Buchmesse vor Ort…

Nun wurde auch die Leipziger Buchmesse vom Corona-Virus „infiziert“. Die Verantwortlichen haben (sicherlich schweren Herzens) als Konsequenz nur die einzig richtige Entscheidung getroffen: Die Buchmesse fällt aus! Das, was nach Bekanntgabe dieser Entscheidung an Kommentaren durch das Netz waberte, hatte manchmal so gar nichts mehr mit Anstand und guter Sitte gemein. Bei so manchen Zeitgenossen (und -genossinnen) sind die Finger auf der Tastatur anscheinend mal wieder schneller als die eigenen grauen Zellen. Sehr bedauerlich…!

Meine geschätzte Blogger-Kollegin Antonia Leise hat auf ihrem Blog zwei wunderbare Beiträgen (Ein paar Gedanken zur (abgesagten) Leipziger Buchmesse und Die Buchmesse ist tot, es lebe der Buchhandel!) veröffentlicht, die mir aus der Seele sprechen, und die ich Euch nicht vorenthalten möchte.

Doch in solchen Extrem-Situationen zeigt sich die Buch-Community durchaus kreativ und startet div. Alternativ-Initiativen. Eine dieser Initiativen heißt Buchmesse vor Ort und entspricht so ganz und gar meinem Credo „Buy Local“. Ein wenig Messe-Flair kann auch in der Buchhandlung „um die Ecke“ erzeugt werden. Viele Buchhändler*innen laden zu geselligen Abenden, auf denen die Novitäten der Verlage vorgestellt werden. Gerade die Inhabergeführten Buchhandlungen schielen weniger auf die auflagestarken Neu-Erscheinungen der großen Verlage sondern werfen auch einen Blick auf die Veröffentlichungen der mittleren und kleinen Verlage. Zudem lohnt sich immer ein Blick in deren Veranstaltungskalender…!!!

Für alle, die jetzt dringend eine Buchhandlung in der erreichbaren Nähe von Osterholz-Scharmbeck suchen, habe ich eine kleine (absolut subjektive) Liste zusammengestellt…

…alle anderen werden hoffentlich hier fündig!

Und all diejenigen, die lieber im Netz bestellen, weil ihnen der Buchhandel zu persönlich ist, möchte ich Mut machen und zurufen „Traut Euch! Es wird Euch nichts geschehen!“ Diese Erfahrung durfte auch schon Comedian Markus Barth machen:

„Buchhandlung“. Ist wie Amazon, nur als Laden. Gibt’s schon in vielen deutschen Städten, die Bücher liegen da alle und man kann sie einfach direkt bezahlen und mitnehmen. Hammerpraktisch! War heute da, zwei Bücher hab ich direkt gekauft und die sogenannte „Buchhändlerin“ hat mir noch ein drittes empfohlen. Aber nicht so: „Kunden, die ‚Die Blechtrommel‘ gekauft haben, kauften auch: Ohropax“. Nee, einfach ne gute Empfehlung. Als ich sie fragte, ob ich Ihr dafür irgendwelche Daten von mir geben, meinen Standort übermitteln oder werberelevante Vorlieben verraten soll, hat sie mich nur verstört angeschaut.

Ein anderes Buch hab ich noch bei Ihr bestellt, das ist garantiert morgen da. Ich hab’ quasi „Buchhandlung Prime“, nur ohne Jahresgebühr! Gut, ich kann damit keine Schweighöfer-Serien gucken – aber wer will das schon??

Morgen kann ich das Buch also abholen, muss nicht zittern, ob’s noch rechtzeitig kommt und ob ich den DHL-Boten höre, muss mich nicht in der Schlange vor der Postfiliale einmal um den Block wickeln und hab danach auch keine fünf Kubikmeter Pappkarton in der Wohnung stehen. Und die Buchhändlerin packt‘s mir sogar noch ein. Umsonst!! Und das, obwohl sie, im Gegensatz zu anderen, ganz normal Steuern zahlt! Die Alte muss verrückt sein…

Bin sehr gespannt, ob sich „Buchhandlung“ durchsetzt. Ich glaube ja, auf die Dauer könnten die Amazon ganz schön das Wasser abgraben.“

In diesem Sinne: Fröhliches Einkaufen vor Ort!

[Rezension] Frühling für Fortgeschrittene – Geschichten/ herausgeben von Stephan Koranyi & Gabriele Seifert

Die Sonne lockt nach einem Weilchen
die schönsten Dinge an das Licht,
zum Beispiel: Birkengrün und Veilchen,
und Reiselust und Liederzeilchen,
und manches lächelnde Gesicht.

…reimte Erich Kästner so passend über den Frühling. Er steht für Erwachen und Neubeginn, für Hoffnung und Übermut. Die Triebe regen sich – sowohl die menschlichen als auch in der Flora und Fauna – und verursachen neben den Glücksmomenten auch so manche Verwirrung. Von all dies berichten die Geschichten in dieser Anthologie.

So wirft Root Leeb in „Der Baum“ mit leichter Hand ein Szenario auf das Papier, in dem zwei einsame Seelen zueinander finden. In „Vergiss dies nie“ von Graham Swift erhalten eben diese drei Worte eine leidenschaftliche Bedeutung und erinnern Jahre später wehmütig an eine verlorene Liebe. Bei Rafik Schamis „Liebesübungen“ geht ein junger Mann in eine ungewöhnliche „Lehre“. Jorid Marlene Meya weckt in „Von Ozeanaugen und Passbildautomaten“ die Erinnerung an den ersten pubertären Schwarm.

