[Die Bücher meines Lebens] Walter Müller & Heinz Kampmeier – UNSERE NEUE FIBEL

– 1974 –


Sicherlich hatte ich vor meinem 5. Lebensjahr schon das eine oder andere Bilderbuch: Welche es waren? Ich weiß es nicht mehr. Anscheinend haben sie keinen bleibenden Eindruck in meiner kleinkindlichen Erinnerung hinterlassen. Oder vielmehr hat das nun vorgestellte Buch alle meine sonstigen Erinnerungen an vorherige Bücher überstrahlt…!

Seit meinem 5. Lebensjahr lese ich. Angefangen hat alles damit, dass ich es als kleiner Pöks wahnsinnig spannend fand, wenn mein 7 Jahre älterer Bruder morgens schon zur Schule durfte. Ich musste leider zuhause bleiben, dabei hätte es mich sehr interessiert, was mein Bruder in der Schule so alles erlebt (Mein Bruder ging nie gerne zur Schule und hätte mit Freude und äußerst bereitwillig mit mir getauscht!).

Das Wort „Schule“ war für mich verbunden mit „groß sein“, „selbständig sein“. Unbedingt wollte auch ich ein Schulkind sein. So nötigte ich unsere Mutter, mit mir „Schule“ zu spielen. Ich habe morgens und mittags, manchmal auch nachmittags meine kleine Tasche gepackt, mich von meiner Mutter verabschiedet, um mich dann über den weiten „Schulweg“ der Vordertreppe unseres Hauses zur „Schule“ im Erdgeschossflur zu begeben. Dort hielt ich mich aber gar nicht so lange auf: Vielmehr war es für mich viel interessanter, wieder von der „Schule“ zu meiner Mutter heimzukehren, um ihr unter Stöhnen und Seufzen (so wie ich es von meinem Bruder kannte) zu berichten, wie anstrengend die „Schule“ war, und wieviele „Hausaufgaben“ ich aufbekommen habe.

Bei dieser Gelegenheit kam die erste Schul-Fibel von meinem Bruder wieder zum Einsatz und zu neuen Ehren. Ich war fasziniert von den vielen bunten Bildern, wollte aber auch unbedingt die komischen Zeichen neben den Bildern verstehen. Unsere Mutter erklärte mir zwischen Staubsaugen, Mittag kochen und Abwasch (Bitte beachten: Wir befinden uns im Jahr 1974!) die einzelnen Buchstaben, und schon bald konnte ich aus den einzelnen Hieroglyphen erst ganze Worte und dann vollständige Sätze formen, um den Abenteuern von Peter, Ursula, Flocki, Muschi und Igel eigenständig zu folgen. Ich wurde nicht müde und mein Enthusiasmus schien unerschöpflich, meiner Mutter diese Geschichten immer und immer wieder vorzulesen.

Meine Tante erdreistete sich frecherweise, zu behaupten, ich könne gar nicht richtig lesen. Sie war der Meinung, ich hätte diese Geschichten einfach schon zu oft gehört und wüsste darum, wo welches Wort zu finden wäre. Um ihre These zu erhärten, schrieb sie einen Satz auf ein Stück Papier und zeigte ihn mir…!

…an den Satz kann ich mich nicht mehr erinnern, dafür aber an das glänzende 2,- D-Mark-Stück, dass ich von ihr erhalten habe. Meinen immensen Reichtum habe ich zum Konsum „um die Ecke“ getragen, wo mir eine Tüte mit losen Süßigkeiten befüllt wurde. Mit dem Gefühl, reich wie Krösus zu sein, saß ich auf den Eingangsstufen des Geschäfts und spürte eine leise Ahnung, was lesen (können) bewirken kann.


erschienen bei Ernst Klett/ ISBN: 978-3122321000

[Die Bücher meines Lebens] Ein Vorwort…

50 Jahre – ein halbes Jahrhundert habe ich nun auf dem Buckel: Nur eine Zahl wie jede andere auch…? Ja! und Nein!

Ich merke, dass diese Zahl etwas mit mir „macht“, …dass diese Jahre etwas mit mir gemacht haben. Die nahende 50 hat viele Gedanken und Gefühle in mir frei gesetzt, mich zum Grübeln gebracht und mich „gezwungen“, meinen bisherigen Lebens- und Lesens-Weg zu überdenken. Ich war nie jemand, der frühere Entscheidungen irgendwann bereut hat oder über erlittene Schicksalsschläge in Selbstmitleid verfallen wäre. Nein! Alles, was mir in meinem Leben bisher passierte, hat im Nachhinein einen Sinn ergeben. Alles, was mir in meinem Leben bisher passierte, hat mich zum Umdenken verleitet und mir geholfen, längst überfällige Entscheidungen zu treffen, um eine neue Richtung auf meinem Lebensweg einzuschlagen. Trotzdem möchte ich – wenn es sich bitte vermeiden lässt – einige dieser Schicksalsschläge nicht ein weiteres Mal durchleben müssen.

