[Oper] Wolfgang Amadeus Mozart – LE NOZZE DI FIGARO / Stadttheater Bremerhaven

Opera buffa von Wolfgang Amadeus Mozart / Libretto von Lorenzo Da Ponte / nach der Komödie La Folle Journée ou le Mariage de Figaro (Der tolle Tag oder Die Hochzeit des Figaro) von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 15. März 2025 / besuchte Vorstellungen: 15. & 29. März 2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni
INSZENIERUNG Achim Lenz
BÜHNE & KOSTÜME Bernhard Bruchhardt
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Frauke Richter

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham & Tonio Shiga
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Tyler Wefer


Mozart passt – immer und zu jeder Gelegenheit, ob beim Sport, beim Hausputz oder zur Klausurvorbereitung. Während der Schwangerschaft nimmt Mozart positiven Einfluss auf die Entwicklung des ungeborenen Kindes. Wer mit Mozart ins Bett geht, kann die Einschlafprobleme bald vergessen.

Mozart ist ein Alleskönner, ein Tausendsassa, ein Genie: Er entspannt, hilft und heilt,…

…und er unterhält auf hohem Niveau!

In einem unmöblierten Zimmer nimmt Figaro Maß für sein künftiges Ehebett. Er ist glücklich: Vor wenigen Jahren war er noch ein einfacher Barbier in Sevilla. Nun ist er Kammerdiener des Grafen und wird in wenigen Tagen seine geliebte Susanna heiraten, die Kammerzofe der Gräfin. Die Hochzeitsvorbereitungen laufen, doch was seine Zukünftige noch nicht weiß: Der Graf hat mit Hintergedanken dem Paar dieses Zimmer im Schloss spendiert. Als Figaro seiner Braut stolz ihr künftiges Ehezimmer präsentiert, wird Susanna ärgerlich. Ihr ist bekannt, dass der Graf Almaviva seine Gemahlin fortlaufend betrügt und es nun auch auf sie abgesehen hat. Mit diesem Zimmer will er sie nur in seiner Nähe wissen. Figaro ist schockiert, als er dies hört. Es wird ihm einiges klar: Nun weiß er, warum ausgerechnet er beauftragt wurde, als Kurier nach London zu reisen. Doch diese Schmach wird er nicht einfach hinnehmen. Es wird sich noch herausstellen, wer von den beiden der Raffiniertere ist: der feine Herr Graf oder der listige Figaro? Schon lange hat der Graf ein Auge auf Susanna geworfen. Dumm nur, dass er höchst persönlich das „ius primae noctis“, das Recht der ersten Nacht abgeschafft hat, und er nun andere Mittel anbringen muss, um hoffentlich bei der reizenden Susanna landen zu können. Er versucht sie mit einem kleinen Vermögen zu locken, damit sie sich ihm am Abend im Park hingibt. Dumm nur, dass sein eigener Page Cherubino, im Zimmer versteckt, das schmutzige Angebot angehört hat. Cherubino wiederum ist in die Gräfin verliebt, flirtet aber auch heftig mit Susanna und ist auch einem Tête-à-Tête mit Barbarina, der Tochter des Gärtners Antonio, nicht abgeneigt. Als der Graf dies zufällig erfährt, will er den jungen Burschen zur Strafe zur Armee schicken. Doch auch aus einer anderen Richtung droht Gefahr: Die Haushälterin Marcellina will die Hochzeit platzen lassen, da Figaro ihr einst die Ehe versprochen hatte, sollte er seine Schulden bei ihr nicht bezahlen können. Unterstützung erhält sie von Bartolo, dem Leibarzt des Grafen, mit dem sie früher einmal ein kleines amouröses Techtelmechtel hatte. Später stellt sich überraschenderweise heraus, dass die Frucht ihrer gemeinsamen Leidenschaft eben genau jener Figaro ist, den sie zu heiraten gedachte. Da ist die „frischgebackene“ Mutter überglücklich und zerreißt voller Freude den Schuldschein. Die Begeisterung von Bartolo ist dagegen eher überschaubar, da er Figaro nie verzeihen konnte, dass er damals seine Heiratsabsichten mit der Gräfin torpediert hatte. Susanna wird bewusst, dass sie dringend handeln muss. Gemeinsam mit der Gräfin Almaviva, die zunehmend unter der Untreue ihres Gatten leidet, schmiedet Susanna einen Plan, um den Hochmut der Kerle endgültig empfindlich zu stutzen. Bei der Ausübung ihrer Pläne erhalten sie die Unterstützung von Cherubino, den sie als Frau verkleidet haben, damit er der Strafe des Grafen entgeht. Die Gräfin diktiert Susanna einen Brief, den sie dem Grafen zuspielt und somit dem erhofften Schäferstündchen zustimmt. Die beiden Frauen tauschen ihre Garderoben. Dabei erscheint die Gräfin verkleidet mit Susannas Hut und Kleid zum Treff mit ihrem untreuen Gatten, was Figaro zu ganz falschen Schlussfolgerungen treibt und ihm ein paar Ohrfeigen einbringt. Glücklicherweise erkennt er noch rechtzeitig seine geliebte Susanna in der Robe der Gräfin und weiß sich so ihrer Treue sicher. Doch auch der Graf Almaviva leistet seiner Gattin reumütig Abbitte.

Mozarts Musik zu lauschen, ist für mich ein absoluter Hochgenuss! Mozarts Werk auf der Bühne zu erleben, ist für mich die pure Wonne. Selbst (allzu) kreative Regie-Konzepte können dem Meister nichts anhaben. So sehr diese auch ihre Berechtigung haben, ihren Reiz auf mich ausüben, indem sie meinen Blickwinkel verändern und so meinen Horizont erweitern. Doch bei einer naturalistischen Inszenierung schalte ich unwillkürlich in den Wohlfühl-Modus: Mit einem wohligen Seufzer lehne ich mich in meinem Sitz zurück, und mein Herz springt und hüpft vor Freude!


HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.

Schon beim Klang der Ouvertüre wurde mir wieder allzu deutlich, dass es in dieser Oper äußerst turbulent zugeht: Es ist nicht zu überhören, dass die handelnden Personen voller Gefühl mit- und umeinander ringen und so reichlich Bewegung in die Geschichte bringen. Trefflich zu einer Opera buffa kitzelte Davide Perniceni genau diese vibrierende Leichtigkeit aus dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven heraus. Schwelgerisch, in großen musikalischen Bögen umrahmte er die Sänger*innen bei den Arien. Zudem gab es bei dieser Inszenierung im/am Orchestergraben Ungewohntes zu bestaunen: Der Orchestergraben wurde angehoben, was für einen schlankeren Klang sorgte (mein subjektiver Eindruck). Zudem begleitete Perniceni die Sänger*innen bei den Rezitativen höchstpersönlich am Cembalo.

Einer klassischen Screwball-Komödie nicht unähnlich zieht Regisseur Achim Lenz in der ersten Hälfte das Tempo an. Da werden so manche Türen geöffnet und wieder geschlossen, nur um zu erleben, dass das, was man dahinter wähnte, nicht (mehr) dort zu sein scheint. Bereits während der Ouvertüre tobten die Darsteller*innen vor dem geschlossenen Vorhang über die Vorderbühne und gaben sich so unverwechselbar, dass dies einer nonverbalen Vorstellung der Personen gleichkam. Lenz drehte bei der Charakterisierung der Figuren an der empfindlichen Schraube zur Übertreibung, lotete diese souverän aus und gab die Figuren nie der Lächerlichkeit preis, indem er sie in albernem Klamauk verfallen ließ. Vielmehr wusste er um die Talente seines Ensembles und nutzte diese charmant: So durfte beispielsweise Victoria Kunze (als studierte Harfenistin) in ihrer Rolle als Susanna zu eben jenem Instrument greifen, um die Canzone, die Cherubino für seine angebetete Gräfin gedichtet hatte, musikalisch zu untermalen. Das genannte Tempo ließ sich natürlich nicht dauerhaft durchhalten – nicht, dass der Regisseur dazu nicht befähigt gewesen wäre. Da hatte schon der Meister Mozart selbst den erzählerischen Ton verändert, um zu verhindern, dass die Figuren zu bloßen Abziehbildern verkamen. Vielmehr waren sie nun getriebene Charaktere, denen zunehmend die Masken vom Gesicht gerissen wurden, und die so in tragikomische Situationen tappten. Genau diese Weiterentwicklung arbeitete Lenz mit seinem talentierten Ensemble fein heraus.

Ausstatter Bernhard Bruchhardt stellte auf die Drehbühne ein Bilderbuch-Italien, in dem die Sonne heller strahlte und die Sterne romantischer funkelten: mit hohen Fassaden, ebenso hohen Fenstern mit passenden Fensterläden, mit üppiger Wandmalerei im Boudoir der Gräfin und einem echten Olivenbaum im herrschaftlichen Garten – stimmungsvoll ausgeleuchtet und mit ebenso stimmungsvollen Hintergrundprojektionen komplementiert. Seine Kostüme zitieren den Historismus und beschreiben klar den Stand bzw. die Position der jeweiligen Person im sozialen Gefüge.


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Mozart hat in dieser Oper dem Chor ein eher überschaubares Pensum zugedacht, doch dies nutzte der Opernchor unter der Leitung von Edward Mauritius Münch wieder mit Bravour. Zudem schlüpften aus seinen Reihen einige Sänger*innen voller Spielfreude in die div. Nebenrollen, seien es Masahiro Yamada als wenig verschwiegener ANTONIO, Katharina Diegritz als seine kecke Tochter BARBARINA oder auch Gustavo Oliva als buckelnder BASILIO bzw. „sprunghafter“ DON CURZIO.

Brigitte Rickmann überzeugte als resolute MARCELLINA und gab sehr unterhaltsam die auf den eigenen Vorteil bedachte Intrigantin. Ihr zur Seite stand Bass Ulrich Burdack als BARTOLO, der erfolglos versuchte, seine Rachsucht („Bah, wat hat er für ’ne fiese Charakter!“ 😄) zu unterdrücken: Bei „La vendetta, oh, la vendetta!“ zügelte Burdack noch seine Gefühle, die er dann später völlig unvermittelt aus sich herausbrechen ließ.

Mezzosopranistin Boshana Milkov gefiel abermals in einer Hosenrolle: Als hormonell aufgeladener Jungspund CHERUBINO, der verzweifelt dem Grafen zu entkommen versucht, erntete sie reichlich Lacher aus dem Publikum. Mit der Arie „Non so più cosa son, cosa faccio“ setzte sie einen von vielen gesanglichen Glanzpunkten in dieser Inszenierung.

LA CONTESSA DI ALMAVIVA ist für mich – inmitten all dieser „buffa“-Figuren – die einzig wahre „seria“-Partie. Von Anfang an umweht die Gräfin ein Hauch von Traurigkeit und Wehmut. Kristín Anna Guðmundsdóttir gestaltete dies u.a. bei „Porgi, amor, qualche ristoro“ äußerst feinfühlig mit ihrem jugendlich klingenden Sopran. Ihre CONTESSA schien kaum älter als SUSANNA. So sah ihre Beziehung zueinander auch weniger nach einem Arbeitsverhältnis zwischen Herrin und Dienerin aus, vielmehr spürte ich als Zuschauer stets die Vertrautheit und Loyalität zwischen diesen beiden starken Frauen.

Victoria Kunze als SUSANNA glänzte wieder mit ihrer Natürlichkeit in der Rollengestaltung. Blitze anfangs in ihrem Spiel noch ein wenig ELIZA DOOLITTLE auf, gewann schnell SUSANNA mit eigener Körpersprache die Oberhand: eine selbstbewusste und zupackende junge Frau, die ihr Leben (und die Liebe) selbstbestimmt in die Hand nimmt. Dafür, dass SUSANNA eine solch wichtige Figur in dieser Oper ist, hat Mozart ihr häufig „nur“ die Aufgabe der Duett-Partnerin (abgesehen von der kurzen Arie „Venite… inginocchiatevi“ im 2. Akt) zugeteilt. Erst kurz vor dem Finale ehrte sie der Meister mit Rezitativ und Arie „Giunse alfin il momento“ und „Deh vieni non tardar, o gioia bella“, beides gefühlvoll von Kunze mit kultiviert geführter Stimme und silbrig schimmernden Sopran gestaltet.

SUSANNAS Love Interest FIGARO präsentierte sich in der wohlgeformten Gestalt von Bariton Florian Götz, der schon mit seinem ersten gesungenem „Cinque…“ verdeutlichte, dass hier ein wahrer Charmebolzen auf der Bühne steht, der nicht nur seine SUSANNA bezirzt sondern auch das Publikum problemlos um den Finger wickelt. Mit potenter Stimme gefällt er bei „Non più andrai, farfallone amoroso“, um gegen Ende der Oper bei Rezitative und Arie „Tutto è disposto“ und „Aprite un po’ quegli occhi“ auch Verzweiflung auszudrücken, bevor er seine geliebte SUSANNA zum Happy End endlich in die Arme schließen darf.

Gefühlt seit Jahren fordere ich „Gebt dem Mann endlich eine große Partie!“. Ob ich nun tatsächlich erhört wurde, mag ich nicht zu beurteilen, ist aber schlussendlich auch ohne Belang. Marcin Hutek wurde mit IL CONTE DI ALMAVIVA eine Partie anvertraut, in der er seine Talente endlich zeigen darf. Gesanglich überzeugte er abermals mit seinem schönen Bariton. Doch es steckte auch viel komödiantisches Potential in diesem Kerl, das er in der Rolle des Grafen – sehr zum Vergnügen des Publikums – voll entfalten durfte: Er protzte und schwadronierte, er gockelte und drohte – alles umsonst. Je mehr er diese Allüren an den Tag legte, umso drastischer glitten ihm die Fäden aus den Händen. Da half ihm auch nicht sein angeberisches Auftreten wie bei „Hai già vinta la causa!“ und „Vedrò, mentr’io sospiro“. So schaffte Hutek das Kunststück, dass mir diese Figur trotz (oder wegen) ihrem Scheitern sympathisch blieb.

Kritikpunkte! Gab es Kritikpunkte? Naja, den zweiten Teil der Vorstellung nach der Pause empfand ich als etwas zu hektisch. Doch diesen Umstand schrieb ich dem holprigen Probenprozess aufgrund Krankheit im Ensemble gepaart mit der Aufregung zur Premiere zu. Doch ist dies wirklich ein Kritikpunkt, oder fällt es nicht vielmehr unter die Rubrik „Leiden auf hohem Niveau“?

In 14 Tagen schaue ich nochmals am Hofe Almavivas im Italien an der Weser vorbei. Ich freue mich drauf!!! ❤


Nachtrag zum 29. März 2025 …oder auch DER DOPPELTE FIGARO: „Frühling lässt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte / Süße, wohlbekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land.“ dichtete einst Eduard Mörike so fein. Doch mit Düfte tummeln sich auch die fiesen Pollen durch die Lüfte, und so trat Dramaturg Torben Selk zu Beginn der Vorstellung vor den Vorhang, um das Publikum zu informieren, dass der Sänger des Figaros Florian Götz leider von einer Pollen-Allergie betroffen sei: Die Partie spielen könne er, nur leider nicht singen. Glücklicher- wie auch dankenswerterweise hatte sich Bariton Carl Rumstadt von der Oper Bonn bereiterklärt, die Partie vom Bühnenrand zu singen und so dem indisponierten Kollegen seine Stimme zu leihen. Florian Götz gab abermals einen agilen und kraftstrotzenden Figaro, sang die Partie im kaum hörbaren „pianissimo“ und suchte den Blickkontakt mit seinem Kollegen, um möglichst synchron seine Lippen zu dessen Gesang zu bewegen. Dies gelang den beiden Künstlern so überzeugend, dass sich meine anfängliche Irritation (Darsteller von vorne, Stimme von links) schnell legte, und ich flott in den Genuss-Modus umschalten konnte. Zumal die warme, volltönende Stimme von Carl Rumstadt ganz wunderbar mit der Charakterisierung des Figaros von Florian Götz harmonierte. Es war grandios!

Kritikpunkte! Kritikpunkte? Welche Kritikpunkte? Ach ja, da war ja noch etwas…! 14 Tage nach der Premiere zur 4. Vorstellung haben sich alle „Kritikpunkte“ in Wohlgefallen aufgelöst. Da stimmten die Zwischentöne ebenso wie das neckende Zusammenspiel der Sänger*innen, die Abläufe waren fließender, und von der Hektik der Premiere fehlte jede Spur. Übrig blieb „nur“ ein rundum gelungener Abend!!!