Der Frühling kann ebenso einen Richtungswechsel, wie Susanne Neuffers ihn in „Die Mongolei“ beschreibt, symbolisieren. Da erhält ein Neubeginn plötzlich einen schalen Nachgeschmack. In „Zwei Minuten Revolution“ von Bov Bjerg verwandelt sich der Frühling in eine sterile Plastik-Deko in einer Shopping-Mall („Bitte nicht betreten!“).

Aber der Frühling steht auch für Freude: So spürte ich bei „Der Ja-Sager“ von Sylvia M. Hoffmann und „Lups“ von Manfred Kyber beinah einen Loriot-ischen Humor, der mich köstlich amüsierte. In der unterhaltsamen Geschichte „Abfall“ von Luis Fernando Verissimo sorgt der Müll zweier Single-Nachbarn dafür, dass sie nicht länger Singles bleiben.

Den beiden Herausgebern Gabriela Seifert und Stephan Koranyi ist eine kleine dafür sehr feine Auswahl gelungen, die trotz aller Empfindsamkeit geschickt dem Stolperstein zum Schmalz ausweicht. Dieser gekonnten Auswahl ist es zu verdanken, dass, trotz des manchmal wehmütigen Grundtons, ein zarter Frühlingshauch durch alle Geschichten weht und für eine optimistische Leichtigkeit sorgt.


erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150110898

MONTAGSFRAGE: …wegen Grippe geschlossen!

Liebe Leute!

„Corona hier! Corona da! Corona überall!“ …könnte man meinen. Doch die Hüterin unserer Montagsfragen Antonia Leise hat „nur“ eine ganz ordinäre Grippe und kann uns darum an diesem Montag mit keiner Frage erfreuen. Und dieser Umstand kommt mir nicht ungelegen (Also: …nicht, dass Antonia krank ist, sondern, dass es für mich keine Montagsfrage zu beantworten gibt!), denn auch bei mir hat sich der ordinäre Grippevirus eingenistet. So werde ich den Tag brach liegend auf dem Sofa verbringen, mich durch das Fernsehprogramm zappen und mit leidender Stimme Wünsche an meinen Göttergatten delegieren,…

…und Euch rufe ich zu: „Bleibt mir schön gesund!“

Lieben Gruß
Andreas

P.S.: In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv könnt Ihr gerne meine Antworten vergangener Fragen nochmals nachlesen. Viel Spaß!

[Workshop] BILDERBÜCHER UNTER DER LUPE: ÜBER GUTE UND SCHLECHTE KINDERBÜCHER UND DEN SPASS AM VORLESEN / Stadtbibliothek in Osterholz-Scharmbeck

Workshop am 29. Februar 2020 / Stadtbibliothek in Osterholz-Scharmbeck


Ich konnte es beinah kaum glauben: Wie mir Bibliotheksleiterin Iris Belz bei unserem Treffen beim Vorlesewettbewerb verriet, haben einige Eltern einerseits durchaus Hemmungen ihren Kindern vorzulesen, andererseits Angst, dafür nicht die richtige (pädagogisch wertvolle?) Lektüre zu wählen. So sollte dieser Workshop gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, bzw. die Verunsicherung vieler Eltern nehmen, die den Mitarbeiterinnen der Bibliothek häufig zwei Fragen stellen: „WAS sollte ich meinem Kind vorlesen?“ und „WIE lese ich richtig vor?“. Was läge da näher, als an einem Samstagvormittag einen kostenlosen Workshop für Interessierte anzubieten, um eben diese Fragen erschöpfend und kompetent zu beantworten. Neun Teinehmer*innen mit unterschiedlichen Vorbildungen und Motivationen hatten ihren Weg hierher gefunden: Da waren ebenso die Erzieherin, die in ihrer Einrichtung für die Bücherei zuständig ist, sowie die Mutter, die Inspiration für die eigenen Kinder suchte, als auch die Seniorin, die gerne als Lesepatin aktiv werden möchte, vertreten.

Dozentin Johanna Augustin ist in der Stadtbibliothek für das pädagogische Programm für die Kleinsten und Kleinen verantwortlich, kann aus einem reichhaltigen Kontingent an Erfahrungen schöpfen und nahm uns mit ihrem Einleitungssatz direkt die Ängste:

Beim Vorlesen gibt es kein „falsch“, denn ein „falsches“ Buch ist immer noch besser als kein Buch!

Studien belegen, dass ca. 20% der Kinder zum Zeitpunkt ihrer Einschulung deutlich sprachliche Defizite aufweisen. Darum kann mit dem Vorlesen nicht früh genug begonnen werden! Selbstverständlich spielen wir Erwachsene in unserer Funktion als Vorbild eine immens wichtige Rolle: Wir können von unseren Kindern nicht erwarten, mehr zu lesen, wenn wir selbst kein Buch in die Hand nehmen. Das gemeinsame Angucken der Bücher vermittelt Zuwendung und Geborgenheit und schafft Vertrauen. Das Lesen von Büchern erweitert den kindlichen Erlebnishorizont und fördert sowohl die Konzentrations- und Wahrnehmungsfähigkeit als auch die Sprachentwicklung. Die Liste der Vorteile scheint schier unendlich…!

