[Konzert] Neujahrskonzert – LA VALSE / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik von Frédéric Chopin, Léo Delibes, George Gershwin, Charles Gounod, Aram Khachaturian, Emmerich Kálmán, Franz Lehár, Sergei Sergejewitsch Prokofjew, Giacomo Puccini, Maurice Ravel, Nino Rota, Johann Strauß Sohn, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky und Guiseppe Verdi

Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Premiere: 1. Januar 2024 / besuchte Vorstellung: 2. Januar 2024

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni
MODERATION, GESANG & REZITATION
Victoria Kunze


Die letzten Böller sind (hoffentlich) gezündet, die letzten Raketen am Himmel verpufft. Das Neue Jahr ist da, zeigt sich momentan zwar von seiner nassen Seite, hat allerdings 12 Monate im Gepäck, die jede*r von uns ganz persönlich gestalten und somit das Beste daraus machen darf. Wir haben die Wahl…!

Bei strömenden, sturmartigen Regenfällen wählten wir den Weg nach Bremerhaven, ängstlich, ob die gewohnten Wege aufgrund des Hochwassers auch passierbar wären. Vom Parkhaus kämpften wir uns durch die feucht-kalte Stadt ins anheimelnde Foyer des Stadttheaters Bremerhaven. Uns würde bestimmt recht schnell wieder warm werden: Das Philharmonische Orchester Bremerhaven hatte zum Neujahrskonzert geladen und versprach mit LA VALSE / DER WALZER einen schwungvollen Abend, der uns sicherlich am Ende bestens gelaunt nach Hause treiben lassen würde.

Normalerweise sieht man die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven dezent in schwarz-weiß gekleidet. Diesmal zeigten die Damen Farbe und erschienen in ihren eleganten Roben sehr individuell gewandet, während sogar die Herren zu ihren schwarzen Anzügen eine überraschende Vielfalt an Krawatten-Designs präsentierten. 😉

Der erste Kapellmeister Davide Perniceni hatte für dieses Konzert ein abwechslungsreiches, unterhaltsames aber auch überraschendes Programm zusammengestellt, das sich musikalisch über mehrere Epochen und Stile erstreckte. Doch diese bunte Auswahl sollten sowohl die Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters wie auch ihr musikalischer Leiter spielend meistern können: Schließlich haben sie in der Vergangenheit schon in den diversen Genres des Musiktheaters ihre ausgeprägte Vielseitigkeit gezeigt und sollten auch diesmal wieder mit ihrem Können brillieren.

Das Konzert begann mit dem „Faust-Walzer“ aus der gleichnamigen Oper von Gounod, wo bei aller Walzerseligkeit die Tragödie schon musikalisch anklingt. Dafür erklang der Walzer aus der Ballett-Musik zu Delibes „Coppelia“ umso leichter und beschwingter. Weitere Kompositionen stammten von Frédéric Chopin („Grand Valse brillante“), Guiseppe Verdi/ Nino Rota („Gran Valzer Brillante“ aus „Il Gattopardo“) und Emmerich Kálmán („Ouvertüre“ aus „Die Csárdásfürstin“). Bei einem solchen Programm dürfen natürlich auch die Walzer aus Tschaikowskys „Schwanensee“ und aus der „Cinderella Suite“ von Prokofjew keinesfalls fehlen.

Eine wahre Entdeckung war für mich das titelgebende Stück „La Valse“ von Maurice Ravel, der den klassischen Walzer erst demontierte, um ihn dann neu zusammenzusetzen. Dabei wirkte es auf mich, als würde der Komponist den Walzer in Tausende von Splittern zerspringen lassen, um dann die Einzelteile alptraumartig wieder zusammenzufügen. Beim Anhören dieser Komposition wurden vor meinem inneren Auge eine Vielzahl an Bildern heraufbeschworen: Da sah ich „Nussknacker und Mäusekönig“ aus E.T.A. Hoffmanns Märchen miteinander im Duell, gefolgt von der beängstigenden Wendeltreppen-Szene aus Hitchcocks „Vertigo“ bis zu den vernichtenden Flammen auf Manderley aus Daphne du Mauriers „Rebecca“. Es ist erstaunlich, auf welche inneren Reisen das bloße Anhören von Musik uns schicken kann.

So ließ mich der Walzer aus der „Masquerade Suite“ von Aram Khachaturian an die Maskenball-Szene aus dem Film-Musical „An American in Paris“ denken. Doch spätestens beim „Kaiserwalzer“ von Johann Strauß Sohn sollte sich bei allen im Publikum Champagner-Laune eingestellt haben. Wobei: Mir würde auch ein spitziger Prosecco genügen, um mich in eine nicht weniger launige Stimmung versetzen zu lassen.

Victoria Kunze ist eine erste Sopranistin am Haus. Würde ich dies gegenüber Victoria äußern, würde sie mir sicherlich ins Wort fallen und widersprechen. Doch hätte sie mich mal ausreden lassen: Das Haus ist in der glücklichen Position, gleich zwei erst(klassig)e Sopranistinnen im Ensemble haben zu dürfen. Bei diesem Programm war sie nicht nur gesanglich gefragt, sondern „debütierte“ auch als reizende Moderatorin.

Zart und gefühlvoll sang sie Julias Arie „Je veux vivre“ aus Gounods Oper „Roméo et Juliette“. Frech-frivol ließ sie Musettas Walzer „Quando m’en vo’“ aus „La Bohème“ von Giacomo Puccini erklingen. Verführerisch schmachtete sie bei „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ aus der Operette „Guidetta“ von Franz Lehár. Schmissig präsentierte sie mit „By Strauß“ die Hommage der Gershwin Brüder an die beiden Walzerkönige. Dieser Song erklingt übrigens auch in dem Film-Musical „An American in Paris“.

Zwischendrin verriet sie uns kurzweilig Hintergrundinformationen zu den jeweiligen Musikstücken, rezitierte amüsant Tucholsky oder gab witzige Anekdoten aus dem Hause Kunze zum Besten. Da berichtete sie von dem leidenschaftlich ausdiskutierten Walzer-Versuch ihrer Eltern und vom ersten Auftritt der kleinen Victoria an der Harfe, der beinah desaströs enden sollte (Ich glaube, ich hatte es hier bisher noch nicht erwähnt: Victoria Kunze ist nicht nur Opernsängerin sondern auch studierte Harfenistin und ausgebildete Musikpädagogin.). Charmant flirtete sie mit dem Publikum oder drohte Davide Perniceni, dass er im Laufe des Abends mit ihr gemeinsam das Tanzbein schwingen müsste.

Soweit sollte es schlussendlich (leider) nicht kommen. Allerdings rückte sie ihm bei der klassischen Neujahrskonzert-Zugabe, dem „Radetzky-Marsch“ dann doch auf die Pelle: Kurzerhand entwendete sie dem Herrn Dirigenten den Taktstock, schupste ihn spielerisch vom Pult, um höchstpersönlich bei den Damen und Herren des Orchesters den Schwung vorzugeben – frei nach dem Motto: Wer braucht schon einen ersten Kapellmeister, wenn eine erstklassige Sopranistin zur Stelle ist?!

Eines ist sicher: Zusammen mit ihrer Tanz-Combo werden das Duo Vicky & Dave im Showbusiness noch gaaanz groß rauskommen! 😆


…und hier gibt es noch einen musikalischen Schmankerl von diesem wundervollen Konzert.


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!

[Musical] John Du Prez & Eric Idle – SPAMELOT / Stadttheater Bremerhaven

Musik von John Du Prez & Eric Idle / Buch und Liedtexte von Eric Idle / Ein neues Musical, entstanden durch liebevolles Fleddern des Monty Python Films Die Ritter der Kokosnuss nach dem Originalbuch von Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin / Deutsch von Daniel Große Boymann

Premiere: 22. Oktober 2023 / besuchte Vorstellung: 26. November 2023 & 13. April 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


INSZENIERUNG Achim Lenz
MUSIKALISCHE LEITUNG Tonio Shiga
BÜHNE & KOSTÜME Bernhard Niechotz
CHOREOGRAFIE Yara Hassan
CHOR Mario Orlando El Fakih Hernández
DRAMATURGIE Peter Hilton Fliegel
REGIEASSISTENZ Justine Wiechmann, Jens Bache
GESANGSCOACHING Gabriele Brüsch
VIDEOANIMATION Steffen Focken
INSPIZIENZ Regina Wittmar
SOUFFLAGE Birgit Ermers
THEATERPÄDAGOGIK Florian von Zameck-Glyscinski
LEITUNG DER STATISTERIE Sabrina Eggerichs


Es war kurz vor Beginn der Vorstellung: Meine Begleitung beugte sich zu mir rüber und flüsterte mir leise ins Ohr „Andreas, ich habe immer noch nicht so ganz verstanden, worum es hier eigentlich geht…!“ Ich schaute ihn schmunzelt an und meinte „Oberste Devise: Nichts ernst nehmen, und keinen tieferen Sinn suchen!“ Dann umriss ich kurz die „Handlung“ (!) dieses Musicals…

Britannien an einem Dienstag im Mittelalter: Als ob König Artus nicht schon genügend andere Sorgen mit miesem Wetter, frechen Franzosen und ständig neuen Seuchen hätte, bekommt er jetzt auch noch von ganz Oben den Auftrag, den Heiligen Gral zu finden. Die von ihm mühsam rekrutierten Ritter seiner Tafelrunde namens Sir Lancelot, Sir Galahad, Sir Robin und Sir Bedevere sind von diesem Projekt nicht sonderlich angetan, einzig Artus treuer Knappe Patsy hält unumstößlich zu ihm. Hilfe erhalten die tapferen Recken durch die zauberhafte Fee aus dem See, die mal mehr mal weniger unvermittelt auftaucht, um dann wieder von der Bildfläche zu verschwindet. Die kleine Ritterschar stolpert in eine Reihe skurriler Abenteuer, bei denen sie mit allerlei Tricks wie einem „Trojanischen“ Hasen oder der heiligen Handgranate versuchen, ihre Gegner zu überrumpeln. Auf dem Weg zum erhofften Ziel begegnen sie dem schwarzen Ritter, einem grausamen und blutrünstigen Kaninchen sowie dem verzweifelten Prinzen Herbert – dem sich Ritter Lancelot gerne annimmt, und in dessen Befreiungsaktion er sich als leidenschaftlicher Tänzer entpuppt. Gott treibt sie bei ihrer Gralssuche immer weiter und weiter in so manche aberwitzige Situationen. So singen und tanzen sich die Ritter der Tafelrunde von der einen zur nächsten schwungvollen Musicalszene bis zum krönenden Happy End, in dem sich König Artus und die Fee aus dem See endlich voller Liebe und Leidenschaft in die Arme fallen dürfen.

Es gibt Komödianten, die haben einen so großen Eindruck hinterlassen, dass sie mit ihrer Kunst im kollektiven Gedächtnis verankert bleiben. Da wird eine Textpassage zu einem geflügelten Zitat, und eine Bemerkung, die in einem speziellen Tonfall geäußert wurde, löst Heiterkeit aus. Die britische Komikergruppe Monty Python wurde durch ihren unvergleichlich schrägen Witz, der Fernsehserie „Monty Python’s Flying Circus“ und ihre Filme „Das Leben des Brian“ und „Der Sinn des Lebens“ weltberühmt. Im Jahre 2004 nahmen sich u.a. Mitglieder der Originaltruppe den Film „Die Ritter der Kokosnuss“ zur Brust und schmiedeten daraus eine freche Musical-Parodie mit skurrilen Typen, einer eingängigen Musik und einer Menge tiefschwarzem Humor.


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Nun wird auch in Bremerhaven nach dem heiligen Gral gesucht: Regisseur Achim Lenz scheint sich bei der Umsetzung des Stoffes genau an meiner oben genannten Devise gehalten zu haben. Er präsentiert einen respektlosen und überdrehten Spaß mit einer Vielzahl an witzigen Details. Dabei setzt er auf Tempo und lässt die Szenen flott vor den Augen der Zuschauer*innen abspielen. Zeit zum Luftholen bleibt weder für das Publikum noch für das Ensemble: Während das Publikum noch über den einen Gag lacht, wird es schon dem nächsten Kalauer erbarmungslos ausgesetzt. Dafür werfen sich sowohl die Schauspieler*innen wie auch die Mitglieder des Opernchores (gefühlt) im Sekundentakt in ein neues Kostüm, um nur einen Wimpernschlag später in einer neuen Rolle wieder auf der Bühne zu erscheinen. Lenz gelingt es sogar, den sonst etwas langatmigen zweiten Akt auf Tempo zu bringen. Zudem setzt er wohldosiert auf Lokalkolorit und erfreut damit Einheimische wie ortkundige Besucher: Da „leiht“ sich Gott die Stimme vom bekannten Radio Bremen-Moderator Dirk Böhling, der (natürlich) launig plattdeutsch spricht. Die Fee aus dem See scheint zeitweise örtlich gering orientiert, da sie uns, dem Publikum in Cuxhaven, Bremen oder dann doch Bremerhaven (Sie weiß es eben nicht so genau!) herzlich für den Applaus dankt. Oder Sir Lancelot bewundert im Gemach von Prinz Herbert die schicken Gardinen am Fenster, die dieser als Schnäppchen im nahgelegenen Outlet-Shopping-Center erstanden hat.

Da in diesem Jahr das „große“ Musical bei der Schauspiel-Sparte zu finden ist, waren somit alle Hauptrollen wohlweislich aus dem Schauspiel-Ensemble besetzt. Da gab es zwar hin und wieder geringe Einbußen beim Gesang, dafür saß aber jede Pointe auf dem Punkt! Kay Krause mimte mit kindlicher Naivität den edlen König Artus als selbstverliebten und sich selbstüberschätzenden Gockel. Ihm zur Seite stand in der Rolle des treuen Knappen Patsy (als Einspringer für die erkrankte Kollegin) Henning Kallweit, der diese Rolle mit Bodenhaftung versah und dafür sorgte, dass sein Chef vor lauter Höhenflüge keine Schnappatmung bekam.

