Autor: Andreas Kück - .LESELUST
[Rezension] Oscar Wilde – DAS GESPENST VON CANTERVILLE (Hörspiel)
Es sollte Oscar Wildes erste veröffentlichte Geschichte werden: Auch 137 Jahre später wird DAS GESPENST VON CANTERVILLE nach wie vor geliebt und gelesen. Zudem animierte sie die Kreativität vieler Künstler*innen, die aus diesem bezaubernden Grusel-Spaß eigene Adaptionen schufen. Natürlich dürfen in diesem illustren Reigen der Versionen die wunderbaren Hörspiele nicht fehlen: Hier entstehen nur dank der Aneinanderreihung vieler Töne die bunten Bilder im imaginären Kopfkino der Zuhörer*innen.
Der amerikanische Gesandte Hiram B. Otis reibt sich begeistert die Hände: Er hat soeben vom amtierenden Lord Canterville das Familienanwesen nebst Hausgeist käuflich erworben. Doch die Warnung des Lords vor eben diesem Gespenst, das seit Hunderten von Jahren im Schloss sein Unwesen treibt und schon so manchen Bewohner in den Wahnsinn getrieben hat, schlägt er leichtfertig in den Wind. Schließlich kommt er aus der neuen Welt und ist sowohl ein modern denkender Mensch als auch waschechter Republikaner. Für übernatürliche Phänomene fehlt ihm schlicht das Verständnis. So zieht Mr. Otis zusammen mit seiner Gattin Lucretia, dem ältesten Sohn Washington, seiner Tochter Virginia und den Zwillingen „The Star and Stripes“ in ihr neues Heim. Der Geist gibt sein Bestes, die neuen Hausbesitzer gebührend zu empfangen, und lässt seine Ketten gar schauerlich nächtens rasseln. Ein Umstand der Mr. Otis veranlasst, ihm eine Flasche Schmieröl auszuhändigen mit der freundlichen aber bestimmten Aufforderung, er möge seine Ketten ölen. Das Gespenst von Canterville ist erschüttert über diese bodenlose Respektlosigkeit und droht mit drastischeren Maßnahmen. Dummerweise hat er nicht mit dem vehementen Widerstand der Familie gerechnet. Nur Virginia hält sich diskret aus dem sich immer weiter zuspitzenden Scharmützel heraus…!
1 CD/ DAS GESPENST VON CANTERVILLE von Oscar Wilde (1993)/ Hörspielbearbeitung & Regie: Lilian Westphal & Gabriele Sachtleben/ Musik: Benedikt Hoenes/ Ton & Technik: Hans Scheck & Susanne Herzig/ mit Peter Fricke, Marion van de Kamp, Robinson Reichel, Dorothee Hartinger, Jakob Haas, Julian Sonner, Horst Sachtleben, Philipp Moog, Irmgard Först, Henning Schlüter, Rufus Beck u.a.
Schritte hallen, Schreie ertönen, Ketten klirren: Doch ein Gefühl des Gruselns – so richtig mit Gänsehaut, angespannten Nerven und sonstigem Zipp und Zapp – wollte sich bei mir nicht einstellen. Und das war auch gut so, denn dafür ist Wildes Geschichte einfach viel zu lustig. So saß ich auch eher lachend vor dem CD-Player und erfreute mich an der gelungenen Hörspiel-Adaption, die trotz obligatorischer Kürzungen den Spirit (in diesem Zusammenhang mochte ich nicht von „Geist“ sprechen) von Oscar Wildes Originalgeschichte ganz wunderbar einfängt.
Zu verdanken ist dies natürlich sowohl der behutsamen Bearbeitung durch Lilian Westphal und Gabriele Sachtleben, die auch für die Regie verantwortlich zeichneten, wie auch der Kunst der Tontechnik durch Hans Scheck und Susanne Herzig. Leider ist Benedikt Hoenes mit seiner Musik nicht kontinuierlich auf diesem hohen Niveau: Da schuf er atmosphärisch stimmige Kompositionen, die sowohl die Szenerie unterstützt wie auch für die Zeit, in der die Geschichte spielt, sehr passend sind. Dann mixte er immer wieder Jingles dazwischen, die an einer TV-Kindersendung erinnern und den Spannungsbogen eher unterbrechen als aufrecht erhalten.