Bilderbücher werden von den Kindern je nach Alter und Entwicklung sehr unterschiedlich wahrgenommen. Vorschulkinder empfinden die Geschichten als wahr: Genauso wie es den Weihnachtsmann gibt, gibt es natürlich auch Einhörner, Elfen & Co.! Der Humor in den Bilderbüchern sollte sehr bewusst eingesetzt werden und dem altersbedingten Humorverständnis entsprechen. Ironie wird von kleineren Kindern nicht verstanden. Kinder reagieren auf eine schöne Sprache sehr positiv: Die Sprache ist darum ebenso wichtig wie der Inhalt oder die Illustration. Auch sogenannte kritische Themen (Tod, Trauer und Verlust) dürfen in Bilderbüchern angesprochen und können mit Hilfe der Bücher verarbeitet werden. Wichtige Botschaft des Buches: Am Ende wird alles wieder gut!

Die Illustrationen nehmen natürlich bei einem Bilderbuch eine bedeutende Stellung ein und sind genauso wichtig wie die eigentliche Geschichte und sollten deren Inhalte wiederspiegeln. Dabei dürfen gerne Bilddetails, die die Geschichte ergänzen, vorhanden sein, sollten aber auch Raum für die kindliche Phantasie lassen. Auch bei den Illustrationen ist Ironie ebenso fehl am Platz wie Karikaturen oder physisch verzerrte Figuren.

Vorgelesen wird das, was das Kind möchte. Dabei kann/ darf die Lektüre sich durchaus wiederholen. Gerade diese Wiederholungen schaffen Rituale und stärken durch gemeinsame Erinnerungen die Bindung von Kind und Vorleser.

Zum Abschluss lud Frau Augustin uns zu einem Bilderbuch-Casting ein: Jede*r der Teilnehmenden suchte sich aus einem Haufen Bilderbücher mehr oder weniger spontan ein Buch aus, überprüfte es bzgl. des Inhalts, der Sprache und der Illustrationen und konnte es mit bis zu drei Sternen bewerten. Meine Wahl fiel auf „Ich wünsche mir einen Freund“ von Amy Hest und mit Illustrationen von Jenni Desmond. Dieses bezaubernde Bilderbuch hätte ich beim flüchtigen Durchblättern wahrscheinlich wieder aus der Hand gelegt, denn es offenbarte mir seinen zarten Charme erst beim detaillierten Betrachten und erhielt dafür volle 3 Sterne von mir! Auch bei Bilderbüchern lohnt sich somit ein zweiter Blick…!

Ich danke Frau Augustin herzlich für diesen gelungenen und kurzweiligen Workshop!


In unserer Stadtbibliothek finden regelmäßig die unterschiedlichsten Veranstaltungen für jedes Alter statt.

Vom Wind(e) verweht: Wie ein Cover die Wahrnehmung beeinflusst…

Schon immer war das Design eines Covers dem jeweiligen Zeitgeschmack ausgesetzt und spiegelte sich in der präferierten Ästhetik wieder. Ein Cover sollte im besten Fall für den enthaltenen Roman als Werbung fungieren, somit die Aufmerksamkeit der Leserschaft auf das Werk lenken und deren Begehrlichkeit wecken. Gleichzeitig soll es auch über den Inhalt informieren und dessen Besonderheiten hervorheben. Aber die Art der Cover-Gestaltung kann ein literarisches Werk auch durchaus schaden und ihm ein eher negatives Image verpassen. „Vom Wind(e) verweht“ ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie das Cover-Design sein Image prägte, und der Roman so zwischen den ambivalenten Polen „Weltliteratur“ und „Groschenroman“ hin und her pendelte.

Ich habe mir den Spaß erlaubt und einen Blick auf die Cover-Gestaltung der letzten Jahrzehnte geworfen: Alle Angaben erfolgen ohne Anspruch auf Vollständigkeit und sind somit „ohne Gewähr“!


Claassen - 1937.jpg

1937 erschien der Roman erstmals im Claassen-Verlag mit einem zeittypischen Umschlagbild in einer eher reduzierten Farbgebung. Auf dieses Ursprungs-Design wurde vom Verlag im Laufe der Jahre gerne zurückgegriffen. So auch im Jahre 1984 als der Film zu Weihnachten zum ersten Mal im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde und dem Roman zu neuer Popularität verhalf. Die Übersetzung stammte von Martin Beheim-Schwarzbach.

Doch auch der Claassen-Verlag war vor geschmacklichen Verfehlungen nicht gefeit: So wirkt das Cover von 1970 sehr plakativ, lässt eine schmalzige Liebes-Schmonzette vermuten und hätte auch als Werbung für den Film fungieren können. Folge-Auflagen wirken da durchaus dezenter, griffen in der Farbgestaltung auf ein gedecktes Violett zurück und wählten Filmfotos in einem Sepia-Ton. Stehen bei den gewählten Fotos zwar durchaus Vivien Leigh und Clark Gable im Mittelpunkt, so wurde wenigstens auf ein schmachtendes Anhimmeln bzw. einen Kuss verzichtet. Kurzzeitig wurde der Roman im Jahre 1978 auch im Kölner Lingen-Verlag publiziert: Aufgrund dessen seitenstarkem Umfangs entschied man sich hier für einen Zwei-Teiler – eine Entscheidung, die sicher bei vielen Leser*innen eine Sehnenscheidenentzündung der Hand verhindert hat. Die Gestaltung des Covers war ganz im Stil der 70er-Jahre: klar, frisch und mit wenigen aber leuchtenden Farben.