Henning Becker mutierte vom tumben Landjunker zum charismatischen Ritter Galahad und zeigte beängstigende kinski-eske Attitüden. Frank Auerbach erntete als lüsterne Mrs Galahad schon die ersten Lacher und gab einen rauen, doch herzensguten Sir Bedevere. Marc Vinzing tobte sich als Sir Robin – umringt von Chor und Ballett – in der großen Broadway-Show-Nummer aus. Richard Feist entdeckte als eitler Sir Lancelot (für ihn anfangs entzückend verwirrend) seine homoerotischen Gefühle, als er statt einer jungfräulichen Maid einem strammen Jungen zur Hilfe eilt. Justus Henke zeigt mit seinem jugendlichen Charme die naiv-romantische Seite von Prinz Herbert.

In dieser illustren Männerrunde voller Testosteron und Virilität fehlte allerdings dringend das besondere Etwas, das Tüpfelchen auf dem I, die Kirsche auf der Torte, das letzte Fünkchen zum Glück: Julia Lindhorst-Apfelthaler beherrschte als Fee aus dem See die großen Gesten ebenso wie die zarten Gefühle. Sie brillierte in den Songs mit starker Stimme und zeigte den Kerlen, dass es in diesem Musical nur die eine, einzige und wahre Diva geben konnte.

Umschwärmt wird diese Truppe an „Schmierenkomödianten“ von einem schier ausgelassenen Opernchor: Da treten sie in „bester“ (!) Opernchor-Manier stocksteif auf die Bühne, um völlig emotionslos, dafür äußerst stimmstark ihre Choräle zu trällern. Dann schlüpften sie voller Elan und mit überschäumender Freude am Klamauk in die div. Nebenrollen. Bravo!

Das nächste begeisternde „Bravo!“ entfleuchte mir, als das Ballett erstmals die Bühne betrat. Im Vorfeld fand in Bremerhaven ein Casting statt: Gesucht wurden talentierte und tanzbegeisterte Mädchen und junge Frauen, die als Cheerleaderinnen und Wassernymphen die Szenerie bereichern sollten. Choreografin Yara Hassan wählte dafür sinnlich gerundete Damen aus, die in ihrer pfiffigen Choreografie nachdrücklich den Beweis antraten, dass Ästhetik, Erotik und Esprit nicht nur abgemagerten Hupfdohlen vorbehalten sind. Zudem sorgte Hassan dafür, dass der Opernchor flott die Beine schwingend über die Bühne tobte, und selbst die holden Ritter konnte sie zu einem Tänzchen animieren.

Ausstatter Bernhard Niechotz stellte ein Bilderbuch-Britannien auf die Bühne: Stimmungsvolle Hintergrundprojektionen sorgten für einen märchenhaften Touch und amüsierten mit animierten Details. Die Kulissen waren bewusst sehr plakativ zweidimensional gestaltet, und auch die so genannten „Special Effects“ wirkten gewollt dilettantisch, verfehlten aber nicht ihre Wirkung beim Publikum. Kreativ austoben durfte sich Niechotz auch bei den vielen Kostümen, die stilistisch die enorme Bandbreite vom einfachen Knappen bis zur großen Diva abdeckten.

„Alles, was bei 3 nicht auf dem Baum ist, wird hier gnadenlos verhohnepiepelt!“ So bricht dieses Musical gewollt mit jeglicher Theatertradition und reißt sogar die imaginäre 4. Wand ein. Da richteten die Bühnenfiguren das Wort direkt ans Publikum, diskutieren lauthals mit dem Dirigenten, suchten und fanden am Schluss den heiligen Gral unter dem Sitz eines Zuschauers in der 1. Reihe, der dann auf die Bühne komplementiert wurde, um die Huldigungen aller Ritter der Tafelrunde zu empfangen (Puh, Glück gehabt: Wir saßen in der 2. Reihe!).

Apropos Dirigent: Bei diesem Musical muss die musikalische Leitung nicht „nur“ dirigieren. Oh nein, hier ist er Mit-Akteur, Stichwortgeber und Gag-Lieferant. Zudem heizte Tonio Shiga den Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven ordentlich ein und sorgte dafür, dass die Melodien mit Schmackes aus dem Graben kamen.

Die Musik von John Du Prez und Eric Idle ist durchaus gefällig, bietet aber wenig Wiedererkennung. Doch vielleicht ist dies auch bewusst so gewählt, um die Wirkung eines bestimmten Songs nicht zu schmälern. Beim abschließenden „Always Look on the Bright Side of Life“ hielt es das Publikum nicht mehr auf den Sitzen: Sehr laut und schön schräg trällerte wir diesen Ohrwurm mit!

Täusche ich mich, oder hat das Stadttheater Bremerhaven einen neuen Publikumsmagneten im Programm?


Lust auf die wirklich echten und ungeschönten Hintergrund-Informationen (im wahrsten Sinne des Wortes)? Dann möchte ich Euch gerne den Bericht Organisiertes Chaos – Ein Blick aus der Seitenbühne auf „Spamalot“ von Björn Gerken auf LOGBUCH BREMERHAVEN ans Herz legen.


Sich ohne Sinn um den Verstand lachen, gerne unter der selbst gesetzten Grenze des persönlichen Niveaus? Mit SPAMELOT am Stadttheater Bremerhaven ist dies absolut kein Problem…!!!

[Oper] Engelbert Humperdinck – HÄNSEL UND GRETEL / Stadttheater Bremerhaven

Märchenoper von Engelbert Humperdinck / Libretto von Adelheid Wette

Premiere: 4. November 2023 / besuchte Vorstellungen: 11. & 23. November 2023 / Premiere der Wiederaufnahme: 7. Dezember 2024 / besuchte Vorstellung der Wiederaufnahme: 22. Dezember 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni / Hartmut Brüsch (22.12.)
INSZENIERUNG Marie-Christine Lüling
BÜHNE & KOSTÜME Judith Philipp
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Mario El Fakih Hernández / Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
KINDERCHORASSISTENZ & STIMMBILDUNG Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
THEATERPÄDAGOGIK Elisabeth Schneider


Als im vergangenen Jahr im digitalen Adventskalender des Stadttheaters Bremerhaven gleich zwei Versionen des „Abendsegens“ aus HÄNSEL UND GRETEL erklangen, wagte ich dreist, Intendant Lars Tietje via Instagram die Frage zu stellen, wann mit dieser Oper endlich am Stadttheater zu rechnen wäre. Seine Antwort fiel knapp aber äußerst vielversprechend aus:

„Bald!“

Kaum ein Jahr später verirrt sich dieses berühmte Geschwisterpaar auch schon im Bremerhavener Watt – Äh! – Wald…! 😄

HÄNSEL UND GRETEL ist – neben LA BOHÈME – die Oper, die ich am häufigsten auf der Bühne anschauen durfte. Kaum ein anderes musikalisches Werk trifft so sehr meinen romantischen Nerv. Schon beim Klang der Ouvertüre beginne ich dahin zu schmelzen, und spätestens beim „Abendsegen“ habe ich mich emotional völlig verflüssigt. „Schuld“ daran ist diese unwiderstehliche Mischung aus bekannten Volksweisen, träumerischen Melodien und großen orchestral-üppigen Kompositionen, die Engelbert Humperdinck hier so vortrefflich miteinander vereint hat. Leider scheint dieses Werk aber auch prädestiniert zu sein, die Phantasie von einigen (über-)ambitionierten Regisseur*innen herauszufordern: Da präsentierten sich Hänsel und Gretel in der Vergangenheit durchaus auch mal als Punks, die in der Drogenhöhle der Hexe keine Lebkuchen sondern Joints „naschten“. Oder die beiden Partien von Mutter und Knusperhexe wurden von ein und derselben Sängerin verkörpert, um so im Sinne der Sozialpsychologie die Ambivalenz in der Beziehung zwischen der Mutter und den Kindern zu verdeutlichen… …bla bla bla! Wer es darauf anlegt, könnte in jeden Text und jedes Libretto je nach Intention so allerlei hineininterpretieren. Wobei ich der Meinung bin, dass es – insbesondere bei einem musikalischen Werk – Grenzen in der Interpretation gibt, die von der Musik vorgegeben werden.

Marie-Christine Lüling überzeugt bei ihrer Inszenierung mit einer charmanten und wohltuend unaufdringlichen Modernisierung, ohne den märchenhaften Charakter des Werkes zu vernachlässigen. Es beginnt schon mit der fein inszenierten Ouvertüre, die sich wortlos vor dem geschlossenen Vorhang abspielt. Hänsel und Gretel sind anfangs zwei hyperaktive Gören mit einer Tendenz zum ADHS, die sich rüpelhaft gegenüber der alten Nachbarin verhalten und ihre Eltern beinah in den Wahnsinn treiben. So war es mehr als verständlich, dass die beiden überforderten Erziehungsberechtigten (erfolglos) versuchen, ihren Nachwuchs ins Bett zu scheuchen, um sich endlich eine wohlverdiente Pause gönnen zu können. Im verwunschenen Wald gleiten die Geschwister im Schlaf hinüber in einen phantastischen Traum, der sie zu einer Hexe führt, die verdächtig viel Ähnlichkeit mit der Nachbarin aufweist. Lülings Konzept überrascht mit so manchen gut durchdachten, aufeinander aufbauenden Details, warf aber auch die eine oder andere Frage auf – insbesondere dann, wenn das Libretto etwas anderes aussagt als das, was auf der Bühne gezeigt wurde. Doch dieser Umstand störte absolut nicht das Gesamtbild, da die Inszenierung mit guten Ideen punktet und sehr viel fürs Auge zu bieten hat.

Ausstatterin Judith Philipp hat die Optik dieser Inszenierung deutlich aber dezent der Erlebniswelt und somit den Sehgewohnheiten der heutigen Kindergeneration angepasst. Bei ihr werden die Engel zu Waldgeistern und entspringen direkt aus dem Kinderzimmer von Hänsel und Gretel: Die Spielsachen und Plüschtiere entwickeln ein Eigenleben, und so wachen Rabe, Puschel, Dino, Nordchen und Friedel beschützend über den Schlaf der Geschwister. Bedauerlicherweise sind von den ursprünglich 14 Engeln nur noch 5 Waldgeister übrig geblieben, was für mich den Zauber in dieser Szene etwas minimierte. Der Wald wächst dschungelartig-üppig aus dem Schnürboden hinab zur Erde. Das Hexenhaus wirkt wie die Geschenkverpackung aus einer Confiserie. Hier knabbern Hänsel und Gretel nicht an Lebkuchen, vielmehr naschen sie an Donuts, Schaumzucker, Macarons und Lollis. Auch die verzauberten Kinder bestehen nicht aus Lebkuchen sondern sind zuckersüße Marshmallow-Männchen.

Ⓒ Foto Stadttheater Bremerhaven. HÄNSEL UND GRETEL

Das Taumännchen: Von der Kinderzeichnung über die Figurine zum Kostüm auf der Bühne.

Im Vorfeld fand ein Workshop mit Grundschul-Kindern statt, bei dem die Schüler*innen unter der Anleitung der Theaterpädagoginnen eigene Figuren zu Taumännchen, Sandmännchen und den Engeln/Waldgeistern entwickeln konnten. Die phantasievollen Kreationen sind dann in die Entwürfe von Judith Philipp eingeflossen. Eine großartige und nachahmenswerte Vorgehensweise, um in einer Inszenierung die Ideen von Kindern für Kinder sichtbar zu machen.


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Unter der musikalischen Leitung des 1. Kapellmeisters Davide Perniceni bot das Philharmonische Orchester Bremerhaven genau das, was ich eingangs bereits erwähnt und mir so sehr erhofft hatte: Schwelgerisch strömten die Melodien aus dem Orchestergraben. Dramatisch akzentuiert lässt Perniceni die Musiker das Geschehen auf der Bühne kommentieren, um im nächsten Augenblick die Gesangsstimmen der Sänger*innen fein nuanciert unterstützen zu lassen. Schön!

Das Stadttheater Bremerhaven gönnt sich den Luxus und besetzt die Partien von Sandmännchen und Taumännchen jeweils mit einer Sängerin. Aufgrund der Überschaubarkeit der Rollen (oder aus Kostengründen) werden diese auch gerne von nur einer einzigen Sopranistin verkörpert, was allerdings durchaus zur Folge haben kann, dass die Partien sehr ähnlich interpretier werden. Doch manchmal gibt es auch für Sänger*innen Termine, die unaufschiebbar sind: In der besuchten Vorstellung übernahm Marlene Mesa neben ihrer Rolle als Sandmännchen auch für die verhinderte Kollegin die Rolle des Taumännchen und verlieh beiden Partien ein eigenständiges Profil. Ihr Sandmännchen amüsierte mit einer sympathisch-drolligen Gemütlichkeit, während sie das Taumännchen vor positiver Energie überschäumen ließ. Die junge Künstlerin gestaltete ihre Solis mit sehr viel Wärme und erfreute mit einer individuellen Klangfarbe in ihrer Stimme.

Die gestressten Eltern werden von Eva Maria Summerer und Marcin Hutek verkörpert. Die Hektik, Überforderung und Anspannung der Mutter spiegeln sich passenderweise in der Stimme von Eva Maria Summerer wider: Ein klassischer Schöngesang wäre auch völlig fehl am Platze wäre. Der Vater von Marcin Hutek wirkt da deutlich gemächlicher und versucht im chaotischen Haushalt für Ruhe zu sorgen. Dabei sind seine Maßnahmen, um die Kids zur Räson zu bringen, nicht unbedingt „pädagogisch wertvoll“. Bei „Wenn sie sich verirrten im Walde“ zitiert Hutek mit seinem warmen, flexiblen Bariton beinah ein Horrorszenario herauf, nur um die Gören im Bett zu halten. Einziger Kritikpunkt sowohl bei Summerer als auch bei Hutek: Bei Beiden hätte ich mir eine bessere Textverständlichkeit gewünscht.