So turbulent mein Leben auch durchaus war, gab es doch immer eine Konstante, und diese Konstante war das Lesen für mich.

In den vergangenen 50 Jahren haben mich unzählige Bücher auf meinem Weg begleitet – Bücher, die so vielfältig wie ihre Autorinnen und Autoren, so unterschiedlich wie die ihnen zugedachten Leserinnen und Leser und so bunt wie das Leben waren. Jedes Buch, das ich gelesen habe, hat seine Spuren bei mir hinterlassen – auf der einen oder anderen Weise, mal mehr oder mal weniger intensiv. Und doch fiel es mir nicht schwer, diese ganz persönliche Auswahl zu treffen.

14 literarische Werke haben es auf meine Liste geschafft, und ich musste schmunzelnd feststellen, dass weder die Werke von namhaften Vertretern der „Sturm & Drang“ noch der „Aufklärung“ einen Platz auf meiner Liste erhalten haben, und keines dieser Werke war je auf einer Longlist des Deutschen Buchpreises. Mit 50 Jahren muss ich mir und dem Rest der Welt nichts mehr vormachen: Ein „Aufpimpen“ der Liste mit klangvolleren Namen kam für mich nicht in Frage! Dafür erlaube ich mir den Luxus und bin mit mir hemmungslos ehrlich: Diese Bücher haben mich durch außergewöhnliche Lebenssituationen begleitet, Emotionen in mir ausgelöst, mich getröstet, geleitet und inspiriert, mir Mut gemacht, mich ermahnt und lang verschollene Erinnerung hervor gelockt.

Sie haben es mehr als verdient, hier gewürdigt zu werden.

  • 1974: Walter Müller & Heinz Kampmeier Unsere neue Fibel
  • 1976: Hans Jürgen Press Die Abenteuer der schwarzen hand
  • 1977: Enid Blyton 5 Freunde im alten Turm
  • 1979: Michael Ende Die unendliche Geschichte
  • 1982: Janina David Ein Stück Himmel – Erde – Fremde
  • 1984: Fynn Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna
  • 1986: Margaret Mitchel Vom Winde verweht
  • 1990: Victor Hugo Die Elenden
  • 1993: Rita Mae Brown Venusneid
  • 1997: Armistead Maupin Stadtgeschichten
  • 2002: Truman Capote Frühstück bei Tiffany
  • 2007: Erich Kästner Drei Männer im Schnee
  • 2011: Agatha Christie Und dann gab’s keines mehr
  • 2018: Anne Müller Sommer in Super 8

Einige Werke habe ich Euch bei früheren Gelegenheiten schon einmal vorgestellt: Ich habe diese Texte genommen, gelesen, in mich hinein gehorcht und sie entsprechend redigiert. Weitere Werke werde ich Euch im Laufe der nächsten Tage und Wochen vorstellen: So erlaube ich mir, die 50 einige Wochen lang gemeinsam mit Euch zu feiern!

Ich wünsche Euch viel Spaß bei dieser Rückschau auf mein (Lese-)Leben!

Liebe Grüße
Andreas

P.S.: …und lieber ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel als ein falscher Fünfziger im Herzen! 😉


 

[Rezension] Gytha Lodge – Bis ihr sie findet

Vor 30 Jahren verschwand die 13-jährige Aurora Jackson spurlos während eines Campingausflugs mit ihrer älteren Schwester Topaz und deren angesagter Clique. Nun werden ihre Überreste zusammen mit Drogen in einer Erdhöhle in der Nähe des Platzes, wo die Jugendlichen damals gezeltet haben, gefunden. Detectiv Chief Inspector Jonah Sheens nimmt mit seinem Team die Ermittlungen wieder auf, durchleuchten die damaligen Aussagen der Beteiligten und vergleicht diese mit ihren heutigen Aussagen. Jeder und jede scheint etwas zu verbergen: Ermittler nicht ausgenommen! Langsam bröckelt der Wall aus Angst, Lügen und Heimlichkeiten, und es formt sich ein Bild dieser verhängnisvollen Nacht vor 30 Jahren, in der Aurora sterben musste…!

