MONTAGSFRAGE #126: Sind Euch eher ständige Handlungswendungen oder eine logische Geschichte wichtig?

Ach ja, mit der Logik ist es ja so eine Sache: Was dem einen absolut logisch erscheint, ist und bleibt für den nächsten das viel zitierte Buch mit den sieben Siegeln…! Ähnlich verhält es sich mit der Abwechslung: Der eine braucht ständig neuen Input, da für ihn Stagnation automatisch Langeweile bedeutet. Der andere ist durchaus für eine gewisse Zeit in der Lage, sich mit dem momentanen Status Quo zufrieden zu geben. Und die Literatur…?!

Die Literatur bietet für alle und jeden die passende Lektüre, denn sie ist – passend zum Pride-Monat – bunt wie das Leben: Es lebe die Vielfalt! 🌈💕🌈

Doch zurück zum Ursprung unserer heutigen MONTAGSFRAGE: Wie verhält es sich bei mir? Favorisiere ich eher Romane, in denen in schnellen Schritten die Handlung vorangetrieben wird, und bei denen ich über Logik-Fehler generös hinweg sehe? Oder empfinde ich diese schnellen Wechsel in der Handlung eher als Hetze, da Details zwangsläufig nicht ausreichend ausgearbeitet werden können, und folge lieber einer sich logisch aufbauenden Geschichte?

Darf ich mir auch beides wünschen?

Denn meine Antwort fällt wieder äußerst diplomatisch aus: Es kommt darauf an! Es kommt darauf an, welcher Intention die/der Autor*in folgt, und ob es der Geschichte dienlich ist.

Ich erinnere mich, dass Karsten Dusse in seinem Erstlingswerk Achtsam morden die Handlung mit schnellen Wechseln und Wendungen forciert, und es ihm trotzdem gelingt – im Rahmen dieser leichten Krimi-Comedy – die Gesetze der Logik nicht allzu sehr überzustrapazieren. In dieser Form machte mir die Lektüre enormen Spaß.

Bei Friedrich Christian Delius Werk Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich passiert eigentlich so gut wie nix. Handlungswendungen suchte ich vergebens: Der Protagonist schreibt sich seinen Alt-Herren-Frust in Form eines Tagebuchs von der Seele direkt in den Laptop, und meint in seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung, dass spätere Generationen von seinen geistigen Ergüssen profitieren könnten. Nach 100 Seiten kapitulierte meine (!) Logik, und ich habe das Buch zur Seite gelegt.

Aber wenn Ihr mir nun die Pistole auf die Brust setzt, und ich mich partout entscheiden müsste, dann würde meine Wahl immer zugunsten der Logik ausfallen. Dann wäre es mir völlig egal, ob die Handlung vor lauter Wendungen nicht zur Ruhe käme oder ob sie detailreich und ausführlich aufgebaut wird, wenn dies für mich nicht logisch nachvollziehbar ist, dann war die Mühe des Autors bzw. der Autorin buchstäblich „für die Katz“!

…und wie darf Eure Lektüre sein: logisch und/oder abwechslungsreich??? 


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Noch ein Gedicht…] Erich Fried – WAS ES IST

Es ist Unsinn – sagt die Vernunft
Es ist was es ist – sagt die Liebe

Es ist Unglück – sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz – sagt die Angst
Es ist aussichtslos – sagt die Einsicht
Es ist was es ist – sagt die Liebe

Es ist lächerlich – sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig – sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich – sagt die Erfahrung
Es ist was es ist – sagt die Liebe

Erich Fried

[Ballett] Sergei Vanaev – Feuerwerksmusik (UA) / Stadttheater Bremerhaven

Tanzabend von Sergei Vanaev mit Musik von Georg Friedrich Händel / Uraufführung

Premiere: 29. Februar 2020 / besuchte Vorstellung: 25. Juni 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Choreographie & Bühne & Kostüme: Sergei Vanaev


„Gut Ding will Weile haben.“ oder auch „3x ist Bremer Recht.“

Seit Beginn der Pandemie stand dieser Tanzabend schon zwei Mal auf unserem Programm und fiel den div. Lockdowns und somit der Schließung der Theater zum Opfer. Nun konnten wir für die absolut letzte Vorstellung noch Karten ergattern und durften dank der niedrigen Inzidenz-Werte sogar während der Vorstellung auf den Mund-Nasen-Schutz verzichten. Wieder eine von den vielen kleinen Etappen auf den Weg zur Normalität…!

