[Noch ein Gedicht…] Loriot – ADVENT

Es blaut die Nacht. Die Sternlein blinken.
Schneeflöcklein leise niedersinken.
Auf Edeltännleins grünem Wipfel
häuft sich ein kleiner weißer Zipfel.

Und dort, vom Fenster her durchbricht
den dunklen Tann‘ ein warmes Licht.
Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
die Försterin im Herrenzimmer.

In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht.
Er war ihr bei der Heimespflege
seit langer Zeit schon sehr im Wege.

So kam sie mit sich überein:
Am Nicklausabend muss es sein.
Und als das Rehlein ging zur Ruh‘,
das Häslein tat die Augen zu,

Erlegte sie – direkt von vor’n
– den Gatten über Kimm‘ und Korn.
Vom Knall geweckt rümpft nur der Hase
zwei-, drei-, viermal die Schnuppernase.

Und ruhet weiter süß im Dunkeln,
Derweil die Sternlein traulich funkeln.
Und in der guten Stube drinnen,
da läuft des Försters Blut von hinnen.

Nun muss die Försterin sich eilen,
den Gatten sauber zu zerteilen.
Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen
nach Waidmanns Sitte aufgebrochen.

Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied
– was der Gemahl bisher vermied –
Behält ein Teil Filet zurück,
als festtägliches Bratenstück.

Und packt zum Schluss – es geht auf vier –
die Reste in Geschenkpapier.
Da dröhnt’s von fern wie Silberschellen.
Im Dorfe hört man Hunde bellen.

Wer ist’s, der in so tiefer Nacht
im Schnee noch seine Runde macht?
Knecht Ruprecht kommt mit goldenem Schlitten
auf einem Hirsch herangeritten!

»Heh, gute Frau, habt ihr noch Sachen,
die armen Menschen Freude machen?«
Des Försters Haus ist tief verschneit,
doch seine Frau steht schon bereit:

»Die sechs Pakete, heil’ger Mann,
’s ist alles, was ich geben kann!«
Die Silberschellen klingen leise.
Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.

Im Försterhaus die Kerze brennt.
Ein Sternlein blinkt: Es ist Advent.

Loriot

[Rezension] Raymond Briggs – O je, du fröhliche & Der Schneemann

Weihnachten: Was war das doch für eine schöne Zeit, als ich selbst noch Kind war und an den Weihnachtsmann glaubte. Es war eine Zeit voller (Vor-)Freude, Träume und mit so manchen Geheimnissen. Es war eine Zeit mit Rituale, Besinnlichkeit und einer spürbaren Entschleunigung. Es war eine Zeit, als es noch einen „richtigen“ Winter gab, und somit der Wunsch nach weißen Weihnachten durchaus in den Bereich des Möglichen rückte.

Ach ja! Seufz!

Genau diesen Zauber lässt der britische Illustrator und Autor Raymond Briggs in seinen entzückenden Bilderbüchern wieder aufleben. Die Entstehungsjahre dieser beiden Werke fallen genau in jene Zeit, als ich selbst noch Kind war.

O je, du fröhliche (1973)

Der Weihnachtsmann: gemütlich, nachsichtig, geduldig? Briggs Weihnachtsmann ist das genaue Gegenteil. Er grummelt und grantelt. Er meckert und motzt. Er beklagt sich über zu enge Schornsteine und schlechte Wetterverhältnisse und ist generell „mit der Gesamtsituation unzufrieden“. Und doch verrichtet er pünktlich und fleißig seine Arbeit und trotzt dabei so manchen Unwägbarkeiten.

Comicstrip-artig lässt uns der Schöpfer am Arbeitstag des Weihnachtsmannes teilhaben. In klaren, farbenfrohen Bildern steigen wir mit ihm durch die Schornsteine in recht unterschiedliche Behausungen und amüsieren uns über seine knappen Kommentare mit denen er recht wortkarg Situationen beschreibt. Am Ende eines arbeitsreichen Tages gönnt er sich ein Bierchen am Kamin und blättert in Reisebroschüren über wärmere Gefilde. Und nachdem er seine dritten Zähne ins Glas gelegt hat, trinkt er seinen Schlummer-Kakao und begibt sich zur wohlverdienten Nachtruhe. So ein Weihnachtsmann ist eben auch nur ein Mensch…!

