[Eine Geschichte…] Albrecht Gralle – ECHTE FREUNDE

Freunden kann auch mal der Kragen platzen, wenn sie mit dir reden, aber nur weil ihr Herz für dich bis zum Halse schlägt.
Freunde stört es nicht, bei dir fernzusehen, auch wenn du schon längst ins Bett gegangen bist.
Freunde kämpfen für Dich nächtelang im Gebet und sagen dir: „Ich habe neulich an dich gedacht!“
Freunde möchten deine Welt kennen lernen und entdecken immer neue Erdteile.
Freunde erleben dich mit verklebten Augen, ungewaschenen Haaren und sehen dahinter deine Einzigartigkeit und Schönheit.
Freunde können es sich leisten, bei einem Witz den du erzählst, nach der Pointe zu fragen.
Bei Freunden kannst du nachts um halb drei klingeln und sie fragen dich: „Kaffee oder Tee?“
Freunde reden manchmal blödes Zeug, weil sie wissen, dass du keine Goldwaage im Keller hast.
Freunde kennen sich nicht in deiner Brieftasche aus, dafür aber in deinem Kühlschrank.
Freunde machen es ähnlich wie Gott: sie mögen dich so wie du bist, trauen dir aber zu, dass du dich verändern kannst.

Albrecht Gralle

[Rezension] Kirsten Boie – DER WEIHNACHTSFRIEDEN/ mit Illustrationen von Claire Harrup

Es hat ihn wirklich gegeben, den Weihnachtsfrieden im Jahre 1914 an der Front in Flandern zwischen Deutschen und Briten, und er dauerte einige Tage, vereinzelnd sogar bis ins Neue Jahr. Die damalige Obrigkeit hat diese friedliche Kontaktaufnahme scheinbar verfeindeter Parteien nicht gerne gesehen und versuchte, sie zu verhindern: Ohne Erfolg! Die Menschlichkeit siegte!

Ist doch ganz still drüben, horcht mal! Für die ist auch Weihnachten heute! Was, wenn man sich am gnadenlosesten Ort der Welt befindet und es trotzdem Weihnachten wird? Friedrich und seine Kameraden sind noch Schüler, als sie eingezogen werden, um im Großen Krieg gegen die Engländer zu kämpfen. Jetzt sitzen sie in den verschlammten Schützengräben und denken wehmütig an die hellen Lichter zu Hause. Doch dann werden Weihnachtsbäume herbeigetragen, ein Geschenk des Kaisers an seine Soldaten, und obwohl sie leise sein sollen, singen sie gemeinsam ein Weihnachtslied. Ob die Engländer gleich das Feuer eröffnen werden? Nein, sie tun etwas ganz anderes. Auf bewegende Weise erzählt die große Kirsten Boie in diesem wunderschön illustrierten Buch von der verbindenden Kraft des Weihnachtsfests und von einer Sternstunde der Menschlichkeit mitten im Ersten Weltkrieg.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich las und schluckte schwer, ich las weiter und die erste Träne ran langsam meine Wange hinab und verfing sich in meinem Bart. Ich las und las, und Träne um Träne suchte sich ihren Weg. Nach nur (!) 44 Seiten hatte ich die Lektüre beendet und schnaufte befreiend nach Luft. Still saß ich in meinem Sessel, über das Gelesene sinnierend, das kleine, schmale Büchlein weiterhin in der Hand haltend, um dann diese berührende Geschichte nochmals zu lesen. Es war eine Lektüre, die mich stark bewegte.

In leisen Tönen erzählt Kirsten Boie (die Deutsche) eine Geschichte voller emotionaler Tiefe. Dabei findet sie klare Worte, die nichts beschönigen aber auch nichts übertreiben, doch umso mehr verdeutlichen, wie sinnlos es ist, Kriege zu führen. Claire Harrup (die Britin) schuf ebenso atmosphärische Illustrationen mit einer schlichten Symbolik, die im trüben Szenario eines Kriegsschauplatzes einen Sonnenstrahl am Horizont erahnen lassen.

Momentan gibt es auf der Welt so viele Kriege, die unschuldige Opfer fordern. Wollten sie einen Krieg? Oh, nein! Denn:

Diejenigen, die einen Krieg wollen, sind nie diejenigen,
die in ihn ziehen und ihn erdulden müssen!

Aber jede*r von uns hat im eigenen überschaubaren Umfeld die Möglichkeit, diese Welt ein klein wenig friedvoller zu gestalten. Wir haben es in der Hand!


erschienen bei Arche / ISBN: 978-3716000205
Ich danke der Presseagentur Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

DER BUNDESWEITE VORLESETAG 2025…

Na, liebe Vorleserinnen und Vorleser, sind eure Stimmbänder geölt und aufgewärmt, damit ihr beim jeweiligen Vortrag stimmlich aus den Vollen schöpfen könnt? Ja! Das ist fein! Dann wünsche ich euch und euren (hoffentlich) zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern viel Vergnügen!

Ich bin mir sicher, dass wir uns heute nicht langweilen werden, da es so viele abwechslungsreiche Lese-Aktionen zu entdecken gibt. Das Jahresmotto lautet diesmal VORLESEN SPRICHT DEINE SPRACHE und bietet genügend Raum für vielfältige Geschichten.

Das Motto hebt die verbindende Kraft des Vorlesens hervor und sendet eine klare Botschaft: Nutze deine Sprache, nutze deine Stimme und lies vor!