Im Taschenbuch-Format machte Margaret Mitchells Epos eine erstaunliche Reise durch die Verlage: beginnend im „rororo“ Rowohlt Verlag über den Heyne-Verlag bis zum Ullstein-Verlag, wo nach wie vor die aktuell erhältliche Taschenbuch-Fassung (Übersetzung: Martin Beheim-Schwarzbach) verlegt wird. Bei der Gestaltung der Covers verwendeten die Verlage gerne knallige Rot-Violett-Töne und griffen zwecks besserer Wiedererkennung auf die bekannten Filmfotos zurück. Doch in dieser Kombination rückt der Roman leider eher in die Nähe des Bahnhofskiosks und weniger in Richtung Bibliothek.


Auch in den diversen Buch-Clubs erfreute sich „Vom Winde verweht“ eine immense Beliebtheit. Gerne wurde auch dort auf die bewerten Konterfeis von Leigh und Gable zurückgegriffen oder zumindest als Illustration angedeutet. Wobei es hier zwei außergewöhnliche Ausnahmen gab: In der Ausgabe der Büchergilde Gutenberg von 1996 zeigt eine Pastellkreide-Zeichnung kindlich-naive Szenen des Plantagen-Lebens im sonnigen Süden der USA und steht damit karikierend entgegen dem Inhalt. Dagegen wirkt das Cover vom Deutschen Bücherbund von 1964 überraschend modern und erinnert in seiner Ästhetik an die Covers verschiedener Indie-Verlage neueren Datums.


Auch in der DDR erschien der Roman 1964 im Verlag Buch und Welt. Selbstverständlich wurde bei der Gestaltung des Umschlags auf die Verwendung von Filmfotos verzichtet. Über die Gründe kann ich nur spekulieren: Einerseits war der Film hier weniger bekannt, andererseits könnten auch urheberrechtliche Gründe eine Rolle gespielt haben. Ein Novum stellte dafür die Taschenbuch-Ausgabe aus dem Rütten & Roening-Verlag von 1989 dar: Zum einen wurde der Roman zwecks besserem Handlings drei-geteilt, andererseits zierte die Covers jeweils eine stilisierte Pusteblume im unterschiedlichen Stadium des „Verwehens“. Diese einfache wie geniale Idee habe ich gerne bei der Wahl des Bildes zu diesem Beitrag aufgegriffen.


Kunstmann - 2020.jpg

Nun im Jahre 2020 stehen die Zeichen günstig für ein Comeback von Margaret Mitchells Epos. 70 Jahre nach ihrem Tod wurden die Rechte an dem Werk gemeinfrei. Der rührige Kunstmann-Verlag ergriff die Chance und schenkte dem Werk nicht nur eine neue Übersetzung durch Andreas Nohl und Liat Himmelheber. Auch das Cover erhielt – passend zur schlankeren Übersetzung – eine überfällige Frischzellen-Kur, wirkt nun deutlich eleganter und knüpft in seiner reduzierten Farbgebung an die Tradition des Ursprungs-Covers an. Bei seinem Umfang von 1328 Seiten muss die/der Leser*in zwar weiterhin einen literarischen Ziegelstein stemmen, dafür braucht der Roman aber nicht mehr verschämt versteckt und kann auch hemmungslos in der Öffentlichkeit gelesen werden. Happy End!


Für alle die vom Thema „Buchcover-Klischees“ nicht genug bekommen, möchte ich gerne den äußerst kurzweiligen Beitrag meiner Blogger-Kollegin Marion Rave von „schiefgelesen“ ans Herz legen.

[Rezension] Margaret Mitchell – Vom Wind verweht (Neu-Übersetzung)

Zuerst jahrzehntelang geliebt, verehrt, mit Tolstois „Krieg und Frieden“ verglichen und mit einem Hollywood-Monumentalfilm geadelt; dann beinah ebenso lange verspottet, zur seichten Hausfrauen-Lektüre abgekanzelt und als „politically incorrect“ verfemt: Nun startet Margaret Mitchells Erstlingswerk – wie Phönix aus der Asche steigend – hoffentlich zu einem neuen Siegeszug durch die Buchhandlungen. Zu verdanken ist dies einem rührigen Verlag, der das Potenzial hinter der trivial anmutenden Story erkannte, und das Wagnis einging, eine neue Übersetzung in Auftrag zu geben: Denn die Welt hat sich seit der ersten Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach aus dem Jahre 1937 stark gewandelt. Begrifflichkeiten müssen neu überdacht und der Blick auf das Werk neu justiert werden. Und so steht in meiner Rezension auch weniger die Handlung an sich im Vordergrund – zumal ich bei einem so populären Werk den Inhalt als bekannt voraussetzen darf – vielmehr werde ich meinen Fokus auf die Übersetzungen richten. Seit etlichen Jahren steht eine gebundene Ausgabe von Vom Winde verweht in meinem Bücherregal, begleitet mich schon beinah ⅔ meines Lebens und fand somit auch Eingang in meiner Sammlung Die Bücher meines Lebens. So schlug ich neugierig (aber auch ein wenig ängstlich) die ersten Seiten der neuen Übersetzung auf und begann mit der Lektüre. Zum besseren Vergleich habe ich mir die Mühe gemacht und einige Kapitel bzw. einzelne Passagen beider Übersetzungen parallel gelesen.

