[Operette] Emmerich Kálmán – DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Emmerich Kálmán / Libretto vom Leo Stein und Béla Jenbach // in deutscher Sprache

Premiere: 8. November 2025 / besuchte Vorstellungen:  08.11.2025, 21.12.2025 & 12.04.2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Hartmut Brüsch / Edward Mauritius Münch (12.04.)
INSZENIERUNG Sebastian Kranner
BÜHNE & KOSTÜME Anna Kreinecker
CHOREOGRAFIE Katharina Glas
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ KOSTÜME & BÜHNE Elisabeth Pscheidl
DANCE CAPTAIN Melissa Panetta, Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Regina Wittmar
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Hach! Es ist manchmal so wohltuend, sich dem Schmalz hinzugeben und in eine Phantasie-Welt abzutauchen, wo die Probleme überschaubar sind und sich die Liebenden nach einigen unterhaltsamen Irrungen und Wirrungen schlussendlich in die Arme fallen. Happy End! Welches Genre wäre da besser geeignet als die gute alte, oftmals schon todgesagte Operette. Doch wie heißt es so schön:

„Todgesagte leben länger!“.

Insbesondere am Stadttheater Bremerhaven wird eine jahrzehntelange Operetten-Tradition gepflegt. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da gab es sowohl ein Opern- wie auch Operetten-Ensemble. Letzteres bediente pro Saison neben mind. zwei Operetten auch noch das Musical. Ob die Qualität der Inszenierungen mit der Quantität der Aufführungen mithalten konnte, wage ich nicht mehr zu beurteilen (In meinem hohen Alter sieht man einiges auch schon sehr verklärt. 😁). Heutzutage widmen sich am Stadttheater Bremerhaven dieselben Sänger*innen der so genannten leichten Muse, die sonst auch in der Oper brillieren, und garantieren so Gesangskunst auf hohem Niveau.

In dieser Saison stand nach langer Zeit wieder einmal ein Werk von einem der Begründer der Silbernen Operettenära auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Denn wenn ich mich richtig erinnere, dann „verirrte“ sich zuletzt in der Spielzeit 2018/2019 mit DIE HERZOGIN VON CHICAGO ein Werk von Emmerich Kálmán auf die große Bühne meines Stammtheaters.

Sylva Varescu ist der Star der Budapester Varietészene. Der adlige Edwin Lippert-Weylersheim ist unsterblich in sie verliebt. Seine Freunde Boni und Feri raten ihm, die Finger von ihr zu lassen und das leichte Leben zu genießen. Edwins Eltern, Anhilte und Leopold Maria, sind gegen Edwins Verbindung. Sie schicken den Vetter Eugen von Rohnsdorff, um Edwin zum Militärdienst zu rufen und an seine Verlobung mit Cousine Anastasia Eggenberg, genannt Stasi, zu erinnern. Edwin verspricht, seinen Dienst anzutreten, macht Sylva aber zuvor einen Heiratsantrag – den sie annimmt. Als sie erfährt, dass Edwin bereits verlobt ist, beschließt sie, nach Amerika zu gehen. Edwin hat sich damit abgefunden, Stasi heiraten zu müssen. Seine Eltern bleiben aber skeptisch. Boni und Sylva – mittlerweile zurück aus Amerika – tauchen als vermeintliches Grafen-Ehepaar auf. Sie wollen Edwins Eifersucht wecken. Es funktioniert. Edwin bittet Sylva erneut, ihn zu heiraten. Sie sagt wieder Ja. Gleichzeitig gesteht Boni Stasi seine Liebe. Edwin will, dass Sylva ihren erfundenen Titel als Gräfin behält, um die Zustimmung seiner Eltern zu gewinnen. Sylva lehnt ab und verlässt Edwin. Boni versucht, Sylva wieder mit Edwin zu versöhnen. Erfolglos. Stattdessen ermuntert Feri Sylva, auf die Bühne zurückzukehren. Als Feri Edwins Vater begegnet, erzählt er von seiner eigenen Liebe zu einer Chansonette, die später adlig geheiratet hat. Leopold Maria erkennt, dass diese Frau seine eigene Ehefrau ist. Er gibt seinen Widerstand auf – und der Liebe von Edwin und Sylva steht nichts mehr im Weg.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Es passiert viel, es muss auch viel passieren, und Regisseur Sebastian Kranner tat auch gut daran, viel passieren zu lassen. So gestaltete er die Übergänge zwischen Sprechtext, Gesang und Tanz sehr fließend, setzte dafür gekonnt die Drehbühne ein und erfreute mit originellen Ideen: Da schaute via Gemälde hoch oben über der Bühne Kaiser Franz Joseph mahnend auf die Gesellschaft herab und drohte bei allzu vielen Verfehlungen auch schon mal mit Absturz. Oder das fürstliche Paar LEOPOLD MARIA und ANHILTE kehrte pompös vom Ausritt heim, der sich als Hobby Horsing entpuppte. Doch auch ernste Töne lässt der Regisseur zu: Da klingt der gesellschaftlichen Wandel der damaligen Zeit ebenso an wie der Umgang mit der Prostitution. Dies machte er durchaus sehr deutlich aber ohne den moralinsauren erhobenen Zeigefinger.

Allerdings sorgten einige Szenen bei mir auch für Irritation, da ich nicht ergründen konnte, durch welche der beiden Brillen (Ironie oder Ernsthaftigkeit) der Regisseur sie betrachtet hatte. Diese Szenen wirkten irgendwie so „dazwischen“. Dabei gab es sie durchaus, die herrlich komischen Szenen voller Ironie und Witz, die purer Spaß waren, ebenso wie Momente der Ernsthaftigkeit, die den Mantel der Operetten-Seligkeit abwarfen und dafür umso mehr berührten.