Auf den Seiten vom VORLESETAG findet natürlich wieder ab 9.00 Uhr das digitale Vorlesefestival statt, das mit einer illustren Schar an Vor-Leser*innen punktet und auf Instagram und Facebook verfolgt werden kann. Freut euch u.a. auf…

  • Musiker Florian Sump liest aus TÜR ZU ES ZIEHT
  • Moderatoren Jessica Schöne und Ben Blümel lesen auf Deutsch & Spanisch aus DAS ALLERWICHTIGSTE / LA COSA MÁS IMPORTANTE
  • Moderatorin Clarissa Corrêa da Silva liest aus DER REGENBOGENFISCH
  • Kabarettist Bodo Wartke liest aus BARBARAS RHABARBERBAR
  • Comedian Özcan Cosar  liest aus KLEINER EISBÄR. WOHIN FÄHRST DU, LARS?
  • Journalist Sherif Rizkallah liest aus KENNST DU DEINE RECHTE?
  • Tagesschau-Sprecherin Susanne Daubner liest Elmo vor aus SESAMSTRASSE. DAS GROSSE VORLESEBUCH
  • Comedian Bernhard Hoëcker liest aus seinem Buch DAS KATZENHUHN

Doch auch viele Institutionen wie Bibliotheken, Universitäten, Verlage, Schulen und Buchhandlungen sowie Prominente aus Kultur, Politik und Sport sind wieder mit von der Partie und laden zu interessanten Vorlese-Aktionen ein.

Unter dem Hashtag #vorlesetag findet Ihr auf Facebook und Instagram Hinweise zu vielfältigen Aktionen. Eine detaillierte Übersicht über die bundesweit stattfindenden Vorleseaktionen gibt es auf der Homepage vom VORLESETAG.

Na, möchtet ihr euch nun auch gerne vorlesen lassen? Oder habt Ihr eher Lust bekommen, selbst vorzulesen? Dann ran an die Bücher, und los geht’s! Viel Spaß!

[Rezension] Kai Magnus Sting – TOD UNTER LAMETTA. Teil 1+2 (Hörspiel)

Ich bin ja immer etwas zwiegespalten, wenn ein literarisches Werk – und zu diesen wollen wir ein Hörspiel mal zählen, denn schlussendlich liegt dem Ganzen ein Textbuch zugrunde – mit Preisen zugeschüttet und von der Kritik gelobhudelt wird. Nicht immer trifft das Urteil dieser hochintelligenten wie allwissenden Fachkräfte der Literaturszene meinen Geschmack.

Doch im Falle von TOD UNTER LAMETTA handelte es sich um den Publikumspreis, mit dem dieses Hörspiel im Rahmen der Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises 2019 gewürdigt wurde. Naja, und das Publikum, das sind ja schließlich Menschen wie „du“ aber auch wie „ich“. Also schauen wir (ergo „ich“) mal, oder vielmehr hören wir (wieder „ich“) mal, was das Publikum so zu frenetischen Begeisterungsstürme animiert hat.


3 CDs+Bonus-CD/ TOD UNTER LAMETTA. Teil 1+2 (2018-2020) von Kai Magnus Sting/ Buch: Kai Magnus Sting / Regie: Leonhard Koppelmann / Ton und Technik: Peter Harrsch / Dramaturgie und Redaktion: Uta-Maria Heim / mit Annette Frier, Jochen Malmsheimer, Bastian Pastewka und Kai Magnus Sting


TEIL 1 // Killende Weihnachtsmänner bringen in der Adventszeit 24 Leute um die Ecke: Tote werden mit Lichterketten erdrosselt, Leichen in Schneemännern versteckt, Glühwein, Gans und Knödel vergiftet. Und mittendrin Hobbydetektiv Alfons Friedrichsberg – hochintelligent, trinkt gern, isst noch lieber und hat immer das letzte Wort–, der dem mörderischen weihnachtlichen Treiben auf die Spur kommen will. Es hilft alles nichts: Um diesen Fall zu lösen, muss er ins Weihnachtskostüm springen. 

TEIL 2 // Kurz vor Weihnachten in einem verschneiten Luxushotel im Schwarzwald: Leute verschwinden spurlos. Der Yeti geht um. In der Heizung spukt‘s. Der Hoteldirektor weiß von nichts. Und zu guter Letzt gibt‘s statt der Bescherung eine mörderische Schneeballschlacht. Mittendrin Hobbydetektiv Alfons Friedrichsberg, der mit seinen beiden Freunden tief in seine kriminalistische Trickkiste greifen und sogar ins Christkindlkostüm schlüpfen muss, um dieses Abenteuer zu überleben.

 (Inhaltsangaben der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich lauschte und lachte. Dann musste ich zurückzappen, da ich vor lauter Lachen das Nachfolgende nicht verstanden hatte, um dann wieder zu lachen, worauf ich wiederum zurückzappen musste, um abermals…! Verdammt, so kann’s doch nicht weitergehen. So dauert’s ja ewig, bis ich zum Ende dieser Geschichte komme und endlich erfahre, wer der/die Mörder war(en). Wer hat denn überhaupt diesen Blödsinn verzapft? Kai Magnus Sting. Aha! Muss ich den kennen?

Kai Magnus Sting ist in der Comedy-Szene kein Unbekannter, nur leider an mir ist er gänzlich vorbeigehuscht. Doch dies hat sich nun mit einem Paukenschlag geändert. TOD UNTER LAMETTA, für dessen Buch sich Sting wohl oder übel verantworten musste, bezeichnete er selbst als Krimigroteske. Krimigroteske: So eine harmlose Bezeichnung für diesen irrwitzigen Spaß.

Vorab: Zur Freude eines jeden Produzenten besteht das Ensemble höchst kostengünstig aus nur vier Personen. Neben dem Autor „himself“ erhoben noch Jochen Malmsheimer, Bastian Pastewka und Annette Frier nicht nur jeweils die eigene Stimme. Will sagen: Sie frönten ihrer Lust an multiplen Persönlichkeiten, indem sie in eine Unzahl an unterschiedlichen Figuren schlüpften.