Gytha Lodge erfindet mit ihrem ersten Krimi das Genre nicht neu, hat dafür aber einen spannenden Plot geliefert, der die Aufmerksamkeit der Leserschaft auf ein konstantes Niveau hält. In dieser klassischen „Whodunit“-Story mit der überschaubaren Anzahl Verdächtiger dirigiert sie die Gedanken der Leser*innen geschickt in immer neue Richtungen, nur um mit einer unvorhersehbaren Wendung den Verdacht wieder auf eine andere Person zu lenken. Im Laufe der Lektüre hatte ich so jede und jeden – von Auroras Schwester Topaz über ihren damaligen Schwarm und jetzigen Ehemann bis zu DCI Jonah Sheens „himself“ in Verdacht. Wäre irgendwo aus dem Unterholz ein Gärtner gekrochen, hätte ich auch diesen verdächtigt (Der Mörder ist immer der Gärtner!).

Der Roman teilt sich in zwei Erzählebenen: In Rückblenden werden die Einzelheiten dieser schicksalshaften Nacht – vornehmlich aus Auroras Sicht – geschildert. Hier herrscht eine bedrohliche, düstere Stimmung vor. Besonders das Verhalten der einzelnen Mitglieder der Clique gegenüber Aurora zeigt viel von deren Alten Ego und offenbart neue, interessante Blickwinkel.

Die Gegenwart wird weitaus energischer geschildert und spiegelt die akribische Ermittlungsarbeit der Polizei wieder. Auch die häppchenweise dargebotenen Informationen zur möglichen Beteiligung der Ermittler bzw. zu deren Vergangenheit lassen diese Figuren durchaus zweidimensional erscheinen und schüren die Neugier, weitere Details zu erfahren. Lodge zeichnet eine glaubhafte Charakterisierung ihrer Protagonist*innen und versteht es nachvollziehbar, die sich verändernde Dynamik innerhalb der Schicksalsgemeinschaft dieser Menschen zu beschreiben. Der Verdacht, dass der Mörder von Aurora nur einer von ihnen sein kann, erschüttert das Vertrauen zueinander.

Jetzt haben wir es hier mit sechs privilegierten Jugendlichen (attraktiv, beliebt und umschwärmt) zu tun, die später zu ebenso privilegierten Erwachsenen (wohlhabend, erfolg- und einflussreich) heranreifen: Gähn! Wie langweilig! Doch im Laufe der weiteren Lektüre meinte ich zu erahnen, dass die Autorin ihre Protagonisten mit Bedacht gewählt hat. Der traumatische Verlust lässt die Mitglieder der Clique scheinbar enger zueinander rücken. Alle versuchen, mit dem Geschehenen (weiter-)leben zu können und kompensieren mit dem Streben nach Anerkennung das Gefühl von Schuld. Mit dem Auftauchen von Auroras Überresten bröckelt die Fassade des Establishments und hinter der selbstauferlegten Schutzmaske aus Schweigen, Lügen und Verleugnen kommen die hilflosen und unsicheren Kinder, die sie damals in Wirklichkeit waren und von denen heute immer noch ein Teil in ihnen steckt, zu Tage.

Der Mörder/ die Mörderin gibt sich alle erdenkliche Mühe, die Ermittler (und somit auch die Leser*innen) mit falschen Indizien in die Irre zu führen und mit Manipulation der Menschen in seinem/ ihrem Umfeld die eigenen schändlichen Taten zu verschleiern. Doch wer war nun der Mörder oder die Mörderin von Aurora? Die Auflösung überrascht, und ich verrate nur so viel: Der Gärtner war es nicht! 😉

Lust auf eine Zweit-Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meines Blogger-Kollegen Frank Wolf vom „reisswolfblog“.


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-3455006209

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #58: Gab es dieses Jahr eine von dir erwartete Neuerscheinung, die dich enttäuscht hat?

Enttäuschung! – so eine mächtige Empfindung, die so manches Mal allein(be)herrschend ist und Körper, Geist und Seele vereinnahmen kann.

Aber: Nein! Enttäuscht wurde ich nicht. Enttäuscht kann ich nur werden, wenn ich einem Roman ungeduldig entgegenfiebere, kaum den Erscheinungstermin abwarten kann und in der Nacht zuvor vor lauter Vorfreude nicht in den Schlaf komme. So einen Roman gab es in diesem Jahr (leider!) für mich nicht!