Bei diesem Tanzabend gab es keine zusammenhängende Handlung, vielmehr hat Chefchoreograph und Ballettmeister Sergei Vanaev der Musik von Georg Friedrich Händel (mit einem kleinen Abstecher zu Henry Purcell) sehr konzentriert gelauscht und dazu dynamische, sinnliche und durchaus auch überraschende Bewegungsabläufe für die Tänzer*innen erdacht.

Unter den Funken eines auf der Rückwand projizierten Feuerwerks stampfte das Ensemble – jede*r drollig wie Feuerwehrmann Sam gekleidet – über die Bühne und entrollte den großen Löschschlauch: Spätestens hier wurde deutlich, dass der Abend zwar „Feuerwerksmusik“ lautet, aber das Element Wasser die herausragende Rolle spielen wird. So kam von Händel auch deutlich mehr von seiner „Wassermusik“ zu Gehör. Das titelgebende Feuerwerk entfachten die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne, indem sie sich und uns keinen Moment des Stilstands gönnten. Vielmehr gingen Solo-, Paar- und Gruppentanz harmonisch ineinander über und boten mit einer Mischung aus Akrobatik, Hipp Hopp, Modern Dance und (dem musikalischen Sujet angemessen) Barocktanz eine abwechslungsreiche Bandbreite.

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Und wieder war ich verzaubert von der Grazie, dem Ausdruck und der Dynamik des Tanzes und zollte der Leistung aller Ensemble-Mitglieder meinen uneingeschränkten Respekt. Ein Beispiel von vielen außergewöhnlichen Momenten an diesem Abend: Tänzerin Lidia Melnikova schien – mit Unterstützung ihrer vier männlichen Kollegen – alle Regeln der Schwerkraft aufzuheben und bot eine absolut atemberaubende Performance, indem sie scheinbar mühelos senkrecht die Wand hinauf… (Ja, wie soll ich es nur beschreiben?) …glitt?! …tanzte?! …schwebte?!

Zur zweiten Hälfte des Abends verwandelte sich die Bühne dank div. Eimer Wasser und einer Dauer-Dusche in ein Wasser-Bassin. Auf diesem Aquaplaning vollführten die Tänzer*innen erstaunliche Drehungen und Pirouetten und ließen das Wasser in Fontänen oder Strudeln über die Bühne ergießen. Dabei schossen die Künstler*innen mit einem Tempo über die Bühne, dass ich so manches Mal ganz angespannt auf meinem Platz saß, da ich damit rechnete, dass sie erst durch die Kulisse oder die erste Reihe im Zuschauerraum gebremst werden. Doch dank der immensen Körperbeherrschung der Tänzer*innen blieben zwar keine Augen trocken (😉) aber alle Beteiligten unverletzt.

Ich saß staunend im Publikum und war abermals begeistert, mit wie viel Leidenschaft hier in der so genannten Provinz hochrangiges Tanz-Theater gemacht wird (Hatte ich es schon erwähnt? Ich liebe die Provinz!).

So gibt es nicht viel mehr darüber zu sagen, außer: Es war unbeschreiblich schön!!!

…und: Auch dies war wieder Futter für Herz und Hirn, für Geist und Seele und für alles, was sonst noch so dazwischen liegt…! ❤


Die getanzte FEUERWERKSMUSIK wurde leider zum letzten Mal am Stadttheater Bremerhaven gezündet. Doch in der kommenden Spielzeit gibt es neue aufregende Choreografien zu entdecken…!

MONTAGSFRAGE #125: Hört Ihr Stimmen oder seht Ihr Bilder beim Lesen?

„Ich lese ein Buch, und die Handlung läuft wie ein Film vor meinem inneren Auge ab.“

Kommt Euch dieser Ausspruch nicht auch sehr bekannt vor? Ja! Mir auch, da ich ihn in der Vergangenheit durchaus selbst schon geäußert habe. Doch wenn ich genau darüber nachdenke und mir mich selbst „vor meinem inneren Auge“ während des Lesens eines Romans vorstelle, dann entspricht es nicht zu 100% der Wahrheit.