Regisseur Leonhard Koppelmann tat gut daran, den Spieltrieb dieser Vier nur dezent lenkend Einhalt zu gebieten. Ansonsten setzte er auf ein perfektes Timing, auch dank Peter Harrsch, der am Mischpult wahre Wunder vollbrachte und mit Musik und Geräuschen eine geniale Kulisse kreierte, die mich an die TV-Serien der 60er und 70er Jahre erinnerte.

Zur Erklärung: Jochen Malmsheimer spricht hauptsächlich unseren eher wenig jugendlichen Helden ALFONS FRIEDRICHSBERG. Bastian Pastewka und Kai Magnus Sting geben Friedrichsbergs Freunde JUPP STRAATEN und WILLI DAHL sowie alle weiteren männlichen Figuren, wobei Kai Magnus Sting auch als ERZÄHLER fungiert. Annette Frier leiht jeder der weiblichen Figuren eine ihrer mannigfaltigen Stimmen.

Jochen Malmsheimer mimt ALFONS FRIEDRICHSBERG (hochintelligent, verfressen, versoffen, Privatier und Hobbydetektiv) getreu dem Motto „Was schert es die deutsche Eiche, wenn sich ein Wildschwein an ihr schubbert?“, zumal er mit seiner markanten wie prägnanten Stimme und einer immensen Spielfreude eine deutliche Marke setzt. Wie Holmes seinen Watson hatte, so hat FRIEDRICHSBERG seinen JUPP STRAATEN, den Bastian Pastewka mit lakonischem Witz ausstattet. Als WILLI DAHL wird Kai Magnus Sting eher mitleiderregend von den zwei Freunden untergebuttert. Dafür glänzt er umso mehr als ERZÄHLER: Allein wie und mit welchem Wortwitz er hier intoniert, erinnerte mich stark an den wunderbaren Loriot. Annette Frier ließ mich staunen, da sie anscheinend über einen schier unendlichen Fundus an Stimmen verfügt und alle stimmlichen Facetten vom rustikalen Landei bis zur Femme Fatal beherrscht.

Apropos Loriot: Da kamen einige Passagen zu Gehör, die so grandios waren, dass sie auch direkt vom großen Meister des feinsinnigen Humors hätten sein können. Besonders Annette Frier und Bastian Pastewka werfen sich entsprechend meisterhaft die verbalen Bälle zu und switchen gekonnt durch die Dialekte und Stimmfärbungen. Da gab es höchst amüsante „Szenen einer Ehe“ zu belauschen, und sogar die Simultanübersetzung eines Gesprächs unter Chinesen wurde mir als Zuhörer geboten.

Das Buch von Kai Magnus Sting ist großartig abgedreht, erfreut mit witzigen Wortspielereien, glänzt mit Detailreichtum, bedient genüsslich hemmungslos jegliches Klischee und nimmt Anleihen von Monty Python bis Edgar Wallace, von Agatha Christie bis Arthur Conan Doyle. Mag es auch respektlos wirken, so ist dies doch eine liebevolle Hommage, mit der sich Kai Magnus Sting vor den Großen der Krimi-Zunft verbeugt.

Endlich gibt es ein wirksames Antidot für all diejenigen, die sich am süßlichen Kitsch, am Überfluss an Lichterketten, an Apfel, Nuss und Mandelkern, an „Last Christmas“ in Endlos-Schleife, an pappigen Lebkuchen, am überteuerten Glühwein, an einem unlustigen „Hohoho!“, an blinkenden Weihnachtsmannsmützen und an einer gezwungenen Besinnlichkeit sattgesehen, sattgehört, sattgegessen oder sonst wie gesättigt haben,…

…und so wünsche ich euch und all euren Lieben eine entschlackte Weihnachtszzzzz…

Der Schuss verhallt ungehört in den Weiten der Auen. In einiger Entfernung senkt der Weihnachtsmann die Waffe und murmelt in seinen weißen Rauschebart „Endlich ist er still!“. Neben ihm steht der Yeti und klopft ihm anerkennend auf die Schulter: „Guter Schuss!“. Arm in Arm verschwinden die Beiden im Dickicht des nahen Forsts, während über ihnen ein Sternlein blinkt: Es ist Advent!


erschienen bei der Hörverlag / ISBN: 978-3844540376
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Hörexemplar!

[Rezension] Richard Johnson – ES WAR EINMAL EIN SCHNEESTURM

„Ohne Worte,…“

…gänzlich ohne Worte kommt diese reizende Geschichte aus. Kein Text lenkt von den Illustrationen ab, die dafür so viel mehr erzählen, als es ein Text vielleicht könnte. Dies ist wahrlich im besten Sinne des Wortes ein BILDERbuch. Richard Johnson kleidet seine Geschichte über Verlust und Zusammenhalt in märchenhaft anmutenden Illustrationen…

Bei einem Ausflug geraten Vater und Sohn in einen Schneesturm und verlieren sich aus den Augen. Der kleine Junge kann den Weg nach Hause nicht finden, doch die Tiere des Waldes nehmen ihn auf. Bär, Fuchs und alle anderen kümmern sich um ihn, und sie schließen Freundschaft. Nach einiger Zeit aber beginnt der Junge sein altes Zuhause zu vermissen. Gemeinsam mit dem Bären macht er sich auf die Suche nach dem Heimweg, und tatsächlich sind sie erfolgreich – Vater und Sohn können sich wieder in die Arme schließen.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)


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Richard Johnsons traumhaften Illustrationen sind atemberaubend schön und zogen mich augenblicklich in ihren Bann. Nur allzu gerne ließ ich mich zu dieser visuellen Reise verführen und mir eine Geschichte „erzählen“, die alle Sprachbarrieren überwindet und dafür reichlich Raum für die eigene Phantasie bietet.