Es gab Neuerscheinungen, die haben meine in ihnen gesetzten Erwartungen nicht nur erfüllt sondern sogar übertroffen: Zum einen wäre hier die gar wunderbare, warmherzige Familiengeschichte Rückwärtswalzer von Vea Kaiser zu nennen. Auch das Krimi-Debüt von Stuart Turton Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle hat mich vor Spannung über Stunden ans Sofa „gefesselt“.

Dafür gab es so einige Überraschungen, die mir so manches Mal eher unvermittelt begegnet sind: Der zarte Roman Agathe von Anne Cathrine Bomann hat mich ebenso sehr berührt wie die äußerst persönliche Geschichte von Rainer Moritz Mein Vater, die Dinge und der Tod.

Natürlich gab es auch Romane von denen ich mir im Vorfeld (aufgrund der Vorschusslorbeeren für den Autor, vollmundiger Verlagsankündigungen oder eines verlockenden Plots etc.) mehr erwartet hätte: Bei Susanne Scholls Die Damen des Hauses hatte ich das Gefühl, dass hier Chancen vertan wurden. Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich von Friedrich Christian Delius war mir schlicht und ergreifend „zu hoch“! Aber haben mich diese beiden Bücher nun enttäuscht? Im Sinne der oben genannten Definition: Nein!

Dafür gab es von mir nun schon Anfang November einen kleinen, feinen Rückblick auf mein Lese-Jahr: Ohje! Was schreibe ich nur, sollte Antonia am Ende des Jahres die offizielle Frage zu diesem Thema stellen???

…und über welche Enttäuschungen musstet Ihr hinwegkommen?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Noch ein Gedicht…] Clara Müller-Jahnke – IM NOVEMBERSTURM

Der Sturmwind rast und der Regen schlägt
ans Fenster in schweren Tropfen –
Ich fühl in der tollen Novembernacht
mein Herz wohl hörbar klopfen.

Es schlägt in brennender Ungeduld
sehnsüchtig und beklommen . . .
Ach, wenn die Stunde doch Flügel hätt‘
und wäre der Winter gekommen!

Und deckte die Ströme das blinkende Eis
und der Schnee die schweigende Runde –
und wären wir endlich allein, allein
in der heimlichen Mitternachtsstunde!

O Liebster, Liebster, – der Sturmwind rast
und der Regen rauscht endlos nieder –
mir aber fluten durch Haupt und Herz
traumselige Liebeslieder.

Clara Müller-Jahnke

[Rezension] Claire Takacs – Dreamscapes: Traumgärten aus aller Welt

Sehnsuchtsorte: Ich sprach vor einigen Tagen von eben diesen besonderen Orten, bei denen die Seele durchatmet und sich eine wohltuende Ruhe im Innersten ausbreitet. Ich hatte das große Glück in einem 1.280m² großen Garten aufwachsen zu dürfen. Dieser Garten hatte dank meines rührigen Großvaters die klassische Aufteilung zwischen Zier- und Nutzgarten und einer kleinen Rasenfläche mit Obstbäumen. So denke ich immer wieder voller Dankbarkeit an den Garten meiner Kindheit zurück: Kaum 4-jährig saß ich auf der kleinen Mauer des Frühbeetes und beobachtete meinen Opa beim Kartoffelpflanzen. In mehreren Reihen warteten kleine Mulden in der dunklen Erde, die vorgekeimten Knollen aufzunehmen. Und während mein Opa Mulde für Mulde füllte und schloss, schlich ich mich mit einer Kartoffel in der Hand zur letzten Mulde in der Reihe, legte sie dort heimlich ab und freute mich königlich, wenn Opa scheinbar überrascht über dieses „Wunder“ staunte. Rückblickend verbinde ich meine Zeit mit Opa im Garten immer mit Geborgenheit und Ruhe. Ich konnte/ durfte unbeschwert sein.

Claire Takacs ist eine australische Fotografin mit einer Leidenschaft für Garten- und Landschaftsfotografie. Diese Leidenschaft sieht man ihren wunderschönen Fotos deutlich an: Sie nimmt den Betrachter mit auf eine Reise durch die Traumgärten von Australien, Neuseeland, Nordamerika, Europa und Asien. Dabei erläutert sie in ihren Texten ihre Beweggründe zu diesem Projekt, erzählt von ihren Begegnungen mit den Schöpfern dieser Gärten, die voller Leidenschaft die Leserschaft am kreativen Prozess teilhaben lassen. Doch so informativ der Text auch ist, die größte Faszination geht vom Betrachten ihrer Fotos aus.