Sopranistin Victoria Kunze gönnt uns musikalische Ausschnitte aus dieser Inszenierung.


Mozarts zauberhafte Oper LE NOZZE DIE FIGARO steht leider nur für wenige Vorstellungen auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Also: Nix wie hin!

[Oper] Giacomo Puccini – TURANDOT / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Giacomo Puccini / Libretto von Guiseppe Adami und Renato Simoni / komplementiert von Franco Alfano / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 14. September 2024 / besuchte Vorstellung: 27. September 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG & BÜHNE Philipp Westerbarkei
KOSTÜME Tassilo Tesche
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Mario Orlando El Fakih Hernández, Edward Mauritius Münch
LICHT Thomas Güldenberg

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Regina Wittmar


„Ich mache Theater.“, schrieb Giacomo Puccini an seinen Librettisten Giuseppe Adami und verdeutlichte so, wie sehr ihm das gleichnamige Schauspiel von Carlo Gozzi bei der Komposition von TURANDOT inspirierte bzw. herausforderte, da er sich von seinem gängigen Rollenpersonal verabschiedete. Hatten bisher in seinen Werken die aufopferungsvollen, verletzlichen und doch heroischen Frauentypen (Mimi, Tosca, Cio-Cio-San) dominiert, stand hier eine gefühlskalte und grausame Person im Mittelpunkt. Und auch bei der Tenor-Partie fand eine Wandlung vom einfühlsamen Liebhaber zum zu allem entschlossenen Helden statt.

Doch je weiter sich das Projekt entwickelte, umso mehr haderte Puccini mit seiner Wahl. Vielleicht war dies aber auch schon seinem sich stetig verschlechterten Gesundheitszustand geschuldet: Er litt unter fortschreitenden Kehlkopfkrebs. Eine Operation konnte da leider nicht mehr helfen, und so verstarb er nur 5 Tage später am 29. November 1924. Zurück ließ er eine unvollendete Oper, bei der das Duett und das Finale des letzten Aktes fehlten.

Franco Alfano, ein Schüler Puccinis wurde beauftragt, das Werk anhand vorhandener Skizzen des Meisters fertigzustellen. Doch dieser entfernte sich immer mehr von der originären Idee Puccinis, dass schließlich Arturo Toscanini eingriff und Einhalt gebot, indem er etliche der Nachkompositionen strich. Seine Begründung: „zu viel Alfano und zu wenig Puccini“. Was schlussendlich von den Melodien am Ende des letzten Aktes zu TURANDOT nun Alfano oder Toscanini zuzuschreiben ist, werden wir vielleicht nie erfahren.

Das Volk von Peking erwartet die Hinrichtung des persischen Prinzen, der an der Lösung der drei Rätsel gescheitert ist. In der Menge der Schaulustigen entdeckt Prinz Calàf seinen Vater Timur, der – vom chinesischen Herrscher entthront – nun sein Exil in Peking fristet. Der alte Mann ist blind und wird aufopfernd von der Sklavin Liù gepflegt. Sie liebt den Prinzen und ist ihm darum ins Exil gefolgt. Alle drei leben versteckt, um nicht von den Feinden gefasst zu werden. Calàfs Herz entflammt aufgrund ihrer Schönheit für die Prinzessin Turandot und will sich ihren Rätseln stellen. Liù und Timur gelingt es nicht, ihn davon abzuhalten. Die drei Mandarine Ping, Pang und Pong trauern um das unglückliche Schicksal Chinas und hoffen, dass die Prinzessin die Liebe findet und die Hinrichtungen endlich aufhören. Doch die Trompeten kündigen den Beginn der nächsten Rätselzeremonie an. Der alte Kaiser Altoum bedauert die Grausamkeit, die er seiner Tochter erlaubt hat. Turandot erscheint und erklärt, warum sie den Männern immer wieder diese blutigen Rätseln stellt: Sie nimmt Rache für eine Ahnin, die von einem Fremden getötet wurde. Zu ihrem Erstaunen findet Calàf die Antworten auf ihre drei Fragen: Hoffnung, Blut, Turandot. Das Volk bricht in Jubel aus. Turandot aber bittet inständig ihren Vater, sie vom Gelübde der Hochzeit zu befreien, doch der bleibt streng. Calàf möchte ihre Liebe und nicht ihre Unterwerfung gewinnen, und so schlägt er ihr einen neuen Pakt vor: Sollte Turandot seinen Namen vor Morgengrauen in Erfahrung bringen, würde er nicht nur von der Hochzeit absehen, er wäre auch bereit zu sterben. Unter Todesstrafe darf niemand in Peking schlafen, sondern muss versuchen, den Namen des Fremden zu finden. Ping, Pang und Pong versuchen den fremden Prinzen mit allen Versuchungen zu bestechen. Timur und Liù, die man mit dem Fremden gesehen hat, werden aufgegriffen. Um Timur zu retten, behauptet Liù, dass nur sie den Namen des Fremden kennt. Um diesen zu erfahren, schreckt die Prinzessin nicht davor zurück, Liù zu foltern. Doch anstatt Calàf zu verraten, wählt sie als Erlösung den Freitod. Calàf ist von den Geschehnissen so betroffen, dass er, nachdem er Turandot einen leidenschaftlichen Kuss gegeben hat, sein Leben in ihre Hände legt. Doch dieser Kuss hat auch in Turandot Gefühle geweckt, und sie erklärt, dass sie den Namen des Fremden schon kenne: „Sein Name ist Liebe“.

Ich hadere sehr mit dieser Oper, da sie mir so wenige Möglichkeiten zur Identifikation mit den beiden Haupt-Charakteren bietet. Da gibt es die Titelfigur, die äußerst ambivalente Gefühle bei mir hervorruft, da ihre überraschende Wandlung von der Serienmörderin zur geläuterten Geliebten mir nicht genügt. Als würde ein einziger Kuss eine plötzliche Sinneswandlung bei ihr auslösen können: Sie blinzelt verwundert und haucht „Huch! Wie konnte mir denn das passieren?“. Ist dies wirklich ausreichend, um sie von all ihren zuvor begangenen menschenverachtenden Taten freizusprechen? Und auch die Beweggründe von Prinz Calàf wirken auf mich eher „ungesund“, so als würde diese männermordende Maid sein männliches Ego so sehr kitzeln, dass er sich dieser Herausforderung schon beinah zwanghaft stellen müsste und dafür alle Warnungen in den Wind schießt.

Da war es ein äußerst kluger Schachzug von Regisseur Philipp Westerbarkei, der Oper schon rein optisch die fernöstliche Folklore zu nehmen und die Handlung in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts zu transferieren. Er kreierte eine Phantasie à la Babylon Berlin mit all seiner Dekadenz und Skurrilität. Zu den zarten Pianoklängen zur Melodie von „Nessun dorma“ sehen wir Turandot, die sich auf ihrem riesigen Divan lasziv rekelnd einen Schuss setzt. In ihrem wirren Drogenrausch tauchen die Gestalten der Handlung auf, gleich einem Panoptikum entsprungen, und vollführen einen fulminanten Tanz auf dem Vulkan. Da machen so einige Beweggründe der Figuren plötzlich einen Sinn, da sie im dubiosen Nebel von Turandots Drogenrausch absolut keinen Sinn ergeben müssen. „Jaja, ich weiß, das klingt widersprüchlich!“

Doch unter diesen Voraussetzungen darf (muss) alles – „Over the Top“ – ein Wechselspiel der Extreme sein: Turandot präsentiert sich bei ihre glamourösen Auftritten wie eine Stummfilm-Diva. Der Chor erinnert in seiner Schwarz-weiß-Ästhetik an Figuren der Commedia dell’arte. Gesichtslose Kinder strecken Calàf ihre Puppen entgegen, die nur aus einem (abgeschlagene) Kopf zu bestehen scheinen. Das militärische Erscheinungsbild von Kaiser Altoum steht konträr zum schrillen Outfit der metrosexuellen Paradiesvögel Ping, Pang und Pong.

Philipp Westerbarkei, der auch für das atmosphärische Bühnenbild verantwortlich zeichnete, lässt das Ensemble von einem gemalten Proszenium, das an die alten Theater der Jahrhundertwende erinnert, einrahmen und von einem äußerst wandlungsfähigen Mond erhellen. Unterstützung erfährt er von Tassilo Tesche, der stimmige wie auch raffinierte Kostüme kreierte, die in ihrer jeweiligen Optik die Charaktere der handelnden Personen optimal unterstreichen.


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Ja, ich hadere mit dieser Oper, doch keinesfalls mit Puccinis Kompositionen. Auch wenn ich diese beim ersten Hören nicht gleich als seine erkannte: Puccini löste sich hier von den romantischen Klängen seiner vergangenen Werke und wirkt stattdessen ungewohnt experimentierfreudig. Er spannt einen großen kompensatorischen Bogen um das Werk, in dem er leitmotivartig die Melodie zu „Nessun dorma“ in verschiedenen Variationen erklingen lässt, die das gesamte Werk umrahmen, so wie in dieser Inszenierung die Sänger*innen vom Proszenium umrahmt werden.

Marc Niemann und das Philharmonischen Orchesters Bremerhaven lieferten grandios ab: Da wurde einerseits voller dramatischer Kraft musiziert ohne an Subtilität einzubüßen, um dann einen energetischen Klangteppich zu weben, der fein nuanciert die Stimmen der Sänger*innen hinauf in den Rang hob. „Bravo!“
„Bravo!“ auch für die bestens disponierten Chöre (Einstudierung: Mario El Fakih Hernández und Edward Mauritius Münch), deren Mitglieder – vom Opernchor über den Extrachor bis zum Kinderchor – eine immense stimmliche Ausdruckskraft boten, ebenso als Figuren im Stück Individualität zeigten und so zum Gelingen dieser wunderbaren Aufführung beitrugen.

Giacomo Puccini wünschte sich Sänger*innen, die klangschön sangen, gut gestalteten und die Opernfigur ausdrucksvoll und überzeugend darstellten. Ich glaube, er wäre mit dem Ensemble in Bremerhaven (größtenteils) zufrieden gewesen. Auch wenn diese Inszenierung wie ein Fest der Übertreibungen wirkt, muss die Rollengestaltung entsprechend differenziert sein, um glaubhafte Charaktere abseits bloßer Klischees auf die Bretter zu stellen.

Tenor Jan Kristof Schliep zeigt, dass selbst eine kleine Rolle Präsenz besitzen kann: Mit Rückgrat und Strenge verleiht er dem alten Kaiser Altoum Profil.
Bass Ulrich Burdack gab einen bemitleidenswerten Timur, der trotz eingeschränkter Mimik aufgrund der Augenbinden den Schmerz und die Verzweiflung seiner Figur verdeutlichen konnte.
Sopranistin Victoria Kunze begeisterte mit ihrem gefühlvollen Spiel und feiner Phrasierung und zeigte so eindringlich die charakterliche Stärke ebenso wie die verletzte Seele der Sklavin Liù.
Bei Marcin Hutek, Andrew Irwin und Ido Beit Halachmi ist es mir schier unmöglich, einen von ihnen hervorzuheben, da sie als Ping, Pang und Pong (die queere Version von Tick, Trick und Track) sowohl gesanglich wie auch darstellerisch ganz wunderbar miteinander harmonierten und einander ergänzten. Zudem versprühten sie bei ihren schrillen Auftritten mit ihrem deftigen Witz einen herrlich burlesquen Charme, ohne das Tragische hinter der bunten Fassade ihrer Figuren zu verleugnen.

Mit „Nessun dorma/ Keiner schlafe“ schuf Puccini eine der bekanntesten, wenn nicht sogar die bekannteste Tenor-Arie. Dabei ist diese Arie erstaunlich kurz, so als wollte der Komponist eine vokale Essenz schaffen, die alles enthält, um einen Sänger herauszufordern. Da gibt es große Emotionen, wunderbare Gesangslinien sowie den Spitzenton h, der auf dem zuletzt gesungenen „Vincerò!“ gipfelt. Gerade mal läppische drei Minuten gibt der Komponist dem Tenor, um zu beweisen, ob er wirklich singen kann. Tenor Thomas Paul kann singen: Scheinbar mühelos schickte er seinen strahlenden Tenor über den Orchestergraben ins Publikum. Bis in die hohen Register führte er sicher seine Stimme. Bei der makellos vorgetragenen Arie „Nessun dorma“ erhielt er völlig zu Recht einen frenetischen Applaus vom begeisterten Publikum. Leider war seine Darstellung nicht auf einem ebenso hohem Niveau wie sein Gesang: Hier präsentierte sich Paul sehr eindimensional, zeigte wenig Variation in Gestik und Mimik, warf sich dafür mit großer Geste in die Heldenpose, interagierte sehr zurückhaltend mit seinen Bühnenpartner*innen und sang gerne direkt von der Rampe. Ich sah mir seine Performance an und reagierte mit einer Mischung aus „Amüsiert sein“ und „Erstaunen“: Amüsiert sein, da dieser Habitus schon beinah anachronistisch zum Stil der Inszenierung wirkte. Erstaunen darüber, dass es tatsächlich noch Sänger gibt, die diese antiquierten Opern-Manierismen weiterhin für sich kultivieren.

Agnes Selma Weiland in der Partie der Turandot blieb zwangsläufig nichts anderes übrig, als ebenfalls direkt von der Rampe zu singen, um so wenigstens auf einer Spiel-Ebene mit ihrem Bühnenpartner zu sein. Eine Vorgehensweise, die bei ihren anderen Kolleg*innen nicht vonnöten war, da hier ein intensives Zusammenspiel stattfand. Weilands Turandot war voller kindlichem Erstaunen über das, was sie in ihrem Drogenrausch halluziniert und zeigte dabei überzeugend das Benehmen einer Süchtigen: eben noch verlangsamt in ihren Bewegungen und kurz davor einzuschlafen, dann der große, leidenschaftliche Ausbruch voller Energie – immer bemüht, den Status der großen Diva der Stummfilm-Ära aufrechtzuhalten. Mit ihrem dramatischen Sopran stellte sie sich sicher allen Herausforderungen der Partitur und verlor auch in den Höhen nichts von ihrer Strahlkraft.

Abermals hat das Stadttheater Bremerhaven nachdrücklich den Beweis angetreten, was ein eher kleines Haus in der sogenannten Provinz zu leisten imstande ist. Doch ich bin eh der Meinung, dass sich „provinziell“ weniger auf einen Ort bezieht als vielmehr die Geisteshaltung eines Menschen beschreibt. 😏


Appetizer gefällig? Nichts leichter als das…


Noch bis Anfang des kommenden Jahres steht Puccinis Spätwerk TURANDOT auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven.

[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2024/2025 / Stadttheater Bremerhaven

mit der Ouvertüre zu RUSLAN UND LUDMILLA von Michail Glinka sowie Arien, Songs und Musiken von Alan Jay Lerner & Frederick Loewe, Sergei Prokofjew, Wolfgang Amadeus Mozart und Giacomo Puccini

mit Ausschnitten aus DER DIENER ZWEIER HERREN von Carlo Goldoni/ Kay Neumann, TARTÜFF ODER DER GEISTIGE von John von Düffel, WOLF von Saša Stanišić, DIE WELT ZWISCHEN DEN NACHRICHTEN von Judith Kuckart & Ensemble sowie dem Ballett ROMEO UND JULIA von Alfonso Palencia

Premiere: 31. August 2024 / besuchte Vorstellung: 31. August 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
CHOR Edward Mauritius Münch
SZENISCHE EINRICHTUNG Annika Ellen Flindt
MODERATION Lars Tietje, Marc Niemann, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia, Markus Tatzig

Musiktheater: Ulrich Burdack, Marcin Hutec, Andrew Irwin, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Agnes Selma Weiland (als Gast), Thomas Paul (als Gast)
Ballett: Melissa Festa, Arturo Lamolda Mir
Schauspiel: Frank Auerbach, Henning Z Bäcker, Anna Caterina Fadda, Leon Häder, Angelika Hofstetter, Kay Krause, Julia Lindhorst-Apfelthaler, Alexander Smirzitz, Marc Vinzing, Marsha B Zimmermann, Aom Flury (als Gast)
JUB: Janek Biedermann, Ulrich Fassnacht, Meike Hoßbach, Coco Plümer
Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


Die Tür der Tiefgarage öffnete sich und schlagartig war die Musik vom nahen Weinfest auf dem Theodor-Heuss-Platz zu hören. Auf dem Theatervorplatz standen einsam die Bühne sowie einige Pavillons und wartete auf ihren Einsatz beim morgigen Theaterfest. Aus den Fenstern des Theater erstrahlte warmes Licht und lockte mich ins Innere. Die neue Spielzeit konnte (durfte endlich) beginnen.