Größtes Pfund dieser Hörspiel-Produktion ist allerdings das talentierte Ensemble, das von dem bekannten TV-Mimen Peter Fricke angeführt wird, der als Mr. Otis einerseits äußerst pragmatisch, andererseits ganz wunderbar nonchalant daherkommt. Seite an Seite steht ihm Marion van de Kamp als resolute Mrs. Otis in nichts nach. Umschwirrt werden sie von talentierten Jung-Sprecher*innen: Robinson Reichel verleiht dem ältesten Sohn Washington eine altkluge Reife, Jakob Haas und Julian Sonner als die Zwillinge begeistern durch eine quirlige Natürlichkeit, und Dorothee Hartinger als Virginia bezaubert durch ihren mädchenhaften Charme.
Horst Sachtleben kann als amtierender Lord Canterville mit aristokratischen Attitüden aufwarten, während sein bemitleidenswerter Vorfahr, eben jenes Titelgebende Gespenst, durch Henning Schlüter mit markanter Stimme überzeugend zwischen „beängstigend“ und „bemitleidend“ hin und her schwankt.
Über 30 Jahre hat diese Ausgrabung aus dem Hörspiel-Archiv des Bayerischen Rundfunks nun schon auf dem Buckel und klingt nach wie vor so herrlich frisch, dass sicherlich auch die nächsten 30 Jahre ihm nichts anhaben werden. Gutes ist und bleibt eben zeitlos!
erschienen bei DAV / ISBN: 978-3742426376
[Noch ein Gedicht…] Thomas Gsella – ZUM GEBURTSTAG EINES FREUNDES
Er trinkt nicht, hat noch nie geraucht,
Doch mag nicht missionieren.
Er kommt zu mir, wenn er mich braucht,
Dann gehen wir spazieren.
Sein Kopf: das Gegenteil von hohl.
Sie wissen, was ich meine.
Er hetzt nicht, stürmt kein Kapitol
und nutzt gern seine Beine
Statt hundert Tonnen SUV,
Von A nach B zu kommen.
Auch lügen hört ich ihn noch nie.
Er zählt nicht zu den Frommen,
Doch zählt er zu den Hellen.
Sein Herz ist wahr, sein Geist gesund,
Nichts Falsches kommt aus seinem Mund,
Nur ab und zu ein Bellen.
Thomas Gsella
[Rezension] Thomas Gsella – HEREIMSPAZIERT. Neue komische Gedichte
Der legitime Nachfolger von Joachim Ringelnatz, Heinz Erhardt und Konsorten ist wieder da!
Nach ICH ZAHL’S EUCH REIM. Neue politische Gedichte steht er nun abermals hinter dem Bar-Tresen, kreiert lyrische Cocktails zu allerlei menschlichen Absonderlichkeiten und kredenzt seine Martinis nicht nur gereimt sondern auch noch geschüttelt – mit ein wenig Satire anstatt einer Olive.
Diesmal präsentiert sich Thomas Gsella „ganz privat“, politisches wird tunlichst vermieden (Wer’s glaubt!). Da wird hemmungslos in Vers-Form über Lust und Liebe – gerne auch incl. Orgasmus, sowie passenderweise über Schuld und Sühne schwadroniert. Er thematisiert in Versen Fußball und Zölibat (oder: Zölibat im Fußball?). Allgemein scheint im Leben des Thomas Gsella der Fußball eine feste Größe zu sein, dem er gerne in mannigfachen Facetten – von der WM in Katar über Spielerfrauen bis Frauenfußball – seine Aufmerksamkeit schenkt.
Doch auch mit ganz pragmatischen Alltags-Tipps zu Brückentagen, Grabinschriften und Gehaltsverhandlungen kann er aufwarten und kennt sich nur allzu gut mit so mancher Tücke des Objekts aus, sei es bei Partnerbörsen, dem Schlüsseldienst oder der Post.
Natürlich geht´s nicht gänzlich ohne Politik (s.a. „Vermutungen zu Alice Weidel u.a.“), aber auch hier ist Gsella ganz der innovative Aufklärer, der mit überraschenden Denkanstößen Verständnis beim Gegenüber generiert (ACHTUNG: Ironie). Selbst anlässlich des Todes der Queen findet er tröstende Verse für das trauernde Volk und lotst uns sicher durch das Kalenderjahr mit seinen mannigfaltigen Feiertagen und dem Wechsel der Jahreszeiten.