Der Schneemann (1978)

Es schneit, und ein kleiner Junge baut einen Schneemann. Der Gedanke an diesen eisigen Gesellen lässt ihn nicht los und schleicht sich in seine Träume: Der Schneemann wird lebendig, und der Junge lädt ihn in sein Zuhause ein, um ihm seine Welt zu zeigen. Mit einer kindlichen Naivität begegnet der Schneemann recht alltäglichen Dingen, die für ihn durchaus eine Gefahr darstellen könnten. Danach zeigt der Schneemann dem Jungen seine (unsere) Welt: Gemeinsam fliegen sie über Länder und Ozeane, über Wälder, Dörfer und Städte. Erst als der Morgen rot am Horizont zu erahnen ist, kehren sie um und verabschieden sich voneinander. Als der Junge am Morgen erwacht, strahlt die Sonne vom Himmel:  Der Schneemann ist geschmolzen.

Mit zarten Bleistiftstrichen in gedeckten Farben lässt Briggs uns an diesem fantasievollen Traum teilhaben. Beinah unschuldig wirken seine Zeichnungen und rücken so das Traumhafte und das Unwirkliche der Geschichte in den Vordergrund. Dabei verzichtet er auf jegliches Wort sondern lässt vielmehr die Gestik und die Mimik seiner Helden „sprechen“.

Diese beiden Bilderbücher, die übrigens in mehreren Sprachen übersetzt wurden und auch eine Umsetzung für Film und Bühne erhielten, zeugen von Raymond Briggs Talent, seine Maltechnik im Dienst des jeweiligen Werkes zu stellen, um so das individuelle Flair und den sehr eigenen Charakter einer Geschichte hervorzuheben.


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257011678 (O je, du fröhliche) / erschienen bei Aladin/ ISBN: 978-3848901647 (Der Schneemann)

MONTAGSFRAGE #103: Welches Buch läuft leider nicht so erfolgreich, wie du es ihm wünschen würdest?

Neue Woche – neues Glück – neue Montagsfrage: Ich hoffe, Ihr hattet ein gemütliches Wochenende mit einem fleißigen Nikolaus bzw. einer fleißigen Nikoläusin. „Eigentlich“ hatte ich mich bzgl. der heutigen Montagsfrage innerlich schon entspannt zurückgelehnt und erwartete ganz traditionell die Frage, die Antonia uns auch schon in den vergangenen Jahren zu dieser Zeit gestellt hat: Welches Buch gehört dieses Jahr auf jeden Fall auf die Weihnachtswunschliste? Doch diesmal präsentiert sie eine Frage aus dem Fundus, der zur MONTAGSFRAGE #100 zusammengetragen wurde und hat mich damit mehr als kalt erwischt. In der heutigen Zeit ist auch auf nix mehr verlass! (theatralisches Seufzen)

Gerade entdecke ich die Autorin Vicki Baum (1888-1960) für mich: Von Menschen im Hotel war ich sehr begeistert, und entsprechend überraschte mich Baums moderner Tonfall, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Im Verlag Kiepenheuer & Witsch sind einige ihrer Werke noch als Taschenbuch-Ausgabe erhältlich, führen dort aber eher ein Schattendasein. Da ist es erfreulich, dass andere Verlage einen kleinen Vorstoß in Richtung Hardcover wagen: So liegt Vor Rehen wird gewarnt schon griffbereit auf meinem Couch-Tisch und wird mir die Weihnachtsfeiertage verschönen.

Natürlich darf auch eine der Jahreszeit entsprechenden Geschichte nicht fehlen. Diese kleine Geschichte fand schon häufig hier auf meinem Blog Erwähnung und gehört zum festen Repertoire meiner Advents- und Weihnachtslesungen: „Das Geschenk der Weisen“ von O. Henry. Sie hat zwar schon so einige Jahre auf dem Buckel und ist in unterschiedlichen Übersetzungen in vielzähligen Weihnachtsbüchern erschienen. Doch Obacht: Übersetzung ist nicht gleich Übersetzung. Diese Erfahrung musste ich leider allzu häufig – und somit nicht nur bei dieser Erzählung – machen. Ich persönlich kenne in der Zwischenzeit drei Übersetzungen dieser feinen und leisen Geschichte. Manchmal sind die jeweiligen Unterschiede nur gering und könnten als unerheblich eingestuft werden. Aber gerade diese minimalen Feinheiten nehmen Einfluss auf den Tonfall der Geschichte, schaffen Atmosphäre und bringen diese sprachlich zum Funkeln. So trägt die Qualität der Übersetzung eine nicht unerhebliche Rolle, ob die besagte Geschichte mein Herz berührt, und ich sie für eine meiner Lesungen auswähle.

