Wonne war. Voller charmanter Ideen und mit witzige Details gespickt, gab es nicht eine einzige Sekunde Langatmigkeit. Alles war im Fluss: Szene für Szene entblätterte sich die Handlung schlüssig vor meinen Augen. Behutsam schraubte Burkhardt an den Rollenvorgaben, drehte hier ein bisschen, regulierte dort ein wenig, um die antiquierte Darstellung der Geschlechterrollen zu mildern. Und doch erkannte ich weiterhin die vertrauten Charaktere. Es war immer noch „meine“ LADY. Gekonnt verschmolz er ganz viel Entertainment mit einem Hauch Drama: Dass er beide Extreme beherrscht, zeigte er in der Vergangenheit sowohl beim Musical HAIRSPRAY (Entertainment) wie auch bei der Oper BREAKING THE WAVES (Drama). Unter seiner Regie wurden beinah unmerklich zwei Neben-Rollen aufgewertet: So stellt er dem dominanten Herren-Trio (Higgins, Pickering, Doolittle) ein selbstbewusstes Damen-Trio (Doolittle jun., Higgins sen., Pearce) gegenüber, das auf Augenhöhe den Kerlen Paroli bot. Bravourös bündelte er die Künstler*innen der unterschiedlichen Sparten (Gesang, Schauspiel, Tanz) zu einem homogenen Ensemble, indem er die Grenzen zwischen den einzelnen Professionen verschwinden ließ.
Das Bühnenbild von Wolfgang kurima Rauschning zeigt ein London wie aus dem Märchenbuch: Die Hintergrundprojektionen, die stilisierte Ansichten der Schauplätze zeigen, erstrahlen phantasievoll in allen Farben des Regenbogens. Dominat in der Mitte der Bühne steht eine Konstruktion in Kombination mit Treppen und Balkone, die – je nach Grad der Drehung – einen Grammophontrichter (Higgins Arbeitszimmer) oder eine Blüte (Außenansichten) darstellen könnte und so schnelle Szenenwechsel ermöglicht. Susana Mendoza schuf stimmige Kostüme: Die Upperclass erschien in einer pastellenen Garderobe, während das einfach Volk eher gedeckte Farben trug. Der Haushalt um Henry Higgins schien in der Zeit um die Jahrhundertwende stehengeblieben zu sein, während Elizas Metamorphose auch anhand ihrer Kostüme (Sonnengelb mit Schwarz/ vom einfachen Blumenmädchen, die ihre Ware in einer Schürze feilbietet, zum eleganten Audrey-Hepburn-Style) zu erkennen war.
Choreografin Kati Heidebrecht brachte das gesamte Ensemble – von den Solisten über dem Chor bis zum Ballett – in Bewegung und schuf auch hier für die einzelnen Gruppen prägnante Bewegungsabläufe: Das einfache Volk tanzte und steppte ausgelassen über die Bühne, der Adel hingegen wurde mit minimalistischen Gesten porträtiert. Auch die talentierten Tänzer*innen vom Ballett waren nicht nur schmückendes Beiwerk. Bei anderen Inszenierungen durfte ich es durchaus erleben, dass das Ballett „mal eben“ zum Tanzen auf die Bühne gescheucht wurde, ansonsten aber nicht präsent war. Hier bereicherten sie die Szenerie als quirlige Straßengaukler oder gefielen als zauberhafte Debütant*innen auf dem Ball.
Mit Hartmut Brüsch stand ein wahrer Kenner und Könner der Materie am Pult vor dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven. Mit Verve brachten die Musiker*innen die bekannten Evergreens zum Erklingen. Schwelgerisch strömten die wunderbaren Melodien über das Ohr direkt in mein Herz und sorgten für ein wohliges Gefühl.
Die Sänger*innen des Chores am Stadttheater Bremerhaven (Leitung: Edward Mauritius Münch) überzeugten abermals sowohl stimmschön als auch durch ihre Wandlungsfähigkeit: Eben noch flott singend durch Londons Straßen getanzt, intonieren sie nur wenige Augenblicke später ganz etepetete die „Ascot Gavotte“.