Bedauerlicherweise hatte ich auch den Eindruck, dass Kranner nicht ausreichend mit den Solist*innen an den Dialogen gearbeitet hat. Bei der Operette wird auch sehr viel gesprochen, da über die Dialoge Informationen transportiert und so wichtige Einzelheiten zur Handlung bzw. zu den Figuren dem Publikum offenbart werden. Hier litt am Premierenabend leider manchmal die Textverständlichkeit (unabhängig vom individuellen sprachlichen Hintergrund): Betonungen wurden ungewöhnlich gesetzt, Gesprochenes hatte keinen natürlichen Fluss und wirkte dadurch hölzern. Da wünschte ich mir einen Otto Schenk herbei: Der legendäre österreichische Schauspieler und Regisseur, der vornehmlich Opern aber auch Operetten inszenierte, war bekannt für seine exzellente Dialog-Regie. Oder zumindest hätten mir zum besseren Verständnis deutsche Übertitel sicherlich geholfen. So hoffe ich sehr, dass die Sänger*innen sich im Laufe der weiteren Vorstellungen freispielen, und sie die Worte selbstverständlicher über die Lippen bringen.

Denn gesungen wurde – wie eingangs bereits erwähnt – auf hohem Niveau: Meredith Hoffmann-Thomson gab die Titelfigur SYLVA VARESCU mit großer Stimme und geschmackvoller Erotik und machte auch tänzerisch – insbesondere bei den Revue-Szenen – eine gute Figur. Stimmlich ihr ebenbürtig und von attraktiver Gestalt war Alexander Geller. Allerdings zeigte sein EDWIN RONALD sehr wenig Rückgrat bzw. hatte „keine Eier in der Hose“ (Von der Regie so gewollt?). Da hätte ich der CSÁRDÁSFÜRSTIN einen schneidigeren Galan gewünscht.

Einen Mangel an Schneid konnte man GRAF BONI KÁNCSIÁNU von Andrew Irwin nicht vorwerfen: Da wurde mit Elan vorangeprescht, um aus vollen Zügen das Leben und (vor allem) die Liebe zu genießen. Wie gut, dass Irwins BONI mit der lebenslustigen KOMTESSE STASI von Victoria Kunze eine kongeniale Partnerin zur Seite gestellt wurde. Kunze brillierte abermals mit ihrem wunderbaren Timing für Komik und der Fähigkeit, auch den irrwitzigsten Dialogen Leben einzuhauchen.

Timothy Edlin als väterlicher Freund FERI VON KEREKES ruhte gänzlich in sich selbst, war der ausgleichende Pol gegenüber seinen jugendlichen Freunden und schaffte es, einen wohldosierten Hauch von Melancholie und Vergänglichkeit zu versprühen. James Bobby als LEOPOLD MARIA und Iris Wemme-Baranowski als dessen Gattin ANHILTE sorgten für reichlich Amüsement als herrlich exaltiertes „Sissi & Franzl-Look alike“. Róbert Tóth gab einen (nach Außen) polternden, doch (innerlich) gutmütigen EUGEN VON ROHNSDORFF, und Ines Mayhew-Begg, Yvonne Blunk und Elena Zehnoff gefielen als handfeste MÄDIS.

Doch für mich waren die heimlichen Stars der Inszenierung der prachtvoll singende wie ebenso agierende Opernchor sowie die großartigen Tänzer*innen vom Ballett-Ensemble, die die spritzige Choreografie von Katharina Glas schwungvoll über die Rampe brachten. Wenn sie auftraten, passierte in jeder Ecke der Bühne immer so viel, dass ich meinen Blick so manches Mal förmlich von ihnen losreißen musste, um mich wieder auf die Hauptpartien konzentrieren zu können.

Ausstatterin Anna Kreinecker schuf stimmige Kostüme, die die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten klar voneinander trennten. Die Kostüme in den Revue-Szenen strahlten extravagant im Stil der legendären 20er Jahre, während der Adel allzu üppig und immer etwas „Over the Top“ gewandet war. Zudem stellte sie ein wandlungsfähiges Bühnenbild auf die Drehbühne, das nach vorne glitzerte und prunkte, nach hinten eher nüchtern bzw. heruntergewirtschaftet wirkte und so symbolisierte, dass alles „mehr Schein als Sein“ ist.

„Last“ doch definitiv „not least“: Operetten-Spezialist Hartmut Brüsch kitzelte aus dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven wieder so herrlich süffig schmelzend die Kálmán’schen Melodien hervor, die längst schon zu Evergreens geworden sind. Dabei pendelten die Musiker*innen gekonnt zwischen folkloristischen Pusta-Klängen, sehnsuchtsvollen Duetten und schmissigen Tanz-Nummern.

Auf meiner „Tanz-Karte“ stehen mindestens noch zwei weitere Vorstellungen von DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN: Endlich ein Naschwerk, das nach Verzehr nicht sofort eins zu eins auf meiner Hüfte landet!


Nachtrag zum 12. April 2026: Da saßen „meine“ Ute und ich am vergangenen Sonntag wieder im Stadttheater Bremerhaven und sahen uns die Operette DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN an. Ute lebt in einer Wohngemeinschaft der Lebenshilfe, und ich begleite sie seit über 10 Jahren bei Kultur- und Freizeitaktivitäten – anfangs dienstlich, nun ehrenamtlich.

Wir werden alle nicht jünger, so manches Zipperlein kommt. Da macht auch Ute keine Ausnahme, die seit einiger Zeit einen Rollator nutzt. Ein „normal“-mobiler Mensch macht sich manchmal keine Gedanken, welche Hürden ein Menschen mit Handicap überwinden muss. Das direkte Parken in der Tiefgarage war mangels Lift nicht möglich. Somit habe ich Ute vor dem Theater abgesetzt, bevor ich den Wagen parkte. Behindertenparkplätze sind vorm Haus vorhanden: Allerdings besitzt Ute keine entsprechende Parkerlaubnis, da sie dafür noch zu mobil ist. Über eine Rampe gelangte Ute ins Foyer des Theaters. Angebote im kleinen Haus sowie Aktionen im oberen Foyer des großen Hauses bleiben Ute mangels Aufzüge verwehrt. Die Behindertentoilette befindet sich innerhalb der Damentoilette: Ute schlängelte sich mit ihrem Rollator vorbei an den wartenden Besucherinnen.