Andrew Irwin zeigt – auch dank Maske und Kostüm – abermals sein Wandlungsfähigkeit: Doch was nützt die schönste Maske, wenn der Künstler ihr kein Leben einhauchen könnte. Anfangs als alte Nachbarin war er noch bemitleidenswert unsicher auf den Beinen, ließ da aber schon nur mit einem Blick die Bedrohung erahnen. Bei seinem ersten Auftritt im Wald schwebt er spektakulär vom Himmel herab, um sich dann in einen „Devil on Drag“ zu verwandeln, der die Bühne einem Laufsteg gleich für sich einnimmt. Dabei variiert er seine Stimme vom tenoralen Ausbruch bis zum verführerischen Gesäusel und bleibt trotz rollenbedingtem Gezicke und Gezeter der faszinierende Anti-Held.

Mit Boshana Milkow und Victoria Kunze verkörpern zwei talentierte Künstlerinnen die Titel-Partien, die ihre immense Spielfreude mit Feingefühl und Takt verbinden, sodass zu keinem Zeitpunkt der feine Grad zwischen kindlichem Enthusiasmus und peinlicher Übertreibung überschritten wurde. Vielmehr spielen sich die Beiden immer wieder schelmisch die Bälle aka die Pointen gegenseitig zu. Von kleinen Gesten über gegenseitige Frotzelei bis zum liebevollen Gute-Nacht-Kuss zeigen sie ganz und gar entzückend die innige Verbundenheit des Geschwisterpaares. Dass sie zudem wundervolle Sängerinnen sind, habe ich in der Vergangenheit schon häufig und ausführlich erwähnt. Hier überzeugen sie abermals in ihren Solis mit fein geführten Gesangslinien und harmonieren ausgesprochen stimmschön in den reichlich vorhandenen Duetten. Stichwort: „Abendsegen“: Seufz!

Apropos „kindlicher Enthusiasmus“: Nicht nur der Opernchor erfuhr durch Chordirektor Mario Orlando El Fakih Hernández in den letzten Jahren eine Frischzellenkur. Gemeinsam mit Katharina Diegritz formte er ebenfalls einen ganz und gar wunderbaren Kinderchor, dessen jugendliche Mitglieder so entzückend natürlich agierten und dabei auch noch ganz famos sangen. Bravo!

In diesen verrückten Zeiten schenkt das Stadttheater Bremerhaven seinem Publikum mit dieser Inszenierung eine Rundum-Wohlfühl-Packung: 2 Stunden lang durfte ich mich einfach nur fallen lassen und konnte so meine Sorgen um mich herum sowie das Chaos auf dieser Welt vergessen. Danke! 💖


Nachtrag zum 23. November 2023: Manchmal komme ich in den luxuriösen Genuss und darf mir eine Inszenierung mehrmals anschauen. In diesem Fall habe ich es meinem Gatten zu verdanken, der beim ersten Besuch malade daheim bleiben musste. Doch dann hat er so sehr gequengelt, dass ich des lieben Friedens willen abermals Karten orderte.

So saßen wir gestern im Stadttheater Bremerhaven in einer Aufführung der Märchenoper HÄNSEL UND GRETEL. Und während für meinen Gatten alles aufregend neu war, konnte ich mich entspannt zurücklehnen, da ich mich weniger auf die Haupthandlung konzentrieren brauchte. Dafür durfte ich mehr die vielen, kleinen charmanten Details genießen, die mir teilweise beim ersten Anschauen völlig entgangen sind (Hat der Mond mir bei meinem ersten Besuch auch schon vom Bühnenhimmel zugeblinzelt?). Diesmal stand als Taumännchen die junge Sopranistin Annemarie Pfahler auf der Bühne, die diesen Part entzückend gestaltete. Für den erkrankten Kollegen übernahm Bariton Patrick Ruyters die Partie des Vaters. Ruyters ist Mitglied des Opernchores und bewies nachdrücklich, dass die dortigen Sänger*innen weit mehr sind als nur „die 2. Reihe“. Naja, und das vokale Dreigestirn, bestehend aus Hänsel, Gretel und Knusperhexe, war abermals exquisit…!

Ich bin so froh, dass ich als Zuschauer in meiner Sichtweise und Wahrnehmung nicht so festgefahren bin, dass ich ungewöhnliche Regie-Konzepte nicht zu schätzen wüste. Vielmehr empfinde ich es als eine wunderbare Chance, dass ich in einem mir bekannten Werk überraschend neue Aspekte entdecken darf.

Ich glaube, dass es gerade bei HÄNSEL UND GRETEL schier unmöglich ist, den Geschmack aller zu treffen, da viele Erinnerungen mit diesem Werk verknüpft werden. Diese Erinnerungen können es durchaus erschweren, sich unvoreingenommen einer Inszenierung zu nähern. Der daraus resultierende Unmut wird dann von einigen „Theater-Fans“ ungefiltert in die Hemisphäre gepustet. Da tauchen dann so manche „kritische“ Kommentare in den sogenannten sozialen (!) Medien auf, die weit weniger etwas über die Inszenierung als vielmehr etwas zur Geisteshaltung des Verfassers aussagen. Da gab/gibt und wird es bedauerlicherweise wohl immer geben die ewig Gestrigen und permanent Traditionellen, die eine starre Vorstellung davon haben, wie eine gelungene HÄNSEL UND GRETEL-Inszenierung auszusehen hat. Abweichungen unerwünscht! Entsprechen besagte Abweichungen nicht ihren Vorstellungen, dann taugt die gesamte Aufführung nichts, und selbst die musikalischen Qualitäten von Orchester und Sänger*innen-Ensemble verschwinden hinter dem vernichtenden Urteil. Da wird von der „schrecklichsten Produktionen, die ich je gesehen habe“ gepoltert, und Forderungen nach „Subventionen streichen“ werden laut. Ein differenziertes, faires und vor allem respektvolles Feedback scheint nicht möglich!

Wenn ich eine solche „Kritik“ lese, frage ich mich immer ernsthaft, ob ich tatsächlich genau dieselbe Inszenierung wie der Verfasser gesehen habe. Auch ich habe durchaus die eine oder andere kritische Anmerkung in meinem obigen Beitrag hinterlassen. Doch ich konnte nichts feststellen, was diese geballte Masse an Negativität rechtfertigen könnte. Im Gegenteil: Ich fühlte mich ganz und gar wunderbar unterhalten! 😍

Ich persönlich möchte nicht die ewig, gleichen Inszenierungen, die nach einem vorgegebenen Schema entstehen, auf der Bühne sehen. Ich wünsche es mir nicht nur – Nein! – ich erwarte und fordere es regelrecht, dass mir ein buntes, lebendiges Theater geboten wird, das mich auch durchaus herausfordern und zum (Mit-)Denken animieren darf und muss.


Noch bis Mitte Januar 2024 besteht die Möglichkeit, sich mit HÄNSEL UND GRETEL am Stadttheater Bremerhaven märchenhaft verführen zu lassen.

[Oper] Giacomo Puccini – TOSCA / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Giacomo Puccini / Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 23. September 2023 / besuchte Vorstellung: 14. Oktober 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG Angela Denoke
BÜHNE & KOSTÜME Susana Mendoza
GEMÄLDE anna.laclaque
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Mario El Fakih Hernández
LICHT Thomas Güldenberg

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ BÜHNE Theresa Steiner
KINDERCHORASSISTENZ & STIMMBILDUNG Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Regina Wittmar
THEATERPÄDAGOGIK Katharina Dürr


Stimme heiser geschrien, Arme und Schultern zum Muskelkater geschunden und Hände wund geklatscht: So saß ich nach der Vorstellung der Oper TOSCA am Stadttheater Bremerhaven neben meinem Gatten im Auto, und wir fuhren Richtung Heimat. Still saßen wir nebeneinander, sprachen kein Wort und versuchten das soeben Gehörte, Gesehene und Empfundene zu verarbeiteten. Ein geseufztes „Schön war’s!“ war zum besagten Zeitpunkt der einzige Ausspruch, den ich nicht unterdrücken konnte, danach herrschte wieder Stille. Doch genau dieses kurze und schlichte „Schön war’s!“ umrahmte ziemlich genau all die Gefühle und Gedanken, die mir in dem Moment durch Herz, Hirn und Seele tobten.

Schon mit ihrer ersten Inszenierung am Stadttheater Bremerhaven empfiehlt sich Regisseurin Angela Denoke als eine kluge Beobachterin der menschlichen Psyche. Denoke ist selbst eine international gefeierte wie auch mit Preisen ausgezeichnete Sopranistin und wagte im Jahre 2021 ihr Regie-Debüt. Auch in diesem Metier wurden ihre Arbeiten prämiert, u.a. bekam sie erst im September den renommierten Österreichischen Musiktheaterpreis 2023 für ihre Regie von SALOME am Tiroler Landestheater Innsbruck verliehen. Ihre Inszenierung in Bremerhaven besticht durch Schlichtheit, Intelligenz und Emotionalität.

Der politische Gefangene Angelotti versteckt sich in der Kirche St. Andrea, wo sein Freund, der Maler Mario Caravadossi ein Madonnenbild fertigstellt. Als Vorlage diente ihm das Gesicht einer jungen Frau, die zum Beten regelmäßig in die Kirche kommt. Der Mesner erkennt in diesen Gesichtszügen die Gräfin Attavanti, Angelottis Schwester. Als Tosca die Kirche betritt, versteckt sich Angelotti erneut. Im Bild der Maria erkennt die Primadonna ebenfalls die Ähnlichkeit mit der Gräfin und reagiert mit Eifersucht. Caravadossi überzeugt sie aber von seiner Liebe und schickt sie fort. Kanonenschüsse sind zu hören. Angelottis Flucht wurde entdeckt, und Cavaradossi bietet ihm seinen Garten als Versteck an. Der Polizeichef Scarpia kommt in die Kirche und bemerkt sofort anhand einiger Indizien, dass Angelotti an diesem Ort war. Außerdem findet Scarpia einen Fächer. Er behauptet gegenüber Tosca, dies sei der Fächer der Gräfin, die mit dem Maler eine Affäre hätte. Schluchzend verlässt Tosca die Kirche, in der jetzt ein „Te Deum“ anlässlich des Sieges über Napoleon gefeiert wird. Scarpia schwört sich unterdessen, die Gunst Toscas zu erobern. In seiner Villa lässt er Caravadossi durch seine Schergen Spoletta und Scarrione genau in dem Moment vorführen, als auch Tosca eintrifft. Der Polizeichef befiehlt, Mario Caravadossi foltern zu lassen, bis er das Versteck des geflohenen Angelotti verrät. Tosca ist erschüttert und verrät nun selbst das Versteck. Darüber ist nun Caravadossi so empört, dass er den Polizeichef verspottet, indem er sich über einen scheinbaren Sieg Napoleons freut. Daraufhin ordnet Scarpia seine Exekution an. Nur wenn Tosca sich mit ihm einlässt, würde er ihren geliebte Maler verschonen. Kurz darauf stellt sich heraus, dass sich Angelotti umgebracht hat, um der Gefangenschaft zu entgehen. Trotzdem bleibt Scarpia bei seiner erpresserischen Methode, um Tosca zu unterwerfen. Als Lohn für ihre Gunst würde er eine Scheinhinrichtung organisieren, Mario Cavaradossi aber anschließend freilassen. Als sich Scarpia schließlich Tosca nähert, ersticht sie ihn mit dem Ausruf „Hier ist Toscas Kuss!“. Die Hinrichtung von Mario Caravadossi findet in einer Stunde statt: Tosca kommt und erzählt ihm, dass sie Scarpia getötet hat, und ihm nur eine Scheinhinrichtung bevorstehe. Er solle wie in einem Theaterstück mitspielen und sich, nachdem geschossen wurde, zu Boden fallen lassen. Die Hinrichtung folgt, Schüsse fallen, und Cavaradossi stürzt zu Boden. Tosca flüstert ihm zu, dass er sich still verhalten soll, bis die Vollstrecker verschwunden sind. Dann bemerkt sie, dass ihr Geliebter tot ist. Scarpia hat sich nun endgültig gerächt und Mario tatsächlich töten lassen. Bevor der Polizeiagent Spoletta sie wegen dem Mord an Scarpia verhaften kann, wählt Tosca den Freitod.

Angela Denoke verzichtet auf billige Effekthascherei und bleibt nah am Realismus. Zeitlich ordnet sie die Handlung nicht eindeutig ein: Einerseits werden wir an die eigene Geschichte unseres Landes erinnert, andererseits wirft sie einen kritischen Blick auf aktuelle Geschehnisse in Ländern, wo Populisten an der Macht sind. Dabei zeigt sie aber ebenso auf, dass selbst in einem totalitären Regime, kleine Blumen der Menschlichkeit am Wegesrand erblühen können: Der Mesner sieht sich als Hirte/Beschützer und achtet liebevoll auf die Kinder seiner Gemeinde; der Schließer lehnt beinah scheu einen Lohn vom Gefangenen Cavaradossi ab, als er sich bereit erklärt, Tosca eine Nachricht zu überbringen.

Die Motivation der handelnden Personen entwickelt die Regisseurin aus den Vorgaben des Librettos und vermeidet klischeeartige Charakterisierungen (schwarz – weiß, schön – hässlich, gut – böse). So befreit sie die Personen aus dem Korsett schablonenhafter Opernfiguren. Vielmehr lässt Denoke sie als reale Wesen agieren, die auch durchaus eine ambivalente Haltung zueinander haben dürfen. So behauptet der „böse“ Scarpia zwar, dass er Tosca, wie alle bisherigen Frauen vor ihr, abservieren wird, nachdem er ihre Gunst erhalten hat. Allerdings sprechen ihre Porträts in seinem Zimmer und der gesenkte Blick voller Unsicherheit und Scham beim Zusammentreffen mit ihr eine andere Sprache. Und auch Tosca zeigt gegenüber ihrem Peiniger unvermittelt Mitgefühl, als sie ihm, nachdem er erstochen vor ihr liegt, beinah liebevoll das Totenbett richtet. Aus der inneren Diskrepanz und den Seelenzuständen der Figuren entwickelt sich eine so hohe emotionale Spannung, die eine äußere Ablenkung unnötig macht.