So manches Mal fordert mich seine Kunst heraus – weniger mit der persönlichen Haltung des Dichters, die zwischen den Zeilen stets sehr deutlich erkennbar bleibt: Da finde ich mich durchaus wieder. Vielmehr reimt er manchmal etwas unorthodox, variiert den Rhythmus und weicht vom erwarteten Reim-Schema ab. Doch mit großer Freude stelle ich mich dieser Herausforderung: Rückt er doch nur allzu gerne auch mit seiner Themenauswahl vom Erwarteten ab.
Jedes, wirklich und wahrhaftig jedes Thema scheint ihm würdig, in Lyrik gebettet zu werden – getreu dem Motto „Wenn es sich reimt, tut es gar nicht mehr so weh!“. Doch es kam durchaus nicht selten vor, dass mir das Lachen beim Lesen einer seiner gereimten Ergüsse spontan im Halse hängen blieb. Mit Thomas Gsella verlasse ich als Leser die gefälligen Pfade und begebe mich auf einen holprigen Untergrund, was es umso aufregender macht, ihn Schritt für Schritt zu erkunden.
Böse, ja, böse sind sie auch, seine Verse, herrlich böse – und so wahr!
AN DIE HETZER & SCHWÄTZER
Ihr Rassisten, die ihr jene tretet,
Die das Elend fliehn und den Tyrann,
Habt die Lüge Tag und Nacht trompetet:
Retter zögen Flüchtlingsboote an.
Wissenschaftler haben nun bestätigt:
Nichts an eurer Lüge traf je zu.
Doch aus dem, der Tag und Nacht unflätigt,
Fallen Fladen wie aus einer Kuh.
Wäre nicht so eklig euer Denken,
So verschimmelt euer Wort und faul,
Würdet ihr den Kopf nun schamrot senken
Und verkünden: „Gut, wir halten’s Maul.“
Thomas Gsella
erschienen bei Kunstmann / ISBN: 978-3956146039
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
APHO·RI·SI·A·KUM…
[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2024/2025 / Stadttheater Bremerhaven
mit der Ouvertüre zu RUSLAN UND LUDMILLA von Michail Glinka sowie Arien, Songs und Musiken von Alan Jay Lerner & Frederick Loewe, Sergei Prokofjew, Wolfgang Amadeus Mozart und Giacomo Puccini
mit Ausschnitten aus DER DIENER ZWEIER HERREN von Carlo Goldoni/ Kay Neumann, TARTÜFF ODER DER GEISTIGE von John von Düffel, WOLF von Saša Stanišić, DIE WELT ZWISCHEN DEN NACHRICHTEN von Judith Kuckart & Ensemble sowie dem Ballett ROMEO UND JULIA von Alfonso Palencia
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus
Musiktheater: Ulrich Burdack, Marcin Hutec, Andrew Irwin, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Agnes Selma Weiland (als Gast), Thomas Paul (als Gast)
Ballett: Melissa Festa, Arturo Lamolda Mir
Schauspiel: Frank Auerbach, Henning Z Bäcker, Anna Caterina Fadda, Leon Häder, Angelika Hofstetter, Kay Krause, Julia Lindhorst-Apfelthaler, Alexander Smirzitz, Marc Vinzing, Marsha B Zimmermann, Aom Flury (als Gast)
JUB: Janek Biedermann, Ulrich Fassnacht, Meike Hoßbach, Coco Plümer
Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Die Tür der Tiefgarage öffnete sich und schlagartig war die Musik vom nahen Weinfest auf dem Theodor-Heuss-Platz zu hören. Auf dem Theatervorplatz standen einsam die Bühne sowie einige Pavillons und wartete auf ihren Einsatz beim morgigen Theaterfest. Aus den Fenstern des Theater erstrahlte warmes Licht und lockte mich ins Innere. Die neue Spielzeit konnte (durfte endlich) beginnen.
Eröffnet wurde die Gala mit der Ouvertüre zu RUSLAN UND LUDMILLA von Michail Glinka, die das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann energiegeladen vortrug und so die Gala voller Schwung eröffnete. Marc Niemann versprach ein Wiederhören mit diesem musikalischen Werk beim NEUJAHRSKONZERT, das zudem mit einer wunderbaren Besonderheit aufwarten wird. Doch auch unter dem Dirigat von Hartmut Brüsch und Davide Perniceni, die den Taktstock bei den Programmpunkten zu den ihnen anvertrauten Produktionen übernahmen, zeigten die Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters ihr Können.