Meine Worte möchte ich nicht als Kritik am Stadttheater Bremerhaven verstanden wissen: Es handelt sich um ein altes Gebäude, wo mit architektonischen Vorgaben umgegangen werden muss und der Denkmalschutz sicherlich zusätzliche Grenzen setzt. Das Team versucht sein Möglichstes: Die Damen der Theaterkasse sorgen immer dafür, dass Ute einen tollen Platz erhält, von dem sie der Aufführung bestmöglich folgen kann, und das Serviceteam im Foyer ist immer sehr hilfsbereit.

Vielmehr war für mich dieser Theaterbesuch mit Ute wieder eine lehrreiche Möglichkeit, mein gewohntes Umfeld aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. So vieles ist für mich selbstverständlich: Ich parke mein Auto in der Tiefgarage, schlendere über die Treppen ins Theater und nutze jedwedes Angebot, unabhängig in welchem Stockwerk es stattfindet.

Für Ute ist vieles in ihrem Leben nicht selbstverständlich. Doch beklagt sie ihre Situation? Nein! Sie genießt den Augenblick und erfreut sich an einer bunten und schwungvollen Vorstellung. 💜


Operetten-Seligkeit bis ins Neue Jahr: Dies verspricht DIE CSÁDÁSFÜRSTIN am Stadttheater Bremerhaven allen Fans beschwingter Unterhaltung. 

[Rezension] Molly Thynne – EINGESCHNEIT MIT EINEM MÖRDER

Auch ihre Werke werden zum goldenen Zeitalter der Kriminalliteratur gezählt: Zwar erschien bereits 1914 der erste Roman von Molly Thynne (aka Mary Harriet Thynne, 1881–1950), doch erst Ende der 20er Jahre wandte sie sich gänzlich der Kriminalliteratur zu. Zwischen den Jahren 1928 und 1933 veröffentlichte sie höchst erfolgreich sechs Krimis, in denen sie die Handlung in außergewöhnlichen Settings spielen ließ, die ihre weitaus populärere Kollegin und Zeitgenossin Agatha Christie später ebenfalls verwenden sollte. So kann das Umfeld von EINGESCHNEIT MIT EINEM MÖRDER (1931) durchaus mit dem von Christies DIE MAUSEFALLE (1952) verglichen werden.

Der junge Bestsellerautor Angus Stuart ist auf dem Weg an die südenglische Küste, wo er seinen wohlverdienten Weihnachtsurlaub verbringen möchte. Doch ein Wintereinbruch macht die Straßen unpassierbar, und Angus quartiert sich notgedrungen in einem Dorfgasthaus ein. Bald hat sich ein illustres Grüppchen gestrandeter Reisender dort versammelt – und es schneit immer weiter. Zunächst ist die Bereitschaft groß, das Beste aus der Situation zu machen, die Reisenden freunden sich ungeachtet aller gesellschaftlichen Unterschiede miteinander an. Aber dann werden kostbare Juwelen gestohlen – und der aufdringliche, trinkfreudige Major Carew liegt ermordet in seinem Zimmer. Angesichts dieses Doppelverbrechens ist der einzige Polizist des eingeschneiten Dorfes überfordert, und unter den Gästen wächst die Angst vor dem nächsten Mord. Also nehmen der prominente Schachexperte Dr. Constantine und Angus mit einem weiteren Gast die Ermittlungen selbst in die Hand. Eine ebenso spannende wie aberwitzige Verbrecherjagd beginnt.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„…goldenes Zeitalter der Kriminalliteratur“ und „…die Krimi-Entdeckung des Jahres!“: Um ihre neusten Ausgrabungen aus dem scheinbar unerschöpflichen Archiv der Krimi-Klassiker aus Great Britain an die Leserschaft zu bekommen, geizen die Verlage nicht mit blumigen Ausschmückungen auf Cover und Homepage. Auch Vergleiche mit der „Queen of Crime“ werden gerne bemüht – wie unlängst bei DAS RÄTSEL VON BADGER’S DRIFT. Doch Papier ist bekanntlich äußerst geduldig, und so werden viele Versprechungen gedruckt, die später dem Realitäts-Check nicht immer standhalten. Doch diese oder ähnliche Befürchtungen waren bei EINGESCHNEIT MIT EINEM MÖRDER völlig unbegründet. Vorab: Ich wurde blendend unterhalten!

Molly Thynne lieferte einen flott lesbaren, gut konstruierten Krimi, der selbst bei längeren Dialogen oder ausführlichen Beschreibungen keine Langeweile aufkommen lässt. Gerade die farbige Auswahl an handelnden Personen macht diesen Krimi so abwechslungsreich. Allein die Zusammenstellung unseres heldenhaften Teams mit dem jungen Bestsellerautor Angus Stuart, dem reiferen Schachexperten Dr. Constantine und dem bodenständigen Handelsreisenden Mr. Soames (der „weitere Gast“, der in der Inhaltsangabe des Verlages unberechtigter Weise namenlos bleibt) ist sehr reizvoll. Jedes dieser Teammitglieder wurde mit sehr eigenen Charaktereigenschaften ausgestattet und steuert so seine persönliche Sichtweise sowie individuelle Fähigkeiten zum Gelingen der Mission bei.

Doch auch wenn die Autorin die anderen Figuren nicht immer frei von Klischees porträtierte, so macht es doch Spaß, sie dabei zu „beobachten“, wie sie in dieser Geschichte agieren bzw. aufeinander reagieren. Hier treffen Personen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten aufeinander, die sich aufgrund der Extremsituation, in der sie sich unfreiwillig befinden, nicht hinter Konventionen und Titeln verstecken können. Da sind Konflikte, Animositäten sowie gegenseitige Vorwürfe und Verdächtigungen unvermeidlich und gleichzeitig das Salz in dieser pikanten (Krimi-)Suppe.

Wie es sich für einen reellen „Whodunit“ gehört, gibt es auch hier eine üppige Anzahl an Verdächtigen und ausreichend Verwechslungen im Ambiente eines Landgasthofes (passenderweise mit dem Namen „Die Arche Noah“), dessen Flure sehr weitläufig sind und vielfältige Möglichkeiten bieten, unerkannt aufzutauchen und ebenso unerkannt wieder zu verschwinden. So gestaltet sich die Jagd nach dem/den Verbrecher*n zu einem turbulenten wie auch langwierigen Katz- und Maus-Spiel, das erfreulich wenig Tempo aus der Handlung nimmt.