Robert Tóth und MacKenzie Gallinger waren als HARRY und JAMIE die witzigen Side-Kicks zu ALFRED P. DOOLITTLE. Gallinger gab zudem einen herrlich schmierigen ZOLTAN KARPATHY. Iris Wemme-Baranowski stattete MRS. PEARCE mit der nötigen Contenance aus, war nie nur bloße Hausangestellte, sondern vielmehr das Gewissen von HENRY HIGGINS. Isabel Zeumer präsentierte als MRS. HIGGINS punktgenau ihre Pointen und setzte sich mit mütterlichem Pragmatismus wohltuend von ihren überkandidelten Freunden aus der Upper-Class ab.
Kay Krause porträtierte OBERST PICKERING als liebenswerten Schussel mit viel Verständnis und noch mehr Herz für seine Mitmenschen. Andrew Irwin erschien als FREDDY EYNSFORTH-HILL optisch wie ein Schlager-Star aus den 70ern, mimte glaubhaft den verliebten jungen Mann und bot abermals – wie ich bereits in meinem Beitrag zur ERÖFFNUNGSGALA erwähnte – eine der besten Interpretationen von „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“, denen ich bisher lauschen durfte. Ulrich Burdack gab einen deftig-rustikalen ALFRED P. DOOLITTLE mit amüsanter Bauernschläue, der mit üppigem Bass die Songs intonierte, mit Chor und Ballett flott über die Bühne wirbelte und in seinen Dialogen prägnante Akzente setzte.
Dirk Böhling gelang das Kunststück, seinen HENRY HIGGINS weniger arrogant dafür mehr jungenhaft-naiv wirken zu lassen. Beinah unbedarft pfefferte er seine Unverschämtheiten raus und wunderte sich über die Reaktionen seiner Mitmenschen. Doch gerade diese jungenhafte Naivität sicherte ihm die Sympathie des Publikums. Den Sprechgesang mit seinen durchaus herausfordernden Passagen bewältigte er meisterhaft.
Ihm zur Seite stand die beste ELIZA-Darstellerinnen, die ich bisher auf einer Bühne sehen durfte: Victoria Kunze. Mit einer immensen Spielfreude stürzte sie sich in die Rolle und verkörperte die schnoddrige Straßengöre ebenso glaubhaft wie die gereifte junge Frau. Dabei gelangen ihr die humoristischen Passagen nicht minder brillant wie die ernsteren Szenen. Auch gesanglich bot sie absolut Erlesenes: In ihren Songs lieferte sie mit ihrem wunderschönen Sopran ein Highlight nach dem anderen ab und ließ dabei so manche prominentere und auf CD verewigte Rollenvorgängerin ziemlich blass aussehen. Hochachtung!
Hochgefühl: Genau dieses hatte sich meiner bemächtigt und sollte mich auch lange begleiten. Beim Standing Ovation klatschte ich mir enthusiastisch die Hände wund und brüllte mir mit Bravo-Rufen die Kehle heiser. Doch ich war so selig: Nach 21. Jahren war „meine“ LADY – frisch wie eh und je – in einer fulminanten Inszenierung zu mir zurückgekehrt.
Nachtrag zum 11. Mai 2025: Da flog beim Schlussapplaus der Dernière zu MY FAIR LADY der originale Elbsegler von ALFRED P. DOOLITTLE alias Ulrich Burdack über mich hinweg in die Weiten des Zuschauersaals, um dann – dank deutlicher Nennung des Adressaten – doch noch bei mir zu landen. Nun geht der kleine lädierte Segler in die wohlverdiente Rente und wird ein gemütliches Nest bei mir erhalten.
Mein lieber Ulrich! Nochmals herzlichen Dank für das schöne Souvenir. Ich habe mich so sehr gefreut!
Diese Diashow benötigt JavaScript.
Mit der Dernière endete die erfolgreiche Aufführungsserie des weltbekannten Musicals am Stadttheater Bremerhaven nach 18 nahezu ausverkauften Vorstellungen, bei denen ich an 5 Terminen dabei sein durfte. Bisher hatte mich noch keine andere Produktion so durch eine Saison (von November bis Mai) begleitet wie diese MY FAIR LADY. Jedes Mal war es mir ein Fest, bei dem ich den Alltagsstress sowie meine Sorgen und Schmerzen für einige wertvolle Stunden vergessen konnte.