Schon beim Titel fällt eine kleine aber sehr bedeutende Änderung auf: Im Zuge der Neu-Übersetzung ging dem Titel ein Buchstabe verloren. Aus dem dramatisch-schwülstigen „Vom Winde verweht“ wurde ein klareres „Vom Wind verweht“. Es ist erstaunlich, wie das Weglassen eines einzigen Buchstabens den Klang eines Titels verändern kann.

Wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, entstand die erste Übersetzung unter Zeitdruck: Der Erfolg des Romans schwappte über den großen Teich. David O. Selznick hatte die Filmrechte erworben und startete auf der Suche nach der Hauptdarstellerin eine Werbekampagne, die bisher einzigartig in den USA war. Der deutsche Verlag wollte möglichst schnell die Nachfrage seiner Leser*innen befriedigen: Eine deutsche Übersetzung musste her. Vielleicht lässt sich so die eine oder andere Lücke in der Handlung, die eine oder andere „holprige“ Übertragung erklären. Und doch hat Martin Beheim-Schwarzbach damals nicht schlechter gearbeitet. Schließlich war seine Übertragung ein Produkt der damaligen Zeit und begeisterte über Jahre Hunderte von Leser*innen. Damals herrschten eben ein anderer Duktus und ein anderer Ton vor, und somit ist Beheim-Schwarzbachs Leistung im historischen Kontext nicht minder zu achten.

Was häufig im Zuge der Popularität des Filmes vergessen wird, ist, dass wir es hier mit einem gut konstruierten Roman zu tun haben, der immerhin mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Ich glaube kaum, dass eine vor Kitsch triefende Liebes-Schmonzette (in deren Ecke „Vom Winde verweht“ gerne gedrängt wurde) diesen renommierten Preis erhalten hätte. Margaret Mitchell wandte sich gegen dem damals vorherrschenden Trend und schuf mit Scarlett O’Hara und Rhett Butler zwei Anti-Helden, die beide völlig gegen dem gängigen Klischee agierten und denen ein Happy End verwehrt wurde. Ihr Werk kann sowohl als Anti-Kriegs- als auch als Emanzipations-Roman gesehen werden.

Auf stattlichen 1328 Seiten durchleben Mitchells Protagonist*innen existenzielle Veränderungen und sind Schicksalsschlägen ausgesetzt, die sie zwingen, ihre wahren Charaktere zu offenbaren. Dabei liegt der Fokus deutlich verstärkt auf den weiblichen Figuren, die hier vor dem Hintergrund einer sich schnell verändernden Zeit gezwungen werden, eine rapide Entwicklung zu durchlaufen. Den Leser*innen wird ein buntes Kaleidoskop an (vornehmlich) weiblichen Identifikationsfiguren präsentiert: Neben den unterschiedlichen Mütter-Figuren wie Ellen O’Hara oder Beatrice Tarleton, die mit sehr antagonistischen Methoden Familie, Bedienstete und Plantage managen, gibt es mit der Sklavin Mammy eine resolute Persönlichkeit, der ihr Stand zwar bewusst ist aber sich von ebensolchem Dünkel nicht befreien kann. Scarlett O’Hara vereint in ihrem egoistischen, dem eigenen Vorteil bedachten und sprichwörtlich über Leichen gehenden Verhalten eher männliche Züge. Diesen Widerspruch zum damalig vorherrschenden Rollenklischee versucht sie mit anerzogenen weiblichen Verhaltensmustern zu kontrastieren. Für Rhett Butler ist sie ein ebenbürtiges Gegenüber: Obwohl er sie völlig durchschaut – dafür sind sich diese beiden Charaktere zu ähnlich – begehrt und liebt er sie, würde sich für sie aber nie gänzlich offenbaren. So wahrt er seine Geheimnisse, die weder Scarlett noch die Leser*innen erfahren werden. Während ihm Scarletts damenhaftes Getue eher amüsiert und zur Ironie reizt, hegt er gegenüber Melanie Wilkes eine zarte Sympathie und verspürt einen tiefen Respekt, gerade weil sie mit jeder Faser ihres Seins eine Dame ist. Mitchell beschreibt sie als eine eher unscheinbare junge Frau von zarter Konstitution, unter der sich eine überraschende Zähigkeit verbirgt, mit einem scharfen Verstand und bar jeglicher Falschheit. So ist für mich auch eher Melanie die eigentliche, häufig unterschätzte Heldin dieses Romans.

In der Übersetzung des Duos Andreas Nohl und Liat Himmelheber wurden rassistische Untertöne deutlich gemildert: Das Wort „Nigger“ findet sehr überlegt Anwendung und beschreibt darüber hinaus eher die Haltung von demjenigen, der dieses Wort benutzt. Im Alltagsgespräch wird vielmehr von „Darkys“ gesprochen und wirkt auf mich als Leser weniger diskriminierend. Doch nicht immer scheint die Abmilderung gänzlich gelungen. So bemühen die Übersetzer sich, die Physiognomie der „Darkys“ (😉) möglichst neutral zu beschreiben, und es wirkt auf mich auch genauso: bemüht! Birgt in der Beschreibung eines Gesichtes schon eine Gefahr zum Rassismus? Doch trotz dieses kleinen Einwands empfinde ich die Neu-Übersetzung als absolut gelungen. Sie erscheint beträchtlich schlanker, beinah sachlich – von übermäßigen Pathos befreit und dadurch deutlich zeitgemäßer in einer erfrischenden Leichtigkeit. Und wie beim fehlenden Buchstaben im Titel, sind es manchmal nur Kleinigkeiten, die die Aussage eines Satzes verändern können: War Scarletts letzte Satz bisher ein „Schließlich, morgen ist auch ein Tag!“, schließt sie den Roman nun mit einem optimistischeren „Schließlich: Morgen ist ein neuer Tag!“.