So schenkte mir dieser Krimiklassiker aus der Feder einer mir bis dahin unbekannten Autorin mit seinem nostalgischen Charme eine Fülle an vergnüglichen Lese-Stunden.


erschienen bei Alibi (Dörlemann) / ISBN: 978-3038201793 / in der Übersetzung von Holger Hanowell
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Ballett] Alfonso Palencia – DER NUSSKNACKER / Stadttheater Bremerhaven

Ballett von Alfonso Palencia / nach der Erzählung „Nussknacker und Mausekönig“ von E.T.A. Hoffmann / mit Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky

Premiere: 11. Oktober 2025 / besuchte Vorstellung: 2. November 2025
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


CHOREOGRAFIE & INSZENIERUNG Alfonso Palencia
MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni
BÜHNE & VIDEO Yoko Seyama
KOSTÜME Rosa Ana Chanzá
LICHT Frauke Richter

CHOREOGRAFISCHE ASSISTENZ Bobby M. Briscoe 
DRAMATURGIE Alfonso Palencia, Torben Selk 
KINDERCHOR Edward Mauritius Münch
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz 
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
THEATERPÄDAGOGIK Schirin Badafaras


Ich saß im Zuschauersaal, blickte zur Bühne und bemerkte kaum, wie ich mich mehr und mehr verlor und die Menschen um mich herum vergaß. Meine Brust wurde weit, als ich all die Schönheit aus Musik und Tanz in mich aufsaugte und mich in eine Welt voller Grazie und Ästhetik fallen ließ. Wie beschreibe ich eine Kunstform, ohne immer wieder und wieder dieselben abgenutzten Adjektive zu bemühen? Wie beschreibe ich etwas, was unbeschreiblich war?

Auch nach all den Jahr(zehnt)en, die ich nun schon die Bühnen dieses Landes mit meiner Anwesenheit „beglücke“, empfinde ich einen Abend im Theater, wenn der Saal sich verdunkelt und der Vorhang sich hebt, nach wie vor als ein wunderbares Geschenk, das mir – völlig unverdient – gemacht wird. Okay, ich habe vorab für ein paar Euronen eine Eintrittskarte erworben, aber das ist nur ein geringes Salaire, im Vergleich zur mannigfaltigen Freude, die ich im Gegenzug erhalte.

Ich saß im Zuschauersaal – Nein! – ich darf in einem Zuschauersaal sitzen. Dies ist für mich wahrlich keine Selbstverständlichkeit sondern vielmehr ein unschätzbarer Luxus. Es ist ein Luxus, dass wir hier in diesem Land eine so freie und somit vielfältige Kulturszene haben, die ihre Impulse durch Menschen aus unterschiedlichen Nationen erhält. Mit Inspiration, Talent und Kraft arbeiten Menschen aus unterschiedlichen Nationen vor, auf, über, unter, neben und hinter der Bühne bereits Tage zuvor, um mir dann einen unvergesslichen, einzigartigen Theaterabend zu schenken. Diesen Luxus müssen wir uns bewahren!

Schönheit, Grazie und Ästhetik: Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia hätte zu dieser Zeit kein besseres Ballett auswählen können. Einerseits ist die Handlung von Tschaikowskys Märchenballett DER NUSSKNACKER prädestiniert für die nahende Adventszeit, andererseits lechzen wir Menschen in diesen verrückten wie auch beängstigenden Zeiten nach Sicherheit, Harmonie und Geborgenheit.

Am Heiligabend versammelt sich Familie Silberhaus mit Claras Freunden, um gemeinsam zu feiern. Drosselmeier, Claras Patenonkel, Zauberer und ein begabter Spielzeugmacher, hat Geschenke für die ganze Familie mitgebracht. Claras Bruder Fritz bekommt ein Schiff und Clara einen Nussknacker. Sie schließt ihn sofort ins Herz. Alle sind schlafen gegangen. Doch Clara kehrt ins Wohnzimmer zurück, um nach dem Nussknacker zu sehen. Sie nimmt ihn in den Arm und schläft ein. Ein Traum beginnt. Claras Familie und Freunde verwandeln sich in Soldaten – und in schräge Hasen. Sie beginnen, gegeneinander zu kämpfen. Der Nussknacker erscheint, um die Soldaten gegen die Truppe des Hasenkönigs anzuführen. Der Nussknacker gerät in Bedrängnis. Doch zum Glück schaltet Clara schnell. Der Nussknacker verwandelt sich in einen Prinzen. Er führt Clara durch die mondhelle Nacht in einen Wunderwald. Schneeflocken tanzen um sie. So beginnt ihre Reise in ein neues, fantastisches Land. Clara, der Prinz und Drosselmeier reisen in das Land der Süßigkeiten. Die Zuckerfee begrüßt sie und inszeniert ein Fest der Süßigkeiten aus aller Welt. Clara wacht in ihrem Sessel auf. Doch sie hat noch ihren Nussknacker. War das alles nur ein Traum?

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


Diese Diashow benötigt JavaScript.


HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.

Bereits bei der KOSTPROBE durfte ich einen vorfreudigen Blick auf die Inszenierung werfen, doch erst die überzeugende Symbiose aus Tanz, Musik, Kostüme, Bühnenbild, Licht und Projektionen beschwor die von mir mit Spannung erwartete Theatermagie herauf.

So tat Palencia gut daran, seine Choreografie nur behutsam zu modernisieren, indem er Modern Dance mit klassischem Ballett kombinierte. Dies ermöglichte ihm – je nach Anforderung an die Szene – die Tänzer*innen athletisch-akrobatisch agieren zu lassen, um dann voller Zartheit den Spitzentanz zu zelebrieren. Im Vergleich zu einer Choreografie zu einem eher abstrakten Thema, wo die Botschaft über die bewegenden Körper transportiert wird, durften hier bei diesem Handlungs-Ballett die Tänzer*innen in eine Vielzahl an Rollen schlüpfen und so auch ihr schauspielerisches Talent zeigen.