Dabei nehmen sowohl die kulturellen Wurzeln der Schöpfer als auch die klimatischen Bedingungen durchaus sichtbar Einfluss auf die Gestaltung der Gärten. So mutet der Garten vom Hermannshof in Weinheim/ Deutschland natürlich anders an als der Landschaftsgarten Kenrokuen in Kanazawa/ Japan oder der Kakteen- und Sukkulentengarten Rancho Diablo in Lafayette/ Kalifornien. Doch stets ist die Leidenschaft aller Gartenbesitzer und -gestalter über die Fotografie spürbar.

Die Fotos zeigen wahrlich meisterliche Gärten, die voller Verschwendung die Schönheit der Natur präsentieren. Dreamscapes – Traumlandschaften können sie absolut zu Recht benannt werden. Da wirken einige Gärten verwunschen wie im Märchen und verströmen doch einen Hauch von Vergänglichkeit. Da protzen Gärten mit ihrer geometrischen Formgebung, während anderswo Büsche und Gräser in sanften Wellen organisch sich der Landschaft anpassen. Wieder andere Gärten zeigen eine klare Struktur. Alle eint sie eine überwältigende Üppigkeit und eine imponierende Originalität

Dieser wunderschöne Bildband ist völlig zu Recht mit dem Deutschen Gartenbuchpreis 2019 ausgezeichnet worden.


erschienen bei DVA/ ISBN: 978-3421041098

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Moritz Hürtgen – Angst vor Lyrik. Gedichte

Angst vor Terror, Krebs und Spinnen.
Angst, das Schreiben zu beginnen.
Angst vor einem weißen Blatt,
Angst des Dorfdepps vor der Stadt.

Fürchtet Mörder und Ganoven,
fürchtet Schlaue wie die Doofen.
Doch wer fürchtet, der vergisst,
dass die Angst am schlimmsten frisst,
wenn es Angst vor Lyrik ist.

Moritz Hürtgen

*

Ohjeohje! Wo anfangen, wo aufhören?

Nein, keine Bange, es klingt jetzt schlimmer als es ist. Denn schlimm ist absolut gar nichts am Lyrik-Band von Moritz Hürtgen. Im Gegenteil…!

Mein Gejammer ist der Tatsache geschuldet, dass ich nicht weiß, wie ich dieses Werk beschreiben soll. Ohjeohje! Was mache ich nur, wenn ich keinen Anfang finde? Was mache ich nur, wenn ich kläglich scheitere? Wo ich doch eine so große Angst vor dem Versagen (passendes Gedicht: Seite 11) habe!

Beim Aufschlagen dieses Büchleins öffnet der Leser die vielbemühte Büchse der Pandora und lässt eine beachtliche Anzahl an mannigfaltigen Ängsten frei. Jede Angst für sich, wäre schon Grund genug voller Schrecken zu erstarren, aber sie sind zu allem Übel auch noch GEREIMT! Hürtgen reimt sich „einen Wolf“ (gerade dazu gibt es kein Gedicht) zu Ängsten vor…

…Abgründen, Alkohol, dem Alltag, Ärzten, dem Atomkrieg, dem Aufwachen, Ausländern, Außerirdischen, und dabei handelt es sich nur um die Einträge unter dem Buchstaben A in der Liste der Phobien, die diesem Werk hintenan gestellt wurde. So kann sich jeder Betroffene – einer literarischen Hausapotheke gleich – sein passendes Gedicht zum momentan aktuellen Zwang aus dieser übersichtlichen Auflistung hurtig heraussuchen.

Moritz Hürtgen blickt voller Ironie auf so einige Zwangsneurosen unserer Zeit, bleibt dabei aber immer respektvoll. Seine Zeilen wirken wie frisch entstaubt vom früheren Lyrik-Muff, und gleichzeitig verbeugt er sich vor die Vers-Meister der Vergangenheit. So schüttelreimt er fröhlich vor sich hin, manchmal mit einem sehr ausgefallenen Versmaß, und findet einige ungewöhnliche und freche Bilder. Aber damit befindet sich in sowohl bester wie auch schelmischer Gesellschaft mit dem einzigartigen Joachim Ringelnatz.

Verschönert werden die einen oder anderen Verse durch einige sehr plakative Illustrationen von Leo Riegel.

Es war mir ein außerordentlich kurzweiliges Vergnügen, mich mit diesen heiteren Gedichten beschäftigen zu dürfen: Beim Zuklappen des Buches schloss ich die Büchse der Pandora wieder und in ihr meine Ängste ein. Lesenswert!!!