Vieles, was ich in einem Roman lese, interpretiert meine Phantasie durchaus in einer Art filmischen Erzählweise. Doch sehe ich dabei weder ein detailreiches Setting noch ein lebensechtes Handlungspersonal. Vielmehr nehme ich das Umfeld der Handlung eher als Stimmungs-Schnappschuss wahr, erspüre die Atmosphäre einer Szene und sehe sogar das Licht, in das es getaucht ist. Auch das Handlungspersonal formt sich in meinem Kopf weniger zu Personen, die real existieren könnten, als vielmehr zu den entsprechenden Typen, die zum Setting und zum Lichtdesign passen würden (Dies trifft selbst auf Romane zu, wo mir die Verfilmung bekannt ist.).

Es handelt sich hierbei bei mir um einen Stumm-Film: Ich höre beim Lesen keine Stimmen in meinem Kopf. Sollte ich eine Stimme hören, dann wäre es meine eigene. Manchmal merke ich es erst etwas später, dass ich mitten im Lesen anfange ganze Passagen laut vorzutragen. Ich ergründe dann den (Unter-)Ton in den Dialogen und versuche, die Beweggründe der handelnden Personen zu erforschen und mich in ihre Gefühlswelt hineinzuversetzen.

Ich glaube, diesen Umstand verdanke ich zwei Faktoren: Von meinem 19. bis zum 30. Lebensjahr habe ich hier in meiner Heimatstadt recht anspruchsvolles Amateur-Theater gemacht, mich in einigen recht unterschiedlichen Genres (Märchen, Schwank, Krimi, Schauspiel, musikalische Komödie) ausprobiert und konnte so in vielfältige Rollen schlüpfen. Diese Zeit war für mich sehr prägend!

Naja, und als passionierter Vor-Leser beschäftige ich mich zur Vorbereitung natürlich intensiv mit einem Text. Beim Vorlesen setze ich dann sehr bewusst meine Stimme zur Interpretation ein, um meinen Zuhörer*innen einen Zugang zum Text zu ermöglichen. Ich nehme sie sozusagen „an die Hand“, erleichtere ihnen die Auseinandersetzung mit dem Gehörten und setzte zur Unterstützung meine Gestik, Mimik und Körperhaltung ein – womit sich der Kreis zu meiner Theatertätigkeit in der Vergangenheit schließt!

P.S.: Wenn Ihr gerne erfahren möchtet, wie ich mich auf eine Lesung vorbereite, dann schaut Euch doch bitte diesen Beitrag an.

…und wie ist es bei Euch? Hört Ihr etwa auch Stimmen, und wenn ja, wie viele??? 😂


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Krimi] Mizzi Meyer – DER TATORTREINIGER / bremer kriminal theater

Krimi-Komödie von Mizzi Meyer / nach der gleichnamigen NDR-Serie

Premiere: 11. Juni 2021 / besuchte Vorstellung: 18. Juni 2021 / bremer kriminal theater


Inszenierung: Ralf Knapp
Bühne: Gisela Brünkner / Ralf Knapp / Heiko Windrath

Kostüme: Miep Koudijs


Vor ca. 10 Jahren strahlte der NDR die ersten Folgen von „Der Tatortreiniger“ noch gänzlich versteckt im Nachtprogramm aus und machte mit dieser Entscheidung deutlich, dass es diesem speziellen Format wenig Erfolg in Aussicht stellte. Doch alles kam anders: Wie viele andere Fernsehzuschauer mit mir war auch ich ein Fan der ersten Stunde, der nach einer Krimi-Komödie lechzte, die mit Skurrilität, schwarzem Humor, Selbstironie, pikanten Themen und exzellenten Schauspielern überzeugte und sich wohltuend vom oberflächlichen massenkompatiblen TV-Humor abhob. Und schon damals stellte ich mir die Frage, wann diese intelligent-humoristischen Episoden im Kammerspiel-Format ihren Weg auf die Bühnen finden. Doch erst im August letzten Jahres feierte Schotty im „Das kleine Hoftheater“ im Hamburger Stadtteil Horn seine theatralische Uraufführung. Und natürlich lässt sich das „bremer kriminal theater“ eine solche Chance nicht entgehen und kündigte für den 18. Dezember 2020 die Bremer Premiere an. Naja, und dann kam Lockdown Nr. XYZ…!