Alfonso Palencia konnte sich den Spaß nicht verkneifen, kleine Änderungen an der Handlung vorzunehmen, um so einen Bezug zu Bremerhaven herzustellen. So schenkt Onkel Drosselmeier Fritz kein Spielzeuggewehr, stattdessen erhält er das Model eines Wikingerschiffes, das in der Traumsequenz dann zu einer stattlichen Größe heranwächst, um Clara, dem Prinz und Onkel Drosselmeier als Reisegefährt zu dienen. Auch gibt es keinen Mausekönig: Stattdessen fordert ein Hasenkönig mit seiner Meute an gruseligen Hasen den Nussknacker-König und seine Armee zum Kampf heraus. Hier erinnert Palencia humorvoll an die vielen Langohren, die sich gerne auf dem Deich der Seestadt blicken lassen. Alle diese drolligen Änderungen fügen sich bestens in die Handlung ein. Da verzeihe ich Palencia auch die (entbehrlichen) modernen Tabletts, die im ersten Akt bei den Geschenken unter dem Weihnachtsbaum lagen.

Rosa Ana Chanzá schaffte mit ihren Kostümen wunderbar den Spagat zwischen Modernität und Verspieltheit, zwischen Eleganz und Charakteristik. Yoko Seyama schuf mit ihrem Bühnenbild einen perfekten Rahmen für dieses entzückende Märchenballett. Im Heim der Familie Silberhaus findet sie die gekonnte Balance zwischen „stilisiert“ (Weihnachtsbaum) und „real“ (Kamin). Bei der Traumsequenz sind ihre prächtigen Videoprojektionen sowohl stimmungs- wie auch phantasievoll. Alfonso Palancia wünschte sich eine Ästhetik à la Tim Burton: Diese ist Yoko Seyama aufs Beste gelungen.

Während bei größeren Ballettcompagnien die jeweiligen Partien mit einzelnen Tänzer*innen besetzt werden, schlüpfte hier das gesamte Ensemble in mehrere Rollen. Jede*r erhielt so die Gelegenheit, sich vielseitig zu präsentieren und im Mittelpunkt zu stehen. Insbesondere im 2. Akt nutzten die Tänzer*innen die Charaktertänze, um sich zu profilieren. Melissa Panetta gab eine entzückende ZUCKERFEE. Ming-Hung Weng brühte als CHINESISCHER TEE stets ein gutes Blatt auf. Adrián Sánchez gefiel sowohl als aufgeweckter FRITZ wie auch als kongeniale Partner für Ana Wohlfart Albarran: Als RUSSISCHES BONBON zeigten sie eine eindrucksvolle Performance. Rosana Gutiérrez Ramírez und Javier Zotano Bermúdez überzeugten als ARABISCHER KAFFEE „mit vollem Aroma“. Melissa Festa und Kuang-Yung Chao brillierten rassig als SPANISCHE SCHOKOLADE, wobei Kuang-Yung Chao bereits als geheimnisvoller ONKEL DROSSELMEIER nachhaltig auf sich aufmerksam machen konnte. Rino Watabe, Julia Acedo Nicolás und Sojeong Park ergänzten das Ensemble bestens u.a. als CLARAS FREUNDINNEN und SCHNEEFLOCKEN.

Kiko Noguchi als CLARA und Marco Marongiu als NUSSKNACKER/PRINZ war ein Leading-Paar, das keine Wünsche offenließ. Kiko Noguchi bezauberte durch Anmut und Grazie und meisterte die anspruchsvolle Partie bravourös. Marco Marongiu an ihrer Seite gab einen kraftvollen Prinzen und erstaunte mit seinen athletischen Sprüngen. Gemeinsam gestalteten sie das bekannte „Pas de deux“ im 2. Akt mit all den schwindelerregenden (zumindest für mich) Hebungen, Arabesquen und Pirouetten grandios und setzten hierbei – innerhalb einer ganz und gar wunderbaren Ensemble-Leistung voller Höhepunkte – einen strahlenden Stern auf die Spitze dieser Inszenierung.

Kurz vor Ende des ersten Aktes öffneten sich die Seitentüren zum Foyer, und die Kinder vom Kinderchor des Stadttheaters reihten sich links und rechts seitlich von der Bühne auf, um den Schneeflocken-Walzer stimmschön zu untermalten und (auch dank der versierten Einstudierung durch Edward Mauritius Münch und Katharina Diegritz) zusätzlich ein funkelndes Highlight zu setzten.

Davide Perniceni kitzelte mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven wohldosiert den Schmelz aus den Kompositionen, ohne in allzu viel Kitsch zu verfallen. So erklangen die Instrumente fein differenziert, und Tschaikowskys schwelgerischen Melodien kamen mit einer erfrischenden Leichtigkeit zu Gehör.

Ich saß im Zuschauersaal – Nein! – ich durfte in einem Zuschauersaal sitzen und mich von der Kunst überwältigen lassen. Während der Vorstellung lief mir immer mal wieder eine Träne über die Wange, nicht weil ich etwa traurig war – im Gegenteil – ich war so glücklich!


Von der Probe…

…zur fertigen Inszenierung:


Die Vorstellungen von DER NUSSKNACKER am Stadttheater Bremerhaven sind restlos ausverkauft. Doch manchmal kommen zurückgegebene Eintrittskarten wieder in den freien Verkauf. Dann heißt es „Zugreifen!“.