Für die Freude, die mir (und sicherlich auch vielen weiteren Zuschauern) bereitet wurde, möchte ich mich bei allen Beteiligten von ganzem Herzen bedanken. 💖
Lust auf einen Probeneinblick? Hier ist er: Andrew Irwins Version von „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“mit Tonio Shiga am Klavier und Iris Wemme-Baranowski als Mrs. Pearce,…
…oder wir werfen Harald Witt, dem technischen Oberinspektor am Stadttheater Bremerhaven, während der Generalprobe zu MY FAIR LADY einen Blick über die Schulter,…
„Es grünt so grün“: Noch bis zum Mai 2025 lässt MY FAIR LADY am Stadttheater Bremerhaven sowohl Spaniens Blüten als auch die Herzen des Publikums erblühen.
Oper von Giacomo Puccini / Libretto von Guiseppe Adami und Renato Simoni / komplementiert von Franco Alfano / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Premiere: 14. September 2024 / besuchte Vorstellung: 27. September 2024
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus
MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann INSZENIERUNG & BÜHNE Philipp Westerbarkei KOSTÜME Tassilo Tesche DRAMATURGIE Markus Tatzig CHOR Mario Orlando El Fakih Hernández, Edward Mauritius Münch LICHT Thomas Güldenberg
REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz INSPIZIENZ Regina Wittmar
„Ich mache Theater.“, schrieb Giacomo Puccini an seinen Librettisten Giuseppe Adami und verdeutlichte so, wie sehr ihm das gleichnamige Schauspiel von Carlo Gozzi bei der Komposition von TURANDOT inspirierte bzw. herausforderte, da er sich von seinem gängigen Rollenpersonal verabschiedete. Hatten bisher in seinen Werken die aufopferungsvollen, verletzlichen und doch heroischen Frauentypen (Mimi, Tosca, Cio-Cio-San) dominiert, stand hier eine gefühlskalte und grausame Person im Mittelpunkt. Und auch bei der Tenor-Partie fand eine Wandlung vom einfühlsamen Liebhaber zum zu allem entschlossenen Helden statt.
Doch je weiter sich das Projekt entwickelte, umso mehr haderte Puccini mit seiner Wahl. Vielleicht war dies aber auch schon seinem sich stetig verschlechterten Gesundheitszustand geschuldet: Er litt unter fortschreitenden Kehlkopfkrebs. Eine Operation konnte da leider nicht mehr helfen, und so verstarb er nur 5 Tage später am 29. November 1924. Zurück ließ er eine unvollendete Oper, bei der das Duett und das Finale des letzten Aktes fehlten.
Franco Alfano, ein Schüler Puccinis wurde beauftragt, das Werk anhand vorhandener Skizzen des Meisters fertigzustellen. Doch dieser entfernte sich immer mehr von der originären Idee Puccinis, dass schließlich Arturo Toscanini eingriff und Einhalt gebot, indem er etliche der Nachkompositionen strich. Seine Begründung: „zu viel Alfano und zu wenig Puccini“. Was schlussendlich von den Melodien am Ende des letzten Aktes zu TURANDOT nun Alfano oder Toscanini zuzuschreiben ist, werden wir vielleicht nie erfahren.