Johnson wählte die Farbnuancen mit bedacht, ließ sie sanft ineinander verschmelzen und schuf so Bilder voller Zartheit, die gleichzeitig mit vielen Details überraschen: Ein Familienbild an der Wand in der Hütte verlockt zu weiteren Interpretationen, die Schneeflocken zeigen die Silhouetten der Waldtiere, und im Fell des Bären gibt es kleine Untermieter. Er porträtiert die handelnden Figuren – Menschen wie Tiere – sehr liebevoll und mit drolligem Charme.

Die traumhaften Wald- und Winterlandschaften beschwören die epische Weite der Welt herauf, wirken dabei aber nie bedrohlich, sondern bilden vielmehr den gelungenen Rahmen für diese reizende Geschichte.

Es ist eine Geschichte voller Atmosphäre, die mich sehr berührte und meine Sehnsucht nach einer besseren Welt (vielleicht sogar nach einer „heilen“ Welt) befeuerte. Es wäre so schön!


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219119794
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Operette] Emmerich Kálmán – DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Emmerich Kálmán / Libretto vom Leo Stein und Béla Jenbach // in deutscher Sprache

Premiere: 8. November 2025 / besuchte Vorstellungen:  08.11.2025, 21.12.2025 & 12.04.2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Hartmut Brüsch / Edward Mauritius Münch (12.04.)
INSZENIERUNG Sebastian Kranner
BÜHNE & KOSTÜME Anna Kreinecker
CHOREOGRAFIE Katharina Glas
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ KOSTÜME & BÜHNE Elisabeth Pscheidl
DANCE CAPTAIN Melissa Panetta, Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Regina Wittmar
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Hach! Es ist manchmal so wohltuend, sich dem Schmalz hinzugeben und in eine Phantasie-Welt abzutauchen, wo die Probleme überschaubar sind und sich die Liebenden nach einigen unterhaltsamen Irrungen und Wirrungen schlussendlich in die Arme fallen. Happy End! Welches Genre wäre da besser geeignet als die gute alte, oftmals schon todgesagte Operette. Doch wie heißt es so schön:

„Todgesagte leben länger!“.

Insbesondere am Stadttheater Bremerhaven wird eine jahrzehntelange Operetten-Tradition gepflegt. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da gab es sowohl ein Opern- wie auch Operetten-Ensemble. Letzteres bediente pro Saison neben mind. zwei Operetten auch noch das Musical. Ob die Qualität der Inszenierungen mit der Quantität der Aufführungen mithalten konnte, wage ich nicht mehr zu beurteilen (In meinem hohen Alter sieht man einiges auch schon sehr verklärt. 😁). Heutzutage widmen sich am Stadttheater Bremerhaven dieselben Sänger*innen der so genannten leichten Muse, die sonst auch in der Oper brillieren, und garantieren so Gesangskunst auf hohem Niveau.

In dieser Saison stand nach langer Zeit wieder einmal ein Werk von einem der Begründer der Silbernen Operettenära auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Denn wenn ich mich richtig erinnere, dann „verirrte“ sich zuletzt in der Spielzeit 2018/2019 mit DIE HERZOGIN VON CHICAGO ein Werk von Emmerich Kálmán auf die große Bühne meines Stammtheaters.

Sylva Varescu ist der Star der Budapester Varietészene. Der adlige Edwin Lippert-Weylersheim ist unsterblich in sie verliebt. Seine Freunde Boni und Feri raten ihm, die Finger von ihr zu lassen und das leichte Leben zu genießen. Edwins Eltern, Anhilte und Leopold Maria, sind gegen Edwins Verbindung. Sie schicken den Vetter Eugen von Rohnsdorff, um Edwin zum Militärdienst zu rufen und an seine Verlobung mit Cousine Anastasia Eggenberg, genannt Stasi, zu erinnern. Edwin verspricht, seinen Dienst anzutreten, macht Sylva aber zuvor einen Heiratsantrag – den sie annimmt. Als sie erfährt, dass Edwin bereits verlobt ist, beschließt sie, nach Amerika zu gehen. Edwin hat sich damit abgefunden, Stasi heiraten zu müssen. Seine Eltern bleiben aber skeptisch. Boni und Sylva – mittlerweile zurück aus Amerika – tauchen als vermeintliches Grafen-Ehepaar auf. Sie wollen Edwins Eifersucht wecken. Es funktioniert. Edwin bittet Sylva erneut, ihn zu heiraten. Sie sagt wieder Ja. Gleichzeitig gesteht Boni Stasi seine Liebe. Edwin will, dass Sylva ihren erfundenen Titel als Gräfin behält, um die Zustimmung seiner Eltern zu gewinnen. Sylva lehnt ab und verlässt Edwin. Boni versucht, Sylva wieder mit Edwin zu versöhnen. Erfolglos. Stattdessen ermuntert Feri Sylva, auf die Bühne zurückzukehren. Als Feri Edwins Vater begegnet, erzählt er von seiner eigenen Liebe zu einer Chansonette, die später adlig geheiratet hat. Leopold Maria erkennt, dass diese Frau seine eigene Ehefrau ist. Er gibt seinen Widerstand auf – und der Liebe von Edwin und Sylva steht nichts mehr im Weg.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Es passiert viel, es muss auch viel passieren, und Regisseur Sebastian Kranner tat auch gut daran, viel passieren zu lassen. So gestaltete er die Übergänge zwischen Sprechtext, Gesang und Tanz sehr fließend, setzte dafür gekonnt die Drehbühne ein und erfreute mit originellen Ideen: Da schaute via Gemälde hoch oben über der Bühne Kaiser Franz Joseph mahnend auf die Gesellschaft herab und drohte bei allzu vielen Verfehlungen auch schon mal mit Absturz. Oder das fürstliche Paar LEOPOLD MARIA und ANHILTE kehrte pompös vom Ausritt heim, der sich als Hobby Horsing entpuppte. Doch auch ernste Töne lässt der Regisseur zu: Da klingt der gesellschaftlichen Wandel der damaligen Zeit ebenso an wie der Umgang mit der Prostitution. Dies machte er durchaus sehr deutlich aber ohne den moralinsauren erhobenen Zeigefinger.