Das bremer kriminal theater rühmt sich, das spannendste Theater Bremens zu sein, und dem können wir nur zustimmen. Nicht umsonst zählt es zu DEN Theatern, bei denen wir gerne zum Wiederholungstäter mutieren. Regisseur Ralf Knapp und sein Team wählten aus der Füller an Aufträgen, die Schotty bisher meistern musste, die drei ersten Folgen der allerersten Staffel aus.

Das Bühnenbild überzeugt wieder in der b.k.t.-eigenen Ästhetik: Wenige Versatzteile werden variabel eingesetzt und schaffen so unterschiedliche perspektivische Möglichkeiten. Als Blutflecke kommen rote Stofffetzen zum Einsatz, die von Schotty – wie durch Zauberkraft – weggeputzt werden. Nur wenige Requisiten werden benötigt, dafür liefern die Muster auf Tapeten und Sofaüberwurf Bezüge zur jeweiligen Handlung.

Ralf Knapp besetzte die Rollen mit bekannten Gesichtern aus dem b.k.t.-Kosmos. Wohltuend bleibt er in seiner Inszenierung dem ruhigen Grundton der Vorlage treu, legt den Fokus auf die geniale Textvorlage aus der Feder von Mizzi Meyer, überzeichnet, wo es angebracht schien, und reduziert, wo es Sinn macht. Dabei erhält er die Unterstützung durch drei talentierte Schauspieler*innen. Multitalent Denis Fischer sorgt als blutbefleckte „Lampe“ für die musikalische Untermalung, schlüpft gerne in die köstlich überdrehten Mini-Rollen, hält sich ansonsten eher dezent am Bühnenrand auf. Mateng Pollkläseners Schotty hat schon alles gesehen oder kennt jemanden, der entsprechendes schon gesehen hat. Ihm ist nichts Menschliches mehr fremd, und so begegnet er den Menschen an den Stätten seines Wirkens vorurteilsfrei und beinah pragmatisch aber nie gleichgültig. Pollkläsener porträtiert seinen Tatortreiniger abseits des bekannten TV-Egos und lässt so einen Vergleich gar nicht erst zu. Ein besonderes Highlight war für mich das „textfreie“ Zusammenspiel zwischen ihm und seiner Bühnenpartnerin Janina Zamani: sei es in der ersten Episode beim gemeinsamen Rauchen einer Zigarette, wo die Kommunikation nur über Blicke, Mimik und Gesten funktionierte, oder auch in der dritten Episode, wo Pollkläsener verzweifelt versuchte, Zeitungspapier möglichst lautlos in eine Mülltüte zu stopfen, während Zamani im Nebenzimmer auf jeden noch so leisen Ton hyper-empfindlich reagierte.

Die schauspielerisch größte Herausforderung meistert Janina Zamani an diesem Abend: Mit Mimik, Körperhaltung und Stimmfärbung porträtiert sie gekonnt drei doch sehr unterschiedliche Frauentypen. In „Ganz normale Jobs“ ist sie die patente Prostituierte, die mehr oder weniger zufällig am Ort des Geschehens auftaucht und sich charmant mit Schotty über die Ethik der jeweiligen Berufe, deren Praktiken und Risiken austauscht. Als versnobte Oberschichten-Witwe in „Nicht über mein Sofa“ lässt sie sich entrüstet über einen Einbrecher aus, der es gewagt hat, ihr antikes Chaiselongue aufzuschlitzen, „unglücklicherweise“ über die Treppe zu Tode stürzte und dabei „zufälligerweise“ mit ihrem 9er-Golfschläger in Kontakt kam. Es war die pure Comedy, als sie Slapstick-artig und in gespielter Zeitlupe selbst die Treppenstufen hinab zu Boden glitt. Ebenso überzeugend gibt Zamani in „Spuren“ die intellektuell-verkopfte Schriftstellerin, die verzweifelt nach den richtigen Wörtern ringt und auf die göttliche Eingabe hofft, um so endlich in den Olymp der Träger des Deutschen Buchpreises aufzusteigen. Doch erst der Anblick von Schottys Wurstbrot erlöst sie von ihrer hemmenden Schreibblockade.

„Der Tatortreiniger“ strotzt nur so vor grandiosen Dialogen, die nicht nur witzig sondern auch intelligent sind und hier von den Künstlern famos umgesetzt werden. Meine b.k.t.-Hitliste hat nun einen Top-Titel mehr…!