Eröffnet wurde die Gala mit der Ouvertüre zu RUSLAN UND LUDMILLA von Michail Glinka, die das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann energiegeladen vortrug und so die Gala voller Schwung eröffnete. Marc Niemann versprach ein Wiederhören mit diesem musikalischen Werk beim NEUJAHRSKONZERT, das zudem mit einer wunderbaren Besonderheit aufwarten wird. Doch auch unter dem Dirigat von Hartmut Brüsch und Davide Perniceni, die den Taktstock bei den Programmpunkten zu den ihnen anvertrauten Produktionen übernahmen, zeigten die Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters ihr Können.

„Never change a winnig team!“: Warum sollte etwas verändert werden, was sich nur allzu gut bewährt hat? Und somit führte abermals Intendant Lars Tietje hauptverantwortlich durch das Programm und bat bei passender Gelegenheit – sozusagen als „Sidekick“ – die jeweilige Sparten-Leitung in den Personen von Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia auf die Bühne.

Im Schauspiel beginnt die Spielzeit mit DER DIENER ZWEIER HERREN, einem Komödien-Klassiker von Carlo Goldoni, der durch Kay Neumann einen Bremerhaven-typischen Touch erhielt. Frank Auerbach, Henning Z Bäcker, Anna Caterina Fadda, Kay Krause, Alexander Smirzitz, Marsha B Zimmermann und Aom Flury zeigten in der dargebotenen Szene, wie viel Esprit in diesem Stück steckt.

Statt einer klassischen Operette gibt es in diesem Jahr ein Musical, das allerdings sehr in der europäischen Musik-Tradition verankert ist und seit der deutschen Erstaufführung zu den beliebtesten Werken seiner Gattung zählt: MY FAIR LADY. Mit sonorem Bass wünschte sich Ulrich Burdack charmant „Bringt mich pünktlich zum Altar“. Andrew Irwin bot bei „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“ mit fein-akzentuierter Stimme und schelmischen Spiel eine der besten Interpretationen dieses Songs, denen ich bisher – sowohl live wie auch auf CD – lauschen durfte. Gäbe es eine bessere Wahl für die Partie der Eliza Doolittle: Bei „Ich hätt’ getanzt heut’ Nacht“ brillierte Victoria Kunze mit ihrem wunderschönen Sopran wieder bis in die höchsten Töne. Flankiert wurden die Sänger*innen durch den bestens disponierten Opernchor, bei dem der neue Chordirektor Edward Mauritius Münch für die Einstudierung verantwortlich zeichnete.

Einer der Höhepunkt der jährlichen Gala ist stets die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. Gerne rätsele ich im Vorfeld mit, wer es werden könnte. In diesem Jahr tat ich es nicht, und so wurde ich von der Entscheidung ebenso überrascht wie die Preisträgerin selbst: Eine sprach- wie fassungslose Julia Lindhorst-Apfelthaler stand – schon mit den Requisiten für die nachfolgende Szene in der Hand – auf der Bühne und wurde für ihre herausragenden darstellerischen Leistungen geehrte. Absolut verdient: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Apropos Requisiten: Diese kamen direkt im Anschluss der Preisverleihung zum Einsatz bei einer Szene aus TARTÜFF ODER DER GEISTIGE, eine Wiederaufnahme aus der vergangenen Saison. Gemeinsam mit Marc Vinzing bot Julia Lindhorst-Apfelthaler einen pointierten wie witzigen verbalen Schlagabtausch.

In dieser Saison schenkt uns Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia mit ROMEO UND JULIA wieder ein Handlungsballett. Konnte bis vor wenigen Wochen die wohl bekannteste Liebesgeschichte der Welt noch auf der Sommerbühne als Schauspiel erlebt werden, wird sie nun mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Tanzes erzählt. Melissa Festa und Arturo Lamolda Mir tanzten in der berühmten Balkon-Szene voller Leidenschaft, Ästhetik und Sinnlichkeit zur Musik von Sergei Prokofjew.


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Das JUB (Junges Theater Bremerhaven) ist immer für eine Überraschung gut: Diesmal haben sie vom mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis geadelten Kinderbuch WOLF von Saša Stanišić eine eigene Fassung für die Bühne erarbeitet. In der gezeigten Szene mimten Janek Biedermann, Ulrich Fassnacht, Meike Hoßbach und Coco Plümer eine Gruppe Jugendlicher, deren Geduld während einer Waldwanderung zunehmend auf eine harte Probe gestellt wird.

Ich konnte mir ein „Das wird aber auch Zeit!“ nicht verkneifen, als ich erfuhr, dass Marcin Hutek in LE NOZZE DI FIGARO von Wolfgang Amadeus Mozart die Partie des Grafen Almaviva übernehmen wird. Hutek ist schon seit einigen Jahren Mitglied des Musiktheater-Ensembles, doch durfte bisher sein Talent „nur“ (!) in kleineren Rollen zeigen. Ich bin der Meinung, dass da eine große Partie längst überfällig war. Dass er fähig ist, diese mit seinem warmen Bariton zu gestalten, zeigte er mit dem Rezitativ „Hai già vinta la causa!“ und der anschließenden Arie „Vedrò, mentr’io sospiro“. Boshana Milkov überzeugte abermals mit ihrem tragfähigen, schön fließenden Mezzo in der Arie des Cherubino „Non so più“. Und auch bei diesem Medley würzte der Opernchor mit „Giovani liete fiori spargete“ die Szenerie mit seinem Gesang.

Die kommende Spielzeit hält etwas Besonderes bereit: Erstmals gibt es mit DIE WELT ZWISCHEN DEN NACHRICHTEN eine Kooperation des Stadttheaters Bremerhaven mit der bremer shakespeare company, wo das Stück abwechselnd auf dem Spielplan stehen wird. Eine „Night Radio Show“ bildet den Rahmen für Shakespeares Sonette und somit für die Geschichten der Menschen, die beim Moderator anrufen und aus ihrem Leben erzählen. Leon Häder und Angelika Hofstätter machten mit ihrem Auftritt neugierig auf diese ungewöhnliche Inszenierung.

Im Musiktheater wird die Saison mit TURANDOT von Giacomo Puccini eröffnet: In der Partie der Titelfigur machte Agnes Selma Weiland mit hochdramatischen Sopran mit der Arie „In questa reggia“ nachdrücklich auf sich aufmerksam. Mit der Tenor-Arie des Opern-Repertoires „Nessun dorma“ empfahl sich Thomas Paul sehr effektvoll für die Rolle des Calàf. Bei der emotionalen Arie „Diecimile anni al nostro Imperatore“ stand Agnes Selma Weiland der Opernchor an Dramatik in nichts nach.

Mit einem frenetischen Applaus, Standing Ovation, Bravo-Rufe und Begeisterungs-Pfiffe wurden nicht nur die Künstlerinnen und Künstler verabschiedet – vielmehr galt der Dank ebenso den vielen Menschen vor, hinter, neben und über der Bühne. Denn nur in der Gemeinschaft eines Teams ist es möglich, den Theaterzauber immer wieder erneut aufleben zu lassen. 💖


Mit dieser Eröffnungsgala beginnt die SAISON 2024/2025 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit seinem vielfältigen Programm begeistert.

[Oper] Richard Strauss – DER ROSENKAVALIER / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Richard Strauss / Libretto von Hugo von Hofmannsthal / in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 4. Mai 2024 / besuchte Vorstellungen: 10. & 16. Mai 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann / Hartmut Brüsch (10.05.)
INSZENIERUNG & BÜHNE Julius Theodor Semmelmann
KOSTÜME Carola Volles
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHÖRE Mario Orlando El Fakih Hernández
LICHT Thomas Güldenberg

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ BÜHNE & KOSTÜM María del Mar Sánchez Expósito
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Mahina Gallinger


Da saßen wir am Montag vor der Premiere bei der „Kostprobe“ im oberen Rangfoyer, blickten auf die kleine Bühne und staunten: Die Kostümabteilung hatte dort zur Anschauung drei Schneiderpuppen mit traumhaften Roben drapiert. Mit Ehrfurcht betrachteten wir die detailreiche und filigrane Arbeit, bevor Regisseur Julius Theodor Semmelmann sich den Fragen von Dramaturg Markus Tatzig stellte, die uns Einblicke in den Entstehungsprozess von DER ROSENKAVALIER gaben. Es ist Semmelmanns erste Regiearbeit, und er schwärmte in den höchsten Tönen über die Zusammenarbeit mit dem Stadttheater Bremerhaven. „Musste“ er sich als Bühnenbildner und Ausstatter bisher den Wünschen und Vorstellungen anderer Regisseure fügen, durfte er hier „in die Vollen gehen“ und ein Rokoko-Ambiente par excellence kreieren, wie er uns auch anhand von Bühnenbildentwürfen und Arbeitsproben vermittelte.

Die Frage aus dem Auditorium, ob sich ein solch großer Aufwand für nur 5 Vorstellungen überhaupt lohne, konterte er charmant mit „Es ist doch alles da!“. Oftmals können die Kolleg*innen in den Werkstätten ihr Können und ihre Kunst nicht gänzlich zeigen, da der verantwortliche Regisseur dies für seinen Inszenierungsstil nicht einfordert. Semmelmann berichtete von der Kollegin aus dem Malersaal, der vor Freude die Tränen kamen, da sie nun endlich einmal zeigen durfte, was sie in ihrer Ausbildung gelernt hatte. Auch bei den üppigen Kostümen griff man auf Stücke aus dem Fundus zurück und änderte diese entsprechend um, bzw. bei der Neu-Anfertigung wurden passende Stoffe verwendet, die schon vorhanden waren. Stichwort: Nachhaltigkeit!

Auch bzgl. einer Kuriosität in DER ROSENKAVALIER, die der Entstehungszeit der Oper geschuldet aber heute nicht tolerierbar ist, konnte Semmelmann uns beruhigen: Es wird kein Mohr auftreten. Stattdessen flattert ein kleiner Putto namens Cupiderl durch die Szenerie.

Eingedeckt mit diesen und vielen weiteren Informationen schlichen wir leise in die Sitzreihen des Rangs, um der laufenden Probe von DER ROSENKAVALIER zu lauschen…

Feldmarschallin Fürstin Werdenberg vergnügt sich in ihrem Schlafzimmer mit ihrem jungen Geliebten Octavian. Ihr Techtelmechtel wird durch das überraschende wie taktlose Eintreffen ihres Vetters, den Baron Ochs auf Lerchenau jäh unterbrochen. Octavian gelingt es im letzten Moment in die Kleider einer Kammerzofe zu schlüpfen. Dadurch entgeht er zwar den verdächtigen Blicken des Barons, muss stattdessen aber seine plumpen Annäherungsversuche über sich ergehen lassen. Um seine ständigen Geldnot zu lindern, gedenkt Baron Och die Tochter des wohlhabenden und frischgeadelten Herrn von Faninal zu ehelichen. Die Feldmarschallin schlägt vor, dass Octavian (von dessen Anwesenheit der Baron nichts ahnt) als Bräutigamsführer – den sogenannten Rosenkavalier – auftreten soll. Als Baron Ochs das Bild des Erwählten betrachtet, ist er von der Ähnlichkeit mit der Kammerzofe überrascht und vermutet, dass sie eine uneheliche Schwester des Grafen sei. Auch an diesem Tag strömen Massen an Bittsteller in die Gemächer der Feldmarschallin in der Hoffnung auf Zuwendung. Nach einer anstrengenden Audienz bleibt sie allein in ihren Gemächern zurück. Müde und erschöpft fühlt sie sich alt. Ihre Jugend scheint sie zunehmend zu verlassen, und so fürchtet sie, dass sie ihrem jungen Liebhaber bald nicht mehr genügen wird. Im Haus des Herrn von Faninal erwartet seine Tochter Sophie die Ankunft des Rosenkavaliers. Octavian erscheint in dieser Funktion, überreicht ihr die silberne Rose und verliebt sich augenblicklich in sie. Auch Sophie ist von dem charmanten Jüngling angetan. Kurz darauf stößt Baron Ochs dazu, der Manieren vermissen lässt und sich gegenüber Sophie ungehobelt verhält. Sophie fühlt sich von ihrem zukünftigen Ehemann regelrecht abgestoßen. Als sich Octavian und Sophie heimlich küssen, werden sie von Valzacchi und Annina, zwei italienischen Intriganten, verraten: Der Baron schenkt dieser Angelegenheit keine große Aufmerksamkeit, schließlich nimmt er es selbst mit der Treue nicht so genau. Doch Octavian fordert ihn auf, von Sophie abzulassen. Im Handgemenge verletzt er den Baron mit seinem Degen. Sophies Vater greift ein und droht, sie auf ewig ins Kloster zu schicken, sollte sie sich der Heirat verweigern. Hier kann nur eine List helfen: Kurz darauf überreicht Annina dem Baron einen Brief, durch den ihn die „Kammerzofe“ der Feldmarschallin zu einem geheimen Treffen in einem Wirtshaus einlädt. Der Baron hofft auf ein amouröses Techtelmechtel und nimmt die Einladung nur allzu gerne an. Allerdings haben Octavian, Valzacchi und Annina ihm eine Falle gestellt: Während der Baron gegenüber der „Kammerzofe“ wieder aufdringlich wird, erscheint die verkleidete Annina mit diversen Kindern im Schlepptau und behauptet, der Baron wäre der Vater und hätte sie und die Kinder schändlich im Stich gelassen. Der Baron gerät so sehr in Rage, dass sogar die Polizei einschreiten muss. In diesem Tumult tauchen – wie verabredet – Sophie und ihr Vater auf. Herrn von Faninal ist entsetzt über das Verhalten von Baron Ochs und verweigert ihm die Ehe mit seiner Tochter. Doch erst die eintreffende Feldmarschallin kann endgültig für Ruhe sorgen: Sie beschwichtigt die Polizei und sorgt dafür, dass der lüsterne Baron verschwindet. Ihr selbst bleibt nichts anderes übrig, als Octavian für die Hochzeit mit seiner geliebten Sophie freizugeben.

12 Tage später: Ich hatte mir sagen lassen, dass die Premiere glanzvoll über die Bühne gegangen war. Die Kritiker*innen waren danach nur voll des Lobes. Nun saß ich (an-)gespannt im Zuschauersaal des Stadttheaters Bremerhaven und wartete auf den Beginn der 2. Aufführung. Gespannt: Ich war voller Vorfreude, auf das, was ich in wenigen Minuten zu sehen und zu hören bekomme sollte. Angespannt: Mehrfach hatte ich vorab versucht, mich dem Werk rein akustisch anzunähern und bisher keinen befriedigenden Zugang bekommen. Da halfen mir bedauerlicherweise auch keine liebgemeinten Insider-Tipps aus dem Ensemble. Und so tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass ich vielleicht erst die theatralische Umsetzung benötigte, um so Verknüpfungen zwischen der Handlung, den Personen und der Musik herstellen zu können.

Von der Musik würde es überreichlich geben, wie mir ein staunender Blick in den Orchestergraben offenbarte. Dicht an dicht saßen die Musiker*innen neben- und hintereinander und wirkten, als hätte jemand mit ihnen Tetris gespielt, um jede noch so kleine Lücke auszufüllen. Der Dirigent erschien und hob seinen Taktstock. Schwelgerisch tobten Strauss’ Kompositionen aus dem Orchestergraben über den Bühnenrand zum Publikum hinauf in den Rang. Der rote Samtvorhang öffnete sich langsam und offenbarte eine Inszenierung mit Humor, Witz und Ironie, einen wahrgewordenen Opern-Traum, eine bunt-schillernde Seifenblase, einen überschäumenden Theater-Zauber voller Raffinesse, Stil und Klasse…


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Der rote Samtvorhang öffnete sich, und eine fiebrige Faszination nahm von mir Besitz und sollte auch den ganzen Abend über nicht weichen. Ja, ich war fasziniert – allerdings weniger von der Musik. Ich habe durchaus schon Abende im Musiktheater erlebt, da tröstete mich die Musik über so manchen inszenatorischen Firlefanz des modernen Regietheaters hinweg. Hier war es genau umgekehrt.