Ausstatterin Susana Mendoza kleidet das Ensemble in gedeckten Tönen bar jeglichem Glamour. Einzig Tosca darf ihre mondäne Robe einem Schutzwall gleich tragen, die ihr allerdings Schicht für Schicht entrissen wird, bis ihre Empfindungen völlig bar und bloß liegen. Auf der mit schwarzem Stoff ausgeschlagenen Bühne platziert Mendoza ein riesiges Holzkreuz, das mal als Altar, Schreibtisch oder Laufsteg fungiert und mal schutzbietend, mal offenbarend wirkt. Einzig ein langer Vorhang und die großen Porträts setzen (im Kombination mit dem stimmungsvollen Licht-Design von Thomas Güldenberg) gekonnt Akzente im eher reduzierten Bühnenbild. Minimalismus „at its best“.

Während in anderen Inszenierungen das Bild der Madonna im 1. Akt die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht, wird uns hier ein Blick darauf verwehrt. Vielmehr liegt der Fokus voll und ganz auf unserer Titelheldin, die ab dem 2. Akt durch drei überlebensgroße Porträts allgegenwärtig ist. Diese ausdrucksstarken Kunstwerke schuf die Performancekünstlerin anna.laclaque, und ich würde mir so sehr wünschen, dass sie nach Beendigung der Aufführungsserie einen festen Platz im Foyer des Theaters finden dürften.


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„Ich möchte Menschen zum Weinen bringen: darin liegt alles…!“ lautet ein überliefertes Zitat von Giacomo Puccini. Damit ihm dies gelang, wählte er melodramatische Sujets und schuf dafür eine aufwühlende Musik. Bei GMD Marc Niemann und dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven waren die Kompositionen des Maestros in den aller-allerbesten und -fähigen Händen. Die schwelgerischen Melodienbögen, die ich so sehr an Puccinis Musik mag, flossen schier aus dem Orchestergraben. Mal rollte die Musik leidenschaftlich und kraftvoll über mich hinweg, dann wieder erklangen die Arien zart und voller Süße. Wunderbar!

Mario El Fakih Hernández bewies auch diesmal, dass er mit Chor und Extrachor einen voluminösen Klangkörper schaffen kann, der u.a. beim „Te Deum“ stimmstark für einen Gänsehaut-Moment bei mir sorgte. Unterstützung erhielt er beim Kinderchor durch Katharina Diegritz, die abermals die kleine Rasselbande zu motivieren wusste, ohne dass der Wohlklang zu Schaden kam. Als Solist aus dem Kinderchor sang Paul Dimitrov mit einem berührenden, beinah brüchigen Knabensopran sein klagendes Lied und wirkte dabei in seinem Erscheinungsbild weniger als junger Hirte. Vielmehr stellte er für mich einen Engel des Todes dar, der in seiner Reinheit die Verstorbenen über die Schwelle führt: Richtung offen. Das Sterben kann durchaus durch schändliche Umstände befleckt sein, doch der Tod ist stets unschuldig und unberührt.

Die Schergen Scarpias wurden durch Andrew Irwin (Spoletta) und James Bobby (Scarrione) im Himmler-Look beängstigend unsympathisch porträtiert. Wobei besonders Andrew Irwin in seiner Rolle eine anbiedernde und umso abstoßendere Unterwürfigkeit darbot. Marcin Hutek konnte sein Talent in den beiden kleinen Rollen als Angelotti bzw. der Schließer leider nur bedingt zeigen: Eine große Partie (Barbier oder Don Giovanni) wäre ihm endlich zu gönnen. Ulrich Burdack gefiel als mitfühlender, allzu menschlicher Mesner und sorgte im Zusammenspiel mit dem Kinderchor für die wenigen auflockernden Momente in dieser „Opera drammatica“.

Bleibt „nur“ noch unser „Trio infernale“ bestehend aus Tosca, Cavaradossi und Scarpia: Gast Bryan Boyce ließ hinter Scarpias Fassade des machtbesessenen und geltungshungrigen Despoten auch die Unsicherheit der Figur durchblitzen. Mit seinem dunklen, vollen Bass-Bariton vermochte er sowohl die stätig unterschwellig mitschwingende Gefahr wie auch die innere Zerrissenheit, die Scarpia als gebrochenen Charakter kennzeichnet, zu vermitteln. So gelang es ihm, innerhalb eines eher statischen Rollenprofils, feine Nuancen in der Darstellung herauszukitzeln.

Konstantinos Klironomos vermittelte glaubhaft Mario Cavaradossis Wandel vom anfänglich jugendlichen Helden zum gebrochenen Mann: Klironomos platzierte seine ungestümen Ausbrüche voller tenoraler Kraft und agiler Geschmeidigkeit. In Etappen veränderte sich seine Stimme. Beinah schmerzlich spürte ich beim Zuschauen/Zuhören die zunehmende Tragik. Die Arie „E lucevan le stelle/ Es funkeln die Sterne“ gestaltete er einerseits voller Süße, und gleichzeitig schwang eine Bitterkeit in jedem Ton mit. Gemeinsam mit Signe Heiberg als Floria Tosca bildete er ein umwerfendes Leading-Paar, das sich vokal ergänzte und darstellerisch die Bälle zuwarf.

Heibergs Tosca war die absolut Künstlerin, die verehrungswürdige Diva und ganz Weib, der es unter anderen Umständen nie in den Sinn gekommen wäre, dass sie angreifbar sein könnte. Nur tröpfchenweise sickerte die Erkenntnis in ihr Bewusstsein, dass von ihrem Verhalten das Wohl anderer Menschen abhängt, und dass der Verlust von Stolz und Würde ein geringeres Opfer bedeutet gegenüber dem Tod ihres Geliebten. Heiberg schleuderte ihren auftrumpfenden Sopran wie eine Waffe ihren Gegnern entgegen, nur um im nächsten Moment in fein geführten Gesangslinien die ambivalenten Gefühle der Figur zu verdeutlichen. Mit der berühmten Arie „Vissi d’arte, vissi d’amor/ Nur der Schönheit weihte ich mein Leben“ wendet sich Tosca flehentlich zu Gott, bei der ich in der brillanten Interpretation durch Signe Heiberg Empfindungen wie Machtlosigkeit und Resignation herauszuhören schien.

Von den anfangs so selbstbewussten und kraftstrotzenden Charakteren blieben nur noch Menschen mit zerbrochenen Seelen zurück, denen die Vergangenheit genommen und die Zukunft verwehrt wurde. Und so hilten sich Floria und Mario wie verängstigte Kinder in einem kurzen, flüchtigen Moment des Glücks nochmals an der Hand, vielleicht schon ahnende, dass keine frohe Zukunft auf sie wartet, sondern dass auch sie nur allzu bald dem Engel des Todes folgen werden…!

Zwischen dem letzten verklungenen Ton aus dem Orchestergraben und dem Einsetzten des aufbrausenden Beifalls löste sich aus meiner Brust ein Seufzer: „Schön war’s!“


Nachwort: Seitdem ich mich dem Stadttheater Bremerhaven verbundener fühle, verfolge ich auch ein wenig die mediale Berichterstattung über das Haus und besonders zu den jeweiligen Inszenierungen. Dabei fällt mir zunehmend auf, dass sich im Feuilleton immer noch Plattitüden standhaft halten, die – meiner Meinung nach – wenig aussagekräftig, wenig differenziert sind. Da wird sich einer Sprache bedient, die hinter ihrem scheinbaren Wohlwollen eine kleine Giftspritze verbirgt.

So schrieb Wolfgang Denker im „Weser Kurier“ über die gesanglichen Leistungen von Signe Heiberg und Konstatinos Klironomos „Beide würden in diesen Partien auch an weit größeren Häusern Eindruck machen.“. Ich las dies und stellte mir unverzüglich die Frage „Was möchte Herr Denker mit diesem Satz ausdrücken?“. Ich machte mir da durchaus so meine Gedanken, und natürlich sind meine Interpretationen absolut subjektiv. Aber ich bin in der Zwischenzeit auch müde geworden, ständig irgendwelche indifferenten Worthülsen lesen zu müssen.

Oberflächlich wirkt dieser Satz wie ein Lob: „Hey, die Beiden hätten das Zeug, auch an größeren Häusern zu singen.“, dann der Untertext: „Doch warum sind sie dann im Kaff Bremerhaven hängen geblieben?“. Der Umkehrschluss wäre für mich: An einer provinziellen Klitsche wie das Stadttheater Bremerhaven sind brillante Künstler*innen verschwendet, da täten es doch auch durchschnittliche Sänger*innen.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie einige Schreiberlinge (m/w/d) es mit einer untrüglichen Sicherheit schaffen, den Künstler*innen und/oder dem Theater unterschwellig eine Watschen zu verpassen und dies als positives Feed-back zu verpacken. Ihr denkt vielleicht, dass ich übertreibe, allzu empfindlich reagiere, oder es sich gar um einen Einzelfall handelt?

Au contraire, mes amis!

Verpasst auch nicht die nächsten Folgen
unserer beliebten Rubrik FEUILLETON’SCHE FLOSKELN:
Folge 2 „…prädestiniert sie/ihn auch für Wagner-Partien.“
Folge 3 „…dem überdurchschnittlichen Sängercast.“
Garantiert echt und ohne Werbeunterbrechung!


Grandiose Sänger*innen, grandioses Orchester, grandiose Inszenierung: Worauf wartet ihr noch? Ab mit euch zu TOSCA am Stadttheater Bremerhaven.

[Rezension] Chloé Perarnau – Mit dem Orchester um die Welt. Wimmelbuch

Schon vor über einem Monat hat die Spielzeit 2023/2024 auch an meinem Stammtheater begonnen, und somit ist auch das Philharmonische Orchester Bremerhaven wieder voll im Einsatz. Doch in der Sommerpause genossen die Orchestermusiker*innen ihren verdienten Urlaub und waren über alle Länder verstreut. Doch via Social Media ließen sie ihre Fans und Follower daran teilhaben, indem sie fleißig Fotos schickten.

Beinah scheint es so, als hätte Chloé Perarnau sich dies zum Vorbild für ihr Wimmelbuch genommen. Doch im Vergleich zu den Musiker*innen in ihrer Geschichte, waren die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven wieder pünktlich zur Stelle und mussten nicht persönlich von ihrem GMD Marc Niemann eingesammelt werden.

Das große Konzert findet schon in einer Woche statt, aber alle Mitglieder des Orchesters sind noch im Urlaub. Daher müssen der Maestro und sein treuer Assistent sich auf die Suche nach ihnen machen. Rund um die Welt haben sich die Musiker verstreut: die Harfenistin ist in Porto, die Trompeter sind in Rio, die Flötisten in Abidjan, die Geiger in Tokio. Aber in den überfüllten und hektischen Straßen ist es nicht leicht, die Musiker aufzuspüren! Kannst du dem Maestro helfen, die Musiker zu finden?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Als Kind liebte ich die Bücher von Ali Mitgutsch, der als „Vater der Wimmelbücher“ galt und leider im letzten Jahr verstorben ist. Mitgusch schärfte die Sicht von uns Kindern auf die Welt und zeigte den Zauber im Alltäglichen. So freute ich mich sehr, als ich in der Herbst-Vorschau vom Kunstmann-Verlag von diesem Wimmelbuch erfuhr – zumal es gleich zwei meiner Interessensgebiete streift: meine Schwärmerei für das Wimmelbuch und meinen Hang zum Theater und zum Konzert.

Nun halte ich dieses Buch in den Händen und fühle einen Hauch Enttäuschung in mir aufkeimen: Ja, ich weiß, dass ich unvoreingenommen sein und keine Vergleiche anstellen sollte. Doch ist es nicht allzu menschlich, dass ich voreingenommen bin und Vergleiche anstelle? Mitgutsch ist und bleibt in seiner Kunst unerreicht, und jede*r, die/der sich an ein Wimmelbuch wagt, begibt sich auf das berüchtigte und gefährliche „dünne Eis“.

Dabei hat Chloé Perarnau durchaus ihren eigenen Stil, der mich an kindliche Filzstift-Zeichnungen erinnert, und ist damit nah an der Erfahrungswelt ihres jungen Publikums. Zumal ihre Illustrationen recht detailreich daherkommen und mit so manchen skurril-witzigen Einzelheiten überraschen (Selbstverständlich besucht die Triangel-Spielerin die Pyramiden in Ägypten. 😉).

Auch gelingt es ihr gut, die Unterschiede der Länder in Architektur, Vegetation und Lebensgefühl zu vermitteln. Doch leider erfährt man von den jeweiligen Instrumenten so gut wie nichts. Gerade da hätte ich mir ein wenig „Mehr“ gewünscht, um das Interesse der Kids an ein klassisch besetztes Orchester zu wecken, und sie so sehr neugierig zu machen, dass sie ein Live-Konzert besuchen möchten.