Allerdings sorgten einige Szenen bei mir auch für Irritation, da ich nicht ergründen konnte, durch welche der beiden Brillen (Ironie oder Ernsthaftigkeit) der Regisseur sie betrachtet hatte. Diese Szenen wirkten irgendwie so „dazwischen“. Dabei gab es sie durchaus, die herrlich komischen Szenen voller Ironie und Witz, die purer Spaß waren, ebenso wie Momente der Ernsthaftigkeit, die den Mantel der Operetten-Seligkeit abwarfen und dafür umso mehr berührten.

Bedauerlicherweise hatte ich auch den Eindruck, dass Kranner nicht ausreichend mit den Solist*innen an den Dialogen gearbeitet hat. Bei der Operette wird auch sehr viel gesprochen, da über die Dialoge Informationen transportiert und so wichtige Einzelheiten zur Handlung bzw. zu den Figuren dem Publikum offenbart werden. Hier litt am Premierenabend leider manchmal die Textverständlichkeit (unabhängig vom individuellen sprachlichen Hintergrund): Betonungen wurden ungewöhnlich gesetzt, Gesprochenes hatte keinen natürlichen Fluss und wirkte dadurch hölzern. Da wünschte ich mir einen Otto Schenk herbei: Der legendäre österreichische Schauspieler und Regisseur, der vornehmlich Opern aber auch Operetten inszenierte, war bekannt für seine exzellente Dialog-Regie. Oder zumindest hätten mir zum besseren Verständnis deutsche Übertitel sicherlich geholfen. So hoffe ich sehr, dass die Sänger*innen sich im Laufe der weiteren Vorstellungen freispielen, und sie die Worte selbstverständlicher über die Lippen bringen.

Denn gesungen wurde – wie eingangs bereits erwähnt – auf hohem Niveau: Meredith Hoffmann-Thomson gab die Titelfigur SYLVA VARESCU mit großer Stimme und geschmackvoller Erotik und machte auch tänzerisch – insbesondere bei den Revue-Szenen – eine gute Figur. Stimmlich ihr ebenbürtig und von attraktiver Gestalt war Alexander Geller. Allerdings zeigte sein EDWIN RONALD sehr wenig Rückgrat bzw. hatte „keine Eier in der Hose“ (Von der Regie so gewollt?). Da hätte ich der CSÁRDÁSFÜRSTIN einen schneidigeren Galan gewünscht.

Einen Mangel an Schneid konnte man GRAF BONI KÁNCSIÁNU von Andrew Irwin nicht vorwerfen: Da wurde mit Elan vorangeprescht, um aus vollen Zügen das Leben und (vor allem) die Liebe zu genießen. Wie gut, dass Irwins BONI mit der lebenslustigen KOMTESSE STASI von Victoria Kunze eine kongeniale Partnerin zur Seite gestellt wurde. Kunze brillierte abermals mit ihrem wunderbaren Timing für Komik und der Fähigkeit, auch den irrwitzigsten Dialogen Leben einzuhauchen.

Timothy Edlin als väterlicher Freund FERI VON KEREKES ruhte gänzlich in sich selbst, war der ausgleichende Pol gegenüber seinen jugendlichen Freunden und schaffte es, einen wohldosierten Hauch von Melancholie und Vergänglichkeit zu versprühen. James Bobby als LEOPOLD MARIA und Iris Wemme-Baranowski als dessen Gattin ANHILTE sorgten für reichlich Amüsement als herrlich exaltiertes „Sissi & Franzl-Look alike“. Róbert Tóth gab einen (nach Außen) polternden, doch (innerlich) gutmütigen EUGEN VON ROHNSDORFF, und Ines Mayhew-Begg, Yvonne Blunk und Elena Zehnoff gefielen als handfeste MÄDIS.

Doch für mich waren die heimlichen Stars der Inszenierung der prachtvoll singende wie ebenso agierende Opernchor sowie die großartigen Tänzer*innen vom Ballett-Ensemble, die die spritzige Choreografie von Katharina Glas schwungvoll über die Rampe brachten. Wenn sie auftraten, passierte in jeder Ecke der Bühne immer so viel, dass ich meinen Blick so manches Mal förmlich von ihnen losreißen musste, um mich wieder auf die Hauptpartien konzentrieren zu können.

Ausstatterin Anna Kreinecker schuf stimmige Kostüme, die die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten klar voneinander trennten. Die Kostüme in den Revue-Szenen strahlten extravagant im Stil der legendären 20er Jahre, während der Adel allzu üppig und immer etwas „Over the Top“ gewandet war. Zudem stellte sie ein wandlungsfähiges Bühnenbild auf die Drehbühne, das nach vorne glitzerte und prunkte, nach hinten eher nüchtern bzw. heruntergewirtschaftet wirkte und so symbolisierte, dass alles „mehr Schein als Sein“ ist.

„Last“ doch definitiv „not least“: Operetten-Spezialist Hartmut Brüsch kitzelte aus dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven wieder so herrlich süffig schmelzend die Kálmán’schen Melodien hervor, die längst schon zu Evergreens geworden sind. Dabei pendelten die Musiker*innen gekonnt zwischen folkloristischen Pusta-Klängen, sehnsuchtsvollen Duetten und schmissigen Tanz-Nummern.