So erhält „Vom Wind verweht“ endlich die verdiente Chance, den Dünkel der Trivialität abzuschütteln und seinen angestandenen Platz im Kreise der großen Unterhaltungsliteratur einzunehmen.


Anmerkung: Das in unserer heutigen verrückten Welt, wo Worte plötzlich eine neue Bedeutung erhalten und von Menschen für ihre niederen Zwecke missbraucht werden, literarische Werke neu überdacht werden, finde ich wichtig und richtig. Doch ich möchte auch auf folgendes hinweisen: Ich habe „Vom Winde verweht“ gelesen und bin kein Rassist geworden. Ich habe mich als Kind über Pippi Langstrumpf und ihrem Vater, dem Negerkönig in Taka-Tuka-Land amüsiert und bin kein Rassist geworden. Ich habe Agatha Christies Krimi „Und dann gab’s keines mehr“, in dem der alte Kindereim „Zehn kleine Negerlein“ eine entscheidende Rolle spielt, mit Freude gelesen und bin kein Rassist geworden. Kein Mensch wird ein Rassist, weil er diese Bücher gelesen hat. Ein Mensch wird ein Rassist, weil er in seinem gestörten Weltbild eine verabscheuungswürdige Ideologie verinnerlicht hat und somit zu großmütigen Gesten wie Toleranz und Menschlichkeit, die wichtige Säulen unserer Gesellschaft sind, nicht fähig ist.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956143182

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #72: Was ist das älteste Buch, das ihr je gelesen habt?

Es ist nur eine schlichte Frage, und doch nicht so einfach zu beantworten.

Da könnte ich mich ganz gelassen zurücklehnen und auf die schon in der Montagsfrage der letzten Woche erwähnten Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm verweisen. Schließlich wurde deren erster Band bereits im Jahre 1812 veröffentlicht. Aber „einfach“ könnte ja jeder…! So krame ich tiefer in der Kommode meiner Erinnerung in der Hoffnung, dass nicht allzu viele Schubladen klemmen.

Vor genau hundert Jahren erblickte das Erstlingswerk einer jungen aufstrebenden Autorin das Licht der Öffentlichkeit, nichtsahnend, dass hier die zukünftige „Queen of Crime“ einen ihrer erfolgreichsten Detektive ins Rennen schickt: 1920 war das Geburtsjahr von Hercule Poirot, der mit „Das fehlende Glied in der Kette“ seinen Einstand gab. Selbstverständlich wurde vor ein paar Jahren meine wiederentdeckte Liebe zu Agatha Christie mit der Lektüre eben dieses Krimis neu entfacht.

Eine der ersten Sherlock-Holmes-Geschichten, die ich je gelesen habe, war „Der Hund von Baskerville“, die im Jahre 1902 erschienen ist und sicherlich als eine der erfolgreichsten Werke von Sir Arthur Conan Doyle gelten darf. Im Laufe der Jahre habe ich diese spannende Geschichte nicht nur unzählige Male gelesen, auch die vielfältigen Film- und TV-Adaptionen fanden mein Interesse, und sogar eine gelungene Bühnenadaption schenkte mir spannende Unterhaltung.

1977 flimmerten die ersten Folgen der Zeichentrickserie „Heidi“ über die Mattscheibe, und ich wurde ein bekennender Fan. So fand auch das literarische Vorbild von der Autorin Johanna Spyri, das beinah 100 Jahre zuvor (1879) veröffentlicht wurde, schnell Eingang in meinem Kinderzimmer. Zudem handelte es sich hierbei um die Kinderbuchausgabe meiner Mutter aus den 40er Jahren. Doch leider hat dieses Exemplar die div. Umzüge nicht überlebt!

Im September 2018 wagte ich mich doch tatsächlich an Dante Alighieris „Die göttliche Komödie“, die er erst kurz vor seinem Tod im Jahre 1321 vollendete. Dieses Werk wird gerne von mir als meine „literarische Lebensaufgabe“ bezeichnet, und damit habe ich wahrlich nicht übertrieben. Dieses Werk ist alles andere als „leichte Kost“. Ganz im Gegenteil: Es liegt eher schwer im Magen oder auf dem Magen – je nachdem, wie ich den seitenstarken Schinken bei der Lektüre positioniere.

…und welche antiken Leseschätze habt Ihr in Eurer Erinnerungskommode versteckt?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

Vorlesewettbewerb 2019/20: And the winner is…

…und wieder war es soweit: „Same procedure as every year!“ – der Vorlesewettbewerb ruft, und wir sitzen am vergangenen Mittwoch wieder in trauter Eintracht in der Buchhandlung „die schatulle“, warten gespannt auf die Dinge, die da kommen werden.

„Wir“ das ist die diesjährige Jury für den Kreisentscheid: Ute Segger-Steinwede, ehem. Lesepatin an Grundschulen und Dozentin an der VHS ist neu in der Jury und gibt somit ihre Premiere. Iris Belz, Leiterin der Stadtbibliothek in Osterholz-Scharmbeck ist mit Freude und aus Überzeugung zum dritten Mal dabei. Meine Wenigkeit vergibt nun schon zum 6. oder 7. Mal sein Urteil und ist somit das „Jury-Urgestein“ (sozusagen: die regionale Ausgabe von Herrn Llambi).