Bei „Das Geschenk der Weisen“ von O. Henry favorisiere ich die Übersetzung von Theo Schumacher, die im NordSüd-Verlag entweder als eigenständiges Bilderbuch mit den stimmungsvollen Illustrationen von Lisbeth Zwerger oder innerhalb der Anthologie Frohe Weihnachten erschienen ist. Beide Ausführungen eignen sich hervorragend zum Verschenken – oder Ihr beschenk Euch selbst…!!! 🎁😍

…und welche literarischen Werke haben Eurer Meinung nach bisher zu wenig Aufmerksamkeit erhalten?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Noch ein Gedicht…] Theodor Storm – WEIHNACHTSLIED

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muss ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.

Theodor Storm

[Rezension] E.T.A. Hoffmann – Der Nussknacker / Hans Christian Andersen – Der Tannenbaum & Die Schneekönigin/ mit Illustrationen von Sanna Annukka

„Märchen schreibt die Zeit…!“

Weihnachtszeit ist Märchenzeit: Keine andere Zeit des Jahres verbinde ich so sehr mit zauberhaften Geschichten, spannenden Sagen und magischen Begebenheiten wie diese. Zu keiner anderen Zeit finden Märchen ihren Weg so häufig auf die Bretter, die die Welt bedeuten: So hüpfen Urmel, Pippi und Robin Hood ebenso über die bundesdeutschen Bühnen wie auch „Hänsel und Gretel“ in der entzückenden Märchenoper von Engelbert Humperdinck. Und von sicherer Quelle war zu erfahren, dass im TV auch in diesem Jahr wieder drei Haselnüsse die Wünsche von Aschenbrödel erfüllen werden, und das gleich mehrmals über den gesamten Dezember verteilt!

Doch auch wunderbar gestaltete Märchenbücher haben nun bei Klein und Groß Hochkonjunktur, und selbst wenn die Geschichten in anderer Form schon in meinem Bücherregal zu finden sind, so verleiten mich häufig die zauberhaften Illustrationen zu einem weiteren Einkauf in der Buchhandlung meines Vertrauens.

In diesem Fall handelt es sich um drei klassische Märchen, deren Handlungen hinlänglich bekannt sind, wo die literarischen Fähigkeiten ihrer Schöpfer völlig außer Frage stehen und einen märchenhaften Lesegenuss garantieren. Vielmehr ist in diesen Fällen mein Augenmerk auf die Ausstattung der Bücher und die Kunst der Illustratorin gerichtet.

Der Knesebeck-Verlag erfreut den bibliophilen Märchen-Fan mit edlen Einbänden in Halbleinen, auf denen Figurinen u.a. in glamourösem Gold bzw. Silber abgebildet sind und so auf den Stil der Illustrationen schließen lassen. Die Finnin Sanna Annukka studierte an der „University of Brighton“ und entdeckte dort ihre Leidenschaft für den Siebdruck. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie als Illustratorin u.a. für die Zeitschrift „Vogue“ und der britischen Kaufhauskette „Selfridges“ und war ebenso als Designerin der finnischen Textil- und Modemarke „Marimekko“ tätig.

Und genau an diesem Stil fühlte ich mich erinnert – ohne Details aus der Vita der Künstlerin zu kennen – als ich einen ersten Blick in eines dieser Bücher warf: Die Illustrationen bestechen durch ihre sachliche Formgebung mit den geometrischen Elementen. Durch die Reduzierung in Form und Farbe wird der Blick bewusst gelenkt. Erst der zweite Blick offenbart Details, die „im Dunkeln“ bzw. im Hintergrund und somit beinah im Verborgenen wirken. Und doch bricht die Künstlerin immer wieder ihre selbst gewählte Form auf und sorgt für Abwechslung im scheinbar so sachlichen Gefüge. Ihre Kunstwerke gestaltet sie immer wohltuend harmonisch aus der Farb-Palette einer Farbfamilie und sind trotzdem alles andere als „farblos“. Im Gegenteil: „Bunt“ wird hier neu definiert!