Auf meiner „Tanz-Karte“ stehen mindestens noch zwei weitere Vorstellungen von DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN: Endlich ein Naschwerk, das nach Verzehr nicht sofort eins zu eins auf meiner Hüfte landet!


Nachtrag zum 12. April 2026: Da saßen „meine“ Ute und ich am vergangenen Sonntag wieder im Stadttheater Bremerhaven und sahen uns die Operette DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN an. Ute lebt in einer Wohngemeinschaft der Lebenshilfe, und ich begleite sie seit über 10 Jahren bei Kultur- und Freizeitaktivitäten – anfangs dienstlich, nun ehrenamtlich.

Wir werden alle nicht jünger, so manches Zipperlein kommt. Da macht auch Ute keine Ausnahme, die seit einiger Zeit einen Rollator nutzt. Ein „normal“-mobiler Mensch macht sich manchmal keine Gedanken, welche Hürden ein Menschen mit Handicap überwinden muss. Das direkte Parken in der Tiefgarage war mangels Lift nicht möglich. Somit habe ich Ute vor dem Theater abgesetzt, bevor ich den Wagen parkte. Behindertenparkplätze sind vorm Haus vorhanden: Allerdings besitzt Ute keine entsprechende Parkerlaubnis, da sie dafür noch zu mobil ist. Über eine Rampe gelangte Ute ins Foyer des Theaters. Angebote im kleinen Haus sowie Aktionen im oberen Foyer des großen Hauses bleiben Ute mangels Aufzüge verwehrt. Die Behindertentoilette befindet sich innerhalb der Damentoilette: Ute schlängelte sich mit ihrem Rollator vorbei an den wartenden Besucherinnen.

Meine Worte möchte ich nicht als Kritik am Stadttheater Bremerhaven verstanden wissen: Es handelt sich um ein altes Gebäude, wo mit architektonischen Vorgaben umgegangen werden muss und der Denkmalschutz sicherlich zusätzliche Grenzen setzt. Das Team versucht sein Möglichstes: Die Damen der Theaterkasse sorgen immer dafür, dass Ute einen tollen Platz erhält, von dem sie der Aufführung bestmöglich folgen kann, und das Serviceteam im Foyer ist immer sehr hilfsbereit.

Vielmehr war für mich dieser Theaterbesuch mit Ute wieder eine lehrreiche Möglichkeit, mein gewohntes Umfeld aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. So vieles ist für mich selbstverständlich: Ich parke mein Auto in der Tiefgarage, schlendere über die Treppen ins Theater und nutze jedwedes Angebot, unabhängig in welchem Stockwerk es stattfindet.

Für Ute ist vieles in ihrem Leben nicht selbstverständlich. Doch beklagt sie ihre Situation? Nein! Sie genießt den Augenblick und erfreut sich an einer bunten und schwungvollen Vorstellung. 💜


Operetten-Seligkeit bis ins Neue Jahr: Dies verspricht DIE CSÁDÁSFÜRSTIN am Stadttheater Bremerhaven allen Fans beschwingter Unterhaltung. 

[Rezension] Molly Thynne – EINGESCHNEIT MIT EINEM MÖRDER

Auch ihre Werke werden zum goldenen Zeitalter der Kriminalliteratur gezählt: Zwar erschien bereits 1914 der erste Roman von Molly Thynne (aka Mary Harriet Thynne, 1881–1950), doch erst Ende der 20er Jahre wandte sie sich gänzlich der Kriminalliteratur zu. Zwischen den Jahren 1928 und 1933 veröffentlichte sie höchst erfolgreich sechs Krimis, in denen sie die Handlung in außergewöhnlichen Settings spielen ließ, die ihre weitaus populärere Kollegin und Zeitgenossin Agatha Christie später ebenfalls verwenden sollte. So kann das Umfeld von EINGESCHNEIT MIT EINEM MÖRDER (1931) durchaus mit dem von Christies DIE MAUSEFALLE (1952) verglichen werden.

Der junge Bestsellerautor Angus Stuart ist auf dem Weg an die südenglische Küste, wo er seinen wohlverdienten Weihnachtsurlaub verbringen möchte. Doch ein Wintereinbruch macht die Straßen unpassierbar, und Angus quartiert sich notgedrungen in einem Dorfgasthaus ein. Bald hat sich ein illustres Grüppchen gestrandeter Reisender dort versammelt – und es schneit immer weiter. Zunächst ist die Bereitschaft groß, das Beste aus der Situation zu machen, die Reisenden freunden sich ungeachtet aller gesellschaftlichen Unterschiede miteinander an. Aber dann werden kostbare Juwelen gestohlen – und der aufdringliche, trinkfreudige Major Carew liegt ermordet in seinem Zimmer. Angesichts dieses Doppelverbrechens ist der einzige Polizist des eingeschneiten Dorfes überfordert, und unter den Gästen wächst die Angst vor dem nächsten Mord. Also nehmen der prominente Schachexperte Dr. Constantine und Angus mit einem weiteren Gast die Ermittlungen selbst in die Hand. Eine ebenso spannende wie aberwitzige Verbrecherjagd beginnt.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„…goldenes Zeitalter der Kriminalliteratur“ und „…die Krimi-Entdeckung des Jahres!“: Um ihre neusten Ausgrabungen aus dem scheinbar unerschöpflichen Archiv der Krimi-Klassiker aus Great Britain an die Leserschaft zu bekommen, geizen die Verlage nicht mit blumigen Ausschmückungen auf Cover und Homepage. Auch Vergleiche mit der „Queen of Crime“ werden gerne bemüht – wie unlängst bei DAS RÄTSEL VON BADGER’S DRIFT. Doch Papier ist bekanntlich äußerst geduldig, und so werden viele Versprechungen gedruckt, die später dem Realitäts-Check nicht immer standhalten. Doch diese oder ähnliche Befürchtungen waren bei EINGESCHNEIT MIT EINEM MÖRDER völlig unbegründet. Vorab: Ich wurde blendend unterhalten!