„Never change a winnig team!“: Warum sollte etwas verändert werden, was sich nur allzu gut bewährt hat? Und somit führte abermals Intendant Lars Tietje hauptverantwortlich durch das Programm und bat bei passender Gelegenheit – sozusagen als „Sidekick“ – die jeweilige Sparten-Leitung in den Personen von Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia auf die Bühne.
Im Schauspiel beginnt die Spielzeit mit DER DIENER ZWEIER HERREN, einem Komödien-Klassiker von Carlo Goldoni, der durch Kay Neumann einen Bremerhaven-typischen Touch erhielt. Frank Auerbach, Henning Z Bäcker, Anna Caterina Fadda, Kay Krause, Alexander Smirzitz, Marsha B Zimmermann und Aom Flury zeigten in der dargebotenen Szene, wie viel Esprit in diesem Stück steckt.
Statt einer klassischen Operette gibt es in diesem Jahr ein Musical, das allerdings sehr in der europäischen Musik-Tradition verankert ist und seit der deutschen Erstaufführung zu den beliebtesten Werken seiner Gattung zählt: MY FAIR LADY. Mit sonorem Bass wünschte sich Ulrich Burdack charmant „Bringt mich pünktlich zum Altar“. Andrew Irwin bot bei „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“ mit fein-akzentuierter Stimme und schelmischen Spiel eine der besten Interpretationen dieses Songs, denen ich bisher – sowohl live wie auch auf CD – lauschen durfte. Gäbe es eine bessere Wahl für die Partie der Eliza Doolittle: Bei „Ich hätt’ getanzt heut’ Nacht“ brillierte Victoria Kunze mit ihrem wunderschönen Sopran wieder bis in die höchsten Töne. Flankiert wurden die Sänger*innen durch den bestens disponierten Opernchor, bei dem der neue Chordirektor Edward Mauritius Münch für die Einstudierung verantwortlich zeichnete.
Einer der Höhepunkt der jährlichen Gala ist stets die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. Gerne rätsele ich im Vorfeld mit, wer es werden könnte. In diesem Jahr tat ich es nicht, und so wurde ich von der Entscheidung ebenso überrascht wie die Preisträgerin selbst: Eine sprach- wie fassungslose Julia Lindhorst-Apfelthaler stand – schon mit den Requisiten für die nachfolgende Szene in der Hand – auf der Bühne und wurde für ihre herausragenden darstellerischen Leistungen geehrte. Absolut verdient: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!
Apropos Requisiten: Diese kamen direkt im Anschluss der Preisverleihung zum Einsatz bei einer Szene aus TARTÜFF ODER DER GEISTIGE, eine Wiederaufnahme aus der vergangenen Saison. Gemeinsam mit Marc Vinzing bot Julia Lindhorst-Apfelthaler einen pointierten wie witzigen verbalen Schlagabtausch.
In dieser Saison schenkt uns Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia mit ROMEO UND JULIA wieder ein Handlungsballett. Konnte bis vor wenigen Wochen die wohl bekannteste Liebesgeschichte der Welt noch auf der Sommerbühne als Schauspiel erlebt werden, wird sie nun mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Tanzes erzählt. Melissa Festa und Arturo Lamolda Mir tanzten in der berühmten Balkon-Szene voller Leidenschaft, Ästhetik und Sinnlichkeit zur Musik von Sergei Prokofjew.
Das JUB (Junges Theater Bremerhaven) ist immer für eine Überraschung gut: Diesmal haben sie vom mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis geadelten Kinderbuch WOLF von Saša Stanišić eine eigene Fassung für die Bühne erarbeitet. In der gezeigten Szene mimten Janek Biedermann, Ulrich Fassnacht, Meike Hoßbach und Coco Plümer eine Gruppe Jugendlicher, deren Geduld während einer Waldwanderung zunehmend auf eine harte Probe gestellt wird.