[Rezension] NOCH 24 MAL SCHLAFEN. Ein literarischer Adventskalender/ ausgewählt von Ron Mieczkowski

Manchmal ist es recht interessant, die eigene verschriftlichte Meinung aus der Vergangenheit nochmals zu lesen. Da stolperte ich schon so manches Mal über Aussagen, die ich getätigt hatte, die ich heute so nicht mehr – oder zumindest nur in einer abgemilderten Form – äußern würde. Da schmetterte ich doch vor sieben Jahren folgende Worte voller Überzeugung heraus…

„Literarische Adventskalender brauche ich ungefähr so nötig wie eine verschleppte Bronchitis! – Nein, das wäre jetzt übertrieben und klingt, als würden mich „Literarische Adventskalendern“ in irgendeiner Art und Weise emotional berühren. Sie tun es nicht! Sie sind mir schlicht und ergreifend egal! Denn: Warum sollte ich Häppchen konsumieren, wenn ich den ganzen Happen haben kann. Will sagen: Warum sollte ich mir ein Büchlein mit 24 Zitaten Hermann Hesses zulegen, wenn ich für das gleiche Geld einen wunderbaren Gedichtband erwerben kann?“

Treuen Leser*innen meines Blogs wird es nicht entgangen sein, dass ich in den vergangenen Jahren – vornehmlich gerne bei der Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST – auf Anthologien zurückgegriffen habe, die Geschichten mehrerer Autor*innen enthielten. Zwar stand nicht explizit „literarischer Adventskalender“ auf dem Cover, doch das Prinzip war schon sehr ähnlich. Somit senke ich demutsvoll mein Haupt und leiste Abbitte.

In diesem Jahr reiht sich beim Diogenes-Verlag in der langen, erfolgreichen wie kurzweiligen Reihe der Weihnachtsbücher mit NOCH 24 MAL SCHLAFEN ein echter literarischer Adventskalender ein, der sich deutlich von den ironisch-heiteren LAMETTA-Büchern abhebt. Wobei ausgerechnet die ersten drei Geschichten mich bedauerlicherweise nicht packen konnten und beinah meine Vorurteile in Bezug auf literarische Adventskalender noch befeuerten. Dabei maße ich mir nicht an, die literarische Qualität dieser Geschichten anzuzweifeln: Sie trafen schlicht und ergreifend nicht meinen Geschmack.

Aber so ist es nun einmal: Licht und Schatten liegen bei Anthologien oft dicht beieinander. Und vielleicht braucht es auch den Schatten, damit ich als Leser das Licht mehr würdigen kann. Denn bereits die vierte Geschichte WAS DER TEEKESSEL SUMMT von Else Ury katapultierte mich in „die gute alte Zeit“, wo Traditionen gepflegt wurden. Es folgte mit Evelyn Waughs MISS BELLA GIBT EINE GESELLSCHAFT eine bittersüße Erzählung um eine einsame Dame, die ein pompöses Weihnachtsfest plant. Anton Čechov lässt über die Weihnachtstage zwei KNABEN einen absonderlichen Plan schmieden, und Patricia Highsmith erzählt in ZUM VERSAGER GEBOREN die anrührende Geschichte eines stillen Helden. In DAS TRIPTYCHON VON DEN HEILIGEN DREI KÖNIGEN von Felix Timmermans erleben drei absonderliche Kauze an Heiligabend höchst Ungewöhnliches.

Beim Drehbuch zu Loriots Sketch VERTRETERBESUCH brach ich in schallendes Gelächter aus, da ich natürlich beim Lesen die Bilder vor Augen hatte. Doch bereits bei DAS CHRISTKIND von Rainer Maria Rilke liefen mir Tränen der Ergriffenheit über die Wangen, da das Schicksal dieses kleinen Menschenkindes mich so sehr rührte. Kristof Magnusson berichtet in EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE sehr einfühlsam doch ganz unprädiziös von den letzten Tagen im Leben seiner Mutter, und Hans Fallada beschenkt uns in DAS VERSUNKENE FESTGESCHENK mit einer ganz wunderbar warmherzigen Novelle. Und auch Hans Christian Andersen lässt DAS KLEINE MÄDCHEN MIT DEN SCHWEFELHÖLZCHEN von einer schöneren Welt voller Wärme und Licht träumen.

Herausgeber Ron Mieczkowski hat in diesem Büchlein eher die stillen, melancholischen Geschichten versammelt, die zum Innehalten und Nachdenken anregen. Dabei wird die Heiterkeit durchaus auch bedient, allerdings feiner, subtiler und weniger plakativ lärmend. So schlich sich so manche Erzählung eher langsam in mein Herz, um mich dann so sehr zu begeistern, dass ich spontan begann, laut vorzulesen. Dies ist immer ein gutes Zeichen und bedeutet, dass mich das Gelesene vollumfänglich gepackt hat.

Auch in diesem Jahr hat der Diogenes-Verlag mit NOCH 24 MAL SCHLAFEN wieder eine bunte Pralinenschachtel mit literarischen Köstlichkeiten für Nachkatzen zusammengestellt, die eher die Geschmacksrichtung „zartherb“ bevorzugen.


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257248197
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

LEKTÜRE zum FEST 2025…

Da ist sie wieder: meine liebste Zeit im Jahr! Auch nach all den Jahren, die ich nun schon auf dem Buckel habe, ist meine Freude an der Advents- und Weihnachtszeit nicht geschwunden, und ich habe mir immer noch ein kindliches Staunen bewahrt. Auch wenn ich Ende August aufstöhne, wenn ich mit T-Shirt und Shorts bekleidet vor den ersten Lebkuchen und Spekulatius im Supermarkt stehe, halblaut vor mir her schimpfe und Sätze wie „Das wird auch von Jahr zu Jahr früher!“ verlauten lasse. So verspüre ich doch innerlich ein verführerisches Kribbeln, das andeutet „Bald ist es soweit!“

Bald ist es soweit, und dann werde ich eine Vielzahl an Kartons aus dem Abstellraum kramen, sie öffnen, ihren Inhalt befreien, um ihn mit einer unbändigen Freude über die Zimmer unseres Heimes zu verteilen. Auch sind die Termine zu den vielfältigen und stimmungsvollen Weihnachtsmärkten der Region bereits in meinem Kalender notiert.

Doch meine Beschäftigung mit dieser besonderen Zeit begann schon viel früher: Bereits im Sommer habe ich in all den wundervollen Verlags-Vorschauen geblättert, um rechtzeitig meine Anfragen zweck Rezensionsexemplare für meine Lieblingsrubrik LEKTÜRE ZUM FEST starten zu können. Gleichzeitig warf ich aber wiederum einen Blick auf die Back-List der Verlage und bediente mich auch bei ihr.

Eine gute Geschichte wird nicht schlechter, nur weil ihre Veröffentlichung schon einige Zeit zurück liegt. Da wäre es doch sehr bedauerlich, wenn diese Bücher in Vergessenheit geraten würde, nur weil sie nicht mehr an vorderster Front in den Regalen der Buchhandlungen zu finden sind.