„Sorry, Richy, doch ich fürchte, wir werden 
musikalisch nicht die besten Freunde.“

Julius Theodor Semmelmann kann sein ursprüngliches Metier nicht verleugnen (und sicher will er es auch nicht). Genauso akribisch und bis ins kleinste Detail ausgefeilt wie er seine Bühnenbilder gestaltete, ging er auch bei seiner ersten Regie-Arbeit vor: Nichts schien dem Zufall überlassen, jede Geste und jeder Blick wirkte begründet, jede Handlung war wohldurchdacht. Da meinte ich sogar ein paar neckische „Easter Eggs“ mit Bezug zum Haus bzw. zur Stadt, die vielleicht nur Kennern auffallen könnten (wenn überhaupt), zu entdecken: Flatterte zwischen all den exotischen Vögeln in der Voliere der Feldmarschallin nicht auch eine Möwe herum? Und steckte unter der rosa gepuderten Perücke vom Frisör nicht Chefmaskenbildner Henrik Pecher höchstpersönlich, um der Feldmarschallin die Haare hingebungsvoll zu ondulieren?

Dabei wirkte es auf mich, als hätte Semmelmann sich bei seinem Konzept von den Motiven „Aufbruch“ und „Vergänglichkeit“ leiten lassen. Da haben wir auf der einen Seite die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg, die – zwar noch jung an Jahren – ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusst ist und deren Halten an bestehenden gesellschaftlichen Normen nicht nur Bürde sondern auch Schutz darstellt. Auch Herr von Faninal klammert sich an diese gesellschaftlichen Normen, da sie Ansehen, Ruhm und ein sicheres Leben für sich und seine Familie bedeuten. Baron Ochs auf Lerchenau ist es egal, von welcher Gesellschaft er schmarotzt, da er sich überall und nirgends zurechtfinden würde. Auf der anderen Seite stehen die jungen Leute Sophie und Octavian, die bereit sind, in eine neue, noch unsichere Welt aufzubrechen. Sophie ist da deutlich wagemutiger als Octavian: Allzu gerne hätte sie den Geliebten an ihrer Seite, doch sie wäre nicht bereit, ihre Prinzipien abermals einem Mann unterzuordnen. Octavian steht zwischen der alten und der neuen Welt und fühlt sich hin und her gerissen zwischen seiner Zuneigung (oder ist es doch eher Loyalität?) zur Fürstin und seiner frischen, reinen Liebe zu Sophie. Er muss sich entscheiden…!

Auch an den Kostümen von Carola Volles ist die Haltung bzw. Entwicklung der Figuren wahrnehmbar: Da überraschen zwischen all der farbigen Üppigkeit des Rokokos moderne Kostümteile und Accessoires und lassen so Rückschlüsse auf die Haltung der Figuren zu – seien es die sportiven Trekkingschuhe an den Füßen von Ochs oder die feschen Hipster-Sonnenbrillen bei Valzacchi und Annina. Besonders auffällig wird es beim Schlussbild, in dem die Feldmarschallin und Herr von Faninal im vollen Ornat auftreten, Octavian einen Mix aus Kleidungsstücken der unterschiedlichen Welten trägt und Sophie das Rokoko-Gewand abgestreift hat und sich als moderne und selbstbewusste junge Frau präsentiert. Ansonsten gelang Volles das bewundernswerte Kunststück, dass sie für jede aber wirklich absolut jede Figur das passende Kostüm kreierte, das den jeweiligen Charakter gar trefflich und höchst individuell porträtierte.

Selbst die Bühnenbilder werden Opfer des Motivs „Vergänglichkeit“: Wie ein Kaleidoskop sich dreht und immer wieder neue Bilder zusammensetzt, so dreht sich auch die Bühne. Das Boudoir der Feldmarschallin aus dem 1. Akt wird in seine Einzelteile zerlegt und für die Wirtschaft im 3. Akt wieder „anders“ zusammengefügt. Die üppige Pracht im 2. Akt besteht „nur“ aus bemalten Leinwänden, zwischen denen sich – einer Spieluhr gleich – die Möbelstücke in Position drehen und somit zeigen „Es ist alles nur Fassade!“. Dabei kann das Publikum stets an jedem Bühnenbild vorbei in den hinteren Bühnenraum schauen, so als wollte Semmelmann betonen, dass in dieser Gesellschaft mehr „Schein“ als „Sein“ vorherrscht.

Die Bühne war mit Solisten, Opernchor, Kinderchor und Extrachor nebst Statisterie reichlich bevölkert, und so befürchte ich beinah, dass ich bei meiner nun folgenden Lobhudelei mit Sicherheit jemanden vergessen werde: Ich bitte vielmals um Entschuldigung!

Die Chöre waren nicht nur zahlenmäßig groß, auch stimmlich und darstellerisch waren sie mächtig und gestalteten ihre jeweiligen Partien mit Agilität und Spielfreude. Katharina Diegritz war eine entzückend flatterhafte „Jungfer Marianne Leitermeisterin“ und nahm zudem die reizenden Kinder des Kinderchores sanft unter ihre Fittiche. Miloš Bulajić stattete den „Sänger“ mit den wichtigsten Attributen seiner Zunft aus: große Geste und tenoralem Schmelz. Andrew Irwin und Eva Maria Summerer füllten die Buffo-Partien „Valzacchi“ und „Annina“ mit Charme und Esprit aus. Marcin Hutek amüsierte als „Herr von Faninal“ mit Ahnungslosigkeit und wirrer Überforderung. In der stummen Rolle „Cupiderl“ tobte Laura Gabrielli voller überschäumender Clownerie über die Bühne und war Amor, Hermes und Luzifer in Personalunion. Philipp Mayer gab den „Baron Ochs auf Lerchenau“ mit lakonischem Witz und einer gehörigen Portion Bauernschläue. Bis ins tiefste Register ließ er seinen voluminösen Bass ertönen, ohne an Flexibilität einzubüßen.

Doch an diesem Abend standen abermals die drei Künstlerinnen auf der Bühne, die schon im vergangenen Jahr gemeinsam in BREAKING THE WAVES für Furore sorgten:

Victoria Kunzes schlanker, wendiger Sopran erklang silbrig-fein bis in die höchsten Töne. Ihre Sophie erduldet nicht sittsam, was über ihren Kopf hinweg entschieden wird. Vielmehr zeigt sie eine deutliche Haltung mit klaren Moralvorstellungen. Doch durch die Hülle der Jugend lässt Kunze auch eine gefestigte Ernsthaftigkeit schimmern, die der Figur die nötige Tiefe verleiht.

Signe Heibergs Stimme scheint über ein schier unendliches Volumen zu verfügen, das sie aber nur äußert geschmackvoll und mit einem feinen Gespür für Nuancen einsetzt. Ihre Feldmarschallin ist ganz Menschenfreundin, die voller Güte und Fürsorge auf die Ihren achtet. Doch sie ist nicht nur Herrscherin, sie ist auch Frau und weiß um ihre Vergänglichkeit. So zieht ein feiner Hauch von Melancholie und Traurigkeit durch Heibergs Rollenporträt.

Titelgebend und somit in der Partie, die die Fäden in der Hand behält, brilliert Boshana Milkov mit ihrem warmen, üppigen Mezzo mit samtenen Timbre. Bei ihr ist Octavian einerseits der Jungspund, der zum ersten Mal die Liebe überschwänglich kostet und beinah darin zu ertrinken droht. Gleichzeitig lässt Milkov die innere Zerrissenheit der Figur erahnen, die zwischen der Zuneigung zweier Frauen schwankt. Jede liebt er auf seine sehr individuelle Weise, und jede verdient seinen Respekt. Hier zeigt Milkovs Octavian eine charakterliche Reife, die allen anderen Männern in diesem Stück fehlt.

Und abermals ergänzten sich Victoria Kunze, Signe Heiberg und Boshana Milkov gar wunderbar in ihrem Zusammenspiel und vereinten ihre Stimmen ganz exquisite in einer berührenden Harmonie.

„Okay, Richy, das muss ich dir lassen:
Die Final-Szene hast Du echt klasse hingekriegt!“

Da saß ich nun im Theater, lauschte dem Gesang dieser drei großartigen Künstlerinnen, ein Schauer strich über meine Haut, und eine erste Träne rann mir über die Wange. So schön…!

❤️


Wer nun die unbändige Lust verspürt, mehr von DER ROSENKAVALIER zu erfahren, der/die…

…lauscht den Worten von Regisseur  Julius Theodor Semmelmann,…

…kann den talentierten Bühnenmaler*innen dank dem Bericht Detailverliebt – die wundervolle Bühnenmalerei für „Der Rosenkavalier“ von Björn Gerken auf LOGBUCH BREMERHAVEN bei der Arbeit über die Schultern schauen,…

…oder lässt sich bei #angeklopft von Boshana Milkov und Marcin Hutek Interessantes zu ihren Partien berichten.


Hurtig, hurtig! DER ROSENKAVALIER lässt sich im Stadttheater Bremerhaven nur für einige wenige Vorstellungen im Mai in amouröse Abenteuer verstricken.

[Oper] Antonín Dvořák – RUSALKA / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Antonín Dvořák / Libretto von Jaroslav Kvapil / in tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 25. Dezember 2023 / besuchte Vorstellung: 7. Januar 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG Johannes Pölzgutter
BÜHNE & KOSTÜME Michael Lindner
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Mario El Fakih Hernández
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
INSPIZIENZ Mahina Gallinger


Wenn das nicht der Trend für den Städte-Tourismus 2024 wird: Nicht nur Kopenhagen hat eine Meerjungfrau, auch andere Hafenstädte können mit einer eigenen Version aufwarten. Nun schickt auch Bremerhaven eine Meerjungfrau ins Rennen um die Gunst des Publikums. Allerdings sitzt diese nicht auf einem Stein im Hafenbecken und schaut verträumt in die Ferne. Vielmehr robbt sie höchst athletisch über die Bühne des Stadttheaters und hört auf den Namen RUSALKA.

An einem nächtlichen Waldsee necken drei Waldelfen den alten Wassermann. Doch der hat ganz andere Sorgen: Seine Tochter Rusalka träumt von einer Seele, die sie fühlen, vor allem aber lieben lässt, und die den Wasserwesen nicht gegeben ist. Rusalka hat sich in einen Prinzen verliebt, den sie bei einer nächtlichen Jagd gesehen hatte. Ihr Vater ist entsetzt und warnt sie vor der Menschenwelt, bevor er wieder zum Grund des Sees abtaucht. Doch Rusalkas Sehnsucht nach Liebe ist so groß, dass sie die heimtückische Hexe Ježibaba um Hilfe bittet. Diese macht aus ihrem Fischschwanz zwei Beine, nimmt ihr aber die Sprache. Auf der Jagd ist der Prinz vom Weg abgekommen und findet sich schließlich am Ufer des Sees wieder. Hier trifft er auf die stumme, hilflose Rusalka. Er nimmt sie, bereits in sie verliebt, mit auf sein Schloss. Dort löst die stumme Unbekannte mit ihrem eigentümlichen Benehmen bei der Schloss-Gesellschaft Befremden aus. Als Wasserwesen ist sie für die Liebe nicht geschaffen und kann den Avancen des Prinzen nicht nachgeben. Dieser tröstet sich mit einer fremden Fürstin, die den Prinzen nur aus Eitelkeit, nicht aus Liebe verführt. Diese Untreue bricht Rusalka das Herz, und sie wünscht sich zurück in die Wasserwelt. Ihr Vater erscheint und erlaubt ihr, ihm in die Wasserwelt zu folgen. Doch aufgrund ihrer Verzauberung kann sie kein Wasserwesen mehr sein, vielmehr ist sie gezwungen, als ein todbringendes Irrlicht umherzuwandern. Dem Prinzen quält die Reue über seinen Verrat, und obwohl er nun weiß, dass Rusalka kein menschliches Wesen ist, liebt er sie weiterhin. Der Jäger und der Küchenjunge wagen sich zur Hexe Ježibaba mit der Bitte, ihren scheinbar von Rusalka verhexten Prinzen von diesem Fluch zu befreien. Die Hexe verspottet sie und jagt sie davon. Dann erscheint der Prinz persönlich am See und bittet Rusalka reumütig um einen Kuss als Vergebung. Rusalka, die ihn immer noch liebt, warnt ihn, dass ihr Kuss ihn töten würde. Doch der Prinz verzehrt sich so sehr nach ihr, dass er sie abermals um diesen Kuss bittet. Rusalka erfüllt die Bitte und küsst den Prinzen, der darauf stirbt. Sie entschwindet daraufhin auf ewig in den dunklen Wald.

Märchenseligkeit á la Disney?! Nein, damit erfreut Regisseur Johannes Pölzgutter das Publikum nicht. Er lässt durchaus das Märchenhafte der Geschichte in seiner Interpretation durchschimmern, kredenzt aber auch sehr vieles, was kantig, sperrig, beinah urwüchsig anmutet. Seine Inszenirung besticht durch eine präzise Personenführung und der Fokussierung auch auf die Nebenrollen, die dadurch deutlich an Profil gewinnen. Klar voneinander abgegrenzt zeigt er die Menschen- gegenüber der Mythenwelt. Rusalka wünscht sich eine Seele: In der Interpretation von Pölzgutter werden die Menschen oberflächlich und gefühlskalt dargestellt, denen Prestige und eine öffentlichkeitswirksame Selbstdarstellung über alles geht. Im Vergleich dazu konzentrieren sich die Wasserwesen auf das Wesentliche, auf die inneren Werte. Da zeigen die angeblich kalten „Fische“ viel mehr Seele als die ach so gefühlvollen Menschen.

Stichwort „Fische“: Ausstatter Michael Lindner schuf ein stimmiges Ambiente, bei dem die Welt der Wasserwesen permanent präsent war, sei es bei den schuppenartigen Kleidern von Rusalka und der Hexe, dem Neoprenanzug des Jägers, der Wandgestaltung im Schloss oder mit einem überdimensionalem Glaskasten, der an ein Aquarium erinnerte.


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In der Titelrolle überzeugte abermals Sopranistin Signe Heiberg auf ganzer Linie. Es gelang ihr mit Haltung, Gestik und Mimik, aber vor allem mit ihrem seelenvollen Blick ihrer Rusalka mit einer Aura der andauernden Melancholie zu umgeben. Mit nuanciert-geführter Stimme brillierte sie beim „Měsíčku na nebi hlubokém / Lied an den Mond“, mit expressiven Sopran gestaltete sie bei „Necitelná vodní moci / Unendlich Herzeleid“ die Empfindungen Rusalkas von Resignation bis Schmerz. Zudem zeigte sie in dieser Partie erneut, welch exzellente Schauspielerin sie ist.

Rein Optisch entsprach Konstantinos Klironomos dem Idealbild eines Prinzen aus dem Märchen. Dabei ist dieser Prinz ein oberflächlicher Fatzke, ein egoistisches und verwöhntes Bürschchen, gewohnt, das Bedienstete hinter ihm herräumen und Bewunderer ihn schmeichelnd umgarnen. Es verwundert kaum, dass die gefühlvolle Rusalka mit diesem „schönen Schein“ wenig anzufangen weiß. Auch hier sorgt Pölzgutter mit einer kleinen Änderung, dass die Figur ein differenzierteres Profil erhält: In dieser Inszenierung lässt sich der Prinz nicht von Rusalka den todesbringenden Kuss geben, vielmehr greift er zum Messer und sticht sich selbst in die Brust. Meine Interpretation: Er möchte Rusalka nicht die Schuld aufbürden, für seinen Tod verantwortlich zu sein, und zeigt hier erstmals ein selbstloses Verhalten. Klironomos sang diese Partie anfangs mit protziger tenoraler Kraft, um im emotionalen Finale dann schöne lyrische Töne anzuschlagen.

Charakterlich würde die fremde Fürstin viel besser zum Prinzen passen, die Julia Mintzer mit üppigen Sopran und reichlich Sex-Appeal ausstattet. Dabei wirkte sie berechnend und emotionslos und war so viel mehr eine Antipathie-Trägerin als die böse Hexe Ježibaba.

Boshana Milkov punktete schon bei ihrer ersten Arie „Čury mury fuk / Abra, cabra, fort“ mit ihrem satten Mezzo-Sopran, zeigte in ihrer Rollengestaltung der Hexe alle Attitüden einer Bösewichtin und spielte diese genüsslich aus. Trotzdem blitzten immer wieder hinter der Fassade der Bosheit auch tragische Züge hervor, die diese Figur so ambivalent machten. Johannes Pölzgutter schuf ein unsichtbares Band zwischen Rusalka und Ježibaba, indem er die beiden Sängerinnen sich teilweise synchron zueinander bewegen ließ. Dann wieder schienen sich die Bewegungen der Beiden zu spiegeln, als würde die Jüngere das Schicksal der Älteren wiederholen.