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956143199

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #57: Wie sehen sich Blogger im Vergleich zu professionellen Literaturkritikern?

Eine sehr interessante Frage…! Auch wieder eine Frage über deren Inhalt ich mir bisher keine Gedanken gemacht habe. Aber dieser Zustand ist gerade im Begriff, sich zu verändern…!

Prinzipiell vergleiche ich mich nicht mit Literaturkritikern und sehe mich auch nicht als Konkurrenz sondern eher als zwei unterschiedliche Töne auf einer Farbpalette. Ja, wir „kritisieren“ alle Bücher: Doch während die Leser*innen von professionellen Kritiken die Verfasser in den seltensten Fällen persönlich kennen, habe ich als Buch-Blogger recht viel Kontakt zu meinen Followers, die mich häufig „live & in Farbe“ kennen (und ich sie) und so vielleicht besser einschätzen können, ob ein von mir rezensiertes Buch auch ihren Geschmack treffen könnte.

Zudem lese ich persönlich wenige bis keine Kritiken von Professionellen. Ich habe nämlich den Eindruck gewonnen, dass sich in so mancher Redaktion des Feuilletons verkappte und verschmähte Autoren tummeln, die aufgrund mangelnder Anerkennung ihres Talentes nun ihren Lebens-Unmut an den Werken derer auslassen, die mehr Glück/ Erfolg/ Talent hatten. Da strömt manches Mal so viel vom miesepetrigen „Ich weiß es besser!“ aus den Zeilen, dass ich mir durch die Lektüre nicht meine gute Laune verderben möchte.

Buch-Blogger nehme ich da deutlich entspannter wahr: Sie müssen mit dem Verfassen einer Kritik in der Regel nicht ihren Lebensunterhalt verdienen. Wobei es auch unter uns Buch-Bloggern so einige Spezies gibt, die so manchen „Bullshit“ zusammen rezensieren. Hier handhabe ich es ähnlich wie bei professionellen Kritikern: Ich lese nicht weiter, und sollte sich der „Bullshit“ wiederholen, würde ich dieser Seite auch nicht mehr folgen.

Dabei erwarte ich eine objektive Beurteilung von professionellen Literaturkritikern ebenso wenig wie von mir selbst, aber wir alle können uns um eben eine solche bemühen und zudem unsere Kritik mit Respekt äußern. „Respekt“ gehört übrigens zu meinen Lieblingswörtern zusammen mit „Rücksicht“ und „Höflichkeit“. Habt Ihr auch Lieblingswörter…?

Eine der wenigen Literatursendungen, die ich mir mit Freude angesehen habe, war damals „Lesen!“ mit Elke Heidenreich: Einerseits wurden die Werke nicht in ihre Bestandteile zerpflückt à la „Literarisches Quartett“, andererseits hat Frau Heidenreich nur Bücher vorgestellt, die ihr persönlich gefielen und entsprechend enthusiastisch über sie gesprochen. Genau dies ist es, dass ich mit meinem Blog, meinen Rezensionen aber auch mit meinen Lesungen und meiner Jury-Teilnahme beim Vorlesewettbewerb vermitteln möchte:

Die Freude am Lesen!

…und: Noch Fragen? Dann immer her damit…!


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Musical] Frank Wildhorn – DER GRAF VON MONTE CHRISTO / Stadttheater Bremerhaven

Musical von Frank Wildhorn / Buch und Songtexte von Jack Murphy / Orchestrierung und Arrangements von Kim Scharnberg und Koen Schoots / Deutsch von Kevin Schroeder

Premiere: 21. September 2019 / besuchte Vorstellung: 26. Oktober 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Felix Seiler
Bühne & Kostüme: Hartmut Schörghofer
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Fechtchoreographie: Jean-Loup Fourure
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Bombastisch wie eine Welle rollt die Musik vom Philharmonischen Orchester unter dem dynamischen Dirigat von Davide Perniceni aus dem Graben Richtung Publikum. Der Chor eröffnet mit einem dramatischen Sopran-Solo, und schon sind wir mitten im Intrigenspiel rund um den jungen Seemann Edmond Dantès, das im Original vom Romancier Alexandre Dumas erdacht wurde.