Das Volk von Peking erwartet die Hinrichtung des persischen Prinzen, der an der Lösung der drei Rätsel gescheitert ist. In der Menge der Schaulustigen entdeckt Prinz Calàf seinen Vater Timur, der – vom chinesischen Herrscher entthront – nun sein Exil in Peking fristet. Der alte Mann ist blind und wird aufopfernd von der Sklavin Liù gepflegt. Sie liebt den Prinzen und ist ihm darum ins Exil gefolgt. Alle drei leben versteckt, um nicht von den Feinden gefasst zu werden. Calàfs Herz entflammt aufgrund ihrer Schönheit für die Prinzessin Turandot und will sich ihren Rätseln stellen. Liù und Timur gelingt es nicht, ihn davon abzuhalten. Die drei Mandarine Ping, Pang und Pong trauern um das unglückliche Schicksal Chinas und hoffen, dass die Prinzessin die Liebe findet und die Hinrichtungen endlich aufhören. Doch die Trompeten kündigen den Beginn der nächsten Rätselzeremonie an. Der alte Kaiser Altoum bedauert die Grausamkeit, die er seiner Tochter erlaubt hat. Turandot erscheint und erklärt, warum sie den Männern immer wieder diese blutigen Rätseln stellt: Sie nimmt Rache für eine Ahnin, die von einem Fremden getötet wurde. Zu ihrem Erstaunen findet Calàf die Antworten auf ihre drei Fragen: Hoffnung, Blut, Turandot. Das Volk bricht in Jubel aus. Turandot aber bittet inständig ihren Vater, sie vom Gelübde der Hochzeit zu befreien, doch der bleibt streng. Calàf möchte ihre Liebe und nicht ihre Unterwerfung gewinnen, und so schlägt er ihr einen neuen Pakt vor: Sollte Turandot seinen Namen vor Morgengrauen in Erfahrung bringen, würde er nicht nur von der Hochzeit absehen, er wäre auch bereit zu sterben. Unter Todesstrafe darf niemand in Peking schlafen, sondern muss versuchen, den Namen des Fremden zu finden. Ping, Pang und Pong versuchen den fremden Prinzen mit allen Versuchungen zu bestechen. Timur und Liù, die man mit dem Fremden gesehen hat, werden aufgegriffen. Um Timur zu retten, behauptet Liù, dass nur sie den Namen des Fremden kennt. Um diesen zu erfahren, schreckt die Prinzessin nicht davor zurück, Liù zu foltern. Doch anstatt Calàf zu verraten, wählt sie als Erlösung den Freitod. Calàf ist von den Geschehnissen so betroffen, dass er, nachdem er Turandot einen leidenschaftlichen Kuss gegeben hat, sein Leben in ihre Hände legt. Doch dieser Kuss hat auch in Turandot Gefühle geweckt, und sie erklärt, dass sie den Namen des Fremden schon kenne: „Sein Name ist Liebe“.
Ich hadere sehr mit dieser Oper, da sie mir so wenige Möglichkeiten zur Identifikation mit den beiden Haupt-Charakteren bietet. Da gibt es die Titelfigur, die äußerst ambivalente Gefühle bei mir hervorruft, da ihre überraschende Wandlung von der Serienmörderin zur geläuterten Geliebten mir nicht genügt. Als würde ein einziger Kuss eine plötzliche Sinneswandlung bei ihr auslösen können: Sie blinzelt verwundert und haucht „Huch! Wie konnte mir denn das passieren?“. Ist dies wirklich ausreichend, um sie von all ihren zuvor begangenen menschenverachtenden Taten freizusprechen? Und auch die Beweggründe von Prinz Calàf wirken auf mich eher „ungesund“, so als würde diese männermordende Maid sein männliches Ego so sehr kitzeln, dass er sich dieser Herausforderung schon beinah zwanghaft stellen müsste und dafür alle Warnungen in den Wind schießt.
Da war es ein äußerst kluger Schachzug von Regisseur Philipp Westerbarkei, der Oper schon rein optisch die fernöstliche Folklore zu nehmen und die Handlung in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts zu transferieren. Er kreierte eine Phantasie à la Babylon Berlin mit all seiner Dekadenz und Skurrilität. Zu den zarten Pianoklängen zur Melodie von „Nessun dorma“ sehen wir Turandot, die sich auf ihrem riesigen Divan lasziv rekelnd einen Schuss setzt. In ihrem wirren Drogenrausch tauchen die Gestalten der Handlung auf, gleich einem Panoptikum entsprungen, und vollführen einen fulminanten Tanz auf dem Vulkan. Da machen so einige Beweggründe der Figuren plötzlich einen Sinn, da sie im dubiosen Nebel von Turandots Drogenrausch absolut keinen Sinn ergeben müssen. „Jaja, ich weiß, das klingt widersprüchlich!“
Doch unter diesen Voraussetzungen darf (muss) alles – „Over the Top“ – ein Wechselspiel der Extreme sein: Turandot präsentiert sich bei ihre glamourösen Auftritten wie eine Stummfilm-Diva. Der Chor erinnert in seiner Schwarz-weiß-Ästhetik an Figuren der Commedia dell’arte. Gesichtslose Kinder strecken Calàf ihre Puppen entgegen, die nur aus einem (abgeschlagene) Kopf zu bestehen scheinen. Das militärische Erscheinungsbild von Kaiser Altoum steht konträr zum schrillen Outfit der metrosexuellen Paradiesvögel Ping, Pang und Pong.