Ich konnte mir ein „Das wird aber auch Zeit!“ nicht verkneifen, als ich erfuhr, dass Marcin Hutek in LE NOZZE DI FIGARO von Wolfgang Amadeus Mozart die Partie des Grafen Almaviva übernehmen wird. Hutek ist schon seit einigen Jahren Mitglied des Musiktheater-Ensembles, doch durfte bisher sein Talent „nur“ (!) in kleineren Rollen zeigen. Ich bin der Meinung, dass da eine große Partie längst überfällig war. Dass er fähig ist, diese mit seinem warmen Bariton zu gestalten, zeigte er mit dem Rezitativ „Hai già vinta la causa!“ und der anschließenden Arie „Vedrò, mentr’io sospiro“. Boshana Milkov überzeugte abermals mit ihrem tragfähigen, schön fließenden Mezzo in der Arie des Cherubino „Non so più“. Und auch bei diesem Medley würzte der Opernchor mit „Giovani liete fiori spargete“ die Szenerie mit seinem Gesang.
Die kommende Spielzeit hält etwas Besonderes bereit: Erstmals gibt es mit DIE WELT ZWISCHEN DEN NACHRICHTEN eine Kooperation des Stadttheaters Bremerhaven mit der bremer shakespeare company, wo das Stück abwechselnd auf dem Spielplan stehen wird. Eine „Night Radio Show“ bildet den Rahmen für Shakespeares Sonette und somit für die Geschichten der Menschen, die beim Moderator anrufen und aus ihrem Leben erzählen. Leon Häder und Angelika Hofstätter machten mit ihrem Auftritt neugierig auf diese ungewöhnliche Inszenierung.
Im Musiktheater wird die Saison mit TURANDOT von Giacomo Puccini eröffnet: In der Partie der Titelfigur machte Agnes Selma Weiland mit hochdramatischen Sopran mit der Arie „In questa reggia“ nachdrücklich auf sich aufmerksam. Mit der Tenor-Arie des Opern-Repertoires „Nessun dorma“ empfahl sich Thomas Paul sehr effektvoll für die Rolle des Calàf. Bei der emotionalen Arie „Diecimile anni al nostro Imperatore“ stand Agnes Selma Weiland der Opernchor an Dramatik in nichts nach.
Mit einem frenetischen Applaus, Standing Ovation, Bravo-Rufe und Begeisterungs-Pfiffe wurden nicht nur die Künstlerinnen und Künstler verabschiedet – vielmehr galt der Dank ebenso den vielen Menschen vor, hinter, neben und über der Bühne. Denn nur in der Gemeinschaft eines Teams ist es möglich, den Theaterzauber immer wieder erneut aufleben zu lassen. 💖
Mit dieser Eröffnungsgala beginnt die SAISON 2024/2025 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit seinem vielfältigen Programm begeistert.
[Rezension] Rainer Moritz – DAS BUCH ZUM BUCH. Ein Blick hinter die Kulissen
Ein Blick hinter die Kulissen???
„Hui!“, dachte ich bei mir. „Wenn er da mal nicht zu viel verspricht?!“ Wer plaudert schon aus dem Nähkästchen, gibt pikante Interna preis und verärgert damit die Branche, die einen großgemacht und weiterhin nährt? Nein, das konnte ich mir bei Rainer Moritz nicht vorstellen. Dann doch eher, dass er mit seinem unvergleichlichen Humor auf so manche Kuriositäten blickt, mit kindlicher Freude so einige Absonderlichkeiten bloßlegt und ironisch-heiter sowohl Praktiken wie Taktiken der Branche hinterfragt.
»Es gibt keinen treueren Freund als ein Buch«, sagte schon Ernest Hemingway. Und wie bei unseren Freunden aus Fleisch und Blut wollen wir natürlich auch die aus Papier immer besser kennenlernen und wissen, welche verschlungenen Wege sie zurückgelegt haben, ehe sie bei uns landen. Was tun Agenturen? Welche Bücher helfen uns, guten Schlaf zu finden? Was macht das Fernsehen mit der Literatur? Warum ist es so schwer, über Sex zu schreiben? Welche Bücher schenken wir uns zu Weihnachten? Was steht im Duden? Sind Eselsohren abzulehnen? Was sind Nackenbeißer? Fragen über Fragen, die dieses Buch beantwortet, kurzweilig, abschweifend und informativ – und dank seiner alphabetischen Gliederung auch noch schnell. Es entführt die Leserinnen und Leser in fast alle Ecken und Winkel des Literaturbetriebs – und profitiert davon, dass der Autor die meisten davon gut kennt.
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
Von A wie Adventure Writing bis Z wie Zwiebelfisch: Einem Lexikon gleich reihen sich die Schlagworte wie Perlen einer Kette dem Alphabet entlang aneinander.