Eine schändlichen Intrige von Fernand Mondego, Gérard von Villefort und dem Baron Danglars, die alle selbstsüchtig aus persönlichen Beweggründen (Begierde, politisches Kalkül, Geldgier) agieren, trennt Edmond Dantè von seiner Angebeteten Mercédès. Er wird unschuldig zu lebenslanger Haft im Kerker Château d’If verurteilt. Mit der Hilfe seines Mitgefangenen, dem alten Abbé Faria gelingt ihm nach 14 Jahren die Flucht. Der sterbende Abbé verrät ihm das Versteck eines sagenhaften Schatzes auf der Insel Monte Christo. Ein Piratenschiff unter der Führung der Kapitänin Luisa Vampa bringt ihn dorthin. Mit einer neuen Identität als wohlhabender Graf von Monte Christo kehrt Dantè in seine Heimat zurück, um zu erkennen, dass seine große Liebe Mercédès mit seinem Widersacher Fernand Mondego unglücklich verheiratet ist. Deren gemeinsamer Sohn Albert steht kurz vor der Verlobung mit der reizenden Valentine. Die Freundschaft mit ihm nutzt der Graf von Monte Christo um sich seinen Widersachern zu nähern. Sein Spiel aus Rache und Richten beginnt…!

Komponist Frank Wildhorn hat sich im Laufe der Jahrzehnte einen Namen mit der Vertonung klassischer Stoffe (Jekyll & Hyde, The Scarlet Pimpernel, Cyrano de Bergerac, Carmen, Bonnie & Clyde) gemacht. Sein kompositorischer Stil passt auch hervorragend zu diesen Sujets und bietet eine Mischung aus symphonischen Klang und üppigen Chorsätzen, filmischen Underscore und emotionalen Balladen. Dabei liefert er immer wieder eine effektvolle Musik, die der Handlung durchaus dient, aber leider auch innerhalb seiner Werke austauschbar erscheint. Trotz aller Gefälligkeit gibt es kaum Melodien, die länger im Ohr bleiben. Auch in Bremerhaven ist er kein Unbekannter: In der Saison 2016/17 zeigte das Stadttheater eine moderne Inszenierung von „Dracula“ mit Anna Preckeler als Mina, Maximilian Mann als Jonathan Harker und Christian Alexander Müller in der Titelrolle.

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Regisseur Felix Seiler bietet mit Bühnenbildner Hartmut Schörghofer dem Publikum eine sensationelle Inszenierung. Seiler lotet mit seinem Ensemble die Beziehungen der Protagonisten zueinander aus und kreierte so eine dichte Inszenierung mit einer überzeugenden Personenführung. Er erlaubte sich den Spaß und versteckte kleine „Easter Eggs“ aus Film (Titanic) und Musical (The Phantom oft he Opera) in die Handlung (Zumindest war ich der Meinung, diese dort entdeckt zu haben!).

Vikrant Subramanian überzeugte in der Titelrolle mit klassischem Bariton, den er musical-like zurücknahm, um so mit flexibler Stimme zu glänzen. Auch darstellerisch hat er sich in den letzten Jahren zu einem „Leading Man“ des Hauses gemausert. Sein Widersacher Fernand Mondego wurde von Marco Vassalli beinah unangenehm schmierig verkörpert: In seinem dunkel-gefärbten Bariton schwang immer ein gehöriges Maß an Gefährlichkeit mit. Anna Preckeler glänzte als Gast (nach Dracula) wieder in einem Wildhorn-Musical, sei es als junge leidenschaftliche Frau oder als ältere verzweifelte Mutter, und bot auch gesanglich große Momente. Die größte Überraschung präsentierte allerdings Victoria Kunze in der Doppelrolle Luisa Vampa/ Valentine: Während sie die Piratenkapitänin rollendeckend robust-vulgär mit einem Hang zur Komik anlegte, gestaltete sie die Rolle der Valentine sehr zart mit lyrischem Sopran und emotionalem Spiel.

Seiler versteht es nicht nur seine Protagonisten sondern auch den Opernchor geschickt zu führen. Selten habe ich den Chor so spielfreudig und variabel erlebt. Mein besonderes Lob gilt hierbei den Damen, die nicht nur als Piratinnen und Ladies der feinen Gesellschaft gefielen: Auch als „Mädchen der Nacht“ waren sie ungewohnt kokett-frivol! Das Ballett des Hauses zeigte in der Choreografie von Andrea Danae Kingston sein Können und war weit mehr als „nur“ schmückendes Beiwerk, während Jean-Loup Fourure für die Einstudierung der rasanten Fechtchoreografie verantwortlich war.