Philipp Westerbarkei, der auch für das atmosphärische Bühnenbild verantwortlich zeichnete, lässt das Ensemble von einem gemalten Proszenium, das an die alten Theater der Jahrhundertwende erinnert, einrahmen und von einem äußerst wandlungsfähigen Mond erhellen. Unterstützung erfährt er von Tassilo Tesche, der stimmige wie auch raffinierte Kostüme kreierte, die in ihrer jeweiligen Optik die Charaktere der handelnden Personen optimal unterstreichen.
Diese Diashow benötigt JavaScript.
Ja, ich hadere mit dieser Oper, doch keinesfalls mit Puccinis Kompositionen. Auch wenn ich diese beim ersten Hören nicht gleich als seine erkannte: Puccini löste sich hier von den romantischen Klängen seiner vergangenen Werke und wirkt stattdessen ungewohnt experimentierfreudig. Er spannt einen großen kompensatorischen Bogen um das Werk, in dem er leitmotivartig die Melodie zu „Nessun dorma“ in verschiedenen Variationen erklingen lässt, die das gesamte Werk umrahmen, so wie in dieser Inszenierung die Sänger*innen vom Proszenium umrahmt werden.
Marc Niemann und das Philharmonischen Orchesters Bremerhaven lieferten grandios ab: Da wurde einerseits voller dramatischer Kraft musiziert ohne an Subtilität einzubüßen, um dann einen energetischen Klangteppich zu weben, der fein nuanciert die Stimmen der Sänger*innen hinauf in den Rang hob. „Bravo!“ „Bravo!“ auch für die bestens disponierten Chöre (Einstudierung: Mario El Fakih Hernández und Edward Mauritius Münch), deren Mitglieder – vom Opernchor über den Extrachor bis zum Kinderchor – eine immense stimmliche Ausdruckskraft boten, ebenso als Figuren im Stück Individualität zeigten und so zum Gelingen dieser wunderbaren Aufführung beitrugen.
Giacomo Puccini wünschte sich Sänger*innen, die klangschön sangen, gut gestalteten und die Opernfigur ausdrucksvoll und überzeugend darstellten. Ich glaube, er wäre mit dem Ensemble in Bremerhaven (größtenteils) zufrieden gewesen. Auch wenn diese Inszenierung wie ein Fest der Übertreibungen wirkt, muss die Rollengestaltung entsprechend differenziert sein, um glaubhafte Charaktere abseits bloßer Klischees auf die Bretter zu stellen.
Tenor Jan Kristof Schliep zeigt, dass selbst eine kleine Rolle Präsenz besitzen kann: Mit Rückgrat und Strenge verleiht er dem alten Kaiser Altoum Profil.
Bass Ulrich Burdack gab einen bemitleidenswerten Timur, der trotz eingeschränkter Mimik aufgrund der Augenbinden den Schmerz und die Verzweiflung seiner Figur verdeutlichen konnte.
Sopranistin Victoria Kunze begeisterte mit ihrem gefühlvollen Spiel und feiner Phrasierung und zeigte so eindringlich die charakterliche Stärke ebenso wie die verletzte Seele der Sklavin Liù.
Bei Marcin Hutek, Andrew Irwin und Ido Beit Halachmi ist es mir schier unmöglich, einen von ihnen hervorzuheben, da sie als Ping, Pang und Pong (die queere Version von Tick, Trick und Track) sowohl gesanglich wie auch darstellerisch ganz wunderbar miteinander harmonierten und einander ergänzten. Zudem versprühten sie bei ihren schrillen Auftritten mit ihrem deftigen Witz einen herrlich burlesquen Charme, ohne das Tragische hinter der bunten Fassade ihrer Figuren zu verleugnen.