Molly Thynne lieferte einen flott lesbaren, gut konstruierten Krimi, der selbst bei längeren Dialogen oder ausführlichen Beschreibungen keine Langeweile aufkommen lässt. Gerade die farbige Auswahl an handelnden Personen macht diesen Krimi so abwechslungsreich. Allein die Zusammenstellung unseres heldenhaften Teams mit dem jungen Bestsellerautor Angus Stuart, dem reiferen Schachexperten Dr. Constantine und dem bodenständigen Handelsreisenden Mr. Soames (der „weitere Gast“, der in der Inhaltsangabe des Verlages unberechtigter Weise namenlos bleibt) ist sehr reizvoll. Jedes dieser Teammitglieder wurde mit sehr eigenen Charaktereigenschaften ausgestattet und steuert so seine persönliche Sichtweise sowie individuelle Fähigkeiten zum Gelingen der Mission bei.

Doch auch wenn die Autorin die anderen Figuren nicht immer frei von Klischees porträtierte, so macht es doch Spaß, sie dabei zu „beobachten“, wie sie in dieser Geschichte agieren bzw. aufeinander reagieren. Hier treffen Personen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten aufeinander, die sich aufgrund der Extremsituation, in der sie sich unfreiwillig befinden, nicht hinter Konventionen und Titeln verstecken können. Da sind Konflikte, Animositäten sowie gegenseitige Vorwürfe und Verdächtigungen unvermeidlich und gleichzeitig das Salz in dieser pikanten (Krimi-)Suppe.

Wie es sich für einen reellen „Whodunit“ gehört, gibt es auch hier eine üppige Anzahl an Verdächtigen und ausreichend Verwechslungen im Ambiente eines Landgasthofes (passenderweise mit dem Namen „Die Arche Noah“), dessen Flure sehr weitläufig sind und vielfältige Möglichkeiten bieten, unerkannt aufzutauchen und ebenso unerkannt wieder zu verschwinden. So gestaltet sich die Jagd nach dem/den Verbrecher*n zu einem turbulenten wie auch langwierigen Katz- und Maus-Spiel, das erfreulich wenig Tempo aus der Handlung nimmt.

So schenkte mir dieser Krimiklassiker aus der Feder einer mir bis dahin unbekannten Autorin mit seinem nostalgischen Charme eine Fülle an vergnüglichen Lese-Stunden.


erschienen bei Alibi (Dörlemann) / ISBN: 978-3038201793 / in der Übersetzung von Holger Hanowell
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Ballett] Alfonso Palencia – DER NUSSKNACKER / Stadttheater Bremerhaven

Ballett von Alfonso Palencia / nach der Erzählung „Nussknacker und Mausekönig“ von E.T.A. Hoffmann / mit Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky

Premiere: 11. Oktober 2025 / besuchte Vorstellung: 2. November 2025
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


CHOREOGRAFIE & INSZENIERUNG Alfonso Palencia
MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni
BÜHNE & VIDEO Yoko Seyama
KOSTÜME Rosa Ana Chanzá
LICHT Frauke Richter

CHOREOGRAFISCHE ASSISTENZ Bobby M. Briscoe 
DRAMATURGIE Alfonso Palencia, Torben Selk 
KINDERCHOR Edward Mauritius Münch
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz 
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
THEATERPÄDAGOGIK Schirin Badafaras


Ich saß im Zuschauersaal, blickte zur Bühne und bemerkte kaum, wie ich mich mehr und mehr verlor und die Menschen um mich herum vergaß. Meine Brust wurde weit, als ich all die Schönheit aus Musik und Tanz in mich aufsaugte und mich in eine Welt voller Grazie und Ästhetik fallen ließ. Wie beschreibe ich eine Kunstform, ohne immer wieder und wieder dieselben abgenutzten Adjektive zu bemühen? Wie beschreibe ich etwas, was unbeschreiblich war?

Auch nach all den Jahr(zehnt)en, die ich nun schon die Bühnen dieses Landes mit meiner Anwesenheit „beglücke“, empfinde ich einen Abend im Theater, wenn der Saal sich verdunkelt und der Vorhang sich hebt, nach wie vor als ein wunderbares Geschenk, das mir – völlig unverdient – gemacht wird. Okay, ich habe vorab für ein paar Euronen eine Eintrittskarte erworben, aber das ist nur ein geringes Salaire, im Vergleich zur mannigfaltigen Freude, die ich im Gegenzug erhalte.

Ich saß im Zuschauersaal – Nein! – ich darf in einem Zuschauersaal sitzen. Dies ist für mich wahrlich keine Selbstverständlichkeit sondern vielmehr ein unschätzbarer Luxus. Es ist ein Luxus, dass wir hier in diesem Land eine so freie und somit vielfältige Kulturszene haben, die ihre Impulse durch Menschen aus unterschiedlichen Nationen erhält. Mit Inspiration, Talent und Kraft arbeiten Menschen aus unterschiedlichen Nationen vor, auf, über, unter, neben und hinter der Bühne bereits Tage zuvor, um mir dann einen unvergesslichen, einzigartigen Theaterabend zu schenken. Diesen Luxus müssen wir uns bewahren!