DER TATORTREINIGER wird am bremer kriminal theater auch noch weiterhin für Sauberkeit sorgen.

[Rezension] Chris Campe – Hamburg Alphabet

Hamburg – meine Perle!

Zwar würden die aktuellen Inzidenz-Werte ein Besuch der Hansestadt durchaus in den Rahmen des Möglichen rücken, doch bin ich momentan noch ganz der Euphorie verfallen, die wiedergewonnenen Freiheiten auszukosten und die Möglichkeiten in meinem näheren Umfeld wieder(neu)zuentdecken und zu genießen. Und so reise ich auch weiterhin eher literarisch als real in unsere Lieblingsstadt…!

Das Bild einer Stadt wird durch eine Vielzahl an Faktoren geprägt: Bevölkerung, kulturelle Vielfalt, historischer Kontext…! Doch was fällt jeder/m von uns beinah als erstes auf, würden wir mit dem Zug am Hauptbahnhof eintreffen? Neonreklamen, Fassadenbeschriftungen und Schilder buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Sie werben, weisen den Weg und informieren.

Autorin Chris Campe hat sich ihre Kamera geschnappt und sich auf einen Rundgang durch die Stadtteile der Metropole an der Elbe gemacht. Ihre Fotos offenbaren die plakative Fassadenwerbung in einer enormen Bandbreite an Typografien und Stilen. In ihrem Hamburg-Fotoalbum finden sich zwar durchaus auch die Beschriftungen von touristisch bekannten Orten, wie z. Bsp. Café Gnosa in St. Georg, dem großen Volksfest „Hamburger Dom“ oder den St. Pauli Landungsbrücken. Um einiges spannender fand ich die Bilder von Typografien, deren Herkunft weniger bekannt ist, die beim Betrachten meine Fantasie anregten und mir so beinah ganze (Lebens-)Geschichten erzählten.

Da entfaltet sich der morbide Charme vergangener Epochen, der verblasste Glanz lässt mich eine ehemals bessere Zeit erahnen, und das grelle Licht der großstädtischen Sündenmeile versucht, ihre Kundschaft zum ebenso sündigen Vergnügen zu locken. Es blättert die Farbe von den Buchstaben, Risse zieren das Glas der Leuchtreklamen, und an manchen Wänden ist ein nicht mehr vorhandener Schriftzug nur noch an der Verfärbung des darunterliegenden Untergrunds zu erkennen.

Aber nicht nur aufgrund des gewählten Sujets hat dieses kleine Büchlein ein großes ästhetisches Potential: Die Autorin arrangiert die Typografien sowohl alphabetisch als auch farblich und thematisch. So schafft sie einen optisch ansprechenden Rahmen für diesen Stadtführer der besonderen Art. Dank des Anhangs, indem die Adressen und somit die „Fundorte“ des Hamburg Alphabets notiert sind, könnte ich mich auf die Spuren der Autorin begeben. Doch ich fürchte, dass viele der hier gezeigten Schriftzüge nicht mehr zu finden sind. Läden wechseln ihre Besitzer, ganze Häuser werden verkauft, modernisiert oder gar abgerissen, Stadtteile verändern ihr Gesicht im Namen des Fortschritts. Und so verschwinden auch an den Fassaden einer Stadt die Zeichen der Vergangenheit und somit ein Stück Identität – für immer und ewig…!


erschienen bei Junius/ ISBN: 978-3885064664

MONTAGSFRAGE #124: Suchst Du entsprechend Deiner aktuellen Stimmungssituation gezielt nach Büchern bestimmter Genres oder Autoren?

Nein, mein MONTAGSFRAGE-Schrei ertönte diesmal nicht! Obwohl es durchaus eine Frage ist, die einen Schrei verdient hätte – oder vielmehr: Der Tag hätte einen Schrei verdient. Auch auf die Gefahr hin, frisch verheilte Wunden wieder aufzureißen oder eine alte Diskussion neu zu entfachen, doch heute ist so ein Tag, da wäre ich nicht böse gewesen, wenn die MONTAGSFRAGE ausgefallen wäre. Warum? Ich bin müde! Ich bin erschöpft! Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden! Und meine Stimmung ist zudem entsprechend…!