Ein weiterer „Hauptdarsteller“ war das Bühnenbild von Hartmut Schörghofer: Er schafft auf der variablen Drehbühne immer wieder neue Spielebenen, arbeitet mit dem Wechsel der Perspektiven, bei denen auch Licht und Schatten eine besondere Bedeutung spielten, und nutzt alle Möglichkeiten der Bühnentechnik. Auf der rechten Bühnenseite wurden mit Hilfe von Vorhängen, Versatzstücken und dem geschickten Einsatz von Projektionen die unterschiedlichen Handlungsorte dargestellt. Die linke Bühnenseite sowie die spiralförmig ansteigende Drehbühne erschienen dagegen wie aus Stein: Auf der Drehbühne führten lange Kreidestriche in verschiedene Richtungen und wirkten wie Verbindungen innerhalb eines Beziehungsgefüges bzw. einer Figurenkonstellation. Die linke Wand war dafür übersät mit vielen kleinen Strichen, die die Tage/ Monate/ Jahre symbolisieren sollten, die Edmond Dantè in Château d’If verbrachte.

Es war erstaunlich und eine Freude zu erleben, wie sich aus allen Einzelteilen dieser Inszenierung ein großes, fulminantes Ganzes formte. Das Stadttheater Bremerhaven hat (wieder) nachdrücklich bewiesen, dass durchaus auch ein kleines Haus in der Lage ist, seinem Publikum exzellente Musical-Unterhaltung zu bieten.


DER GRAF VON MONTE CHRISTO kämpft noch bis zum Ende der Spielzeit um Rache und Gerechtigkeit.

[Rezension] Ben Aaronovitch – DER OKTOBERMANN

Bisher habe ich um so genannte Spin-Offs erfolgreicher Werke des Verlagswesens einen großen Bogen gemacht: In diesem Fall klang die Rezension meiner geschätzten Blogger-Kollegin Andrea Schuster von „Lesen… in vollen Zügen“ zum englischen Original so positiv, dass ich mich habe verführen lassen. Und auch auf die Gefahr hin, dass Andrea mich haut und knufft und sonst wie bestraft: Meine Begeisterung zu diesem Krimi fällt leider etwas verhaltener aus!

Am Rande eines Weinberges bei Trier liegt eine Leiche, die sowohl höchst unschön wie auch ungewöhnlich von Kopf bis Fuß mit einem besonderen Fäulnispilz überwuchert ist, der üblicherweise bei der Weinveredelung eingesetzt wird und für den Menschen völlig ungefährlich ist. Üblicherweise…! Aber an diesem Fall scheint nichts „üblich“ zu sein, da eindeutig Magie im Spiel ist. So wird Ermittler Tobi Winter vom KDA, der Abteilung für Komplexe und diffuse Angelegenheiten des Bundeskriminalamts, mit diesem Fall betraut. Zusammen mit seiner Kollegin „vor Ort“ Vanessa Sommer, versucht er den Fall mit übersinnlicher Intuition und magischem Talent auf den Grund zu gehen. Dabei stoßen die Beiden auf einen gefährlichen, Jahrhunderte alten Zauber und machen die Bekanntschaft mit durchaus weltlichen Fluss-Göttinnen…!

Glücklicherweise stutzte Ben Aaronovitch die Begegnungen Tobi Winters mit den Fluss-Göttinnen auf ein zumutbares, dafür unterhaltsames Maß zusammen (bei „Die Flüsse von London“ war ihm dies nicht gelungen: s.a. meine Rezension) und verhindert dadurch langatmige Beschreibungen, die den Roman nur unnötig aufblähen.

Dafür gebührt ihm mein Lob, da er innerhalb des „Die Flüsse von London“-Kosmos für das Ermittler-Duo Sommer & Winter (…über diesen Witz scherzen selbst die Protagonisten!) eine eigenständige Erzählweise kreierte. Er schafft es, dass dieser Roman „deutsch“ klingt: Zum einen malt er ein stimmiges Bild des hiesigen Polizei-Beamten-Apparats, und beschreibt glaubhaft das Setting, in dem er geschickt Realität mit Fiktion vermischt. Sein Roman mutet wie einer der momentan beliebt-erfolgreichen Regionalkrimis an und könnte auch in einer filmischen Umsetzung als solide Sonntagabend-TV-Unterhaltung funktionieren.

Tja, mehr gibt es nicht zu berichten: gute, solide Krimi-Kost! „Solide“ ist auch so ein Wort, dass ich mit „deutsch“ verbinde. Mir scheint, dass die Mimikry eines britischen Autors an den heimischen Buchmarkt als gelungen betrachtet werden darf. 😉


erschienen bei dtv/ ISBN: 978-3423218054

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!