Dabei bleibt sie dem märchenhaften Duktus der Vorlagen treu und schafft Bilder in einer beinah ätherische Reinheit: Eine wahre Freude voller Ästhetik und Poesie…!


erschienen bei Knesebeck/ ISBN: 978-3957282224 (Der Nussknacker), ISBN: 978-3868736311 (Der Tannenbaum/leider nicht mehr lieferbar) & ISBN: 978-3868738735 (Die Schneekönigin)

MONTAGSFRAGE #102: Welchen Einfluss haben Jahreszeiten auf dein Leseverhalten?

Im Großen und Ganzen üben die Jahreszeiten keinen nennenswerten Einfluss auf mein Leseverhalten aus: Ein schönes Buch weckt mein Interesse sowohl bei strahlendem Sonnenschein mit sommerlichen Temperaturen als auch unter der Kuscheldecke mit heißem Tee, während herbstliche Regenschauer ans Fenster prasseln. Jahreszeitliche Unterschiede konnte ich bisher nicht an mir feststellen. Entweder ich bin im Flow und inhaliere einen Schmöker nach dem anderen, oder mir steht gerade nicht der Sinn nach Lesen, dann lasse ich diese Phase geduldig an mir vorüber ziehen. Es kommt wie es kommt, und die Lektüre wird nach meiner momentanen Stimmung, persönlichem Interesse oder aus sonstigen Gründen ausgewählt, außer… (Ja, auch hier bestätigt die Ausnahme die Regel!)

…außer die Advents- und Weihnachtszeit bricht an! Okay, das ist nun keine offizielle Jahreszeit – also betitle ich den Zeitraum zwischen Mitte Oktober und Ende Januar mal als „Winter“. In dieser Zeit beschäftige ich mich gerne und ausgiebig mit Werken, die irgendetwas mit dem schönsten Fest des Jahres zu tun haben. Dies ist einerseits dem Umstand geschuldet, dass ich jedes Jahr aufs Neue auf meinem Blog unter der Rubrik „Lektüre zum Fest“ entsprechende Lese- und Schau-Werke vorstelle. Mit Begeisterung stöbere ich dabei durch die vielfältigen Verlagsseiten und wandere zu den unterschiedlichsten Genres: Da werden Erzählungen und Klassiker ebenso gewürdigt wie Gedichte und Romane. Es darf sowohl kriminalistisch als auch märchenhaft zugehen, und mit kindlicher Freude widme ich mich den Bilder-, Kinder- und Jugendbüchern.

Andererseits schöpfe ich als begeisterter Vor-Leser bei meinen Entdeckungen neue Ideen und Impulse für zukünftige Lesungen, die hoffentlich irgendwann wieder unter deutlich entspannteren Bedingungen stattfinden werden.

Bis dahin gilt es, geduldig zu warten und die Hoffnung niemals aufzugeben!

…und wie ist es bei Euch? Weist Eure Lese-Kurve jahreszeitlich bedingte Höhen und Tiefen auf?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Eine Geschichte…] Iris Macke – HINGEHÖRT

Advent ist nicht wie Rückenschwimmen: eintauchen und die Geräusche des Alltags ausblenden. Natürlich werde ich in den kommenden Wochen dieselben Klänge hören wie auch sonst im Jahr.

Wochentags klappt um viertel nach sechs die Autotür unseres Nachbarn. Das Rasseln sich reibender Legosteine verrät: Unser Großer hat die Kiste ausgekippt, wir müssen zusammen aufräumen. Mein Mann hämmert auf seiner Computertastatur. Die Summe der Klänge macht mein Leben unverwechselbar. Gegen Geräusche kann ich mich nicht wehren, ich kann die Ohren nicht wie die Augen schließen.

Aber ich kann auf die Klänge hören, die mein Leben im Advent anders machen. Walnussknacken gehört für mich dazu. Der Stern aus Glas, den ich jetzt wieder vor das Fenster hänge und der im Luftzug leise klirrt. Nur in diesen Wochen entzünde ich so viele Kerzen – und genieße das satte Reißen des Streichholzes an seiner Schachtel. Advent klingt anders. Und wenn ich hinhöre, hat er seine ganz eigene Symphonie.