Alles in allem also die perfekten Grundvoraussetzungen, um aus meiner aktuellen Stimmungssituation heraus diese Frage zu beantworten (…dass ich diesen inhaltlichen Haken so elegant geschlagen habe: Ich bin ein Genie! 😄). Vorab: Kann ich es mir als ambitionierter Buch-Blogger, der etliche Rezensionsexemplare auf Halde liegen hat, überhaupt erlauben, mein Leseverhalten meiner momentanen Stimmungssituation anzupassen?

Ja!

Da ich selbst bei der Wahl der Rezensionsexemplare auf eine ausgewogene Zusammenstellung achte, kann ich auch hier auf aktuelle Stimmungsschwankungen reagieren. Ein Beispiel gefällig…? Aber gerne! Aktuell liegen folgende Bücher/Hörspiele auf meinem engeren SuB:

Fabian Neidhardts „Immer noch wach“ ist meine aktuelle Lektüre, während sich „Im Wasser sind wir schwerelos“ von Tomasz Jedrowski gerade im Schlummer-Modus befindet (Die Gründe für diesen Umstand hatte ich Euch ja schon in MONTAGSRAGE #121 verraten.).

Alles andere „dazwischen“ erlaubt mir, auf meine aktuelle Stimmung Rücksicht zu nehmen: Da finde ich den klassischen Whodunit-Krimi ebenso vor wie die kurzweiligen Krimi-Erzählungen. Der eher anspruchsvolle Literatur-Klassiker ist genauso vertreten wie ein epischer Roman oder Werke, die sich mit sensiblen Themen beschäftigen.

Und sollte ich mal absolut keine Lust auf Lesen verspüren, dann werfe ich eine CD in den Player und erfreue mich an einen Hörspiel-Straßenfeger aus den guten, alten Zeiten des Radios. Ich werde mich zurücklehnen, die Augen schließen und einfach nur lauschen…!

…und sollten wirklich alle Stricke reißen, jegliche Dämme brechen, und ich drohen, in einem Gefühlsstrudel fortgerissen zu werden, dann greife ich zu meinem rettenden „Comfort“-Buch und alles wird wieder gut!

…und verratet mir doch bitte Eure Lese-Tipps passend zu den „Stimmungsschwankungen“???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Rezension] John Bude – Mord in Sussex

Ist ein Mord ohne Leiche immer noch ein Mord? Oder ist es nicht vielmehr ein ungeklärter Vermisstenfall? Diese Fragen stellt sich auch Superintendent Meredith als in der Grafschaft Sussex in direkter Nachbarschaft der imposanten Kalksandsteinfelsen der Wagen von John Rother verlassen aufgefunden wird: Die Windschutzscheibe ist zertrümmert, das Armaturenbrett beschädigt, und in unmittelbarer Nähe des Wagens findet sich die blutbefleckte Mütze des Vermissten. Ins Visier der Ermittlungen gerät sehr schnell sein Bruder William Rother, mit dem der Vermisste gemeinsam einen Brennofen für Bau-Kalk betreibt. Der Verdacht erhärtet sich, als in der Asche der Brennöfen menschliche Knochen entdeckt werden. Zudem können Überreste der Kleidung eindeutig dem Vermissten (Toten?) zugeordnet werden. Meredith arbeitet fieberhaft daran, aus der Fülle an Indizien dem Bruder die Tat nachzuweisen. Doch anstatt dass diese Fülle für Klarheit sorgt, tauchen immer mehr Ungereimtheiten auf und sorgen für Verwirrung. Als dann William Rother tot am Fuße des Kalksteinbruchs aufgefunden wird, droht der Fall Meredith gänzlich aus den Händen zu gleiten…!

Die Briten scheinen ein kriminalistisch veranlagtes Völkchen zu sein: Wie sonst lässt sich diese Fülle an talentierten Kriminal-Autor*innen erklären, die dieses Land bisher hervorgebracht hat. John Bude (Pseudonym von Ernest Carpenter Elmore) zählte in der so genannten „Goldenen Zeit“ zu den renommiertesten Schriftstellern und verfasste mehr als 30 Kriminalromane. Umso bedauerlicher ist der Umstand, dass er bei uns beinah gänzlich unbekannt zu sein scheint. So sind die Bemühungen des Klett-Cotta Verlags, diese Krimi-Klassiker wieder auszugraben, umso höher zu bewerten.