Was bleibt, ist die Erinnerung an eine charmante Idee und meine Sehnsucht nach den alten Wimmelbüchern aus Kindertagen.


erschienen bei Kunstmann / ISBN: 978-3956145711 / in der Übersetzung von Mathilde Lully

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2023/2024 / Stadttheater Bremerhaven

mit dem Main-Theme aus „The Sea Hawk“ von Erich Wolfgang Korngold sowie Arien und Musiken von Jerry Bock, John Du Prez & Eric Idle, Antonín Dvořák, Franz Lehár und Giacomo Puccini

mit Ausschnitten aus „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist, „Glanz“ von Christina Kettering, „Der Untergang des Hauses Usher“ von Justine Wiechmann und Elisabeth Kirschbaumer (nach Edgar Allan Poe) und dem Ballett „Seelen“ von Alfonso Palencia

Premiere: 2. September 2023 / besuchte Vorstellung: 2. September 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch, Tonio Shiga
Chor: Mario Orlando El Fakih Hernández
Szenische Einrichtung: Annika Ellen Flindt
Moderation: Lars Tietje, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia,
Markus Tatzig

Musiktheater: Ulrich Burdack, Signe Heiberg, Marcin Hutec, Andrew Irwin,
Konstantinos Klironomos, Victoria Kunze, Boshana Milkov
Ballett: Helena Bröker, Melissa Festa, Volodymyr Fomenko, Lucia Giarratana,
Arturo Lamolda Mir, Marco Marongiu, Alícia Navas Otero, Zoe Irina Sauer Llano,
Melissa Panetta, Clara Silva Gomes, Ming-Hung Weng, Dawon Yang
Schauspiel: Frank Auerbach, Richard Feist, Justus Henke, Kay Krause, Marc Vinzing,
Marsha Zimmermann
JUB: Janek Biedermann, Ulrich Fassnacht, Coco Plümer
Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


„The same procedure as every year!“

…könnte man ausrufen, denn – Ja! – der Ablauf einer Eröffnungsgala am Stadttheater Bremerhaven ist Jahr für Jahr recht identisch – nur die Inhalte variieren natürlich. Und gerade dieses Festhalten am Gewohnten schafft für mich als Zuschauer eine wohlbekannte und kuschelige Sicherheit und steigert meine Vorfreude, dass ich nach den enthaltsamen Sommermonaten endlich wieder Theaterluft schnuppern darf.

Gleich zu Beginn der Gala kredenzte uns das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann ein Highlight (von vielen, die noch folgen sollten): Das musikalische Hauptthema einer filmischen Piraten-Schmonzette mit Errol Flynn aus dem Jahre 1940, zu der niemand geringerer als Erich Wolfgang Korngold die Musik beisteuerte und so ganz nebenbei die Filmmusik revolutionierte. Das Motto der diesjährigen Konzert-Saison lautet Fremde Heimat: Korngold war vor den Nazis nach Amerika geflohen und musste sich dort eine neue Existenz aufbauen. War der Film „The Sea Hawk“ auch ein Leichtgewicht, so war es die Musik von Korngold ganz und gar nicht, die Niemann mit dem Philharmonische Orchester symphonisch-voluminös und mit einer enormen Klangfülle zu Gehör brachten. Doch auch Davide Perniceni, Hartmut Brüsch und Tonio Shiga ließen es sich nicht nehmen, bei den Programmpunkten zu den ihnen anvertrauten Produktionen hier bei der Eröffnungsgala den Taktstock zu schwingen.

Intendant Lars Tietje gab auch in diesem Jahr einen launig-entspannten Conférencier und holte sich bei passender Gelegenheit die jeweilige Sparten-Leitung in den Personen von Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia an seine Seite.

Frank Auerbach, Richard Feist, Justus Henke und Marsha Zimmermann sorgten mit einem Ausschnitt aus Heinrich von Kleists Lustspiel-Klassiker DER ZERBROCHNE KRUG, der in einem moderneren Gewand präsentiert wird, für die ersten Lacher im Publikum. Der zum Einsatz kommende Kühlschrank mit „Special Effect“ könnte sich durchaus zum Running-Gag entwickeln.

Die Weihnachtspremiere der Oper RUSALKA von Antonín Dvořák verspricht ein ungewöhnliches Hörerlebnis, da sie in tschechischer Sprache aufgeführt wird. Dies ist bestimmt auch für die Sänger*innen eine Herausforderung, die aber hervorragend gemeistert wird, wie Boshana Milkov sowie Ulrich Burdack gemeinsam mit dem Opernchor, der wieder bestens durch Mario Orlando El Fakih Hernández vorbereitet wurde, nachdrücklich unter Beweis stellten.

Auch in diesem Jahr kam es zur Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. In diesem Jahr wartete die Jury mit einer Überraschung auf: Nicht eine Person oder Sparte wurde geehrt, diesmal erhielten Toni Burkhardt (Regie), Adriana Mortelliti (Kostüme) und Wolfgang kurima Rauschning (Bühnenbild) gemeinsam diese Auszeichnung für ihre grandiose Umsetzung der Oper BREAKING THE WAVES. Völlig verdient: Auch mich hatte diese Inszenierung nachhaltig beeindruckt.

Die letztjährige Preisträgerin Victoria Kunze behauptete gegenüber ihrem „Partner in Crime“ Andrew Irwin (😉) „Ich bin eine anständ’ge Frau“. Na, ob das wirklich stimmt, da können wir uns in DIE LUSTIGE WITWE, dem Operetten-Klassiker von Franz Lehár überzeugen. Mit einem schmissigen „Ja, das Studium der Weiber ist schwer“ spülten uns Signe Heiberg, Ulrich Burdack und Konstantinos Klironomos mit Unterstützung des Operchores aus dem Saal hinaus in die Pause.

Erst seit einer Spielzeit ist Alfonso Palencia als Ballettdirektor am Haus, und schon hat er deutliche künstlerische Spuren hinterlassen. So überzeugen seine Choreografien durch Emotionalität und Ästhetik. Dies galt auch für die gezeigten Ausschnitte aus dem drei-geteilten Ballettabend SEELEN, die von der Company grandios umgesetzt wurden. Am Ende erhielten die Tänzer*innen einen frenetischen Applaus als Lohn. Tanz scheint mir die Kunstform zu sein, die dem Künstler am Meisten abverlangt und das höchste Maß an Disziplin fordert.


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In dieser Spielzeit steht mit GLANZ von Christina Kettering eine Uraufführung auf dem Spielplan vom JUB (Junges Theater Bremerhaven). In diesem Stück erfindet sich eine junge Frau via Social Media neu und verstrickt sich immer weiter in Lügen: Coco Plümer, Janek Biedermann und Ulrich Fassnacht zeigten mit einem Ausschnitt, wie nah dieses Thema an der Gefühlswert der heutigen Jugend ist.

Doch nicht nur aktuelle Themen werden in den Spielplänen der einzelnen Sparen aufgegriffen, auch die Freunde der klassischen Grusel- und Schauerliteratur kommen weiterhin auf ihre Kosten: Schon in der vergangenen Spielzeit hatte DER UNTERGANG DES HAUSES USHER von Justine Wiechmann und Elisabeth Kirschbaumer (nach der gleichnamigen Erzählung von Edgar Allan Poe) Premiere. Diese beim Publikum sehr beliebte Inszenierung wird auch in dieser Saison weiterhin als Wiederaufnahme zu sehen sein, aus der Marc Vinzing den großen Eröffnungs-Monolog im beinah dunklem Saal gekonnt-unheilschwanger zum Besten gab.

Mit TOSCA von Giacomo Puccini eröffnet das Musiktheater die neue Saison und bietet nicht nur einen Klassiker und Publikumsliebling des Genres, sondern hier am Stadttheater Bremerhaven mit Signe Heiberg und Konstantinos Klironomos zudem ein fulminantes Leading-Paar. Schon mit „Meno male! Egliè la“, der ersten Szene des Tosca-Blocks, in der Marcin Hutec, Andrew Irwin und Konstantinos Klironomos vor dem Orchester standen und sangen, während stückbedingt Signe Heiberg gemeinsam mit dem Opernchor und dem Extrachor von der Seitenbühne zu hören waren, zeigte eindringlich die hohe sängerische Qualität des Hauses. Cavaradossis Arie „E lucevan le stelle“ gestaltete Konstantinos Klironomos voller Wehmut und Trauer, während Toscas „Vissi d’arte“ bei Signe Heiberg sich vom anfänglichen Klagelied beinah bis zur kämpferischen Hymne steigerte. Grandios!!!

Auch wenn das „große“ Musical in dieser Spielzeit beim Schauspiel zu finden ist, so hat das Musiktheater mit THE APPLE TREE von Jerry Bock und Sheldon Harnick zumindest eine deutschsprachige Erstaufführung am Start. Dem Team Bock/Harnick verdanken wir u.a. das wunderbare Musical „Anatevka (Fiddler on the Roof)“. THE APPLE TREE verspricht, ein musical-isches Schmankerl in bester Broadway-Sound-Tradition (Die Ouvertüre wusste schon zu gefallen!) zu werden. Das Musical beschäftigt sich in drei in sich abgeschlossenen Geschichten um das Thema „Verführung“: So dürfen sich Adam und Eva mit der Schlange kabbeln, oder eine junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen träumt vom Glitzer der Show-Welt. Apropos: Marcin Hutek war in den vergangenen Spielzeiten ja schon so einiges, u.a. Chef des Olymps. Jetzt durfte er als Schlange den Sündenfall verschulden und versuchte musikalisch seine „Verbot’ne Frucht“ an die Frau zu bringen. Mit „Wahnsinn“ amüsierte Victoria Kunze keck als aufstrebendes aber sich selbst überschätzendes Show-Sternchen. Andrew Irwin gestaltete Adams Klagelied auf „Eva“ so fein akzentuiert, dass es die reine Freude war, ihm zu lauschen.

Das „große“ Musical ist – wie schon erwähnt – in dieser Spielzeit beim Schauspiel verankert: Bei der Musical-Parodie SPAMELOT von Eric Idle und John du Prez nach Monty Phytons „Die Ritter der Kokosnuss“ erwarte ich allerdings auch keinen Schön-Gesang sondern vielmehr ein Feuerwerk an Pointen, die – im wahrsten Sinne des Wortes – auf dem Punkt kommen. Trotzdem dürfen wir uns auf ein komplettes Orchester incl. Opernchor freuen. Bei „Such den Gral“ überzeugte Kay Krause mit gekonntem Sprechgesang als kauziger König Artus. Für die erkrankte Julia Lindhorst-Apfelthaler, die in dieser Inszenierung die Fee aus dem See geben wird, sprang bei der Eröffnungs-Gala kurzfristig Boshana Milkov ein und „soulte“ sich voller Wonne durch den Song.

Mit dem Ohrwurm „Always look on the bright side of life“ wurden wir in die laue Sommernacht Bremerhavens entlassen.


Mit dieser Eröffnungsgala beginnt die SAISON 2023/2024 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit seinem vielfältigen Programm begeistert.

[Oper] Missi Mazzoli – BREAKING THE WAVES (DEA) / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Missy Mazzoli / Libretto von Royce Vavrek / nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier / Deutsche Erstaufführung / in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 6. Mai 2023 / besuchte Vorstellung: 21. Mai 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Toni Burkhardt
Bühne: Wolfgang kurima Rauschning
Kostüme: Adriana Mortelliti
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


Ich saß im Theater, schaute auf die Bühne, und Tränen rannen über meine Wangen…!

Die naive und psychisch labile Bess verliebt sich in den Offshore-Ölrigger Jan und heiratet ihn entgegen der Zweifel der Ältesten ihrer tiefreligiösen calvinistischen Gemeinde. Als Jan nach einer kurzen doch glücklichen gemeinsamen Zeit wieder zur Bohrinsel zurückkehren muss, betrauert Bess die Trennung so sehr, dass sich ihre psychischen Probleme wieder manifestieren, die sie bisher mit Medikamenten gut kontrollieren konnte. In dieser Situation ist ihr ihre strenge Mutter keine Unterstützung, die der Meinung ist, dass jeder noch so harte Schicksalsschlag stoisch ertragen werden muss. Hilfe erfährt sie von ihrer Schwägerin Dodo, der Frau ihres verstorbenen Bruders, die sich immer wieder schützend zu ihr stellt. Doch auch sie kann nicht verhindern, dass Bess zunehmend schizophrene Züge zeigt: So ist sie immer wieder im Zwiegespräch mit Gott und bittet diesen, ihren Mann wieder zu ihr nach Hause zu bringen. Kurz darauf erleidet Jan auf der Bohrinsel einen fast tödlichen Unfall und wird ins Krankenhaus auf dem Festland gebracht. Als Bess erfährt, dass der Unfall Jan fast vollständig gelähmt hat, glaubt sie, dass es ihre Schuld sei. Schließlich hat sie Gott inständig gebeten, Jan zu ihr nach Hause zu bringen. Jan weiß, dass Bess niemals ihr Ehegelübde brechen würde, glaubt aber, dass er sie daraus befreien muss, damit sie ein erfülltes Leben führen kann. Er ermutigt sie, Liebhaber zu finden und ihm davon zu erzählen, damit er sich einreden kann, sie beide würden Liebe machen. Doch Bess weigert sich, dem ungeheuerlichen Wunsch ihres Mannes Folge zu leisten. Als Jan versucht, sich durch eine Überdosis Tabletten das Leben zu nehmen, ist sie sich sicher, dass sie ihm gehorchen muss. Scheiternde Versuche, Dr. Richardson, den behandelnden Arzt ihres Mannes zu verführen, und halbherzige sexuelle Begegnungen mit Fremden gehen mit einer Verschlechterung von Jans Gesundheit einher. Als Bess einen Mann findet und Sex mit ihm hat, stabilisiert sich überraschend Jans Gesundheit, worauf Bess weitere Sex-Bekanntschaften sucht. Doch ihr Ruf holt sie ein: Ihre Mutter verachtet sie, und die Kirchenältesten verstoßen sie aus der Gemeinschaft. Bess versteht nicht warum, da sie doch dem Willen ihres Mannes folgt und seine Genesung direkt proportional zu ihren außerehelichen Aktivitäten voranschreitet. Dodo versucht ihr begreiflich zu machen, dass Jan diesen Wunsch im Fieberwahn geäußert hat. Doch Bess lässt sich nicht aufhalten: Eines Nachts wird sie von Matrosen brutal vergewaltigt und sadistisch misshandelt. Mit letzter Kraft schleppt sie sich zu Dodo und stirbt, als Jan von seiner Operation aufwacht, und sich sein Gesundheitszustand dramatisch verbessert. Die Kirchenältesten stimmen zu, dass Bess zwar ein calvinistisches Begräbnis erhält, bestehen aber darauf, dass sie als Sünderin begraben und ihre Seele der Hölle übergeben wird. Jan, der sich vollständig erholt hat, stiehlt mit Hilfe seines besten Freundes Terry die Leiche, bevor sie beigesetzt wird. Als er ihre Überreste dem Ozean übergibt, erklingen die Glocken Gottes…!