Auch in diesem Jahr habe ich mich bemüht, eine vielfältige Auswahl an Lektüre zusammenzustellen: So wird es poetisch, kriminalistisch, bildgewaltig, märchenhaft, klassisch,…!

Wir lassen uns durch die Saison geleiten mit einem literarischen Adventskalender und schmökern in Weihnachtsgeschichten von „schön bis schaurig“. So manches Verbrechen gilt es aufzuklären, bei dem zur Spannung auch das Lachen nicht zu kurz kommt. Wie bereits in den vergangenen Jahren schauen wir auch diesmal bei Ebenezer Scrooge vorbei. Nur anhand der Kraft der Illustrationen lassen wir uns eine entzückende Geschichte erzählen, bevor wir einem charmanten Telefonat zwischen Vater und Tochter lauschen. Dann amüsieren wir uns an einem perfekt unperfekten Weihnachtsfest, und müssen leider feststellen, dass der Wunsch nach Friede nie aus der Mode kommen wird.

Dies alles gibt es zu entdecken,…

  • NOCH 24 MAL SCHLAFEN. Ein literarischer Adventskalender/ ausgewählt von Ron Mieczkowski
  • Molly Thynne – EINGESCHNEIT MIT EINEM MÖRDER
  • Richard Johnson – ES WAR EINMAL EIN SCHNEESTURM
  • Kai Magnus Sting – TOD UNTER LAMETTA. Teil 1+2 (Hörspiel)
  • Kirsten Boie – DER WEIHNACHTSFRIEDEN/ mit Illustrationen von Claire Harrup
  • Beate Maly – ADVENT IM GRANDHOTEL. Eine Weihnachtsgeschichte
  • MEINE LIEBSTEN WEIHNACHTSGESCHICHTEN/ herausgegeben von Dirk Böhling
  • Rodolphe (nach Charles Dickens) – SCROOGE. Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Estelle Meyrand
  • SCHAURIGE WEIHNACHTEN. Klassische Horror- und Geistergeschichten/ ausgewählt von Jochen Veit
  • David Wagner – ALLE JAHRE WIEDER
  • Johanna Lindemann – DIE GESTOHLENE WEIHNACHTSGANS/ mit Illustrationen von Andrea Stegmaier

..und ich hoffe sehr, dass ihr beim Anblick meiner kleinen Auswahl eine unbändige Lust verspürt, selbst in die wunderbare Welt der Weihnachtslektüre einzutauchen. Es würde mich sehr freuen!

Ich wünsche Euch von Herzen eine wundervolle Adventszeit mit vielen inspirierenden Lese-Stunden!

Liebe Grüße
Andreas


P.S.: Wenn Planung und Wirklichkeit aufeinandertreffen, da kann so einiges passieren. Darum: Alle Angaben ohne Gewähr! 😉

[Noch ein Gedicht…] Anna Dix – WILLKOMM’NER HERBST

Schleicht der Herbst auf meinem Gartensteg,
Streut mir welke Blätter in den Weg.

Schaut in meine Augen tief und zag,
Ob mein klarer Blick sich feuchten mag.

Aber ich in milder Seelenruh‘
Neige lächelnd ihm mein Antlitz zu.

Dankend legt er in die Hände mir
Seiner letzten Astern blasse Zier.

Anna Dix

[Rezension] VIVA LA DIVA. Geschichten von der Oper/ ausgewählt von Silvia Zanovello & Adrian Asllani

🎼 Heute ist der WELTOPERNTAG! 🎼


Vor Jahren bezeichnete ich mich primär als Musical-Fan: Aufführungen von Oper und Operette habe ich „so nebenbei“ besucht. Doch in der Zwischenzeit hat mit der Zahl der besuchten Inszenierungen die Oper gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester der Operette das Musical deutlich überholt. Somit würde ich mich nun eher als Fan des Musiktheaters betiteln. Ich liebe das Musiktheater so sehr, da ich hier, wie nirgends sonst, alles um mich herum vergessen kann. Oder wie Elke Heidenreich es in ihrem Beitrag OPER IST AUFRUHR so treffend, so wahr und wahrhaftig beschrieb…

„Ich hatte noch nie eine Koloratur gehört, aber ich habe sofort gefühlt, was das ist: sinnlicher Überfluss, Verschwendung, Tanz mit Tönen. Und ich war schon bei der Ouvertüre wie verwandelt. Ich hörte hier zum ersten Mal Musik im Dunkeln, in diesem Saal, in diesem Augenblick für mich gespielt – was für ein unbeschreiblicher Luxus!“

…und genau diesen Gefühlswirbelsturm empfinde ich ebenso, und es stürmt nie weniger.

Gibt es etwas Aufregenderes als die Oper? Man tritt ein: die goldenen Logen, der rote Plüsch, das Orchester beim Stimmen. Der Vorhang geht auf, und der Alltag verschwindet. Es zählen nur noch die Musik und das Geschehen auf der Bühne. Große Gefühle in Liebesduetten, bei Gefangenenchören und in Sterbearien. Zuletzt der Schlussapplaus, überbrüllt mit Bravo- und Buhrufen.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Neben Elke Heidenreich meldet sich eine äußerst illustre Schar an Literat*innen aus Gegenwart und Vergangenheit zu diesem Thema zu Wort: Gleich zu Beginn dieser Text-Sammlung gibt uns Donna Leon DREI OPERNTIPPS FÜR EINSTEIGER. Doris Dörrie schildert nachdrücklich wie DER BLAUE MÜLLSACK die Karriere einer Requisite dramatisch beendete. Meister Mozart persönlich lässt uns mit MEINE OPERA GEHT IN SCENA einen Blick in seine Korrespondenz werfen und so erahnen, dass das Leben eines musikalischen Genies nicht immer ein Zuckerschlecken war. Bei Ewald Arenz bricht ein verheerendes FEUER in einem Theater aus und verändert damit das Leben des Protagonisten.