John Bude entschied sich bei der Entwicklung seiner Hauptperson gegen die damals vorherrschende Trend: Sein Superintendent Meredith erscheint dabei sehr menschlich. Er ist kein Superhirn mit legendären grauen Zellen oder übersensibelen Sinnen. Meredith verlässt sich auf Logik, gesundem Menschenverstand und den Fähigkeiten des Polizei-Apparats. So steckt er eben auch einige herbe Rückschläge ein und muss darum bei seinem Vorgesetzten (zähneknirschend) zu Kreuze kriechen. Im Gegenzug empfindet er es nicht unter seiner Würde, die Hilfe von Untergebenen, Privatpersonen oder Zeugen in Anspruch zu nehmen, und auch für die Ideen der Jugend (in Person seines kriminalistisch interessierten Sohnes) hat er ein offenes Ohr. Alles in allem ist Budes Schnüffler so herrlich normal – Ja! – beinah durchschnittlich: kein einsamer Wolf, keine Alkoholexzesse, kein Zynismus – doch dafür hat er Humor.

Ebenso „normal“ ist auch der Schreibstil von John Bude: Literarische Eskapaden sucht man vergebens. Vielmehr liefert er einen gut konstruierten Krimi mit einigen überraschenden Wendungen. Auch die Zeichnung des Settings und die Charakterisierung der Personen gelingen ihm sehr unterhaltsam und ansprechend. Der Leser ist dabei nie klüger als der Ermittler: Wenn schon, dann tappen sie gemeinsam im Dunkeln – in bester „Whodunit“-Manier.

Am Schluss bleibt er dann doch der damals gängigen Praxis treu: Er überlässt am Ende seinem rührigen Detektiv die Bühne, um den Fall in all seinen Facetten nochmals Revue passieren zu lassen und so dem Leser die Auflösung effektvoll zu präsentieren. Auch hier: In bester „Whodunit“-Manier…! Aber genau so wünsche ich es mir bei einem der guten, alten Krimi-Klassiker.


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608964745

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Konzert] Operettengala – UNTERN LINDEN, UNTERN LINDEN / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

mit Musik von Paul Lincke, Eduard Künneke, Walter und Willi Kollo

Premiere: 6. Juni 2021 / besuchte Vorstellung: 6. Juni 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Szenische Einrichtung: Edison Vigil

Die Nachricht schlug bei mir ein wie eine Bombe! Die Theater dürfen wieder öffnen – ohne Ankündigung, ohne Vorwarnung, ohne Vorlauf – innerhalb kürzester Zeit!

Auch „unser“ Stadttheater präsentierte in dieser Kürze einen Spielplan für das Eröffnungswochenende. Zwangsläufig setzt sich das Programm vornehmlich aus Inszenierungen zusammen, die entweder im letzten Herbst schon Premiere feierten oder mit einem überschaubaren Aufwand auf die Bühne gebracht werden können. Dabei ist allen Inszenierungen gemein, dass sie aus dem hauseigenen Ensemble besetzt werden: Eine aufwendige Produktion (wie z.Bsp. das Musical Chicago), deren Cast u.a. aus Gastkünstlern besteht, unter diesen Voraussetzungen wieder aufzunehmen, wäre für die Disposition eines Theaters nicht nur eine logistische Höchstleistung sondern in der Kürze der Zeit für die Gäste auch mehr als unzumutbar. Und obwohl die Saison 2020/21 so gut wie beendet schien, bäumt sich nun die Theatermaschinerie nochmals auf und beginnt zu routieren.

Und ich…? Ich routiere mit, setze mich ans Telefon, informiere Freunde und reserviere Eintrittskarten – alles, damit wir schon am Eröffnungswochenende endlich wieder Theaterluft schnuppern dürfen.

So betraten wir das Große Haus am Stadttheater Bremerhaven beinah andächtig. Auf der großen Bühne hatten sich die Damen und Herren des Philharmonischen Orchesters versammelt und blickten in einen mehr als dürftig besetzten Zuschauer-Saal: Anscheinend sind nicht alle Theaterliebhaber – so wie ich – in einen freudentaumelnden Zustand der Routation verfallen…!