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Regisseur Toni Burkhardt kreierte eine schlüssige Inszenierung, bei der die Dramatik sich Szene für Szene logisch zwingend steigerte. Dabei fühlte er sich – trotz aller Symbolik – dem Realismus verpflichtet: So standen die Beweggründe der Protagonist*innen mit all ihren vielfältigen Emotionen im Vordergrund. Er forderte von den Sänger*innen viel und ließ sie in drastischen Bilder agieren, die manchmal für das Publikum kaum zu ertragen waren. Die erdrückende Stimmung innerhalb einer Gemeinschaft, die dogmatisch an ihren Normen festhält, sorgte auf der Bühne für eine (An-)Spannung, die bis in den Zuschauersaal spürbar war.

Bühnenbildner Wolfgang kurima Rauschning schuf eine durchlässige Metallkonstruktion, die je nach Stellung der Drehbühne unterschiedliche Perspektiven bzw. Spielräume offenbarte. Zusammen mit den stimmigen Projektionen wandelte sich so das Bühnenbild von der Ölplattform über das Krankenhaus zur Kirche, bei der drei überdimensionale Kreuze dominierten. Ein großer, anfangs noch schneeweißer Kuschelbär, dessen Fell mit fortschreitender Handlung dunkler und dunkler wurde, als wäre er dem Feuer zu nah gekommen, stand sinnbildlich für die ursprünglich reine Seele von Bess, die nach und nach zu Asche verbrannte. Auch die Kostüme von Adriana Mortelliti verweigerten sich in ihrem miefigen 70er Jahre-Look jeglichem Glamour und unterstützten vielmehr den Realismus-Gedanken des Regisseurs.

Davide Perniceni webte mit dem kammermusikalisch besetzten Philharmonischen Orchester Bremerhaven einen emotionalen Klangteppich zwischen aufbrausenden Instrumental-Sound, musikalischem Minimalismus und Industrieklänge. Mizzy Mazollis Komposition passen nicht in das gewohnte Opern-Schema: Es gibt keine klassische Ouvertüre, Arien oder Duette. Wie beim Underscoring eines Films unterstützt die Musik das auf der Bühne Gezeigte und spiegelt so äußerst individuell die Gefühlswelten der Protagonist*innen wieder. Dazu kamen große Bleche ebenso zum Einsatz, wie Metallspiralen zum Klingen gebracht wurden.

Auf dem ersten Blick scheinen die Männer die Bühne zu dominieren. Da gab es den vom Chordirektor Mario Orlando El Fakih Hernández exzellent disponierten Männerchor, aus dem einige Herren auch solistisch überzeugten, sei es James Bobby als verbissener Kirchenoberhaupt über Patrick Ruyters als sadistischer Matrosen bis zu MacKenzie Gallinger, der die ersten beiden „Freier“ von Bess mimte. Andrew Irwin zeichnete Dr. Richardson als einen mitfühlenden Charakter mit einer noblen, beinah schüchternen Zurückhaltung. Ulrich Burdack sorgte als Terry für die wenigen humorigen Momente des Abends, wenn er als Jans loyaler Freund positive Stimmung verbreitete und diesen am Krankenbett mit Bier versorgte. Marcin Hutek als Jan gelang die überzeugende Wandlung vom kraftstrotzenden jungen Kerl über den siechenden Kranken bis zum trauernden aber gereiften Mann.

Obwohl die Männer auf der Bühne in der Überzahl waren, bedurfte es nur drei herausragende Künstlerinnen, um die „Herren der Schöpfung“ in den Schatten zu stellen:

Signe Heiberg gab die Mutter mit einer beängstigenden Intensität. Diese Frau hatte alle Empfindungen tief in sich verschlossene, und doch zeigte Heiberg nur mit einem Blick oder mit einem Zucken im Gesicht, dass mächtige Emotionen unter der verhärteten Fassade tobten. Ihre Annäherungsversuche am Schluss an Tochter und Schwiegertochter wirkten beinah unbeholfen linkisch, da sie verlernt hatte, Empathie auszudrücken und weckten darum umso mehr mein Mitgefühl. Auch gesanglich variierte Heiberg ihren Sopran zwischen einem unterdrückten „piano“ und einem ausbrechenden „fortissimo forte“.
Brava,…

Boshana Milkov porträtierte Dodo als eine warmherzige und mitfühlende Frau. Zart ließ sie anklingen, dass ihre Gefühle zu Bess durchaus über denen einer Schwägerin hinausgingen. Doch niemals würde sie diese feine Grenze überschreiten, um das gemeinsame emotionale Band nicht zu zerreißen. Dabei war sie die unterstützende, haltgebende Schulter, die weder die Mutter noch Jan für Bess sein konnten, und bot sogar den Kirchenältesten mutig die Stirn. Milkovs reicher Mezzo erklang hierbei weniger protzend als vielmehr warm-umfangend.
…brava,…

Victoria Kunze schlüpfte nicht in diese Rolle, sie stürzte sich regelrecht hinein – gesanglich, darstellerisch, emotional,…! Ihre Bess taumelte zwischen Freude und Verzweiflung, zwischen Resignation und Hoffnung, war präsent und verlor sich selbst zunehmend und war dabei beängstigend nah am Wahnsinn. Gesanglich changierte sie zwischen kehlig-rauen Tönen bei den Gesprächen mit Gott bis zu den klirrenden Höhen voller Emotionalität. Hätte Victoria Kunze nicht schon im letzten Jahr den Herzlieb-Kohut-Preis erhalten, nach dieser fulminanten Leistung wäre er ihr sicher gewesen.
…bravissima!

Ich schaute auf die Bühne – eine verzweifelte Dodo schließt die sterbende Bess in ihre Arme, neben ihnen die hilflose Mutter – und Tränen rannen über meine Wangen…!

Es war wahrlich kein lustiger Opernabend: Ich verließ emotional aufgewühlt und tief bewegt das Theater. Doch ich war froh, dass ich dieser äußerst gelungenen deutschen Erstaufführung beiwohnen durfte. Das Stadttheater Bremerhaven hat abermals seinen Ruf als eine Bühne gefestigt, die abseits der großen Metropolen künstlerisch hochrangiges Theater auf die Bretter bringt. Vielen Dank!


Es gibt leider nur noch eine Vorstellung von BREAKING THE WAVES, und dann verabschiedet sich diese außergewöhnliche Oper schon wieder vom Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven.

[Oper] Jules Massenet – WERTHER / Stadttheater Bremerhaven

Lyrisches Drama in vier Akten von Jules Massenet / Libretto von Édouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann / nach dem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe / in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 25. März 2023 / besuchte Vorstellung: 28. April 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann
Inszenierung: Sam Brown
Bühne & Kostüme: Alex Lowde
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


Wer von uns kennt ihn nicht? Ganze Schülergenerationen durften sich im Unterricht durch dieses Werk „quälen“. Johann Wolfgang von Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers war ein (un)gerngesehener Gast in den Klassenzimmern der Republik. Ich kann mich nicht mehr an allzu viel von der damaligen Schullektüre erinnern. Mein Verdrängungsmechanismus scheint im Laufe der Jahre zufriedenstellend gearbeitet zu haben. Doch an einer Empfindung aus dieser Zeit kann ich mich deutlich erinnern: Ich fand damals, dass der Werther eine ziemlich nervige Heulsuse war.

Ich persönlich hätte als Sujet für eine Oper wahrscheinlich eine andere Vorlage gewählt, aber ich bin da ja auch nicht der Profi. Und der weltweite Erfolg gab dem Komponisten Jules Massenet ja auch Recht. So war ich sehr neugierig auf die musikalische Umsetzung: Würde der singende Werther mich mit dem sprechenden Werther wieder versöhnen können?

Es ist mitten im Sommer, doch im Hause des Amtmanns Le Bailli übt dieser mit seinen Kindern schon Weihnachtslieder ein. Seinen anwesenden Freunden Schmidt und Johann erzählt er stolz von seiner ältesten Tochter Charlotte, die nach dem Tod der Frau die Mutterrolle für ihre sieben jüngeren Geschwister übernommen hat. Da ihr Verlobter Albert nicht anwesend ist, soll Werther sie auf dem abendlichen Ball begleiten. Werther ist überglücklich, da er Charlotte schon seit geraumer Zeit insgeheim liebt. Kaum haben die Beiden das Haus verlassen, taucht überraschend Albert auf, findet aber nur Charlottes jüngere Schwester Sophie vor. Mit dem Hinweis, in den nächsten Tagen Charlotte zu besuchen, verabschiedet er sich. Zu später Stunde bringt Werther Charlotte vom Ball nach Hause und gesteht ihr endlich seine Liebe. Er muss aber von ihr erfahren, dass sie am Sterbebett ihrer Mutter versprochen hat, Albert zu heiraten. Einige Monate später sind Charlotte und Albert verheiratet, das allerdings nichts an Werthers Gefühlen ändert. Auf dem Fest zum 50. Hochzeitstag des Pastors und seiner Frau treffen alle wieder aufeinander. Sophie hat ein Auge auf Werther geworfen, der ihre Avancen allerdings abschmettert. Er hat nur Augen für Charlotte, die natürlich am Arm ihres Gatten Albert erscheint, und kann seine Eifersucht kaum verbergen. Charlotte ist mit dieser Situation überfordert und bittet ihn, sie bis zum Weihnachtsfest nicht aufzusuchen. Werther ist verzweifelt: Erste Selbstmord-Phantasien spuken in seinem Kopf herum. Eilig verlässt er die Gesellschaft. Zurück bleiben eine enttäuschte Sophie, eine aufgewühlte Charlotte und ein ernüchternder Albert, dem nun bewusst wurde, welche tiefen Gefühle Werther für seine Ehefrau hegt. Weitere Monate später am Heiligabend: Charlotte hat zahlreiche Briefe von Werther erhalten, in denen er ihr seine Liebe beteuert. Sie selbst muss sich nun auch eingestehen, dass auch sie ihn liebt. Sie versucht, sich durch Gebete zu festigen. Als plötzlich Werther auftaucht, ist dieser von Charlottes Distanz aufgewühlt und wirft sich ihr zu Füßen. Charlotte flüchtet und schließt sich ein. Sie schwört, Werther niemals wiederzusehen. Werther entschließt sich zum Suizid und bittet Albert per Brief, ihm seine Pistole für eine Reise zu überlassen. Dieser schickt Charlotte, ihm die Pistole zu bringen. Später am Heiligabend quälen Charlotte schlimme Ahnungen, und sie eilt durch das Schneegestöber, um Werther zu finden und ihn von einem Selbstmord abzubringen. Sie findet ihn sterbend auf dem Boden liegend. Er hindert sie daran, Hilfe zu holen. Charlotte gesteht ihm in seinen letzten Atemzügen ihre Liebe und küsst ihn zum Abschied. In der Ferne singen die Kinder Weihnachtslieder.


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Regisseur Sam Brown versetzt die Handlung aus dem Jahre 1780 in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dies gelingt ihm ohne spürbare Brüche. Er beweist so nachdrücklich, dass sich im Laufe von beinah 200 Jahren an der Stellung der Frau im sozialen Gefüge innerhalb des nach wie vor vorherrschenden Patriarchats wenig verändert hat. Vielmehr zeigt er beinah abstoßende Männer-Figuren, wie sie es damals durchaus gab (und heute leider immer noch gibt), und deren Handlungen gesellschaftlich toleriert wurden. Wir sehen den in Selbstmitleid zerfließenden Vater, der mit beängstigender Selbstverständlichkeit die eigene Verantwortung an der Familie und die Bürden der verstorbenen Ehefrau auf die älteste Tochter überträgt. Da gibt es seine beiden Freunde, die im angetrunkenen Zustand auch gerne die halbwüchsige Tochter betatschen. Auch der scheinbar charmante und rücksichtsvolle Verlobte zeigt nach der Hochzeit sein wahres Gesicht zeigt und entpuppt sich als manipulativer Kotzbrocken. Der Regisseur „zaubert“ gemeinsam mit Ausstatter Alex Lowde eine beinah dystopie-artige Endzeitstimmung auf die Bretter. Der blütenweiße Vorhang des Panorama-Fensters öffnet sich und gibt den Blick frei in eines dieser adretten Reihen-Bungalows, wie er in so manchen spießigen Vorstädten zu finden ist. Die Räume wandern am Panorama-Fenster vorbei und bilden in ihrer lähmenden Trostlosigkeit einen Kontrast zur menschlichen Tragödie, die sich in ihnen abspielt. Brown setzt in seiner kammerspielartigen Inszenierung den Fokus deutlich auf die Motivationen der handelnden Personen.

WERTHER ist durchaus kein gefälliges Werk. Da gibt es keinen voluminösen Chor und kein fröhlich tanzendes Ballett. Auch auf einen Tenor-Evergreen, wie ihn andere Opern durchaus zu bieten haben, wartet man hier vergebens. Es stehen Personen im Mittelpunkt, zu deren glaubhafter Charakterisierung der pure Schöngesang nicht ausreicht. Vielmehr fordert die Handlung den Sängerinnen und Sängern einiges ab: Hier ist nicht nur stimmliche Brillanz gefordert sondern auch ein hohes Maß an schauspielerischen Talent. In Bremerhaven war beides vorhanden!