Mit „Nessun dorma/ Keiner schlafe“ schuf Puccini eine der bekanntesten, wenn nicht sogar die bekannteste Tenor-Arie. Dabei ist diese Arie erstaunlich kurz, so als wollte der Komponist eine vokale Essenz schaffen, die alles enthält, um einen Sänger herauszufordern. Da gibt es große Emotionen, wunderbare Gesangslinien sowie den Spitzenton h, der auf dem zuletzt gesungenen „Vincerò!“ gipfelt. Gerade mal läppische drei Minuten gibt der Komponist dem Tenor, um zu beweisen, ob er wirklich singen kann. Tenor Thomas Paul kann singen: Scheinbar mühelos schickte er seinen strahlenden Tenor über den Orchestergraben ins Publikum. Bis in die hohen Register führte er sicher seine Stimme. Bei der makellos vorgetragenen Arie „Nessun dorma“ erhielt er völlig zu Recht einen frenetischen Applaus vom begeisterten Publikum. Leider war seine Darstellung nicht auf einem ebenso hohem Niveau wie sein Gesang: Hier präsentierte sich Paul sehr eindimensional, zeigte wenig Variation in Gestik und Mimik, warf sich dafür mit großer Geste in die Heldenpose, interagierte sehr zurückhaltend mit seinen Bühnenpartner*innen und sang gerne direkt von der Rampe. Ich sah mir seine Performance an und reagierte mit einer Mischung aus „Amüsiert sein“ und „Erstaunen“: Amüsiert sein, da dieser Habitus schon beinah anachronistisch zum Stil der Inszenierung wirkte. Erstaunen darüber, dass es tatsächlich noch Sänger gibt, die diese antiquierten Opern-Manierismen weiterhin für sich kultivieren.
Agnes Selma Weiland in der Partie der Turandot blieb zwangsläufig nichts anderes übrig, als ebenfalls direkt von der Rampe zu singen, um so wenigstens auf einer Spiel-Ebene mit ihrem Bühnenpartner zu sein. Eine Vorgehensweise, die bei ihren anderen Kolleg*innen nicht vonnöten war, da hier ein intensives Zusammenspiel stattfand. Weilands Turandot war voller kindlichem Erstaunen über das, was sie in ihrem Drogenrausch halluziniert und zeigte dabei überzeugend das Benehmen einer Süchtigen: eben noch verlangsamt in ihren Bewegungen und kurz davor einzuschlafen, dann der große, leidenschaftliche Ausbruch voller Energie – immer bemüht, den Status der großen Diva der Stummfilm-Ära aufrechtzuhalten. Mit ihrem dramatischen Sopran stellte sie sich sicher allen Herausforderungen der Partitur und verlor auch in den Höhen nichts von ihrer Strahlkraft.
Abermals hat das Stadttheater Bremerhaven nachdrücklich den Beweis angetreten, was ein eher kleines Haus in der sogenannten Provinz zu leisten imstande ist. Doch ich bin eh der Meinung, dass sich „provinziell“ weniger auf einen Ort bezieht als vielmehr die Geisteshaltung eines Menschen beschreibt. 😏
Appetizer gefällig? Nichts leichter als das…
Noch bis Anfang des kommenden Jahres steht Puccinis Spätwerk TURANDOT auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven.
mit der Ouvertüre zu RUSLAN UND LUDMILLA von Michail Glinka sowie Arien, Songs und Musiken von Alan Jay Lerner & Frederick Loewe, Sergei Prokofjew, Wolfgang Amadeus Mozart und Giacomo Puccini
mit Ausschnitten aus DER DIENER ZWEIER HERREN von Carlo Goldoni/ Kay Neumann, TARTÜFF ODER DER GEISTIGE von John von Düffel, WOLF von Saša Stanišić, DIE WELT ZWISCHEN DEN NACHRICHTEN von Judith Kuckart & Ensemble sowie dem Ballett ROMEO UND JULIA von Alfonso Palencia
Premiere: 31. August 2024 / besuchte Vorstellung: 31. August 2024
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus
MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
CHOR Edward Mauritius Münch
SZENISCHE EINRICHTUNG Annika Ellen Flindt
MODERATION Lars Tietje, Marc Niemann, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia, Markus Tatzig
Musiktheater: Ulrich Burdack, Marcin Hutec, Andrew Irwin, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Agnes Selma Weiland (als Gast), Thomas Paul (als Gast) Ballett: Melissa Festa, Arturo Lamolda Mir Schauspiel: Frank Auerbach, Henning Z Bäcker, Anna Caterina Fadda, Leon Häder, Angelika Hofstetter, Kay Krause, Julia Lindhorst-Apfelthaler, Alexander Smirzitz, Marc Vinzing, Marsha B Zimmermann, Aom Flury (als Gast) JUB: Janek Biedermann, Ulrich Fassnacht, Meike Hoßbach, Coco Plümer Opernchor am Stadttheater Bremerhaven Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Die Tür der Tiefgarage öffnete sich und schlagartig war die Musik vom nahen Weinfest auf dem Theodor-Heuss-Platz zu hören. Auf dem Theatervorplatz standen einsam die Bühne sowie einige Pavillons und wartete auf ihren Einsatz beim morgigen Theaterfest. Aus den Fenstern des Theater erstrahlte warmes Licht und lockte mich ins Innere. Die neue Spielzeit konnte (durfte endlich) beginnen.