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Doch meine Freude war dafür umso überwältigender: Während ich der Ouvertüre aus der Operette „Grigri“ lauschte, liefern mir Tränen über das Gesicht und sammelten sich unter meiner FFP2-Maske. Ich konnte nichts dagegen tun – es passierte einfach…! Vielleicht mag diese Reaktion der Einen oder dem Anderen aus meiner Leserschaft übertrieben erscheinen, und ich gestatte Euch gerne diese persönliche Haltung. Doch für mich war/ist/bleibt Kultur immer „existenziell“, und ohne sie habe ich das Gefühl, sowohl intellektuell als auch emotional zu vertrocknen.

Dieser Sonntagnachmittag stand ganz im Zeichen der Berliner Operette. Im Vergleich zu ihrer Wiener Schwester ist die Berlinerin frecher, moderner und näher an der Revue als an der Oper. Auch musikalisch fühlt sie sich mehr zu einem zünftigen Marsch hingezogen als zu dem ¾-Takt des Walzers. Und so bot dieses Konzert einen abwechslungsreichen Querschnitt aus dem Oeuvre der Komponisten-Stars der Berliner Operette: Paul Lincke, Eduard Künneke sowie Walter und Willi Kollo. Edison Vigil sorgte in seiner szenischen Einrichtung dafür, dass die Sängerinnen und Sänger – auch trotz Abstand – auf Mimik und Gestik des Gegenübers reagierten und sie so miteinander agierten.

Das exzellent aufspielende Philharmonische Orchester verwebte die oft bekannten Melodien in einen üppigen Klangteppich und bereitete so den Sängerinnen und Sängern den Boden für ihre Kunst. Es war ein solcher Genuss, endlich wieder einem großen Orchester lauschen zu dürfen. Tijana Grujic gefiel mit perlenden Sopran. Tenor MacKenzie Gallinger überzeugte nicht nur gesanglich, sondern konnte bei den elegant gemeisterten Tanzeinlagen auch seine Musical-Vorbildung nicht leugnen. Marcin Hutek gab den Schwerenöter Stanislaus von Methusalem aus Kollos Operette „Wie einst im Mai“ mit sonorem Bariton.

Natürlich wäre es bei einer solch überzeugenden Gesamtleistung ungerecht einzelne Namen hervorzuheben. Doch als Zuschauer gestatte ich mir ein Stückchen „Subjektivität“ und bin einfach mal parteiisch: Ich hatte meine „heimlichen“ Lieblinge! Vorab muss Hartmut Brüsch genannt werden, der nicht nur für die versierte musikalische Leitung des Abends verantwortlich zeichnete, sondern uns humorvoll mit Anekdoten unterhielt und ebenso charmant durch das Konzert führte.

Ich gebe es unumwunden zu, dass ich die beiden jungen Damen, deren Namen ich Euch gleich verraten werde, schon jede für sich als Sängerin sehr schätze und mich immer freue, eine von ihnen auf der Bühne bewundern zu dürfen. Aber in Kombination sind die beiden der absolute Knaller: Victoria Kunze (Sopran) und Patricia Häusermann (Mezzo). Ihr stimmschönes und harmonisch gestaltetes „Glühwürmchenidyll“ aus der Operette „Lysistrata“ von Paul Lincke setzte dem gelungenen ersten Teil des Abends die Krone auf und lies mich träumen: Vielleicht darf ich ja hoffen, dass diese beiden Künstlerinnen sich irgendwann dem Blumenduett aus der Oper „Lakmé“ von Léo Delibes annehmen werden. Beim Can-Can aus „Wie einst im Mai“ tobten die beiden Ladies dank passendem Outfit frivol bestrapst über die Bühne und sorgten für gute Laune im Auditorium. Mit einem deftigen „Die Männer sind alle Verbrecher“ ließen sie den musikalischen Rausschmeißer anklingen, bevor das gesamte Ensemble zu „Untern Linden, untern Linden“ der vom Publikum reichlich beklatschten Zugabe frönte.

Nach über 8 Monaten der erzwungenen (und evtl. auch notwendigen) Abstinenz von der Kultur war dies endlich wieder Futter für Herz und Hirn, für Geist und Seele und für alles, was sonst noch so dazwischen liegt…! ❤


Diese wunderbar-schmissige Operettengala UNTERN LINDEN, UNTERN LINDEN wird nur noch an einigen wenigen Terminen am Stadttheater Bremerhaven gegeben.