Iris Macke

[Rezension] Jan Brandt – Der magische Adventskalender/ mit Illustrationen von Daniel Faller

Jonas ist ein introvertierter Junge, der sich nach dem Tot der Großmutter noch weiter zurückgezogen hat. Weder sein Vater noch seine jüngere Schwester Sonja finden einen Zugang zu ihm. Auch in der Schule häufen sich die Probleme: Er ist unaufmerksam und kommt mit Verspätung zum Unterricht. Zudem wird er von seinem Mitschüler Maik Mirscheidt gemoppt. Auch der beginnenden Adventszeit kann er nur wenig abgewinnen, bis er plötzlich einen geheimnisvollen Kasten mit 24 Türchen auf der Straße vor seinem Zuhause findet. Jedes Türchen ist mit einem anderen Symbol gekennzeichnet, und Jonas erkennt schnell, dass nicht er allein diese Türchen öffnen kann. Er muss sich auf die Suche begeben und den passenden Menschen zum jeweiligen Symbol finden. Nur widerwillig und sehr zögerlich verlässt er sein Schneckenhaus. Doch die Neugier, zu erfahren, was es mit diesem merkwürdigen Adventskalender auf sich hat, ist größer. So ist Jonas quasi gezwungen mit den Menschen, die für das jeweilige Symbol stehen, in Kontakt zu treten. Hilfe bekommt er von seiner Schwester Sonja, die ihn auch gegen Maik Mirscheidt unterstützt. Der würde nur zu gerne den  Kalender in die Finger bekommen. Zudem scheint dieser magische Kalender noch ein weiteres Geheimnis zu hüten…!

Auf dem Markt gibt es Adventskalender zuhauf wie der sprichwörtliche „Sand am Meer“: ob mit Schokolade, Wein, Knabbereien oder Beauty-Produkte – je nach persönlichem Gusto und für jeden Geldbeutel. Und auch aus einer Fülle an (mehr oder minder gelungenen) literarischen Adventskalendern kann der lese-affine Kunde wählen. Bisher fiel es mir leicht, dieser Versuchung zu widerstehe (s.a. MONTAGSFRAGE #16), und ich fürchte, auch zukünftig werden es literarische Adventskalender schwer haben, mich zu überzeugen. Doch warum nun diese Ausnahme…???

Jan Brandts erzählt die Geschichte unaufgeregt und mit Bodenhaftung. Er verzichtet wohltuend auf übermäßigen Zuckerguss, ertränkt die Geschichte nicht im Weihnachtskitsch und lässt der Handlung so den nötigen Spielraum, um zu „atmen“. Dabei switscht er gekonnt zwischen Jonas Wirklichkeit und seiner Fantasie hin und her. So wirkt einiges für den Leser beinah surreal: Seine Personenzeichnung ist zwar nah an der Realität aber (wie es sich für eine „ordentliche“ Weihnachtsgeschichte gehört) nicht bedrohlich realistisch. Die Menschen in Jonas Umfeld sind Personen mit Ecken und Kanten, mal mehr und mal weniger liebenswert. Trotzdem muss Jonas mit ihnen in Kontakt treten, sich mit ihnen auseinandersetzen und arrangieren. Nicht immer läuft alles nach Jonas Sinn, häufig muss er auch Kompromisse eingehen.

Und doch passiert in Brandts Geschichte durchaus Magisches: Aufgrund des Kalenders ist Jonas gezwungen, mit Menschen in Verbindung zu treten, sie anders/neu wahrzunehmen und einmal gefällte Vorurteile zu überdenken. Die Menschen verändern sich: Diese kleine Aufmerksamkeit, die ihnen durch den Kalender zuteil wird, öffnet ihre Türen und ihre Herzen und schafft die Möglichkeit zur Kommunikation. Neue Bindungen entstehen, und selbst „Feindschaften“ (Jonas vs. Maik Mirscheidt) werden neu definiert.

Die Illustrationen von Daniel Faller sind sehr detailreich und unterstreichen den durchaus surrealen Charakter der Geschichte. Durch die reduzierte Farbwahl und dem Einsatz von Licht/Schatten erzeugen sie Spannung und schaffen Atmosphäre. Zudem unterstützen sie die Handlung kongenial.