Handlung, Charaktere, Spannungsbogen: Fehlanzeige!
Motto, Widmung, Danksagung: Vergiss es!
Hier gibt es nur: Fakten! Fakten! Fakten!
Diese werden allerdings so wunderbar leicht im Plauderton dargeboten, dass ich mich – mir nichts, dir nichts – durch dieses Lexikon fräste, so manches Mal herzhaft auflachte, doch auch voller Verwunderung mit den Augen blinzelte. Wie eingangs bereits erwähnt, hat auch die Buchbranche ihre eigenen „Special Effects“, wie sie in jeder Branche zu finden sind. Einige Angehörige besagter Branche nehmen diese extrem ernst und hüten sie wie einen heiligen Gral. Andere blicken eher entspannt auf sie, arrangieren sich oder tolerieren sie humorvoll. Rainer Moritz scheint definitiv zur letzteren Gattung zu gehören. Zum Glück für uns…!
Mit spitzbübischer Freude stichelt er mal hier, schalkhaft schwatzt er mal dort über Buchmessen, Duden und Eselsohren, über Fräuleinwunder, Gendern und Kultbücher, über Literaturkritik, Me-too-Bücher und (schreibende) Politiker, über Romananfänge, Schafkrimis und Verlagsvertreter und über dieses und über jenes und über noch vieles mehr. Dies macht er so charmant-humorvoll, da verzeihe ich ihm auch, dass er sich hin und wieder ein wenig verplaudert und Themen anspricht, die ich nicht primär der Literatur-Branche zuordnen würde.
Apropos Humor: Ja, mit dem Humor ist es ja so eine Sache. Nicht immer bzw. nicht von jeder/jedem wird er erkannt und als solcher wahrgenommen. Schon bei LESEPARADIESE. Eine Liebeserklärung an die Buchhandlung wurde ihm sein lakonischer Ton von einigen Rezensent*innen als Arroganz ausgelegt. Es wäre leider durchaus vorstellbaren, dass dies auch bei DAS BUCH ZUM BUCH der Fall sein könnte. Da tut mir weniger Herr Moritz leid (Der steckt es sicherlich mit Humor weg!), als vielmehr diese bemitleidenswerten Puristen, denen mit ihrem eingeschränkten Blickfeld so viel Schönes entgeht.
Doch muss auch eine grundsätzliche Frage gestellt werden dürfen: Brauche ich als literaturinteressierter Mensch diese vielen Informationen? Antwort: Nein, ich brauche sie nicht! Vielmehr fallen sie für mich unter die Rubrik „Wissen, das die Welt nicht braucht!“. Doch unterhaltsam war die Lektüre dieses Büchleins allemal. 🙃
erschienen bei OKTOPUS (bei Kampa) / ISBN: 978-3311300540
APHO·RI·SI·A·KUM…

[Lesung] Rainer Moritz – ITALIEN / „die schatulle“ Osterholz-Scharmbeck
Buchhandlung „die schatulle“ in Osterholz-Scharmbeck
„Komm ein bisschen mit nach Italien“ trällerte Caterina Valente – flankiert von Peter Alexander und Silvio Francesco als Background-Sänger – aus den Boxen.
Die Gartmann-Schwestern hatten sich vom Frankreich-Liebhaber Rainer Moritz einen Italien-Abend gewünscht – passend zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse, auf der Italien der Ehrengast sein wird. Na, und Herr Moritz wäre nicht der ausgewiesene Literaturkenner, wenn er dieser Bitte nicht eloquent nachkommen könnte – auch ohne Frankreich-Bezug.
Italien – nach den Schreckensjahren des 2. Weltkrieges das Sehnsuchtsland der Deutschen: Da wurde im vollgepackten VW-Käfer Nonstop über den Brenner gebrettert, nur um endlich das unbeschwerte Lebensgefühl unter südlicher Sonne erleben zu dürfen, das in der noch jungen Bundesrepublik so schmerzlich vermisst wurde. Zudem kamen aus diesem Sehnsuchtsland auch die ersten Gastarbeiter zu uns und etablierten sich – neben ihrer Kultur – vor allem kulinarisch. Plötzlich gab es auch hierzulande so exotische Speisen wie Pizza Margherita und Spaghetti Bolognese. Apropos Spaghetti: Herr Moritz durfte vor kurzem die Neu-Auflage des Dudens rezensieren (Ja, auch der Duden kommt an einer Rezension nicht vorbei!) und stellte mit Freuden fest, dass Spaghetti nun wieder mit „h“ geschrieben werden darf. Ich hätte gar nicht gewusst, dass sie überhaupt irgendwann einmal ohne „h“ geschrieben wurden.