Neun junge Menschen warten aufgeregt auf ihren jeweiligen Einsatz und werden unterstützt durch Familie und Freunde. Aber genauso sollte es doch auch sein: Kinder brauchen positive Vorbilder und somit Erwachsene in ihrem unmittelbaren Umfeld, die sie wertschätzend fördern und fordern.

Die Buchhandlung war somit üppig gefüllt! Gemeinsam lauschten wir den interessanten Geschichten, die die Kids zu Gehör brachten. Ich war wieder positiv überrascht über die thematische Bandbreite der ausgewählten Werke: „Spirit Animals: Band 1“ von Brandon Mull, „Drei Schritte zu dir“ von Rachael Lippincott, „Snöfrid aus dem Wiesental“ von Andreas H. Schmachtl, „Armouron – Die erste Mission der Space Warriors“ von O.B. McGann, „Die drei !!! – Heuler in Not“ von Maja von Vogel, „Wörter mit L“ von Tamara Bach, „Sophie im Narrenreich“ von Verena Petrasch, „Warrior Cats: Blausterns Prophezeiung“ von Erin Hunter.

Selbstverständlich zog sich die Jury auch diesmal zur Beratung zurück, doch selten waren wir uns bei einem Sieger so einig wie in diesem Jahr: Jonah Lepschy aus der 6. Klasse am Gymnasium Lilienthal konnte nicht nur mit seinem selbstgewählten Text aus „Samurai: Der Weg des Kämpfers“ von Chris Bradford punkten. Auch überzeugte er uns beim Fremdtext mit klarer Aussprache, guter Lesetechnik und einem adäquaten Lese-Tempo. Gratulation!

Für mich ist dieser jährliche Termin immer eine große Freude, und somit empfinde ich ihn auch weniger als Pflicht und vielmehr als Kür. Als Vor-Leser und Buch-Blogger darf ich nicht nur selbst großartige Geschichten vortragen bzw. über sie berichten sondern auch der nachfolgenden Generation lauschen. Und vielleicht wächst hier schon die nächste Lese-Patin oder der künftige Vor-Leser heran…! 💙


P.S.: Hier geht es zu den Zeitungsberichten: Osterholzer Kreisblatt

[Rezension] Alan Bennett – Ein Kräcker unterm Kanapee

Vor wenigen Tagen äußerte ich in meiner Rezension zu P.G. Wodehouses „Tausend Dank, Jeeves!“, dass Britten so richtig witzig sein können. Keine Bange, ich möchte diese getroffene Aussage nun nicht etwa revidieren – ganz im Gegenteil: Ich habe hier noch ein weiteres Beispiel als Beleg für die Richtigkeit meiner Aussage. Dabei könnten diese beiden Autoren nicht unterschiedlicher sein: Wodehouse mit Bennett zu vergleichen wäre ungefähr so, als würde ich (um bekannte Beispielen zu bemühen) Jürgen von der Lippe mit Dieter Nuhr messen. Beide haben ihre absolute Berechtigung und sprechen jeweils eine andere Region meines Humorzentrums an, und damit meine ich sowohl die Autoren als auch die Sprach-Humoristen.

Alan Bennett versammelt in diesem Band sechs kleine Geschichten, die für die BBC geschrieben und aufgezeichnet wurden. So wirken sie wie Auszüge aus einem Drehbuch mit einem kurzen Umriss über die jeweils handelnde Person, knappen Beschreibungen des Settings, Hinweisen auf Schwarzblende und dramaturgischen Pausen. So „sehen“ wir in diesen Monologen auch immer nur eine Person vor unserem geistigen Auge. Alle anderen Personen lernen wir durch den Blick des erzählenden Protagonisten kennen. Und dieser Blick ist zwangsläufig sehr subjektiv gefärbten und offenbart vieles von unseren Heldinnen und Helden.

Bennett präsentiert uns eine bunte Palette unterschiedlichster Typen: Da ist der erwachsene Sohn, der seiner leicht demenziellen Mutter missgönnt, dass sie mit Hilfe eines alten Schulfreundes wieder am Leben teilnimmt, und nicht erkennt, dass er sie mehr braucht als umgekehrt. Oder wir lernen die Pfarrersgattin kennen, die Ablenkung vom öden Gemeindeleben sucht und diese zuerst im Alkohol und dann auf der Matratze des Kioskbesitzers findet. Ein Füllfederhalter spielt in der nächsten Geschichte eine entscheidende Rolle, da dieser – einer Waffe gleich – von einer einsamen Frau für das Verfassen von allerlei Beschwerdebriefen benutzt wird, und sie dabei die sensible Grenze zwischen berechtigter Kritik und übler Verleumdung überschreitet. Selbstüberschätzung und der Mangel, die Menschen in ihrem Umfeld realistisch wahrzunehmen, wird einer jungen Möchte-gern-Schauspielerin zum Verhängnis, die sich „ganz Profi“ jegliche Schmach schön redet. Eine Witwe wird nach dem Tod des Gatten zum Spielball ihrer Kinder: zwischen Übervorteilung, Schuldzuweisung und Verschleierung versucht sie verzweifelt den Anschein von Anstand zu wahren, um nicht als tragische Figur zu enden. Ein Kräcker unterm Kanapee wird einer älteren Dame zum Verhängnis, die in ihrem Kontroll- und Putzzwang die Arbeit ihrer Zugehfrau kontrolliert, dabei stürzt und mit gebrochener Hüfte auf dem Boden liegend nicht erkennt, dass sie mit diesem Zwang bisher alle Menschen ihrer näheren Umgebung verscheucht hat.