Apropos Spannung: Dem Autor gelingt es, seine Leserschaft „bei der Stange“ zu halten und deren Neugier für diese durchaus manchmal abstrus wirkende Geschichte zu wecken: Unbedingt wollte ich erfahren, was es mit diesem magischen Adventskalender auf sich hatte, und wer sein Urheber schlussendlich war. So mag die Auflösung am Ende vielleicht nicht allzu überraschen, doch sie war für mich stimmig. Und offen gesagt: Anders möchte ich das Ende einer Weihnachtsgeschichte auch nicht haben wollen!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Andrea Schuster von „Lesen… in vollen Zügen“.


erschienen bei DuMont/ ISBN: 978-3832183578

[Konzert] Sergei Prokofjew – PETER UND DER WOLF / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik und Erzähltext von Sergei Prokofjew

geplante Premiere: 8. November 2020 um 11:00 Uhr/ geplanter Besuch des Konzerts: 8. November 2020 um 14:00 Uhr (ausgefallen wegen Corona-Lockdown)

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Moderation: Tom Baert
Sprecher: Richard Lingscheidt

Die Karten waren besorgt und lachten mich von der Pin-Wand jedes Mals an, wenn ich an ihnen vorbeiging, was sehr häufig am Tag geschah. Ein kurzer Blick zur Pin-Wand genügte, und da war sie wieder, die Vorfreude…! Den Start in mein sechstes Lebensjahrzehnt wollte ich mit einem Konzert begehen, dessen Titel Kindheitserinnerungen in mir wachruft. Ich bin nun in einem Alter, in dem ich mir weniger Gedanken um die Zukunft mache (Ich habe erreicht, was ich erreichen konnte und wollte. Die Karriereleiter überlasse ich gerne anderen. Meine Prioritäten im Leben sind seit einiger Zeit „anders“ gesetzt!), sondern ich werfe vielmehr häufiger einen Blick in die Vergangenheit. Ich war in der 2. Klasse der Grundschule, als wir uns eines Morgens auf den Weg zur damaligen Mehrzweckhalle (heute nach Umbau und Modernisierung: Hamme-Forum) machten, um uns dort das Musikmärchen „Peter und der Wolf“ von Sergei Prokofjew als Puppenspiel anzusehen. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich, wie einzelne Musikinstrumente die Figuren eines Theaterstückes charakterisierten, die Musik so ein wesentliches Element der Handlung war und so direkt ihren Weg zu den Emotionen der kleinen Zuschauer fand. Im Laufe der Vorstellung war es für uns Kinder nicht mehr notwendig, dass wir den Wolf wirklich vor uns sahen. Schon allein der Klang der Hörner war ausreichend, dass wir vor Schreck laut aufschrien und versuchten, Peter mit lauten Rufen zu warnen. Kindheitserinnerungen…!

Vor zwei Wochen hätte ich nun „eigentlich“ im Stadttheater Bremerhaven beim 1. Familienkonzert des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven sitzen sollen, um eben diese Kindheitserinnerungen voller Freude wieder aufleben zu lassen. Doch der Lockdown machte mir einen Strich durch die Rechnung: Corona, Du bist ein echt mieses A……..!

Doch das Stadttheater Bremerhaven schläft auch nicht im Lockdown, sondern tüftelt an Formate, mit denen es weiterhin mit seinem Publikum in Kontakt bleibt – so wie es viele Theater, Museen und Kulturschaffende tun. Und so dürfen wir nun das 1. Familienkonzert online genießen.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Die Kamera schwenkt über den leeren Zuschauersaal: Konzertpädagoge Tom Baert begrüßt sein Publikum und begleitet uns bis auf die Bühne. Mit charmanten Akzent erzählt er uns von der Entstehungsgeschichte des Musikmärchens und stellt uns die Hauptpersonen anhand der jeweiligen Instrumente vor. Nach und nach treten die Musiker*innen auf die Bühne, nehmen ihre Plätze ein und stimmen ihre Instrumente. Der Dirigent Davide Perniceni, 1. Kapellmeister des Hauses, erscheint und hebt den Taktstock. Es wird still. Das Musikmärchen kann beginnen…!