Eröffnet wurde die Gala mit der Ouvertüre zu RUSLAN UND LUDMILLA von Michail Glinka, die das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann energiegeladen vortrug und so die Gala voller Schwung eröffnete. Marc Niemann versprach ein Wiederhören mit diesem musikalischen Werk beim NEUJAHRSKONZERT, das zudem mit einer wunderbaren Besonderheit aufwarten wird. Doch auch unter dem Dirigat von Hartmut Brüsch und Davide Perniceni, die den Taktstock bei den Programmpunkten zu den ihnen anvertrauten Produktionen übernahmen, zeigten die Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters ihr Können.
„Never change a winnig team!“: Warum sollte etwas verändert werden, was sich nur allzu gut bewährt hat? Und somit führte abermals Intendant Lars Tietje hauptverantwortlich durch das Programm und bat bei passender Gelegenheit – sozusagen als „Sidekick“ – die jeweilige Sparten-Leitung in den Personen von Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia auf die Bühne.
Im Schauspiel beginnt die Spielzeit mit DER DIENER ZWEIER HERREN, einem Komödien-Klassiker von Carlo Goldoni, der durch Kay Neumann einen Bremerhaven-typischen Touch erhielt. Frank Auerbach, Henning Z Bäcker, Anna Caterina Fadda, Kay Krause, Alexander Smirzitz, Marsha B Zimmermann und Aom Flury zeigten in der dargebotenen Szene, wie viel Esprit in diesem Stück steckt.
Statt einer klassischen Operette gibt es in diesem Jahr ein Musical, das allerdings sehr in der europäischen Musik-Tradition verankert ist und seit der deutschen Erstaufführung zu den beliebtesten Werken seiner Gattung zählt: MY FAIR LADY. Mit sonorem Bass wünschte sich Ulrich Burdack charmant „Bringt mich pünktlich zum Altar“. Andrew Irwin bot bei „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“ mit fein-akzentuierter Stimme und schelmischen Spiel eine der besten Interpretationen dieses Songs, denen ich bisher – sowohl live wie auch auf CD – lauschen durfte. Gäbe es eine bessere Wahl für die Partie der Eliza Doolittle: Bei „Ich hätt’ getanzt heut’ Nacht“ brillierte Victoria Kunze mit ihrem wunderschönen Sopran wieder bis in die höchsten Töne. Flankiert wurden die Sänger*innen durch den bestens disponierten Opernchor, bei dem der neue Chordirektor Edward Mauritius Münch für die Einstudierung verantwortlich zeichnete.
Einer der Höhepunkt der jährlichen Gala ist stets die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. Gerne rätsele ich im Vorfeld mit, wer es werden könnte. In diesem Jahr tat ich es nicht, und so wurde ich von der Entscheidung ebenso überrascht wie die Preisträgerin selbst: Eine sprach- wie fassungslose Julia Lindhorst-Apfelthaler stand – schon mit den Requisiten für die nachfolgende Szene in der Hand – auf der Bühne und wurde für ihre herausragenden darstellerischen Leistungen geehrte. Absolut verdient: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!