Der Regisseur arbeitete mit Doppelsymbolik: So reproduzierte sich Rusalkas Verlust ihrer Flosse durch das Messer der Hexe mit der Häutung eines erlegten Tieres durch den Jäger. Charisma und Maskulinität (Attribute, die gemeinhin bei der Rolle eines Prinzen vermutet wird) zeigte Marcin Hutek mit warmen Bariton als Jäger, der zwar unter den Allüren seines Herren litt, trotzdem loyal hinter ihm stand und so seine edle Haltung zeigte. Ansonsten kann ich hier nur nochmals meinen Wunsch anbringen, den ich schon bei TOSCA geäußert hatte: Wann darf ich Marcin Hutek endlich in einer großen Partie erleben? Victoria Kunze sorgte als drolliger Küchenjunge für die wenigen humorigen Momente des Stücks,  amüsierte mit quirligem Spiel und überzeugte mit ihrem blendenden Sopran. Als Waldelfe war sie zudem – gemeinsam mit Minji Kim und Maria Rosenbusch – ganz und gar entzückend.

Ulrich Burdack verbrachte in der Rolle des Wassermanns ca. 90% seiner Spielzeit – körperlich sicherlich sehr herausfordernd – robbend und rollend auf dem Bühnenboden. Mit deformiertem Schädel und einem Körper, der übersäht war mit Warzen und Haaren, glich er eher einer Kröte als einem stattlichen Meermann. Bei dieser anspruchsvollen Bass-Partie gibt es ungewöhnlich hohe Passagen, mit denen sich Burdack außerhalb seiner gesanglichen Komfortzone wagte. „Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“ lautet ein Sprichwort. Würden wir alle immer auf Nummer sicher gehen, gäbe es keine Weiterentwicklung. Dies gilt für Sänger*innen ebenso wie für mich als Krankenpfleger. Mit lyrischem Bass beklagte er mitleidsvoll in „Celý svět nedá ti, nedá / Wehe dir, Rusalka, wehe“ das Schicksal seiner Tochter. Durch sein nuancenreiches und sensibles Spiel schaffte es Burdack, dass der noble Charakter des Wassermanns die weniger ansprechende Optik überstrahlte und diese vergessen machte.

Getragen wurden die Stimmen der Sänger*innen durch das bestens disponierte Philharmonische Orchester Bremerhaven unter der musikalischen Leitung von Marc Niemann. Niemann schuf mit den Musiker*innen eine enorme Klangfülle. Er lässt er das Orchester bei den dramatischen Szenen musikalisch auftrumpfen, um wenige Augenblicke später die filigranen Arien sensibel zu untermalen. Dabei besticht das Orchester durch seine instrumentale Feinheit.

Anmerkung: Die Oper wird auf Tschechisch vorgetragen. Als ich dies erfuhr, war auch ich nicht vor Vorurteilen gefeit. Erwartete ich doch ein eher ungewohntes, wenn nicht sogar irritierendes Hör-„Vergnügen“. Umso mehr überraschte mich die Melodik dieser Sprache, die zusammen mit Dvořáks Musik eine wunderbare Einheit bildete.


Leider steht RUSALKA nur noch für einige wenige Vorstellungen auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven.

[Oper] Engelbert Humperdinck – HÄNSEL UND GRETEL / Stadttheater Bremerhaven

Märchenoper von Engelbert Humperdinck / Libretto von Adelheid Wette

Premiere: 4. November 2023 / besuchte Vorstellungen: 11. & 23. November 2023 / Premiere der Wiederaufnahme: 7. Dezember 2024 / besuchte Vorstellung der Wiederaufnahme: 22. Dezember 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni / Hartmut Brüsch (22.12.)
INSZENIERUNG Marie-Christine Lüling
BÜHNE & KOSTÜME Judith Philipp
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Mario El Fakih Hernández / Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
KINDERCHORASSISTENZ & STIMMBILDUNG Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
THEATERPÄDAGOGIK Elisabeth Schneider


Als im vergangenen Jahr im digitalen Adventskalender des Stadttheaters Bremerhaven gleich zwei Versionen des „Abendsegens“ aus HÄNSEL UND GRETEL erklangen, wagte ich dreist, Intendant Lars Tietje via Instagram die Frage zu stellen, wann mit dieser Oper endlich am Stadttheater zu rechnen wäre. Seine Antwort fiel knapp aber äußerst vielversprechend aus:

„Bald!“

Kaum ein Jahr später verirrt sich dieses berühmte Geschwisterpaar auch schon im Bremerhavener Watt – Äh! – Wald…! 😄

HÄNSEL UND GRETEL ist – neben LA BOHÈME – die Oper, die ich am häufigsten auf der Bühne anschauen durfte. Kaum ein anderes musikalisches Werk trifft so sehr meinen romantischen Nerv. Schon beim Klang der Ouvertüre beginne ich dahin zu schmelzen, und spätestens beim „Abendsegen“ habe ich mich emotional völlig verflüssigt. „Schuld“ daran ist diese unwiderstehliche Mischung aus bekannten Volksweisen, träumerischen Melodien und großen orchestral-üppigen Kompositionen, die Engelbert Humperdinck hier so vortrefflich miteinander vereint hat. Leider scheint dieses Werk aber auch prädestiniert zu sein, die Phantasie von einigen (über-)ambitionierten Regisseur*innen herauszufordern: Da präsentierten sich Hänsel und Gretel in der Vergangenheit durchaus auch mal als Punks, die in der Drogenhöhle der Hexe keine Lebkuchen sondern Joints „naschten“. Oder die beiden Partien von Mutter und Knusperhexe wurden von ein und derselben Sängerin verkörpert, um so im Sinne der Sozialpsychologie die Ambivalenz in der Beziehung zwischen der Mutter und den Kindern zu verdeutlichen… …bla bla bla! Wer es darauf anlegt, könnte in jeden Text und jedes Libretto je nach Intention so allerlei hineininterpretieren. Wobei ich der Meinung bin, dass es – insbesondere bei einem musikalischen Werk – Grenzen in der Interpretation gibt, die von der Musik vorgegeben werden.

Marie-Christine Lüling überzeugt bei ihrer Inszenierung mit einer charmanten und wohltuend unaufdringlichen Modernisierung, ohne den märchenhaften Charakter des Werkes zu vernachlässigen. Es beginnt schon mit der fein inszenierten Ouvertüre, die sich wortlos vor dem geschlossenen Vorhang abspielt. Hänsel und Gretel sind anfangs zwei hyperaktive Gören mit einer Tendenz zum ADHS, die sich rüpelhaft gegenüber der alten Nachbarin verhalten und ihre Eltern beinah in den Wahnsinn treiben. So war es mehr als verständlich, dass die beiden überforderten Erziehungsberechtigten (erfolglos) versuchen, ihren Nachwuchs ins Bett zu scheuchen, um sich endlich eine wohlverdiente Pause gönnen zu können. Im verwunschenen Wald gleiten die Geschwister im Schlaf hinüber in einen phantastischen Traum, der sie zu einer Hexe führt, die verdächtig viel Ähnlichkeit mit der Nachbarin aufweist. Lülings Konzept überrascht mit so manchen gut durchdachten, aufeinander aufbauenden Details, warf aber auch die eine oder andere Frage auf – insbesondere dann, wenn das Libretto etwas anderes aussagt als das, was auf der Bühne gezeigt wurde. Doch dieser Umstand störte absolut nicht das Gesamtbild, da die Inszenierung mit guten Ideen punktet und sehr viel fürs Auge zu bieten hat.

Ausstatterin Judith Philipp hat die Optik dieser Inszenierung deutlich aber dezent der Erlebniswelt und somit den Sehgewohnheiten der heutigen Kindergeneration angepasst. Bei ihr werden die Engel zu Waldgeistern und entspringen direkt aus dem Kinderzimmer von Hänsel und Gretel: Die Spielsachen und Plüschtiere entwickeln ein Eigenleben, und so wachen Rabe, Puschel, Dino, Nordchen und Friedel beschützend über den Schlaf der Geschwister. Bedauerlicherweise sind von den ursprünglich 14 Engeln nur noch 5 Waldgeister übrig geblieben, was für mich den Zauber in dieser Szene etwas minimierte. Der Wald wächst dschungelartig-üppig aus dem Schnürboden hinab zur Erde. Das Hexenhaus wirkt wie die Geschenkverpackung aus einer Confiserie. Hier knabbern Hänsel und Gretel nicht an Lebkuchen, vielmehr naschen sie an Donuts, Schaumzucker, Macarons und Lollis. Auch die verzauberten Kinder bestehen nicht aus Lebkuchen sondern sind zuckersüße Marshmallow-Männchen.

Ⓒ Foto Stadttheater Bremerhaven. HÄNSEL UND GRETEL

Das Taumännchen: Von der Kinderzeichnung über die Figurine zum Kostüm auf der Bühne.

Im Vorfeld fand ein Workshop mit Grundschul-Kindern statt, bei dem die Schüler*innen unter der Anleitung der Theaterpädagoginnen eigene Figuren zu Taumännchen, Sandmännchen und den Engeln/Waldgeistern entwickeln konnten. Die phantasievollen Kreationen sind dann in die Entwürfe von Judith Philipp eingeflossen. Eine großartige und nachahmenswerte Vorgehensweise, um in einer Inszenierung die Ideen von Kindern für Kinder sichtbar zu machen.


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Unter der musikalischen Leitung des 1. Kapellmeisters Davide Perniceni bot das Philharmonische Orchester Bremerhaven genau das, was ich eingangs bereits erwähnt und mir so sehr erhofft hatte: Schwelgerisch strömten die Melodien aus dem Orchestergraben. Dramatisch akzentuiert lässt Perniceni die Musiker das Geschehen auf der Bühne kommentieren, um im nächsten Augenblick die Gesangsstimmen der Sänger*innen fein nuanciert unterstützen zu lassen. Schön!

Das Stadttheater Bremerhaven gönnt sich den Luxus und besetzt die Partien von Sandmännchen und Taumännchen jeweils mit einer Sängerin. Aufgrund der Überschaubarkeit der Rollen (oder aus Kostengründen) werden diese auch gerne von nur einer einzigen Sopranistin verkörpert, was allerdings durchaus zur Folge haben kann, dass die Partien sehr ähnlich interpretier werden. Doch manchmal gibt es auch für Sänger*innen Termine, die unaufschiebbar sind: In der besuchten Vorstellung übernahm Marlene Mesa neben ihrer Rolle als Sandmännchen auch für die verhinderte Kollegin die Rolle des Taumännchen und verlieh beiden Partien ein eigenständiges Profil. Ihr Sandmännchen amüsierte mit einer sympathisch-drolligen Gemütlichkeit, während sie das Taumännchen vor positiver Energie überschäumen ließ. Die junge Künstlerin gestaltete ihre Solis mit sehr viel Wärme und erfreute mit einer individuellen Klangfarbe in ihrer Stimme.

Die gestressten Eltern werden von Eva Maria Summerer und Marcin Hutek verkörpert. Die Hektik, Überforderung und Anspannung der Mutter spiegeln sich passenderweise in der Stimme von Eva Maria Summerer wider: Ein klassischer Schöngesang wäre auch völlig fehl am Platze wäre. Der Vater von Marcin Hutek wirkt da deutlich gemächlicher und versucht im chaotischen Haushalt für Ruhe zu sorgen. Dabei sind seine Maßnahmen, um die Kids zur Räson zu bringen, nicht unbedingt „pädagogisch wertvoll“. Bei „Wenn sie sich verirrten im Walde“ zitiert Hutek mit seinem warmen, flexiblen Bariton beinah ein Horrorszenario herauf, nur um die Gören im Bett zu halten. Einziger Kritikpunkt sowohl bei Summerer als auch bei Hutek: Bei Beiden hätte ich mir eine bessere Textverständlichkeit gewünscht.

Andrew Irwin zeigt – auch dank Maske und Kostüm – abermals sein Wandlungsfähigkeit: Doch was nützt die schönste Maske, wenn der Künstler ihr kein Leben einhauchen könnte. Anfangs als alte Nachbarin war er noch bemitleidenswert unsicher auf den Beinen, ließ da aber schon nur mit einem Blick die Bedrohung erahnen. Bei seinem ersten Auftritt im Wald schwebt er spektakulär vom Himmel herab, um sich dann in einen „Devil on Drag“ zu verwandeln, der die Bühne einem Laufsteg gleich für sich einnimmt. Dabei variiert er seine Stimme vom tenoralen Ausbruch bis zum verführerischen Gesäusel und bleibt trotz rollenbedingtem Gezicke und Gezeter der faszinierende Anti-Held.

Mit Boshana Milkow und Victoria Kunze verkörpern zwei talentierte Künstlerinnen die Titel-Partien, die ihre immense Spielfreude mit Feingefühl und Takt verbinden, sodass zu keinem Zeitpunkt der feine Grad zwischen kindlichem Enthusiasmus und peinlicher Übertreibung überschritten wurde. Vielmehr spielen sich die Beiden immer wieder schelmisch die Bälle aka die Pointen gegenseitig zu. Von kleinen Gesten über gegenseitige Frotzelei bis zum liebevollen Gute-Nacht-Kuss zeigen sie ganz und gar entzückend die innige Verbundenheit des Geschwisterpaares. Dass sie zudem wundervolle Sängerinnen sind, habe ich in der Vergangenheit schon häufig und ausführlich erwähnt. Hier überzeugen sie abermals in ihren Solis mit fein geführten Gesangslinien und harmonieren ausgesprochen stimmschön in den reichlich vorhandenen Duetten. Stichwort: „Abendsegen“: Seufz!

Apropos „kindlicher Enthusiasmus“: Nicht nur der Opernchor erfuhr durch Chordirektor Mario Orlando El Fakih Hernández in den letzten Jahren eine Frischzellenkur. Gemeinsam mit Katharina Diegritz formte er ebenfalls einen ganz und gar wunderbaren Kinderchor, dessen jugendliche Mitglieder so entzückend natürlich agierten und dabei auch noch ganz famos sangen. Bravo!

In diesen verrückten Zeiten schenkt das Stadttheater Bremerhaven seinem Publikum mit dieser Inszenierung eine Rundum-Wohlfühl-Packung: 2 Stunden lang durfte ich mich einfach nur fallen lassen und konnte so meine Sorgen um mich herum sowie das Chaos auf dieser Welt vergessen. Danke! 💖


Nachtrag zum 23. November 2023: Manchmal komme ich in den luxuriösen Genuss und darf mir eine Inszenierung mehrmals anschauen. In diesem Fall habe ich es meinem Gatten zu verdanken, der beim ersten Besuch malade daheim bleiben musste. Doch dann hat er so sehr gequengelt, dass ich des lieben Friedens willen abermals Karten orderte.

So saßen wir gestern im Stadttheater Bremerhaven in einer Aufführung der Märchenoper HÄNSEL UND GRETEL. Und während für meinen Gatten alles aufregend neu war, konnte ich mich entspannt zurücklehnen, da ich mich weniger auf die Haupthandlung konzentrieren brauchte. Dafür durfte ich mehr die vielen, kleinen charmanten Details genießen, die mir teilweise beim ersten Anschauen völlig entgangen sind (Hat der Mond mir bei meinem ersten Besuch auch schon vom Bühnenhimmel zugeblinzelt?). Diesmal stand als Taumännchen die junge Sopranistin Annemarie Pfahler auf der Bühne, die diesen Part entzückend gestaltete. Für den erkrankten Kollegen übernahm Bariton Patrick Ruyters die Partie des Vaters. Ruyters ist Mitglied des Opernchores und bewies nachdrücklich, dass die dortigen Sänger*innen weit mehr sind als nur „die 2. Reihe“. Naja, und das vokale Dreigestirn, bestehend aus Hänsel, Gretel und Knusperhexe, war abermals exquisit…!

Ich bin so froh, dass ich als Zuschauer in meiner Sichtweise und Wahrnehmung nicht so festgefahren bin, dass ich ungewöhnliche Regie-Konzepte nicht zu schätzen wüste. Vielmehr empfinde ich es als eine wunderbare Chance, dass ich in einem mir bekannten Werk überraschend neue Aspekte entdecken darf.