Mit Ensemblemitglied Richard Lingscheidt wurde ein schelmischer Erzähler gewonnen, der mit spür- und sichtbarem Spaß die Handlung kommentiert und mit prägnanter Stimme die Personen humorvoll karikiert. Weder er noch Tom Baert sprechen in die Kamera sondern wenden ihren Blick ins Auditorium zum imaginären Publikum und vermitteln so die Atmosphäre eines Live-Konzertes. Die Kamera schwenkt immer wieder über das Orchester, wirft über die Schulter einzelner Orchestermitglieder einen Blick auf die Partitur und gibt so einen wunderbaren Eindruck über das Zusammenspiel innerhalb eines Orchesters. Davide Perniceni schwelgt mit seinen Musiker*innen in der Romantik von Prokofjews eingängigen Melodien. Ein großes Lob gebührt da auch der Produktionsfirma für die sehr gute Bild- und (vor allem) Tonqualität. Beim großen Finale hatte ich eine Gänsehaut, und war gleichzeitig glücklich und traurig: …glücklich über die digitalen Möglichkeiten, die es uns ermöglichen, in diesen schwierigen Zeiten weiterhin Kunst zu genießen, und traurig, dass ich nicht live dabei sein konnte. Denn „Live!“ ist durch nichts zu ersetzten!

Ich danke dem Stadttheater Bremerhaven und allen Beteiligten für dieses wunderbare Konzert!

Doch nun wünsche ich auch Euch viel Vergnügen mit „Peter und der Wolf“:

Das Video ist bis zum 28. Februar 2021 online verfügbar!


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das Programm lohnt sich sehr!

MONTAGSFRAGE #101: Trigger-Warnungen bei Büchern?

Die nächsten hundert Fragen startet Antonia heute mit einem Thema über das ich bisher nicht einen einzigen Gedanken verschwendet habe: Trigger-Warnungen. Natürlich sind mir entsprechende Hinweise auf den Kanälen der s.g. sozialen Medien aufgefallen. Bei einigen Filmchen wird darauf hingewiesen, dass sie gewaltverherrlichende, sexistische, diskriminierende oder andere „geschmackvolle“ Darstellungen beinhalten, deren „Genuss“ einen negativen Einfluss auf die Psyche und die Seele des Zuschauers nehmen kann. Häufig wurden/werden mir diese Filmchen als „Werbeanzeige“ ungefragt in meine Timeline gespült, anfangs mühevoll von mir gemeldet und in der Zwischenzeit geflissentlich ignoriert. Gerade aufgrund der unreflektierten Verbreitung dieser Geschmacklosigkeiten durch einige Anbieter sozialer Medien habe ich mich entschieden, auf den entsprechenden Kanälen meine Aktivitäten massiv zu reduzieren.

Aber sollte es auch für Romane oder Sachbücher entsprechende Hinweise auf dem Cover geben? Ich bin da sehr zwiegespalten: Einerseits sollte jede*r die nötigen Informationen erhalten, um Leid an Leib und Seele zu vermeiden. Nur: Wo anfangen? Wo aufhören? und müsste der Betroffene nicht vielmehr die nötige Hilfe und Unterstützung erhalten (und annehmen), um mit entsprechenden Traumata auslösende Elementen umgehen zu lernen?

Andererseits wage ich die Behauptung, dass Bilder deutlich drastischer wirken als es das geschriebene Wort je könnte. Beim Film habe ich als Zuschauer keinen Einfluss, wie detailliert mir gewisse Szenen präsentiert werden. Schlimmstenfalls verlasse ich den Kinosaal oder betätige den AUS-Knopf der Fernbedienung. Bei der Lektüre eines Romans ist es meiner eigenen Fantasie freigestellt, wie detailreich ich mir eine Szene vorstelle. Meine Vorstellungskraft fungiert als Regisseur und kreiert die Szenerie der Handlung. Und auch hier habe ich es wortwörtlich in der Hand, kann das Buch jederzeit zuklappen und aus der Hand legen.

Vielleicht bin ich da auch sehr naiv, da gewisse Inhalte nie ihren Weg in meinen Blu-Ray-Player bzw. in mein Bücherregal finden würden: Medien, die (um bei meinen o.g. Worten zu bleiben) gewaltverherrlichende, sexistische, diskriminierende oder andere „geschmackvolle“ Darstellungen beinhalten, werden von mir schlicht und ergreifend nicht konsumiert.

Eine Trigger-Warnung bei Büchern halte ich für übertrieben: Als mündiger Leser weiß ich was mich erwartet, wenn ich ein Buch aufschlage. Da müssten die Werbung und der Klappentext zum besagten Buch schon arg nebulös und missverständlich sein, was auf mich dann schon beinah wie ein (gewollter?) Etiketten-Schwindel wirkt.

…und wie ist Eure Meinung? Trigger-Warnung bei Büchern: Ja oder Nein?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.