Apropos Requisiten: Diese kamen direkt im Anschluss der Preisverleihung zum Einsatz bei einer Szene aus TARTÜFF ODER DER GEISTIGE, eine Wiederaufnahme aus der vergangenen Saison. Gemeinsam mit Marc Vinzing bot Julia Lindhorst-Apfelthaler einen pointierten wie witzigen verbalen Schlagabtausch.
In dieser Saison schenkt uns Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia mit ROMEO UND JULIA wieder ein Handlungsballett. Konnte bis vor wenigen Wochen die wohl bekannteste Liebesgeschichte der Welt noch auf der Sommerbühne als Schauspiel erlebt werden, wird sie nun mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Tanzes erzählt. Melissa Festa und Arturo Lamolda Mir tanzten in der berühmten Balkon-Szene voller Leidenschaft, Ästhetik und Sinnlichkeit zur Musik von Sergei Prokofjew.
Diese Diashow benötigt JavaScript.
Das JUB (Junges Theater Bremerhaven) ist immer für eine Überraschung gut: Diesmal haben sie vom mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis geadelten Kinderbuch WOLF von Saša Stanišić eine eigene Fassung für die Bühne erarbeitet. In der gezeigten Szene mimten Janek Biedermann, Ulrich Fassnacht, Meike Hoßbach und Coco Plümer eine Gruppe Jugendlicher, deren Geduld während einer Waldwanderung zunehmend auf eine harte Probe gestellt wird.
Ich konnte mir ein „Das wird aber auch Zeit!“ nicht verkneifen, als ich erfuhr, dass Marcin Hutek in LE NOZZE DI FIGARO von Wolfgang Amadeus Mozart die Partie des Grafen Almaviva übernehmen wird. Hutek ist schon seit einigen Jahren Mitglied des Musiktheater-Ensembles, doch durfte bisher sein Talent „nur“ (!) in kleineren Rollen zeigen. Ich bin der Meinung, dass da eine große Partie längst überfällig war. Dass er fähig ist, diese mit seinem warmen Bariton zu gestalten, zeigte er mit dem Rezitativ „Hai già vinta la causa!“ und der anschließenden Arie „Vedrò, mentr’io sospiro“. Boshana Milkov überzeugte abermals mit ihrem tragfähigen, schön fließenden Mezzo in der Arie des Cherubino „Non so più“. Und auch bei diesem Medley würzte der Opernchor mit „Giovani liete fiori spargete“ die Szenerie mit seinem Gesang.
Die kommende Spielzeit hält etwas Besonderes bereit: Erstmals gibt es mit DIE WELT ZWISCHEN DEN NACHRICHTEN eine Kooperation des Stadttheaters Bremerhaven mit der bremer shakespeare company, wo das Stück abwechselnd auf dem Spielplan stehen wird. Eine „Night Radio Show“ bildet den Rahmen für Shakespeares Sonette und somit für die Geschichten der Menschen, die beim Moderator anrufen und aus ihrem Leben erzählen. Leon Häder und Angelika Hofstätter machten mit ihrem Auftritt neugierig auf diese ungewöhnliche Inszenierung.
Im Musiktheater wird die Saison mit TURANDOT von Giacomo Puccini eröffnet: In der Partie der Titelfigur machte Agnes Selma Weiland mit hochdramatischen Sopran mit der Arie „In questa reggia“ nachdrücklich auf sich aufmerksam. Mit der Tenor-Arie des Opern-Repertoires „Nessun dorma“ empfahl sich Thomas Paul sehr effektvoll für die Rolle des Calàf. Bei der emotionalen Arie „Diecimile anni al nostro Imperatore“ stand Agnes Selma Weiland der Opernchor an Dramatik in nichts nach.
Mit einem frenetischen Applaus, Standing Ovation, Bravo-Rufe und Begeisterungs-Pfiffe wurden nicht nur die Künstlerinnen und Künstler verabschiedet – vielmehr galt der Dank ebenso den vielen Menschen vor, hinter, neben und über der Bühne. Denn nur in der Gemeinschaft eines Teams ist es möglich, den Theaterzauber immer wieder erneut aufleben zu lassen. 💖
Mit dieser Eröffnungsgala beginnt die SAISON 2024/2025 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit seinem vielfältigen Programm begeistert.