Petra Mosbach erzählt in DER KORREPETITOR von den Höhen und Tiefen dieses Berufes an einem eher kleineren Stadttheater. An die große Pariser Oper mit ihren legendären Geschichten entführt uns Gaston Leroux mit DIE DIVA UND DAS PHANTOM DER OPER. Shelly Kupferberg berichtet in ihrer hinreißenden Geschichte DISSONANZEN über einen öffentlichen Vortrag zum Thema „Kultur und Kritik des Kunstgesangs“, der eine Ehekrise wie auch eine Gerichtsverhandlung nach sich zog. Loriot lässt mit einer gar köstlichen Szene AN DER OPERNKASSE – wie schon so oft – mein Zwerchfell vor Lachen erzittern. Mit dem SCHWANENGESANG beendet Agatha Christie nicht nur diese Anthologie sondern auch eine besondere Aufführung von „Tosca“, bei der auf offener Bühne eine späte aber effektvolle Rache geübt wird.

Auf dem Umschlag des Buches wird mit „einer exklusiven Erzählung von Vea Kaiser“ geworben: Leider konnte gerade diese Erzählung mich nicht gänzlich überzeugen. Wobei ich eh der Meinung bin, dass das Schreiben einer Kurzgeschichte eine Kunst für sich und somit eine besondere Herausforderung darstellt. Vea Kaiser schätze ich dafür umso mehr für ihre wunderbar epischen und warmherzigen Familiengeschichten.

Neben den bereits Genannten gibt es zudem Textbeiträge von E.T.A. Hoffmann, Wolfgang Schlüter, Barbara Villiger Heilig, Irene Diwiak, Mark Twain, Ethel Smyth, Charles Lewinsky, Franz Werfel, Lukas Hartmann und Giulio Zanni zu entdecken.

Die thematischen Anthologien aus dem Diogenes-Verlag sind immer ein Garant für gute und abwechslungsreiche Unterhaltung. Dieses Konglomerat an Geschichten in VIVA LA DIVA spiegelt die Vielfalt der Oper so treffend wieder, mit all ihren Höhen und Tiefen, mit fulminanten Triumpfen und erschreckenden Dramen, mit launigen Anekdötchen und handfesten Skandalen, mit einem verklärten Blick in die Vergangenheit und einem ernüchternden Blick in die Gegenwart (oder auch umgekehrt).

Doch genau dies alles – und noch viel mehr – ist es, was ich an der Oper so sehr liebe!


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257248210
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Frédéric Brémaud (nach Agatha Christie) – DIE MORDE DES HERRN A.B.C./ mit Illustrationen von Alberto Zanon

Begeisterung! Pure Begeisterung! Absolute und uneingeschränkte Begeisterung!

Konnten mich die beiden letzten Veröffentlichungen der „Agatha Christie Classics“ schon begeistern, so hat der Carlsen-Verlag mit DIE MORDE DES HERRN A.B.C. dies noch übertroffen.

Es stimmte einfach alles!

Frédéric Brémaud hat die vielschichtige Geschichte wunderbar in das Format der Graphic Novel transferiert, ohne dass mir signifikante Lücken gegenüber dem Original-Roman auffielen. Vielmehr bekommt diese Raffung der Handlung ausgesprochen gut, da so der Spannungsfaden stets straff gespannt bleibt und Leerlauf oder sogar Langeweile keinerlei Chancen erhalten aufzukeimen. Vielmehr treibt Brémaud die Handlung klug voran, ohne in Hektik zu verfallen. Die Dialoge sind absolut schlüssig und glaubwürdig. Sie bestanden sogar meinen Test des lauten Vortrags und bewährten sich somit als „spielbar“. Ich konnte keine leeren und somit entbehrlichen Worthülsen entdecken, die die Figuren unglaubwürdig erscheinen lassen oder unzutreffend charakterisieren würden.

In einem mysteriösen Brief wird ein Mord angekündigt, und Hercule Poirot kann diesen nicht verhindern. Dann folgt ein zweiter Brief. Wieder geschieht ein Verbrechen. Die Morde scheinen einem Muster zu folgen – den Buchstaben des Alphabets. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, und der einzige Hinweis ist ein ABC-Zugfahrplan. Wieder einmal muss Poirot all seine kleinen grauen Zellen einsetzen, um den Fall zu lösen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Alberto Zanon sorgte mit seinen Illustrationen gekonnt dafür, dass die Dialoge eine Gestalt erhielten. Er zauberte prägnante, interessante, nicht im klassischen Sinne schöne Charakterköpfe auf das Papier, die sehr viel Persönlichkeit aufwiesen. Seine Figuren – insbesondere unser heldenhaftes Trio Hercule Poirot, Arthur Hastings und Inspector Japp – scheinen zwar ganz dem Christie-Kosmos entsprungen zu sein, doch verlieh er ihnen eine eigene, sehr individuelle Optik, die für eine leichte Wiedererkennung beim Betrachtenden sorgte.

Doch auch sein Setting überzeugte mich durch Abwechslung und Detailreichtum. Besonders in diesen Details erkannte ich, wie intensiv sich Zanon mit der literarischen Vorlage auseinandergesetzt hatte: Da scheint die Fassade von Poirots Wohnsitz der wunderbaren TV-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ entliehen zu sein, und Poirots Appartement ist nicht nur herrlich gradlinig sondern auch ebenso herrlich symmetrisch eingerichtet.

In dieser gezeichneten Phantasie-Welt verteilte er einige Tupfer Realismus, denn alles, was im Entferntesten an bedrucktem Papier erinnerte, wirkt beinah naturalistisch: Briefe, Zeitungen, Etiketten, Werbe- und Kino-Plakate sowie der allgegenwärtige ABC-Fahrplan. Zudem verstand er es, meine Aufmerksamkeit durch die Wahl der Perspektive bzw. des Bildausschnittes geschickt auf Feinheiten zu fokussieren und in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Lieber Carlsen-Verlag! Hoffentlich beweist du auch in Zukunft ein so glückliches Händchen bei der Wahl der Graphic Novel-Adaptionen für die „Agatha Christie Classics“, denn dann bin ich auch weiterhin nur allzu gerne dein Fan-Boy. 😄


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551807441 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455650037 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3899407891
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!