„Das klingt so ganz und gar nicht witzig!“ könnte man meinen, aber der Eindruck täuscht: Bennetts Witz lauert im Verborgenen und pirscht sich nur ganz leise an die Oberfläche. Allen Protagonisten ist gemein, dass ihnen gänzlich der Hang zum Selbstmitleid fehlt, und sie beinah stoisch die Umstände aushalten. So zeigen die beschriebenen Situationen eine enorme Skurrilität, bieten viel Absurdes und entwickeln aus der scheinbaren Alltäglichkeit ihren Witz.

So war mein Lachen auch weniger ein hemmungsloses Kichern als vielmehr ein verdutztes Schmunzeln über die gelesenen Eigentümlichkeiten des Handlungspersonals, wohl wissend, dass sie in der Realität keine Seltenheit sind.


erschienen bei Wagenbach/ ISBN: 978-3803112682

[Operette] Carl Millöcker – DER BETTELSTUDENT / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Carl Millöcker / Text von Friedrich Zell und Richard Genée

Premiere: 1. Februar 2020 / besuchte Vorstellung: 16. Februar 2020

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Inszenierung: Eike Ecker
Bühne & Kostüme: Ulrich Schulz
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Ohje, die Operetten-Puristen werden bei dieser Inszenierung erschüttert aufschreien: Alles – und wenn ich schreibe „alles“, dann meine ich wirklich „ALLES“ – wurde durch die Regisseurin Eike Ecker gegen den Strich gebürstet – und es war köstlich albern und herrlich überzeichnet! Aber nur so kann Operette heutzutage funktionieren: Entweder du nimmst als Regisseur*in die Handlung einer Operette ernst (wenn es das Sujet hergibt!) oder du machst – nachdem du einen Blick auf die oftmals hanebüchene Story geworfen hast – das genaue Gegenteil.

Ecker fischt sich aus dem großen Topf der Unterhaltung all die Zutaten heraus, die sie für einen abwechslungsreichen Operetten-Cocktail benötigt: Ein ordentliche Portion „Boulevard“, eine reelle Prise „Revue“ und einen Hauch „Trash“, und fertig ist eine bunte Seifenblase ohne Inhalt aber schön-schillernd anzusehen.

Die Irrungen und Wirrungen dieser Operette beginnen mit einem Kuss auf die Schulter einer jungen Dame und deren Schlag mit dem Fächer gegenüber dem Übeltäter, und schon ist die schönste Verwicklung im Gang. Einzelheiten erspare ich Euch und mir, denn auch die Handlung dieser Operette lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Sie lernen sich kennen! Sie verlieben sich! Sie trennen sich! Sie finden wieder zueinander! Sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende! ENDE!

Was bleibt ist eine locker-leichte Unterhaltung, die den Zuschauern eine ordentliche Portion Spaß bereitet, und alle Abteilungen eines Stadttheaters fordert. Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Hartmut Brüsch lässt Millöckers Musik so herrlich süffig erklingen. Auch optisch erstrahlt diese Inszenierung dank der Kreativität von Ulrich Schulz im satten Technicolor und punktet neben der Ausstattung mit farbenfrohen Kostümen und gewagten Frisuren.

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Rainer Zaun gibt als vom Fächer getroffenen und Intrigen spinnenden Oberst Ollendorf eine imposante Figur, überzeugt mit schelmischen Spiel und seinem sonoren Bass. Cornelia Zink singt die auf der Schulter geküsste Komtesse Laura naiv-blond mit brillierendem Sopran. Als ihre Schwester Komtesse Bronislawa überzeugt Victoria Kunze nicht nur mit Stimme sondern auch mit einer immensen Spielfreude und ihrem ausgeprägten Talent für Komik. Deren Mutter, die Gräfin Nowalska mimt Sünne Peters mit witzigen Anleihen einer bösen Stiefmutter aus dem Märchen. Die beiden Bettelstudenten, scheinbaren Grafen und somit Objekte der Begierde für die Komtessen werden von MacKenzie Gallinger und Christopher Busietta mit tenoralem Verve und einem Hang zum Broadway verkörpert. Patrick Ruyters, Róbert Tóth, Shin Yeo und Patrizia Häusermann (in einer Hosenrolle) warfen sich mit Elan in ihre Rollen als dusseliger Sidekick von Oberst Ollendorf. In doppelter Funktion als Kerkermeister Enterich und Diener Onuphrie gefiel Schauspieler Guido Fuchs, der viele Lacher auf seiner Seite hatte.

Wenn ich mir eine Operette im Theater anschaue, dann erwarte ich keine intellektuelle Herausforderung. Im Gegenteil: Ich möchte mich schlicht und ergreifend „nur“ amüsieren. So kann ich dem Stadttheater Bremerhaven aus Überzeugung attestieren:

Bei Eurem „Bettelstudenten“ kommt das Amüsement wahrlich nicht zu kurz!


DER BETTELSTUDENT bietet noch bis zum Ende der Spielzeit „Schmalz“ vom Feinsten.