Gast Mirko Roschkowski gab die Titelpartie als einen in seinen Empfindungen überschäumenden Jungspund. Sein Werther liebt mit jeder Faser seines Körpers und stürzt sich in diese Liebe mit all seinen Sinnen. Dabei ist er in seiner hemmungslosen Kompromisslosigkeit absolut selbstzerstörerisch. Roschkowskis gelungene Darstellung ermöglichte es mir, dass ich mich mit dem Werther meiner Schulzeit ein wenig aussöhnen konnte. Werther liebt und leidet und scheint damit völlig ausgelastet zu sein, während Charlotte einen wahren Gefühlsmarathon mit unzähligen Höhen und Tiefen durchlebt. Aufgrund der Erkrankung von Boshana Milkov sprang Mezzosopranistin Anna Werle kurzfristig ein und meisterte dies mit einer bewundernswerten Souveränität. Auch bei einer bekannten und evtl. schon auf der Bühne gesungenen Partie ist es immer eine Herausforderung, sich einem unbekannten Regie-Konzept zu stellen. Wirkte ihre Charlotte anfangs neben den Gefühlsausbrüchen eines Werthers eher zurückhaltend-beherrscht (und schrieb ich dies irrtümlich dem Umstand des Einspringens zu) so entwickelte sie sich im Laufe der Vorstellung mehr und mehr zur gefühlvollen jungen Frau. Es schien, als würde sie ein sie einschnürendes Korsett aus Erwartungen und Konventionen abstreifen und sich erlauben, Emotionen zuzulassen, die nun den nötigen Raum in ihrem Leben einnehmen.

Eingebunden waren diese beiden Gäste in dem wunderbaren Ensemble des Stadttheaters Bremerhaven, bestehend aus Victoria Kunze (Sophie), Marcin Hutek (Albert), Ulrich Burdack (Le Bailli), Andrew Irwin (Schmidt) und Patrick Ruyters (Johann), das wieder einmal nicht nur durch exzellentem Gesang überzeugte, sondern auch absolut homogen agierte. Welch ein Glück, dass dieses tolle Ensemble dem Publikum auch in der Saison 2023/2024 erhalten bleibt!

Besonders hervorheben möchte ich die sechs jungen Sänger*innen vom Kinderchor des Stadttheaters Bremerhaven, die die jüngeren Geschwister von Sophie und Charlotte darstellten und dies ganz und gar großartig machten. Schon vor einiger Zeit hat Chorleiter Mario Orlando El Fakih Hernández gemeinsam mit Katharina Diegritz den Kinderchor wiederbelebt, der mich schon zuvor im Musical HAIRSPRAY überzeugte. Ich freue mich sehr auf die kommende Spielzeit, wo die Kids sicherlich bei der Märchenoper HÄNSEL UND GRETEL wieder dabei sein werden.

GMD Marc Niemann brachte mit dem Philharmonischen Orchester die Musik Massenets sehr nuancenreich zu Gehör, sei es bei den stürmischen Arien Werthers über das zarte „Claire de lune“ im ersten Aufzug bis zu den beiden emotionalen Arien der Charlotte im 3. Akt, und verfeinerte so eine gelungene Opern-Aufführung.

Nun überlege ich ernsthaft, ob ich dem guten alten Goethe und seinem Werther nochmals eine Chance geben soll. Was meint Ihr?


…und – Schwupps! – schon ist sie leider wieder vorbei, die Aufführungsserie von WERTHER am Stadttheater Bremerhaven. Schön war´s!!!

[Operette] Jacques Offenbach – ORPHEUS IN DER UNTERWELT (Orphée aux enfers) / Stadttheater Bremerhaven

Operette bzw. Opéra-Buffon in zwei Aufzügen und vier Bildern von Jacques Offenbach / Libretto von Hector Crémieux und Ludovic Halévy / Textfassung von Isabel Hindersin und Markus Tatzig unter Verwendung der deutschen Textfassung von Ludwig Kalisch und Frank Harders-Wuthenow / in deutscher Sprache

Premiere: 11. Februar 2023 / besuchte Vorstellungen: 9. April & 28. Mai 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Inszenierung: Isabell Hindersin
Bühne & Kostüme: Dietlind Konold
Choreografie: Rosemary Neri-Calheiros
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


Irgendwie gefällt mir der Gedanke, dass Intendant Lars Tietje vor Monaten bei der Planung der Spielzeit 2022/23 sinnierend in seinem Büro saß und immer wieder einen Blick auf die Liste mit den in Frage kommenden Stücke warf. Seine Entscheidung für die Oper und das Musical war schnell getroffen, galt es nun noch das Genre der Operette zu bedienen. Da dachte er sich vielleicht „Zwischen der geballten Dramatik von Weber und Massenet gönne ich meinem Musiktheater-Ensemble eine Verschnaufpause und kredenze ihm so `nen kleinen Happenpappen für Zwischendurch!“ Und so fiel seine Wahl auf dieses Leichtgewicht des Operetten-Repertoires.

Orpheus ist seiner Gattin Eurydike überdrüssig: Ständig hat sie etwas an ihm rumzumäkeln. Wie soll er sich bei diesem ständigen Gezanke auf das Komponieren und seine weibliche Anhängerschaft konzentrieren. Beidem widmet er sich gleichermaßen gerne. Eurydike langweilt sich und tröstet sich derweilen mit Aristäos, nichtsahnend, dass sich hinter der Maske des strammen Naturburschen niemand geringerer als Pluto, der Herr der Unterwelt versteckt. Aristäos aka Pluto würde die holde Schöne gerne in sein Reich entführen und ist darum nur allzu bereit, Orpheus bei der Beseitigung seiner Angetrauten zu helfen: Ein Schlangenbiss soll da helfen. Doch kaum meint Orpheus sich seiner Gattin entledigt zu haben, da taucht die öffentliche Meinung auf und setzt ihm zu. Schließlich hat er als Konservatoriumsdirektor einen guten Ruf zu wahren, und eine abhandengekommene Ehefrau wäre diesem wahrlich nicht zuträglich. Also macht er sich – mit der öffentlichen Meinung immer dicht auf den Fersen – auf den Weg Richtung Olymp, um dort vom Göttervater Jupiter Hilfe zu erbitten. Doch auf dem Olymp ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Vielmehr vergnügen sich Jupiters Kinder und Enkelkinder bei nächtlichen Amouren und verprassen so das göttliche Gold, während der Olymp vor die Hunde geht. Jupiter dreht ihnen kurzerhand den Geldhahn zu, würde allerdings allzu gerne auch selbst einen kleinen Seitensprung wagen. Doch seine eifersüchtige Gattin wacht mit Argusaugen über ihn. Da trifft Orpheus Bitte bei ihm auf offene Ohren: Wenn Pluto dieses Menschenkind in die Unterwelt entführt, dann muss es sich dabei um eine wahre Schönheit handeln. Da seine Sippe mit einer Revolte gegenüber seinen Sparmaßnahmen droht, nimmt er diese kurzerhand mit in die Unterwelt. In der Unterwelt sitzt Eurydike wie in einem Käfig fest und langweilt sich (schon wieder), da sie sich von ihrem derzeitigen Lover Pluto extrem vernachlässigt fühlt. Bewacht wird sie vom ständig angetrunkenen Hans Styx, der auch schon bessere Tage erlebt hat. Als Fliege verwandelt surrt Pluto durch das Schlüsselloch in Eurydikes Gemächer, verführt sie und verspricht, sie abermals zu entführen – diesmal in die Freiheit zu ihrem angetrauten Gatten. Eurydikes Begeisterung hält sich in Grenzen. Ebenso wenig begeistert ist Orpheus, als er von Jupiter erfährt, dass er Eurydike nur dann wieder mit nach Hause nehmen darf, wenn er sich nicht nach ihr umdreht. Dann aber schleudert Jupiter einen Blitz. Orpheus erschrickt, dreht sich um und – Schwupps! – finden die Beiden sich trotzdem daheim in ihrem Ehebett wieder. So wankelmütig sind auch die Götter…!


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Ich saß in der Vorstellung von ORPHEUS IN DER UNTERWELT und merkte irritiert, dass ich mit dem Stück fremdelte. Dies lag weder an der Inszenierung, noch an der Ausstattung und schon gar nicht an der musikalischen Umsetzung durch Sänger*innen und Orchester. Vielmehr drängte sich mir der Verdacht auf, dass die einzige Daseinsberechtigung dieses Werkes – neben dem klangvollen Namen des Komponisten – allein auf den wohl bekanntesten Cancan der Musikgeschichte beruht.

Oftmals hatte ich das Gefühl, als wollte der junge Jacques Offenbach und die Texter Hector Crémieux und Ludovic Halévy damals gerne neue Wege gehen, hatten aber nicht die Traute, ihre revolutionären Ideen konsequent zu Ende zu denken. Gleich zu Beginn gaben sie der öffentlichen Meinung eine Rezitative, die an Brecht-Weil erinnerte (obwohl beide zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Operette noch gar nicht geboren waren) und sie als Kommentatorin des Stückes prädestinierte. Dann ließen sie sie aber recht schnell wieder in der Versenkung verschwinden, um sie erst gegen Ende des Stücks „wiederzubeleben“. Auch verabschiedeten sie sich von der klassischen Rollenaufteilung mit Leading- und Buffo-Paar, setzten den Fokus augenzwinkernd nicht wie zu erwarten auf den Titelhelden Orpheus sondern vielmehr auf dessen Gattin Eurydike. Doch die Chance, das Ballett als erzählerisches Element in die Handlung zu integrieren, versäumten die Drei völlig. Vielmehr sind die Ballett-Einlagen so sehr von der eigentlichen Handlung separiert, dass sie wahllos irgendwo zwischengeschoben werden könnten. Zudem weist der 2. Aufzug (besonders im 4. Bild) eine solch spürbare Länge auf, dass man als Zuschauer beinah sehnsüchtig auf den berühmten Cancan wartet. Andererseits geizten sie nicht mit Ironie, schubsten die hehren Götter vom Thron, fegten kräftig durch die Unterwelt und verhohnepiepelten sogar die holde Kunst. Das Werk entstand im Jahre 1858 als Persiflage auf die großbürgerliche Bigotterie, die die freie Sinneslust aufgrund von Zwängen, die das soziale Leben bestimmten, einschränkte. Und trotzdem wirkte es auf mich, als standen beim Komponisten und seinen Librettisten vielmehr der Klamauk im Vordergrund und weniger eine nachvollziehbare Motivation der handelnden Personen.

Was bleibt mir da noch, was ich positives zu dieser Aufführung berichten kann? Es bleibt vieles oder vielmehr alles, bei dem Offenbach & Co. keinen Einfluss mehr hatten. Regisseurin Isabel Hindersin holt mit ihrer Inszenierung aus der kruden Geschichte das Bestmögliche heraus. Sie fokussiert in den intimeren Szenen, „gibt Kante“ bei den Ensemble-Szenen, setzt Akzente in der Personenzeichnung und überzeugt mit kleinen, witzigen Regie-Einfällen. Ihr Dreh- und Angelpunkt ist die holde Eurydike, die bei ihr weniger das von Männern manipulierte Weib darstellt, als vielmehr die junge Frau, die sich selbstbestimmt (auch sexuell) nimmt, was bzw. wer ihr gefällt. Dietlind Konold präsentiert eine Ausstattungsorgie, nimmt im Bühnenbild mit Mole und schiefen Leuchtturm deutlich Bezug auf Bremerhavener Verhältnisse, kleidet die Bewohner*innen des Olymps und der Hölle erwartungsgemäß in Gold- bzw. Rot-Schwarz-Nuancen. Sie schießt dabei absichtlich über das Ziel hinaus und kleidet die Protagonist*innen der Mythenwelten allesamt herrlich überkandidelt. Da stechen die Kostüme für Orpheus und Eurydike sowie für die öffentliche Meinung beinah anachronistisch (in jeweils unterschiedliche Richtungen) heraus.

Isabel Hindersin traf in Bremerhaven nicht nur auf ein exzellent singendes sondern auch absolut spielfreudiges Gesangsensemble, das sich ungehemmt mit sichtlichem Vergnügen und voller Wonne in diesem musikalischen Klamauk suhlte. Angefangen von den Damen und Herren des Chores (Einstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández), die auch in den div. Nebenrollen glänzten, über Sydney Gabbard, die voller Energie als quirliger Cupido über die Bühne hüpfte, bis zur Lady Macbeth erprobten Signe Heiberg, die als taffe Jagdgöttin Diana gefiel. Spätestens beim schon erwähnten Cancan konnte auch das Ballett in der Choreografie von Rosemary Neri-Catheiros zeigen, was in ihm steckte, und ein tänzerisches Feuerwerk entfachen.

Boshana Milkov gab eine resolute und gestrenge öffentliche Meinung im Zeitungs-Kleid und mit einem Twitter-Vögelchen auf dem Käppi. Marcin Huteks Jupiter war ein liebenswerter Lüstling mit einem Humor, der ebenso schräg war wie seine Frisur. Konstantinos Klironomos brachte als Charmeur Aristäos/Pluto nicht nur Eurydikes Herz zum Schnellerschlagen sondern sicher auch bei etlichen Zuschauer*innen die Hormone in Wallung. Andrew Irwin gab den Titelhelden mit dem spröden Charme des Intellektuellen und beinah kindlicher Naivität bar jedem Schuldgefühl. Victoria Kunze schaffte es, dass Eurydike nie zum bloßen Flittchen verkam. Ihre Eurydike propagierte mit einem natürlichen Selbstverständnis das, was sich die so genannten Herren der Schöpfung schon seit Jahrhunderten herausnehmen: die eigene Sexualität vorurteilsfrei und ohne Gewissensbisse zu genießen.

Es war so eine Freude nach all den Jahren Hans Neblung wieder auf der Bühne des Stadttheaters Bremerhaven erleben zu dürfen. Ende der 90er Jahre/ Anfang der 2000er stand er hier in großen Musical-Partien auf diesen Brettern. Nun stelzte er wunderbar kauzig und mit viel Selbstironie als Hans Styx in Korsage und Highheels über die Bühne und erinnerte so mit angepassten Text bei seinem Song „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ an seine früheren Erfolge als Frank N. Furter und Graf Dracula.

Hartmut Brüsch entlockte dem Philharmonischen Orchester die für Offenbach unumgängliche Leichtigkeit. Er akzentuierte bei den Couplets, schmachtete bei den Liebesarien und ließ mit Schmackes beim bekannten Cancan, dem so genannten Höllengalopp, aufspielen.