Doch bevor uns Rainer Moritz seine illustre Auswahl an Literatur zum Thema „Italien“ kredenzte, erlaubte er sich einen Abstecher zu einem seiner eigenen Werke, und erfreute uns mit einer amüsanten Anekdote aus UNBEKANNTE SEITEN. Kuriose Literaturgeschichte(n), in der Hellmuth Karasek zu einer Lesung aufgrund kulinarischer Versuchungen verspätet erschien.
Dann stieg er tief ins Thema ein und präsentierte mit LA STORIA von Elsa Morante eine Wiederentdeckung aus den 70er Jahren. In LA STORIA lernen wir die zurückhaltende Grundschullehrerin Ida kennen, die unter dem Regime von Mussolini verzweifelt versucht zu verheimlichen, dass sie Jüdin ist. Politisches und Privates wird dabei bewegend miteinander verknüpft.
Nicht weniger ans Herz legte uns Rainer Moritz eine weitere Wiederentdeckung – diesmal aus den 80ern: Obwohl Dolores Pratos UNTEN AUF DER PIAZZA IST NIEMAND mit ihrem umfangreichen Text, der erst nach ihrem Tod vollständig veröffentlicht wurde, keine Handlung im herkömmlichen Sinn bietet, fesselt der Roman in seiner Detailgenauigkeit.
Beinah wie aus einer Soap-Opera entsprungen, mutet die Handlung von SPATRIATI des Autors Mario Desiati an: Francesco und Claudia lernen sich auf dem Gymnasium kennen, werden über Irrungen und Wirrungen zu Stiefgeschwister und gehen viel später sogar so eine Art Beziehung ein, die aber stets von der Unterschiedlichkeit der Figuren geprägt ist. Laut Rainer Moritz ist dies ein wunderbarer Roman, der gelungen die Sehnsüchte junger Italiener widerspiegelt.
Deutlich leichtere Kost versprach uns Moritz mit dem kleinen aber feinen Band BLUTORANGEN. Eine Reise zu den Zitrusfrüchten Italiens von Peter Peter (Er heißt tatsächlich so!), in dem der Autor sich der Kulturgeschichte der Blutorangen und Zitronen widmet. Geschichten und Geschichtliches gepaart mit Kulinarischem versprechen einen sinnlichen Lese-Genuss.
Allzu oft sind die Kerle der schreibenden Zunft überproportional vertreten, mokierte Rainer Moritz völlig berechtigt und startete mit dem wunderbar gestalteten Erzählband CIAO ITALIA! Eine weibliche Reiseverführung, der von Constanze Neumann und Petra Müller herausgegeben wurde, zur erfolgreichen Gegenoffensive.
Zum Abschluss seiner Italien-Auswahl hatte Moritz mit CIAO AMORE CIAO. Mit 100 neuen und alten Songs durch Italien noch ein kleines Schmankerl in petto: Der Musikjournalist Eric Pfeil widmete sich zum zweiten Mal den Werken der italienischen Unterhaltungsmusik. Da lässt es sich Rainer Moritz natürlich nicht nehmen, sein Publikum nochmals akustisch zu beglücken, und so röhrte der Leadsänger der Band I Santo California mit erotisch-rauer Stimme sein „Tornerò“ aus den Lautsprechern.
Rainer Moritz überzeugte an diesem Abend abermals als versierter Literaturkenner, der sein Wissen im humorvollen Plauderton „unter das Volk“ streute und stets den Kontakt mit seinem Publikum suchte. Er geizte durchaus nicht mit Selbstironie und verteilte schelmische Seitenhiebe Richtung Literaturbetrieb. Doch dabei blieb stets seine große Liebe zur Literatur spürbar.
Und noch bevor die Gartmann-Schwestern nur ansatzweise auf die Idee kommen könnten, ihn zu bitten, sich im hauseigenen Gästebuch zu verewigen, griff er nochmals zu UNBEKANNTE SEITEN und offerierte uns die Geschichte vom Nobelpreisträger Imre Kertész, der diese schwere Aufgabe seinerzeit nicht nur originell-bravourös löste sondern dabei auch noch einen literarischen Klassiker kreierte.