Ich glaube, dass es gerade bei HÄNSEL UND GRETEL schier unmöglich ist, den Geschmack aller zu treffen, da viele Erinnerungen mit diesem Werk verknüpft werden. Diese Erinnerungen können es durchaus erschweren, sich unvoreingenommen einer Inszenierung zu nähern. Der daraus resultierende Unmut wird dann von einigen „Theater-Fans“ ungefiltert in die Hemisphäre gepustet. Da tauchen dann so manche „kritische“ Kommentare in den sogenannten sozialen (!) Medien auf, die weit weniger etwas über die Inszenierung als vielmehr etwas zur Geisteshaltung des Verfassers aussagen. Da gab/gibt und wird es bedauerlicherweise wohl immer geben die ewig Gestrigen und permanent Traditionellen, die eine starre Vorstellung davon haben, wie eine gelungene HÄNSEL UND GRETEL-Inszenierung auszusehen hat. Abweichungen unerwünscht! Entsprechen besagte Abweichungen nicht ihren Vorstellungen, dann taugt die gesamte Aufführung nichts, und selbst die musikalischen Qualitäten von Orchester und Sänger*innen-Ensemble verschwinden hinter dem vernichtenden Urteil. Da wird von der „schrecklichsten Produktionen, die ich je gesehen habe“ gepoltert, und Forderungen nach „Subventionen streichen“ werden laut. Ein differenziertes, faires und vor allem respektvolles Feedback scheint nicht möglich!

Wenn ich eine solche „Kritik“ lese, frage ich mich immer ernsthaft, ob ich tatsächlich genau dieselbe Inszenierung wie der Verfasser gesehen habe. Auch ich habe durchaus die eine oder andere kritische Anmerkung in meinem obigen Beitrag hinterlassen. Doch ich konnte nichts feststellen, was diese geballte Masse an Negativität rechtfertigen könnte. Im Gegenteil: Ich fühlte mich ganz und gar wunderbar unterhalten! 😍

Ich persönlich möchte nicht die ewig, gleichen Inszenierungen, die nach einem vorgegebenen Schema entstehen, auf der Bühne sehen. Ich wünsche es mir nicht nur – Nein! – ich erwarte und fordere es regelrecht, dass mir ein buntes, lebendiges Theater geboten wird, das mich auch durchaus herausfordern und zum (Mit-)Denken animieren darf und muss.


Noch bis Mitte Januar 2024 besteht die Möglichkeit, sich mit HÄNSEL UND GRETEL am Stadttheater Bremerhaven märchenhaft verführen zu lassen.

[Oper] Giacomo Puccini – TOSCA / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Giacomo Puccini / Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 23. September 2023 / besuchte Vorstellung: 14. Oktober 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG Angela Denoke
BÜHNE & KOSTÜME Susana Mendoza
GEMÄLDE anna.laclaque
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Mario El Fakih Hernández
LICHT Thomas Güldenberg

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ BÜHNE Theresa Steiner
KINDERCHORASSISTENZ & STIMMBILDUNG Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Regina Wittmar
THEATERPÄDAGOGIK Katharina Dürr


Stimme heiser geschrien, Arme und Schultern zum Muskelkater geschunden und Hände wund geklatscht: So saß ich nach der Vorstellung der Oper TOSCA am Stadttheater Bremerhaven neben meinem Gatten im Auto, und wir fuhren Richtung Heimat. Still saßen wir nebeneinander, sprachen kein Wort und versuchten das soeben Gehörte, Gesehene und Empfundene zu verarbeiteten. Ein geseufztes „Schön war’s!“ war zum besagten Zeitpunkt der einzige Ausspruch, den ich nicht unterdrücken konnte, danach herrschte wieder Stille. Doch genau dieses kurze und schlichte „Schön war’s!“ umrahmte ziemlich genau all die Gefühle und Gedanken, die mir in dem Moment durch Herz, Hirn und Seele tobten.

Schon mit ihrer ersten Inszenierung am Stadttheater Bremerhaven empfiehlt sich Regisseurin Angela Denoke als eine kluge Beobachterin der menschlichen Psyche. Denoke ist selbst eine international gefeierte wie auch mit Preisen ausgezeichnete Sopranistin und wagte im Jahre 2021 ihr Regie-Debüt. Auch in diesem Metier wurden ihre Arbeiten prämiert, u.a. bekam sie erst im September den renommierten Österreichischen Musiktheaterpreis 2023 für ihre Regie von SALOME am Tiroler Landestheater Innsbruck verliehen. Ihre Inszenierung in Bremerhaven besticht durch Schlichtheit, Intelligenz und Emotionalität.

Der politische Gefangene Angelotti versteckt sich in der Kirche St. Andrea, wo sein Freund, der Maler Mario Caravadossi ein Madonnenbild fertigstellt. Als Vorlage diente ihm das Gesicht einer jungen Frau, die zum Beten regelmäßig in die Kirche kommt. Der Mesner erkennt in diesen Gesichtszügen die Gräfin Attavanti, Angelottis Schwester. Als Tosca die Kirche betritt, versteckt sich Angelotti erneut. Im Bild der Maria erkennt die Primadonna ebenfalls die Ähnlichkeit mit der Gräfin und reagiert mit Eifersucht. Caravadossi überzeugt sie aber von seiner Liebe und schickt sie fort. Kanonenschüsse sind zu hören. Angelottis Flucht wurde entdeckt, und Cavaradossi bietet ihm seinen Garten als Versteck an. Der Polizeichef Scarpia kommt in die Kirche und bemerkt sofort anhand einiger Indizien, dass Angelotti an diesem Ort war. Außerdem findet Scarpia einen Fächer. Er behauptet gegenüber Tosca, dies sei der Fächer der Gräfin, die mit dem Maler eine Affäre hätte. Schluchzend verlässt Tosca die Kirche, in der jetzt ein „Te Deum“ anlässlich des Sieges über Napoleon gefeiert wird. Scarpia schwört sich unterdessen, die Gunst Toscas zu erobern. In seiner Villa lässt er Caravadossi durch seine Schergen Spoletta und Scarrione genau in dem Moment vorführen, als auch Tosca eintrifft. Der Polizeichef befiehlt, Mario Caravadossi foltern zu lassen, bis er das Versteck des geflohenen Angelotti verrät. Tosca ist erschüttert und verrät nun selbst das Versteck. Darüber ist nun Caravadossi so empört, dass er den Polizeichef verspottet, indem er sich über einen scheinbaren Sieg Napoleons freut. Daraufhin ordnet Scarpia seine Exekution an. Nur wenn Tosca sich mit ihm einlässt, würde er ihren geliebte Maler verschonen. Kurz darauf stellt sich heraus, dass sich Angelotti umgebracht hat, um der Gefangenschaft zu entgehen. Trotzdem bleibt Scarpia bei seiner erpresserischen Methode, um Tosca zu unterwerfen. Als Lohn für ihre Gunst würde er eine Scheinhinrichtung organisieren, Mario Cavaradossi aber anschließend freilassen. Als sich Scarpia schließlich Tosca nähert, ersticht sie ihn mit dem Ausruf „Hier ist Toscas Kuss!“. Die Hinrichtung von Mario Caravadossi findet in einer Stunde statt: Tosca kommt und erzählt ihm, dass sie Scarpia getötet hat, und ihm nur eine Scheinhinrichtung bevorstehe. Er solle wie in einem Theaterstück mitspielen und sich, nachdem geschossen wurde, zu Boden fallen lassen. Die Hinrichtung folgt, Schüsse fallen, und Cavaradossi stürzt zu Boden. Tosca flüstert ihm zu, dass er sich still verhalten soll, bis die Vollstrecker verschwunden sind. Dann bemerkt sie, dass ihr Geliebter tot ist. Scarpia hat sich nun endgültig gerächt und Mario tatsächlich töten lassen. Bevor der Polizeiagent Spoletta sie wegen dem Mord an Scarpia verhaften kann, wählt Tosca den Freitod.

Angela Denoke verzichtet auf billige Effekthascherei und bleibt nah am Realismus. Zeitlich ordnet sie die Handlung nicht eindeutig ein: Einerseits werden wir an die eigene Geschichte unseres Landes erinnert, andererseits wirft sie einen kritischen Blick auf aktuelle Geschehnisse in Ländern, wo Populisten an der Macht sind. Dabei zeigt sie aber ebenso auf, dass selbst in einem totalitären Regime, kleine Blumen der Menschlichkeit am Wegesrand erblühen können: Der Mesner sieht sich als Hirte/Beschützer und achtet liebevoll auf die Kinder seiner Gemeinde; der Schließer lehnt beinah scheu einen Lohn vom Gefangenen Cavaradossi ab, als er sich bereit erklärt, Tosca eine Nachricht zu überbringen.

Die Motivation der handelnden Personen entwickelt die Regisseurin aus den Vorgaben des Librettos und vermeidet klischeeartige Charakterisierungen (schwarz – weiß, schön – hässlich, gut – böse). So befreit sie die Personen aus dem Korsett schablonenhafter Opernfiguren. Vielmehr lässt Denoke sie als reale Wesen agieren, die auch durchaus eine ambivalente Haltung zueinander haben dürfen. So behauptet der „böse“ Scarpia zwar, dass er Tosca, wie alle bisherigen Frauen vor ihr, abservieren wird, nachdem er ihre Gunst erhalten hat. Allerdings sprechen ihre Porträts in seinem Zimmer und der gesenkte Blick voller Unsicherheit und Scham beim Zusammentreffen mit ihr eine andere Sprache. Und auch Tosca zeigt gegenüber ihrem Peiniger unvermittelt Mitgefühl, als sie ihm, nachdem er erstochen vor ihr liegt, beinah liebevoll das Totenbett richtet. Aus der inneren Diskrepanz und den Seelenzuständen der Figuren entwickelt sich eine so hohe emotionale Spannung, die eine äußere Ablenkung unnötig macht.

Ausstatterin Susana Mendoza kleidet das Ensemble in gedeckten Tönen bar jeglichem Glamour. Einzig Tosca darf ihre mondäne Robe einem Schutzwall gleich tragen, die ihr allerdings Schicht für Schicht entrissen wird, bis ihre Empfindungen völlig bar und bloß liegen. Auf der mit schwarzem Stoff ausgeschlagenen Bühne platziert Mendoza ein riesiges Holzkreuz, das mal als Altar, Schreibtisch oder Laufsteg fungiert und mal schutzbietend, mal offenbarend wirkt. Einzig ein langer Vorhang und die großen Porträts setzen (im Kombination mit dem stimmungsvollen Licht-Design von Thomas Güldenberg) gekonnt Akzente im eher reduzierten Bühnenbild. Minimalismus „at its best“.

Während in anderen Inszenierungen das Bild der Madonna im 1. Akt die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht, wird uns hier ein Blick darauf verwehrt. Vielmehr liegt der Fokus voll und ganz auf unserer Titelheldin, die ab dem 2. Akt durch drei überlebensgroße Porträts allgegenwärtig ist. Diese ausdrucksstarken Kunstwerke schuf die Performancekünstlerin anna.laclaque, und ich würde mir so sehr wünschen, dass sie nach Beendigung der Aufführungsserie einen festen Platz im Foyer des Theaters finden dürften.


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„Ich möchte Menschen zum Weinen bringen: darin liegt alles…!“ lautet ein überliefertes Zitat von Giacomo Puccini. Damit ihm dies gelang, wählte er melodramatische Sujets und schuf dafür eine aufwühlende Musik. Bei GMD Marc Niemann und dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven waren die Kompositionen des Maestros in den aller-allerbesten und -fähigen Händen. Die schwelgerischen Melodienbögen, die ich so sehr an Puccinis Musik mag, flossen schier aus dem Orchestergraben. Mal rollte die Musik leidenschaftlich und kraftvoll über mich hinweg, dann wieder erklangen die Arien zart und voller Süße. Wunderbar!

Mario El Fakih Hernández bewies auch diesmal, dass er mit Chor und Extrachor einen voluminösen Klangkörper schaffen kann, der u.a. beim „Te Deum“ stimmstark für einen Gänsehaut-Moment bei mir sorgte. Unterstützung erhielt er beim Kinderchor durch Katharina Diegritz, die abermals die kleine Rasselbande zu motivieren wusste, ohne dass der Wohlklang zu Schaden kam. Als Solist aus dem Kinderchor sang Paul Dimitrov mit einem berührenden, beinah brüchigen Knabensopran sein klagendes Lied und wirkte dabei in seinem Erscheinungsbild weniger als junger Hirte. Vielmehr stellte er für mich einen Engel des Todes dar, der in seiner Reinheit die Verstorbenen über die Schwelle führt: Richtung offen. Das Sterben kann durchaus durch schändliche Umstände befleckt sein, doch der Tod ist stets unschuldig und unberührt.

Die Schergen Scarpias wurden durch Andrew Irwin (Spoletta) und James Bobby (Scarrione) im Himmler-Look beängstigend unsympathisch porträtiert. Wobei besonders Andrew Irwin in seiner Rolle eine anbiedernde und umso abstoßendere Unterwürfigkeit darbot. Marcin Hutek konnte sein Talent in den beiden kleinen Rollen als Angelotti bzw. der Schließer leider nur bedingt zeigen: Eine große Partie (Barbier oder Don Giovanni) wäre ihm endlich zu gönnen. Ulrich Burdack gefiel als mitfühlender, allzu menschlicher Mesner und sorgte im Zusammenspiel mit dem Kinderchor für die wenigen auflockernden Momente in dieser „Opera drammatica“.

Bleibt „nur“ noch unser „Trio infernale“ bestehend aus Tosca, Cavaradossi und Scarpia: Gast Bryan Boyce ließ hinter Scarpias Fassade des machtbesessenen und geltungshungrigen Despoten auch die Unsicherheit der Figur durchblitzen. Mit seinem dunklen, vollen Bass-Bariton vermochte er sowohl die stätig unterschwellig mitschwingende Gefahr wie auch die innere Zerrissenheit, die Scarpia als gebrochenen Charakter kennzeichnet, zu vermitteln. So gelang es ihm, innerhalb eines eher statischen Rollenprofils, feine Nuancen in der Darstellung herauszukitzeln.

Konstantinos Klironomos vermittelte glaubhaft Mario Cavaradossis Wandel vom anfänglich jugendlichen Helden zum gebrochenen Mann: Klironomos platzierte seine ungestümen Ausbrüche voller tenoraler Kraft und agiler Geschmeidigkeit. In Etappen veränderte sich seine Stimme. Beinah schmerzlich spürte ich beim Zuschauen/Zuhören die zunehmende Tragik. Die Arie „E lucevan le stelle/ Es funkeln die Sterne“ gestaltete er einerseits voller Süße, und gleichzeitig schwang eine Bitterkeit in jedem Ton mit. Gemeinsam mit Signe Heiberg als Floria Tosca bildete er ein umwerfendes Leading-Paar, das sich vokal ergänzte und darstellerisch die Bälle zuwarf.

Heibergs Tosca war die absolut Künstlerin, die verehrungswürdige Diva und ganz Weib, der es unter anderen Umständen nie in den Sinn gekommen wäre, dass sie angreifbar sein könnte. Nur tröpfchenweise sickerte die Erkenntnis in ihr Bewusstsein, dass von ihrem Verhalten das Wohl anderer Menschen abhängt, und dass der Verlust von Stolz und Würde ein geringeres Opfer bedeutet gegenüber dem Tod ihres Geliebten. Heiberg schleuderte ihren auftrumpfenden Sopran wie eine Waffe ihren Gegnern entgegen, nur um im nächsten Moment in fein geführten Gesangslinien die ambivalenten Gefühle der Figur zu verdeutlichen. Mit der berühmten Arie „Vissi d’arte, vissi d’amor/ Nur der Schönheit weihte ich mein Leben“ wendet sich Tosca flehentlich zu Gott, bei der ich in der brillanten Interpretation durch Signe Heiberg Empfindungen wie Machtlosigkeit und Resignation herauszuhören schien.

Von den anfangs so selbstbewussten und kraftstrotzenden Charakteren blieben nur noch Menschen mit zerbrochenen Seelen zurück, denen die Vergangenheit genommen und die Zukunft verwehrt wurde. Und so hilten sich Floria und Mario wie verängstigte Kinder in einem kurzen, flüchtigen Moment des Glücks nochmals an der Hand, vielleicht schon ahnende, dass keine frohe Zukunft auf sie wartet, sondern dass auch sie nur allzu bald dem Engel des Todes folgen werden…!

Zwischen dem letzten verklungenen Ton aus dem Orchestergraben und dem Einsetzten des aufbrausenden Beifalls löste sich aus meiner Brust ein Seufzer: „Schön war’s!“


Nachwort: Seitdem ich mich dem Stadttheater Bremerhaven verbundener fühle, verfolge ich auch ein wenig die mediale Berichterstattung über das Haus und besonders zu den jeweiligen Inszenierungen. Dabei fällt mir zunehmend auf, dass sich im Feuilleton immer noch Plattitüden standhaft halten, die – meiner Meinung nach – wenig aussagekräftig, wenig differenziert sind. Da wird sich einer Sprache bedient, die hinter ihrem scheinbaren Wohlwollen eine kleine Giftspritze verbirgt.