Vielleicht sollte ich mir diese Operette noch ein weiteres Mal anschauen. Diesmal wäre ich vorbereitet und würde keinen tieferen Sinn erwarten. Ich nehme dann einfach dieses Werk als das, was es ist: eine knallbunte, lustvoll überschäumende Posse.


Nachtrag zum 28. Mai 2023: Ich habe es tatsächlich getan! Ich habe mir ein weiteres Mal diese Operette angesehen. Zugegeben: Es war eine eher spontane Eingebung in der Mittagszeit des Pfingstsonntags, der mich dazu verleitete, zuerst einen Blick auf den Spielplan und dann auf den Saalplan zu werfen. Es war die letzte Vorstellung im Musiktheater der Saison 2022/2023 und somit auch Dernière der Operette ORPHEUS IN DER UNTERWELT: Wenige Klicks später war die Eintrittskarte mein!

Ja, bei dieser Operette macht es Sinn, keinen Sinn zu erwarten. Eingedeckt mit diesem Wissen saß ich im Zuschauersaal und amüsierte mich gar königlich. Meine kritischen Anmerkungen zum Werk an sich blieben natürlich bestehen, doch diese konnte ich wunderbar ausblenden. Vielmehr entdeckte ich plötzlich Details im Zusammenspiel der Akteur*innen, die mir beim ersten Zuschauen nicht aufgefallen waren. Beim ersten Zuschauen war ich viel zu sehr auf die Haupthandlung konzentriert. Da diese mir nun bekannt war, konnte ich mein Augenmerk auf witzige Begebenheiten „am Rand“ lenken, die mich teilweise mehr unterhielten als die im Vordergrund platzierte Hauptaktion. So kicherte ich manchmal in Momenten, in denen meine Nachbarn auf dem ersten Blick nichts Komisches entdecken konnten.

Ja, es ist durchaus von Vorteil, sich eine Inszenierung ein weiteres Mal anzusehen: Ich genoss sehr diese Freiheit, meinen Blick hemmungslos schweifen lassen zu können, ohne Angst zu haben, dass ich evtl. etwas Wichtiges verpasse. Dies sind meine kleinen Glücksmomente. Und natürlich ist dies ein Luxus, den auch ich mir nicht allzu oft gönnen kann. Das Budget meiner Geldbörse ist bedauerlicherweise begrenzt, und dafür interessieren mich einfach zu viele Inszenierungen. Aber wenn ich mir diesen Luxus gönne, dann genieße ich ihn aus vollem Herzen!


Wer nun Lust hat, selbst das Tanzbein zu schwingen, da habe ich hier die passende musikalische Untermalung:

HINWEIS: Die obige Aufnahme stammte nicht aus der besprochenen Inszenierung sondern dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln. 

Es gibt leider nur noch wenige Möglichkeiten, um mit ORPHEUS IN DER UNTERWELT abzutauchen.

[Oper] Carl Maria von Weber – DER FREISCHÜTZ / Stadttheater Bremerhaven

Romantische Oper in drei Aufzügen von Carl Maria von Weber / Libretto von Johann Friedrich Kind / nach einer Novelle von Johann August Apel und Friedrich Laun

Premiere: 25. Dezember 2022 / besuchte Vorstellung: 5. Februar 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Wolfgang Nägele
Bühne & Kostüme: Stefan Mayer
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


Ich stand an der Theaterkasse des Stadttheaters Bremerhaven, um einige Dinge rund um Abo, Karten und Vorverkauf vis-à-vis zu klären und war mitten in den Verhandlungen, als plötzlich ein Gespräch an der Nebenkasse meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen und musste folgendem Dialog belauschen.

Eine ältere Dame echauffierte sich „Das Weihnachtsmärchen war schon nicht schön, und nun ist der Freischütz auch so furchtbar!“ „Schicken sie gerne eine Info mit ihren Eindrücken an die Intendanz.“ schlug ihr Gegenüber an der Kasse diplomatisch vor Hach, das bringt doch nichts. Ich habe es dem Herrn Tietje schon persönlich in der Pause gesagt, und wissen sie, was er gesagt hat? Nichts! Er hat nur die Augenbrauen hochgezogen!“ Und nach dieser Bemerkung musste ich meine Aufmerksamkeit leider wieder auf meine eigenen Angelegenheiten lenken.

Ich weiß natürlich nicht, was Herr Tietje mit seinen hochgezogenen Augenbrauen ausdrücken wollte. Nach dem Besuch besagter Inszenierung hätte ich eine vage Ahnung: Überraschung, Erstaunen, Unverständnis, vielleicht auch: Ärger über die mangelnde Wertschätzung. Zumindest würden meine Augenbrauen dies ausdrücken, und ich bewundere Herrn Tietjes noble Zurückhaltung: Ich hätte meine Klappe nicht halten können!

Der Jägerbursche Max liebt Agathe, die Tochter des Erbförsters Kuno und möchte sie gern heiraten. Bevor er Agathe zur Frau bekommt und die Nachfolge des Försters antreten kann, soll er mit einem Probeschuss seine Treffsicherheit beweisen. Kurz zuvor gibt es im Dorf ein Sternschießen. Max misslingt ein Schuss, und er wird von allen Dorfleuten verspottet und ausgelacht – insbesondere von Kilian, dem der Schuss gelingt. Kaspar, ein anderer Jägerbursche, der Max insgeheim hasst und beneidet, will sich an ihm rächen. Er verspricht Max, ihm eine Kugel verschaffen zu können, die mit Sicherheit ins Ziel trifft. Dazu soll Max um Mitternacht in die berüchtigte Wolfsschlucht kommen. Es geht die Sage, dass die in der Wolfsschlucht um Mitternacht gegossenen Kugeln verzaubert sind und sechs davon genau in das gewünschte Ziel treffen, die siebende aber vom Teufel gelenkt wird. Am Vorabend der Hochzeit wartet Agathe ängstlich auf Max. Sie hat böse Vorahnungen, lässt sich allerdings von ihrer Freundin Ännchen aufheitern. Max erscheint und berichtet, dass er nochmals zur Wolfsschlucht gehen wird. Agathe wie auch Ännchen sind entsetzt. In der Wolfsschlucht gießt Max mit Kaspar zusammen die sieben Kugeln. Kaspar ruft dazu Samiel, den schwarzen Jäger an, der eigentlich der Teufel ist, und verspricht ihm die Seele von Max. Dann bekommt Max vier Kugeln, drei behält Kaspar zurück. Am Morgen berichtet Agathe Ännchen von ihrem Traum: Sie träumte, sie wäre eine Taube, und Max würde auf sie schießen. Die eintreffenden Brautjungfern überreichen ihr versehentlich eine Totenkrone anstatt des Brautkranzes. Durch diese bösen Omen zutiefst erschreckt, besteht Agathes letzte Hoffnung, das bevorstehende Unglück noch abwenden zu können in einem Kranz aus den weißen Rosen, die ein frommer Eremit ihr geschenkt hat. Am Tag der Probeschuss-Zeremonie kommt der Landesfürst Ottokar zum Zuschauen und bestimmt als Ziel des Probeschusses ausgerechnet eine weiße Taube. Agathe, voller Entsetzen, läuft Max in die Schusslinie. Die Taube fliegt weg, Agathe stürzt zu Boden, und auch Kaspar fällt. Es stellt sich heraus, dass er von dem Schuss, vom Teufel gelenkt und vom heiligen Eremiten umgelenkt, getroffen wurde, und Agathe unverletzt geblieben ist. Sie sank nur vor Schreck zu Boden. Max gesteht, dass er mit Kaspar Freikugeln gegossen hat. Fürst Ottokar will ihn bestrafen und die Heirat mit Agathe verbieten, aber der Eremit und das ganze Volk setzen sich für die Liebenden ein. Das Urteil wird umgewandelt: Max muss ein Probejahr bestehen und darf, falls er sich bewährt, Agathe dann heiraten. Der Probeschuss wird für alle Zeit abgeschafft.


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Regisseur Wolfgang Nägele verweigert dem Publikum jegliche Jäger-Romantik: Statt leutseligem Heimatkitsch à la „Der Förster vom Silberwald“ präsentiert er tristen 70er Jahre-Muff. So zwingt er seine Figuren, sich von trivialen Äußerlichkeiten abzuwenden, stattdessen den Blick ins Innere zu richten und in die Tiefen ihrer Psyche einzutauchen.

Bühnenbild und Kostüme von Stefan Mayer unterstützen stringent das Konzept des Regisseurs: Der Vorhang öffnet sich, und auf der Drehbühne präsentiert sich ein verrotteter Trecker samt Anhänger incl. div. Schrotteile. Von der Decke schwebt ein Holzgestell, das wie der Rohbau eines Heuschobers wirkt. Dies alles spiegelt die Tristesse des Landlebens in den 70er Jahren wieder, wo die Dorfjugend sich regelmäßig beim besagten Heuschober oder im Häuschen der einzigen Bushaltestelle trifft, um heimlich eine Kippe zu rauchen oder rumzuknutschen, und wo das Schützenfest der kulturelle Höhepunkt des Jahres war. Auch die Kostüme verströmen in ihrer beige-braun-grünen Langeweile die damalige Spießigkeit. Einzig die Freundinnen Agathe und Ännchen setzten mit ihren Outfits farbige Akzente und symbolisieren, dass beide bereit sind, sich zu emanzipieren.

Doch was nützen die besten Ideen eines Regisseurs, was hilft es, Psychogramme der handelnden Personen zu erstellen, wenn die Besetzung nicht fähig ist, dies auf der Bühne umzusetzen. Das Publikum des Stadttheater Bremerhavens kann sich glücklich schätzen, dass dieses Haus über ein talentiertes Ensemble verfügt und sich nicht scheut, ebenso talentierte Gäste zu verpflichten.

Signe Heiberg (Agathe) singt ihre Partie fein nuanciert mit strahlendem Sopran, ist weniger die unbedarft Naive als vielmehr die melancholisch Hinterfragende. Ihren Sidekick gibt Victoria Kunze (Ännchen) mit lyrisch-perlender Stimme und ansteckendem Optimismus. Das Zusammenspiel der beiden Frauen gestaltet sich äußerst natürlich und zeigt die innige Vertrautheit dieser Figuren. Der Max von Konstantinos Klironomos ist ein Zweifelnder: Er zweifelt an seiner vorgegebenen Bestimmung aber auch an sich selbst. Die dunkle Seite in ihm versucht immer wieder, die Oberhand zu gewinnen. Klironomos bringt diese innere Zerrissenheit auch mit seinem brillanten Tenor zum Ausdruck. Apropos dunkle Seite: In dieser Inszenierung stellt Regisseur Wolfgang Nägele dem Max ein Double zur Seite, sozusagen sein böses Ich, das ihn immer wieder dazu animiert, Grenzen zu überschreiten und Konventionen zu brechen. Schauspieler Martin Maecker ist hierbei Verführer, Scharlatan und Gaukler in Personalunion. Zudem übernimmt er auch den Part des Samiels, wandert gekonnt zwischen den Rollen, bis diese sich immer mehr und mehr zu einer Person manifestieren. Gast Thomas Weinhappel überzeugt sowohl mit seinem markant-dramatischen Bariton als auch mit seinem intensiven Spiel. Sein Kasper ist eine verlorene Seele, der trotz aller Ambivalenz auch Mitleid erregt.

Bei diesem starken Quartett aus Agathe, Ännchen, Max und Kaspar (In dieser Inszenierung ist es mit Max Double/Samiel sogar ein Quintett.) bleiben alle anderen Rollen stückbedingt nichts anderes als bessere Stichwortgeber. Das Stadttheater Bremerhaven gönnte sich den Luxus, besetzte diese Rollen ebenfalls mit Solisten und schuf so eine Aufwertung der Partien. Der Kilian von Andrew Irwin ist ein aufbrausender Jungspund, der die Muskeln spielen lässt, um seinen Platz in der männlichen Hackordnung zu erkämpfen. Ulrich Burdack tänzelt als Eremit geschmeidig in seinen Leoparden-Puschen durch die Szenerie und schnuppert dabei verträumt an einem Strauß weißer Rosen, um diese dann spielerisch kreis- bzw. kranzförmig um Agathe zu drapieren. Marcin Hutek gibt einen unangenehm schmierigen Ottokar, der lüsternd nach Agathe schielt und so seine Machtposition hemmungslos ausnutzt. Bart Driessen gibt den Erbförster Kuno als obrigkeitstreuen Duckmäuser, dem seine Stellung wichtiger zu sein scheint, als das Glück seiner Tochter.

Nach MACBETH liefert Chorleiter Mario Orlando El Fakih Hernández mit seinen Sänger*innen ein weiteres Beispiel dafür, welche Qualität der Opernchor sich in der Zwischenzeit erarbeitet hat. Seien es die Herren beim bekannten Jägerchor oder die kessen Brautjungfern in Gestalt von Katharina Diegritz, Sydney Gabbard, Lilian Giovanini und Brigitte Rickmann bei Wir winden dir den Jungfernkranz – immer überzeugt der Chor stimmlich bestens disponiert und zeigt zugleich darstellerische Präsenz.

Davide Perniceni lässt mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven Webers Melodien im üppigen Glanz erklingen. Dabei wandelt er mit seinen Musiker*innen stets gekonnt zwischen den Extremen: von überschäumend-romantischen Klängen bis zu den dunklen, unheilvollen Tönen der Partitur.

Und so schenkt uns das Stadttheater Bremerhaven einen FREISCHÜTZ, der musikalisch und darstellerisch keine Wünsche offen lässt und uns mit seinem ungewöhnlichen Regiekonzept neue Perspektiven eröffnet,…

…natürlich vorausgesetzt, dass wir flexibel und mutig genug sind, die gewohnten Pfade zu verlassen. 😉


Gästebuch-Fund:

Ⓒ Foto privat


Es gibt leider nur noch wenige Möglichkeiten, um mit DER FREISCHÜTZ im „Wald“ (!) auf die Pirsch zu gehen.