Weitere Aktivitäten von und mit Rainer Moritz findet ihr auf der Homepage vom LITERATURHAUS HAMBURG. Auf meinem Blog gibt es zudem ein KURZ-PORTRÄT von ihm zu entdecken.
[Kolumne] LESUNGEN: …immer eine Freude?!
„Und an manchen Abenden verwandelt sich dieser Ort, wo alles so zueinanderpasst, in Lesebühnen. Wenige Handgriffe genügen, um Tische zu verschieben, Stuhlreihen aufzubauen und aus einem Laden eine kleine Lesebühne zu machen. Dann treten Autorinnen und Autoren auf, lesen aus ihren Werken, nippen am obligatorischen Wasserglas und kommen mit den Gästen ins Gespräch. Keine Performance, kein Event, nein, die intime Erfahrung vorgetragener Texte und das Kennenlernen derjenigen, die sie geschrieben haben.“
(aus DAS BUCH ZUM BUCH von Rainer Moritz)
Gestern war es wieder soweit: Rainer Moritz war zum x-ten Mal zu Gast in der Buchhandlung meines Vertrauens (Die genaue Zahl seiner Besuche kann ich nicht benennen, aber es waren einige). Für mich als passionierter Vor-Leser kam es wieder einer „Fortbildung“ gleich…
Nicht jede*r gute Autor*in ist auch ein*e guter Vor-Leser*in: Diese Erfahrung musste ich leider bei so einigen Lesungen machen – somit verwundert es kaum, dass viele Hörbücher von Schauspieler*innen eingelesen werden. Im Umkehrschluss kann somit ein eher mittelmäßiger Roman von einem guten Vor-Lesenden auch durchaus aufgewertet werden.
Leider mussten wir auch Lesungen über uns ergehen lassen, wo gefühlt NICHTS stimmte. Ich kann mich noch allzu gut an eine Lesung erinnern, bei der ein extrem gelangweilter und unsympathisch wirkender Autor aus seinem neusten (Mach-)Werk las, dabei wenig Kontakt zu seinem Publikum suchte (anscheinend dies auch nicht wünschte) und in seiner arroganten Selbstüberschätzung demonstrierte, dass DIESE Lesung in DIESER Buchhandlung in DIESEM Kaff absolut unter seinem Niveau sei.
Dies sind die wenigen Momente bei denen ich mir bei einer Lesung eine Pause wünsche, um (wenigstens theoretisch) dezent verschwinden zu können. Natürlich sind wir höflich geblieben – schließlich saßen wir in UNSERER Buchhandlung, die sich in UNSEREM heimatlichen Kaff befand – und haben uns über die Damen-Riege in der ersten Reihe gewundert, die schmachtend dem Autor an den Lippen hingen und jedes gesprochene Wort wie Ambrosia zu inhalieren schienen. Es scheint an dem Gerücht tatsächlich etwas dran zu sein, dass es beim weiblichen Geschlecht einen gewissen Typus gibt, der bei Männern auf A….l…er steht!
Spüre ich, dass ein*e Autor*in mit Herz bei der Sache ist, Spaß an der Lesung hat und zudem seinem Publikum zugewannt ist, dann schaue ich auch gerne über „Mängel“ im Vortrag hinweg und empfinde dies eher als liebenswerte Eigenart einer interessanten Persönlichkeit.
Wenn ein*e gute*r Autor*in aber auch gleichzeitig ein*e gute*r Vor-Leser*in ist, dann wird es himmlisch. Dann wird aus einer „Fortbildung“ das pure Vergnügen, und ich lausche völlig verzückt meinen VOR-Bildern der VOR-lesenden Zunft, wie z. Bsp. Karsten Dusse, Elke Heidenreich, Finn-Ole Heinrich, Melanie Raabe, Rafik Schami oder…
…Rainer Moritz, die mit einem sympathischen Auftreten, seiner erfrischenden, humorvollen Art und einer positiven Ausstrahlung uns wieder einen unterhaltsamen Abend schenkte – auch dank UNSERER Buchhandlung in UNSEREM Kaff.
Vielen, herzlichen Dank!
„Bücher kauft man am Scharmbecker Bach, nicht am Amazonas.“ – BUY LOCAL