So schrieb Wolfgang Denker im „Weser Kurier“ über die gesanglichen Leistungen von Signe Heiberg und Konstatinos Klironomos „Beide würden in diesen Partien auch an weit größeren Häusern Eindruck machen.“. Ich las dies und stellte mir unverzüglich die Frage „Was möchte Herr Denker mit diesem Satz ausdrücken?“. Ich machte mir da durchaus so meine Gedanken, und natürlich sind meine Interpretationen absolut subjektiv. Aber ich bin in der Zwischenzeit auch müde geworden, ständig irgendwelche indifferenten Worthülsen lesen zu müssen.

Oberflächlich wirkt dieser Satz wie ein Lob: „Hey, die Beiden hätten das Zeug, auch an größeren Häusern zu singen.“, dann der Untertext: „Doch warum sind sie dann im Kaff Bremerhaven hängen geblieben?“. Der Umkehrschluss wäre für mich: An einer provinziellen Klitsche wie das Stadttheater Bremerhaven sind brillante Künstler*innen verschwendet, da täten es doch auch durchschnittliche Sänger*innen.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie einige Schreiberlinge (m/w/d) es mit einer untrüglichen Sicherheit schaffen, den Künstler*innen und/oder dem Theater unterschwellig eine Watschen zu verpassen und dies als positives Feed-back zu verpacken. Ihr denkt vielleicht, dass ich übertreibe, allzu empfindlich reagiere, oder es sich gar um einen Einzelfall handelt?

Au contraire, mes amis!

Verpasst auch nicht die nächsten Folgen
unserer beliebten Rubrik FEUILLETON’SCHE FLOSKELN:
Folge 2 „…prädestiniert sie/ihn auch für Wagner-Partien.“
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Grandiose Sänger*innen, grandioses Orchester, grandiose Inszenierung: Worauf wartet ihr noch? Ab mit euch zu TOSCA am Stadttheater Bremerhaven.

[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2023/2024 / Stadttheater Bremerhaven

mit dem Main-Theme aus „The Sea Hawk“ von Erich Wolfgang Korngold sowie Arien und Musiken von Jerry Bock, John Du Prez & Eric Idle, Antonín Dvořák, Franz Lehár und Giacomo Puccini

mit Ausschnitten aus „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist, „Glanz“ von Christina Kettering, „Der Untergang des Hauses Usher“ von Justine Wiechmann und Elisabeth Kirschbaumer (nach Edgar Allan Poe) und dem Ballett „Seelen“ von Alfonso Palencia

Premiere: 2. September 2023 / besuchte Vorstellung: 2. September 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch, Tonio Shiga
Chor: Mario Orlando El Fakih Hernández
Szenische Einrichtung: Annika Ellen Flindt
Moderation: Lars Tietje, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia,
Markus Tatzig

Musiktheater: Ulrich Burdack, Signe Heiberg, Marcin Hutec, Andrew Irwin,
Konstantinos Klironomos, Victoria Kunze, Boshana Milkov
Ballett: Helena Bröker, Melissa Festa, Volodymyr Fomenko, Lucia Giarratana,
Arturo Lamolda Mir, Marco Marongiu, Alícia Navas Otero, Zoe Irina Sauer Llano,
Melissa Panetta, Clara Silva Gomes, Ming-Hung Weng, Dawon Yang
Schauspiel: Frank Auerbach, Richard Feist, Justus Henke, Kay Krause, Marc Vinzing,
Marsha Zimmermann
JUB: Janek Biedermann, Ulrich Fassnacht, Coco Plümer
Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


„The same procedure as every year!“

…könnte man ausrufen, denn – Ja! – der Ablauf einer Eröffnungsgala am Stadttheater Bremerhaven ist Jahr für Jahr recht identisch – nur die Inhalte variieren natürlich. Und gerade dieses Festhalten am Gewohnten schafft für mich als Zuschauer eine wohlbekannte und kuschelige Sicherheit und steigert meine Vorfreude, dass ich nach den enthaltsamen Sommermonaten endlich wieder Theaterluft schnuppern darf.

Gleich zu Beginn der Gala kredenzte uns das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann ein Highlight (von vielen, die noch folgen sollten): Das musikalische Hauptthema einer filmischen Piraten-Schmonzette mit Errol Flynn aus dem Jahre 1940, zu der niemand geringerer als Erich Wolfgang Korngold die Musik beisteuerte und so ganz nebenbei die Filmmusik revolutionierte. Das Motto der diesjährigen Konzert-Saison lautet Fremde Heimat: Korngold war vor den Nazis nach Amerika geflohen und musste sich dort eine neue Existenz aufbauen. War der Film „The Sea Hawk“ auch ein Leichtgewicht, so war es die Musik von Korngold ganz und gar nicht, die Niemann mit dem Philharmonische Orchester symphonisch-voluminös und mit einer enormen Klangfülle zu Gehör brachten. Doch auch Davide Perniceni, Hartmut Brüsch und Tonio Shiga ließen es sich nicht nehmen, bei den Programmpunkten zu den ihnen anvertrauten Produktionen hier bei der Eröffnungsgala den Taktstock zu schwingen.

Intendant Lars Tietje gab auch in diesem Jahr einen launig-entspannten Conférencier und holte sich bei passender Gelegenheit die jeweilige Sparten-Leitung in den Personen von Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia an seine Seite.

Frank Auerbach, Richard Feist, Justus Henke und Marsha Zimmermann sorgten mit einem Ausschnitt aus Heinrich von Kleists Lustspiel-Klassiker DER ZERBROCHNE KRUG, der in einem moderneren Gewand präsentiert wird, für die ersten Lacher im Publikum. Der zum Einsatz kommende Kühlschrank mit „Special Effect“ könnte sich durchaus zum Running-Gag entwickeln.

Die Weihnachtspremiere der Oper RUSALKA von Antonín Dvořák verspricht ein ungewöhnliches Hörerlebnis, da sie in tschechischer Sprache aufgeführt wird. Dies ist bestimmt auch für die Sänger*innen eine Herausforderung, die aber hervorragend gemeistert wird, wie Boshana Milkov sowie Ulrich Burdack gemeinsam mit dem Opernchor, der wieder bestens durch Mario Orlando El Fakih Hernández vorbereitet wurde, nachdrücklich unter Beweis stellten.

Auch in diesem Jahr kam es zur Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. In diesem Jahr wartete die Jury mit einer Überraschung auf: Nicht eine Person oder Sparte wurde geehrt, diesmal erhielten Toni Burkhardt (Regie), Adriana Mortelliti (Kostüme) und Wolfgang kurima Rauschning (Bühnenbild) gemeinsam diese Auszeichnung für ihre grandiose Umsetzung der Oper BREAKING THE WAVES. Völlig verdient: Auch mich hatte diese Inszenierung nachhaltig beeindruckt.

Die letztjährige Preisträgerin Victoria Kunze behauptete gegenüber ihrem „Partner in Crime“ Andrew Irwin (😉) „Ich bin eine anständ’ge Frau“. Na, ob das wirklich stimmt, da können wir uns in DIE LUSTIGE WITWE, dem Operetten-Klassiker von Franz Lehár überzeugen. Mit einem schmissigen „Ja, das Studium der Weiber ist schwer“ spülten uns Signe Heiberg, Ulrich Burdack und Konstantinos Klironomos mit Unterstützung des Operchores aus dem Saal hinaus in die Pause.

Erst seit einer Spielzeit ist Alfonso Palencia als Ballettdirektor am Haus, und schon hat er deutliche künstlerische Spuren hinterlassen. So überzeugen seine Choreografien durch Emotionalität und Ästhetik. Dies galt auch für die gezeigten Ausschnitte aus dem drei-geteilten Ballettabend SEELEN, die von der Company grandios umgesetzt wurden. Am Ende erhielten die Tänzer*innen einen frenetischen Applaus als Lohn. Tanz scheint mir die Kunstform zu sein, die dem Künstler am Meisten abverlangt und das höchste Maß an Disziplin fordert.


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In dieser Spielzeit steht mit GLANZ von Christina Kettering eine Uraufführung auf dem Spielplan vom JUB (Junges Theater Bremerhaven). In diesem Stück erfindet sich eine junge Frau via Social Media neu und verstrickt sich immer weiter in Lügen: Coco Plümer, Janek Biedermann und Ulrich Fassnacht zeigten mit einem Ausschnitt, wie nah dieses Thema an der Gefühlswert der heutigen Jugend ist.

Doch nicht nur aktuelle Themen werden in den Spielplänen der einzelnen Sparen aufgegriffen, auch die Freunde der klassischen Grusel- und Schauerliteratur kommen weiterhin auf ihre Kosten: Schon in der vergangenen Spielzeit hatte DER UNTERGANG DES HAUSES USHER von Justine Wiechmann und Elisabeth Kirschbaumer (nach der gleichnamigen Erzählung von Edgar Allan Poe) Premiere. Diese beim Publikum sehr beliebte Inszenierung wird auch in dieser Saison weiterhin als Wiederaufnahme zu sehen sein, aus der Marc Vinzing den großen Eröffnungs-Monolog im beinah dunklem Saal gekonnt-unheilschwanger zum Besten gab.

Mit TOSCA von Giacomo Puccini eröffnet das Musiktheater die neue Saison und bietet nicht nur einen Klassiker und Publikumsliebling des Genres, sondern hier am Stadttheater Bremerhaven mit Signe Heiberg und Konstantinos Klironomos zudem ein fulminantes Leading-Paar. Schon mit „Meno male! Egliè la“, der ersten Szene des Tosca-Blocks, in der Marcin Hutec, Andrew Irwin und Konstantinos Klironomos vor dem Orchester standen und sangen, während stückbedingt Signe Heiberg gemeinsam mit dem Opernchor und dem Extrachor von der Seitenbühne zu hören waren, zeigte eindringlich die hohe sängerische Qualität des Hauses. Cavaradossis Arie „E lucevan le stelle“ gestaltete Konstantinos Klironomos voller Wehmut und Trauer, während Toscas „Vissi d’arte“ bei Signe Heiberg sich vom anfänglichen Klagelied beinah bis zur kämpferischen Hymne steigerte. Grandios!!!

Auch wenn das „große“ Musical in dieser Spielzeit beim Schauspiel zu finden ist, so hat das Musiktheater mit THE APPLE TREE von Jerry Bock und Sheldon Harnick zumindest eine deutschsprachige Erstaufführung am Start. Dem Team Bock/Harnick verdanken wir u.a. das wunderbare Musical „Anatevka (Fiddler on the Roof)“. THE APPLE TREE verspricht, ein musical-isches Schmankerl in bester Broadway-Sound-Tradition (Die Ouvertüre wusste schon zu gefallen!) zu werden. Das Musical beschäftigt sich in drei in sich abgeschlossenen Geschichten um das Thema „Verführung“: So dürfen sich Adam und Eva mit der Schlange kabbeln, oder eine junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen träumt vom Glitzer der Show-Welt. Apropos: Marcin Hutek war in den vergangenen Spielzeiten ja schon so einiges, u.a. Chef des Olymps. Jetzt durfte er als Schlange den Sündenfall verschulden und versuchte musikalisch seine „Verbot’ne Frucht“ an die Frau zu bringen. Mit „Wahnsinn“ amüsierte Victoria Kunze keck als aufstrebendes aber sich selbst überschätzendes Show-Sternchen. Andrew Irwin gestaltete Adams Klagelied auf „Eva“ so fein akzentuiert, dass es die reine Freude war, ihm zu lauschen.

Das „große“ Musical ist – wie schon erwähnt – in dieser Spielzeit beim Schauspiel verankert: Bei der Musical-Parodie SPAMELOT von Eric Idle und John du Prez nach Monty Phytons „Die Ritter der Kokosnuss“ erwarte ich allerdings auch keinen Schön-Gesang sondern vielmehr ein Feuerwerk an Pointen, die – im wahrsten Sinne des Wortes – auf dem Punkt kommen. Trotzdem dürfen wir uns auf ein komplettes Orchester incl. Opernchor freuen. Bei „Such den Gral“ überzeugte Kay Krause mit gekonntem Sprechgesang als kauziger König Artus. Für die erkrankte Julia Lindhorst-Apfelthaler, die in dieser Inszenierung die Fee aus dem See geben wird, sprang bei der Eröffnungs-Gala kurzfristig Boshana Milkov ein und „soulte“ sich voller Wonne durch den Song.

Mit dem Ohrwurm „Always look on the bright side of life“ wurden wir in die laue Sommernacht Bremerhavens entlassen.


Mit dieser Eröffnungsgala beginnt die SAISON 2023/2024 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit seinem vielfältigen Programm begeistert.

[Oper] Missi Mazzoli – BREAKING THE WAVES (DEA) / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Missy Mazzoli / Libretto von Royce Vavrek / nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier / Deutsche Erstaufführung / in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 6. Mai 2023 / besuchte Vorstellung: 21. Mai 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Toni Burkhardt
Bühne: Wolfgang kurima Rauschning
Kostüme: Adriana Mortelliti
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


Ich saß im Theater, schaute auf die Bühne, und Tränen rannen über meine Wangen…!

Die naive und psychisch labile Bess verliebt sich in den Offshore-Ölrigger Jan und heiratet ihn entgegen der Zweifel der Ältesten ihrer tiefreligiösen calvinistischen Gemeinde. Als Jan nach einer kurzen doch glücklichen gemeinsamen Zeit wieder zur Bohrinsel zurückkehren muss, betrauert Bess die Trennung so sehr, dass sich ihre psychischen Probleme wieder manifestieren, die sie bisher mit Medikamenten gut kontrollieren konnte. In dieser Situation ist ihr ihre strenge Mutter keine Unterstützung, die der Meinung ist, dass jeder noch so harte Schicksalsschlag stoisch ertragen werden muss. Hilfe erfährt sie von ihrer Schwägerin Dodo, der Frau ihres verstorbenen Bruders, die sich immer wieder schützend zu ihr stellt. Doch auch sie kann nicht verhindern, dass Bess zunehmend schizophrene Züge zeigt: So ist sie immer wieder im Zwiegespräch mit Gott und bittet diesen, ihren Mann wieder zu ihr nach Hause zu bringen. Kurz darauf erleidet Jan auf der Bohrinsel einen fast tödlichen Unfall und wird ins Krankenhaus auf dem Festland gebracht. Als Bess erfährt, dass der Unfall Jan fast vollständig gelähmt hat, glaubt sie, dass es ihre Schuld sei. Schließlich hat sie Gott inständig gebeten, Jan zu ihr nach Hause zu bringen. Jan weiß, dass Bess niemals ihr Ehegelübde brechen würde, glaubt aber, dass er sie daraus befreien muss, damit sie ein erfülltes Leben führen kann. Er ermutigt sie, Liebhaber zu finden und ihm davon zu erzählen, damit er sich einreden kann, sie beide würden Liebe machen. Doch Bess weigert sich, dem ungeheuerlichen Wunsch ihres Mannes Folge zu leisten. Als Jan versucht, sich durch eine Überdosis Tabletten das Leben zu nehmen, ist sie sich sicher, dass sie ihm gehorchen muss. Scheiternde Versuche, Dr. Richardson, den behandelnden Arzt ihres Mannes zu verführen, und halbherzige sexuelle Begegnungen mit Fremden gehen mit einer Verschlechterung von Jans Gesundheit einher. Als Bess einen Mann findet und Sex mit ihm hat, stabilisiert sich überraschend Jans Gesundheit, worauf Bess weitere Sex-Bekanntschaften sucht. Doch ihr Ruf holt sie ein: Ihre Mutter verachtet sie, und die Kirchenältesten verstoßen sie aus der Gemeinschaft. Bess versteht nicht warum, da sie doch dem Willen ihres Mannes folgt und seine Genesung direkt proportional zu ihren außerehelichen Aktivitäten voranschreitet. Dodo versucht ihr begreiflich zu machen, dass Jan diesen Wunsch im Fieberwahn geäußert hat. Doch Bess lässt sich nicht aufhalten: Eines Nachts wird sie von Matrosen brutal vergewaltigt und sadistisch misshandelt. Mit letzter Kraft schleppt sie sich zu Dodo und stirbt, als Jan von seiner Operation aufwacht, und sich sein Gesundheitszustand dramatisch verbessert. Die Kirchenältesten stimmen zu, dass Bess zwar ein calvinistisches Begräbnis erhält, bestehen aber darauf, dass sie als Sünderin begraben und ihre Seele der Hölle übergeben wird. Jan, der sich vollständig erholt hat, stiehlt mit Hilfe seines besten Freundes Terry die Leiche, bevor sie beigesetzt wird. Als er ihre Überreste dem Ozean übergibt, erklingen die Glocken Gottes…!


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Regisseur Toni Burkhardt kreierte eine schlüssige Inszenierung, bei der die Dramatik sich Szene für Szene logisch zwingend steigerte. Dabei fühlte er sich – trotz aller Symbolik – dem Realismus verpflichtet: So standen die Beweggründe der Protagonist*innen mit all ihren vielfältigen Emotionen im Vordergrund. Er forderte von den Sänger*innen viel und ließ sie in drastischen Bilder agieren, die manchmal für das Publikum kaum zu ertragen waren. Die erdrückende Stimmung innerhalb einer Gemeinschaft, die dogmatisch an ihren Normen festhält, sorgte auf der Bühne für eine (An-)Spannung, die bis in den Zuschauersaal spürbar war.

Bühnenbildner Wolfgang kurima Rauschning schuf eine durchlässige Metallkonstruktion, die je nach Stellung der Drehbühne unterschiedliche Perspektiven bzw. Spielräume offenbarte. Zusammen mit den stimmigen Projektionen wandelte sich so das Bühnenbild von der Ölplattform über das Krankenhaus zur Kirche, bei der drei überdimensionale Kreuze dominierten. Ein großer, anfangs noch schneeweißer Kuschelbär, dessen Fell mit fortschreitender Handlung dunkler und dunkler wurde, als wäre er dem Feuer zu nah gekommen, stand sinnbildlich für die ursprünglich reine Seele von Bess, die nach und nach zu Asche verbrannte. Auch die Kostüme von Adriana Mortelliti verweigerten sich in ihrem miefigen 70er Jahre-Look jeglichem Glamour und unterstützten vielmehr den Realismus-Gedanken des Regisseurs.

Davide Perniceni webte mit dem kammermusikalisch besetzten Philharmonischen Orchester Bremerhaven einen emotionalen Klangteppich zwischen aufbrausenden Instrumental-Sound, musikalischem Minimalismus und Industrieklänge. Mizzy Mazollis Komposition passen nicht in das gewohnte Opern-Schema: Es gibt keine klassische Ouvertüre, Arien oder Duette. Wie beim Underscoring eines Films unterstützt die Musik das auf der Bühne Gezeigte und spiegelt so äußerst individuell die Gefühlswelten der Protagonist*innen wieder. Dazu kamen große Bleche ebenso zum Einsatz, wie Metallspiralen zum Klingen gebracht wurden.

Auf dem ersten Blick scheinen die Männer die Bühne zu dominieren. Da gab es den vom Chordirektor Mario Orlando El Fakih Hernández exzellent disponierten Männerchor, aus dem einige Herren auch solistisch überzeugten, sei es James Bobby als verbissener Kirchenoberhaupt über Patrick Ruyters als sadistischer Matrosen bis zu MacKenzie Gallinger, der die ersten beiden „Freier“ von Bess mimte. Andrew Irwin zeichnete Dr. Richardson als einen mitfühlenden Charakter mit einer noblen, beinah schüchternen Zurückhaltung. Ulrich Burdack sorgte als Terry für die wenigen humorigen Momente des Abends, wenn er als Jans loyaler Freund positive Stimmung verbreitete und diesen am Krankenbett mit Bier versorgte. Marcin Hutek als Jan gelang die überzeugende Wandlung vom kraftstrotzenden jungen Kerl über den siechenden Kranken bis zum trauernden aber gereiften Mann.

Obwohl die Männer auf der Bühne in der Überzahl waren, bedurfte es nur drei herausragende Künstlerinnen, um die „Herren der Schöpfung“ in den Schatten zu stellen:

Signe Heiberg gab die Mutter mit einer beängstigenden Intensität. Diese Frau hatte alle Empfindungen tief in sich verschlossene, und doch zeigte Heiberg nur mit einem Blick oder mit einem Zucken im Gesicht, dass mächtige Emotionen unter der verhärteten Fassade tobten. Ihre Annäherungsversuche am Schluss an Tochter und Schwiegertochter wirkten beinah unbeholfen linkisch, da sie verlernt hatte, Empathie auszudrücken und weckten darum umso mehr mein Mitgefühl. Auch gesanglich variierte Heiberg ihren Sopran zwischen einem unterdrückten „piano“ und einem ausbrechenden „fortissimo forte“.
Brava,…

Boshana Milkov porträtierte Dodo als eine warmherzige und mitfühlende Frau. Zart ließ sie anklingen, dass ihre Gefühle zu Bess durchaus über denen einer Schwägerin hinausgingen. Doch niemals würde sie diese feine Grenze überschreiten, um das gemeinsame emotionale Band nicht zu zerreißen. Dabei war sie die unterstützende, haltgebende Schulter, die weder die Mutter noch Jan für Bess sein konnten, und bot sogar den Kirchenältesten mutig die Stirn. Milkovs reicher Mezzo erklang hierbei weniger protzend als vielmehr warm-umfangend.
…brava,…

Victoria Kunze schlüpfte nicht in diese Rolle, sie stürzte sich regelrecht hinein – gesanglich, darstellerisch, emotional,…! Ihre Bess taumelte zwischen Freude und Verzweiflung, zwischen Resignation und Hoffnung, war präsent und verlor sich selbst zunehmend und war dabei beängstigend nah am Wahnsinn. Gesanglich changierte sie zwischen kehlig-rauen Tönen bei den Gesprächen mit Gott bis zu den klirrenden Höhen voller Emotionalität. Hätte Victoria Kunze nicht schon im letzten Jahr den Herzlieb-Kohut-Preis erhalten, nach dieser fulminanten Leistung wäre er ihr sicher gewesen.
…bravissima!

Ich schaute auf die Bühne – eine verzweifelte Dodo schließt die sterbende Bess in ihre Arme, neben ihnen die hilflose Mutter – und Tränen rannen über meine Wangen…!

Es war wahrlich kein lustiger Opernabend: Ich verließ emotional aufgewühlt und tief bewegt das Theater. Doch ich war froh, dass ich dieser äußerst gelungenen deutschen Erstaufführung beiwohnen durfte. Das Stadttheater Bremerhaven hat abermals seinen Ruf als eine Bühne gefestigt, die abseits der großen Metropolen künstlerisch hochrangiges Theater auf die Bretter bringt. Vielen Dank!


Es gibt leider nur noch eine Vorstellung von BREAKING THE WAVES, und dann verabschiedet sich diese außergewöhnliche Oper schon wieder vom Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven.

[Oper] Jules Massenet – WERTHER / Stadttheater Bremerhaven

Lyrisches Drama in vier Akten von Jules Massenet / Libretto von Édouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann / nach dem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe / in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 25. März 2023 / besuchte Vorstellung: 28. April 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann
Inszenierung: Sam Brown
Bühne & Kostüme: Alex Lowde
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


Wer von uns kennt ihn nicht? Ganze Schülergenerationen durften sich im Unterricht durch dieses Werk „quälen“. Johann Wolfgang von Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers war ein (un)gerngesehener Gast in den Klassenzimmern der Republik. Ich kann mich nicht mehr an allzu viel von der damaligen Schullektüre erinnern. Mein Verdrängungsmechanismus scheint im Laufe der Jahre zufriedenstellend gearbeitet zu haben. Doch an einer Empfindung aus dieser Zeit kann ich mich deutlich erinnern: Ich fand damals, dass der Werther eine ziemlich nervige Heulsuse war.

Ich persönlich hätte als Sujet für eine Oper wahrscheinlich eine andere Vorlage gewählt, aber ich bin da ja auch nicht der Profi. Und der weltweite Erfolg gab dem Komponisten Jules Massenet ja auch Recht. So war ich sehr neugierig auf die musikalische Umsetzung: Würde der singende Werther mich mit dem sprechenden Werther wieder versöhnen können?

Es ist mitten im Sommer, doch im Hause des Amtmanns Le Bailli übt dieser mit seinen Kindern schon Weihnachtslieder ein. Seinen anwesenden Freunden Schmidt und Johann erzählt er stolz von seiner ältesten Tochter Charlotte, die nach dem Tod der Frau die Mutterrolle für ihre sieben jüngeren Geschwister übernommen hat. Da ihr Verlobter Albert nicht anwesend ist, soll Werther sie auf dem abendlichen Ball begleiten. Werther ist überglücklich, da er Charlotte schon seit geraumer Zeit insgeheim liebt. Kaum haben die Beiden das Haus verlassen, taucht überraschend Albert auf, findet aber nur Charlottes jüngere Schwester Sophie vor. Mit dem Hinweis, in den nächsten Tagen Charlotte zu besuchen, verabschiedet er sich. Zu später Stunde bringt Werther Charlotte vom Ball nach Hause und gesteht ihr endlich seine Liebe. Er muss aber von ihr erfahren, dass sie am Sterbebett ihrer Mutter versprochen hat, Albert zu heiraten. Einige Monate später sind Charlotte und Albert verheiratet, das allerdings nichts an Werthers Gefühlen ändert. Auf dem Fest zum 50. Hochzeitstag des Pastors und seiner Frau treffen alle wieder aufeinander. Sophie hat ein Auge auf Werther geworfen, der ihre Avancen allerdings abschmettert. Er hat nur Augen für Charlotte, die natürlich am Arm ihres Gatten Albert erscheint, und kann seine Eifersucht kaum verbergen. Charlotte ist mit dieser Situation überfordert und bittet ihn, sie bis zum Weihnachtsfest nicht aufzusuchen. Werther ist verzweifelt: Erste Selbstmord-Phantasien spuken in seinem Kopf herum. Eilig verlässt er die Gesellschaft. Zurück bleiben eine enttäuschte Sophie, eine aufgewühlte Charlotte und ein ernüchternder Albert, dem nun bewusst wurde, welche tiefen Gefühle Werther für seine Ehefrau hegt. Weitere Monate später am Heiligabend: Charlotte hat zahlreiche Briefe von Werther erhalten, in denen er ihr seine Liebe beteuert. Sie selbst muss sich nun auch eingestehen, dass auch sie ihn liebt. Sie versucht, sich durch Gebete zu festigen. Als plötzlich Werther auftaucht, ist dieser von Charlottes Distanz aufgewühlt und wirft sich ihr zu Füßen. Charlotte flüchtet und schließt sich ein. Sie schwört, Werther niemals wiederzusehen. Werther entschließt sich zum Suizid und bittet Albert per Brief, ihm seine Pistole für eine Reise zu überlassen. Dieser schickt Charlotte, ihm die Pistole zu bringen. Später am Heiligabend quälen Charlotte schlimme Ahnungen, und sie eilt durch das Schneegestöber, um Werther zu finden und ihn von einem Selbstmord abzubringen. Sie findet ihn sterbend auf dem Boden liegend. Er hindert sie daran, Hilfe zu holen. Charlotte gesteht ihm in seinen letzten Atemzügen ihre Liebe und küsst ihn zum Abschied. In der Ferne singen die Kinder Weihnachtslieder.


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Regisseur Sam Brown versetzt die Handlung aus dem Jahre 1780 in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dies gelingt ihm ohne spürbare Brüche. Er beweist so nachdrücklich, dass sich im Laufe von beinah 200 Jahren an der Stellung der Frau im sozialen Gefüge innerhalb des nach wie vor vorherrschenden Patriarchats wenig verändert hat. Vielmehr zeigt er beinah abstoßende Männer-Figuren, wie sie es damals durchaus gab (und heute leider immer noch gibt), und deren Handlungen gesellschaftlich toleriert wurden. Wir sehen den in Selbstmitleid zerfließenden Vater, der mit beängstigender Selbstverständlichkeit die eigene Verantwortung an der Familie und die Bürden der verstorbenen Ehefrau auf die älteste Tochter überträgt. Da gibt es seine beiden Freunde, die im angetrunkenen Zustand auch gerne die halbwüchsige Tochter betatschen. Auch der scheinbar charmante und rücksichtsvolle Verlobte zeigt nach der Hochzeit sein wahres Gesicht zeigt und entpuppt sich als manipulativer Kotzbrocken. Der Regisseur „zaubert“ gemeinsam mit Ausstatter Alex Lowde eine beinah dystopie-artige Endzeitstimmung auf die Bretter. Der blütenweiße Vorhang des Panorama-Fensters öffnet sich und gibt den Blick frei in eines dieser adretten Reihen-Bungalows, wie er in so manchen spießigen Vorstädten zu finden ist. Die Räume wandern am Panorama-Fenster vorbei und bilden in ihrer lähmenden Trostlosigkeit einen Kontrast zur menschlichen Tragödie, die sich in ihnen abspielt. Brown setzt in seiner kammerspielartigen Inszenierung den Fokus deutlich auf die Motivationen der handelnden Personen.

WERTHER ist durchaus kein gefälliges Werk. Da gibt es keinen voluminösen Chor und kein fröhlich tanzendes Ballett. Auch auf einen Tenor-Evergreen, wie ihn andere Opern durchaus zu bieten haben, wartet man hier vergebens. Es stehen Personen im Mittelpunkt, zu deren glaubhafter Charakterisierung der pure Schöngesang nicht ausreicht. Vielmehr fordert die Handlung den Sängerinnen und Sängern einiges ab: Hier ist nicht nur stimmliche Brillanz gefordert sondern auch ein hohes Maß an schauspielerischen Talent. In Bremerhaven war beides vorhanden!

Gast Mirko Roschkowski gab die Titelpartie als einen in seinen Empfindungen überschäumenden Jungspund. Sein Werther liebt mit jeder Faser seines Körpers und stürzt sich in diese Liebe mit all seinen Sinnen. Dabei ist er in seiner hemmungslosen Kompromisslosigkeit absolut selbstzerstörerisch. Roschkowskis gelungene Darstellung ermöglichte es mir, dass ich mich mit dem Werther meiner Schulzeit ein wenig aussöhnen konnte. Werther liebt und leidet und scheint damit völlig ausgelastet zu sein, während Charlotte einen wahren Gefühlsmarathon mit unzähligen Höhen und Tiefen durchlebt. Aufgrund der Erkrankung von Boshana Milkov sprang Mezzosopranistin Anna Werle kurzfristig ein und meisterte dies mit einer bewundernswerten Souveränität. Auch bei einer bekannten und evtl. schon auf der Bühne gesungenen Partie ist es immer eine Herausforderung, sich einem unbekannten Regie-Konzept zu stellen. Wirkte ihre Charlotte anfangs neben den Gefühlsausbrüchen eines Werthers eher zurückhaltend-beherrscht (und schrieb ich dies irrtümlich dem Umstand des Einspringens zu) so entwickelte sie sich im Laufe der Vorstellung mehr und mehr zur gefühlvollen jungen Frau. Es schien, als würde sie ein sie einschnürendes Korsett aus Erwartungen und Konventionen abstreifen und sich erlauben, Emotionen zuzulassen, die nun den nötigen Raum in ihrem Leben einnehmen.

Eingebunden waren diese beiden Gäste in dem wunderbaren Ensemble des Stadttheaters Bremerhaven, bestehend aus Victoria Kunze (Sophie), Marcin Hutek (Albert), Ulrich Burdack (Le Bailli), Andrew Irwin (Schmidt) und Patrick Ruyters (Johann), das wieder einmal nicht nur durch exzellentem Gesang überzeugte, sondern auch absolut homogen agierte. Welch ein Glück, dass dieses tolle Ensemble dem Publikum auch in der Saison 2023/2024 erhalten bleibt!

Besonders hervorheben möchte ich die sechs jungen Sänger*innen vom Kinderchor des Stadttheaters Bremerhaven, die die jüngeren Geschwister von Sophie und Charlotte darstellten und dies ganz und gar großartig machten. Schon vor einiger Zeit hat Chorleiter Mario Orlando El Fakih Hernández gemeinsam mit Katharina Diegritz den Kinderchor wiederbelebt, der mich schon zuvor im Musical HAIRSPRAY überzeugte. Ich freue mich sehr auf die kommende Spielzeit, wo die Kids sicherlich bei der Märchenoper HÄNSEL UND GRETEL wieder dabei sein werden.

GMD Marc Niemann brachte mit dem Philharmonischen Orchester die Musik Massenets sehr nuancenreich zu Gehör, sei es bei den stürmischen Arien Werthers über das zarte „Claire de lune“ im ersten Aufzug bis zu den beiden emotionalen Arien der Charlotte im 3. Akt, und verfeinerte so eine gelungene Opern-Aufführung.

Nun überlege ich ernsthaft, ob ich dem guten alten Goethe und seinem Werther nochmals eine Chance geben soll. Was meint Ihr?


…und – Schwupps! – schon ist sie leider wieder vorbei, die Aufführungsserie von WERTHER am Stadttheater Bremerhaven. Schön war´s!!!