Schönheit, Grazie und Ästhetik: Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia hätte zu dieser Zeit kein besseres Ballett auswählen können. Einerseits ist die Handlung von Tschaikowskys Märchenballett DER NUSSKNACKER prädestiniert für die nahende Adventszeit, andererseits lechzen wir Menschen in diesen verrückten wie auch beängstigenden Zeiten nach Sicherheit, Harmonie und Geborgenheit.

Am Heiligabend versammelt sich Familie Silberhaus mit Claras Freunden, um gemeinsam zu feiern. Drosselmeier, Claras Patenonkel, Zauberer und ein begabter Spielzeugmacher, hat Geschenke für die ganze Familie mitgebracht. Claras Bruder Fritz bekommt ein Schiff und Clara einen Nussknacker. Sie schließt ihn sofort ins Herz. Alle sind schlafen gegangen. Doch Clara kehrt ins Wohnzimmer zurück, um nach dem Nussknacker zu sehen. Sie nimmt ihn in den Arm und schläft ein. Ein Traum beginnt. Claras Familie und Freunde verwandeln sich in Soldaten – und in schräge Hasen. Sie beginnen, gegeneinander zu kämpfen. Der Nussknacker erscheint, um die Soldaten gegen die Truppe des Hasenkönigs anzuführen. Der Nussknacker gerät in Bedrängnis. Doch zum Glück schaltet Clara schnell. Der Nussknacker verwandelt sich in einen Prinzen. Er führt Clara durch die mondhelle Nacht in einen Wunderwald. Schneeflocken tanzen um sie. So beginnt ihre Reise in ein neues, fantastisches Land. Clara, der Prinz und Drosselmeier reisen in das Land der Süßigkeiten. Die Zuckerfee begrüßt sie und inszeniert ein Fest der Süßigkeiten aus aller Welt. Clara wacht in ihrem Sessel auf. Doch sie hat noch ihren Nussknacker. War das alles nur ein Traum?

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.

Bereits bei der KOSTPROBE durfte ich einen vorfreudigen Blick auf die Inszenierung werfen, doch erst die überzeugende Symbiose aus Tanz, Musik, Kostüme, Bühnenbild, Licht und Projektionen beschwor die von mir mit Spannung erwartete Theatermagie herauf.

So tat Palencia gut daran, seine Choreografie nur behutsam zu modernisieren, indem er Modern Dance mit klassischem Ballett kombinierte. Dies ermöglichte ihm – je nach Anforderung an die Szene – die Tänzer*innen athletisch-akrobatisch agieren zu lassen, um dann voller Zartheit den Spitzentanz zu zelebrieren. Im Vergleich zu einer Choreografie zu einem eher abstrakten Thema, wo die Botschaft über die bewegenden Körper transportiert wird, durften hier bei diesem Handlungs-Ballett die Tänzer*innen in eine Vielzahl an Rollen schlüpfen und so auch ihr schauspielerisches Talent zeigen.

Alfonso Palencia konnte sich den Spaß nicht verkneifen, kleine Änderungen an der Handlung vorzunehmen, um so einen Bezug zu Bremerhaven herzustellen. So schenkt Onkel Drosselmeier Fritz kein Spielzeuggewehr, stattdessen erhält er das Model eines Wikingerschiffes, das in der Traumsequenz dann zu einer stattlichen Größe heranwächst, um Clara, dem Prinz und Onkel Drosselmeier als Reisegefährt zu dienen. Auch gibt es keinen Mausekönig: Stattdessen fordert ein Hasenkönig mit seiner Meute an gruseligen Hasen den Nussknacker-König und seine Armee zum Kampf heraus. Hier erinnert Palencia humorvoll an die vielen Langohren, die sich gerne auf dem Deich der Seestadt blicken lassen. Alle diese drolligen Änderungen fügen sich bestens in die Handlung ein. Da verzeihe ich Palencia auch die (entbehrlichen) modernen Tabletts, die im ersten Akt bei den Geschenken unter dem Weihnachtsbaum lagen.

Rosa Ana Chanzá schaffte mit ihren Kostümen wunderbar den Spagat zwischen Modernität und Verspieltheit, zwischen Eleganz und Charakteristik. Yoko Seyama schuf mit ihrem Bühnenbild einen perfekten Rahmen für dieses entzückende Märchenballett. Im Heim der Familie Silberhaus findet sie die gekonnte Balance zwischen „stilisiert“ (Weihnachtsbaum) und „real“ (Kamin). Bei der Traumsequenz sind ihre prächtigen Videoprojektionen sowohl stimmungs- wie auch phantasievoll. Alfonso Palancia wünschte sich eine Ästhetik à la Tim Burton: Diese ist Yoko Seyama aufs Beste gelungen.

Während bei größeren Ballettcompagnien die jeweiligen Partien mit einzelnen Tänzer*innen besetzt werden, schlüpfte hier das gesamte Ensemble in mehrere Rollen. Jede*r erhielt so die Gelegenheit, sich vielseitig zu präsentieren und im Mittelpunkt zu stehen. Insbesondere im 2. Akt nutzten die Tänzer*innen die Charaktertänze, um sich zu profilieren. Melissa Panetta gab eine entzückende ZUCKERFEE. Ming-Hung Weng brühte als CHINESISCHER TEE stets ein gutes Blatt auf. Adrián Sánchez gefiel sowohl als aufgeweckter FRITZ wie auch als kongeniale Partner für Ana Wohlfart Albarran: Als RUSSISCHES BONBON zeigten sie eine eindrucksvolle Performance. Rosana Gutiérrez Ramírez und Javier Zotano Bermúdez überzeugten als ARABISCHER KAFFEE „mit vollem Aroma“. Melissa Festa und Kuang-Yung Chao brillierten rassig als SPANISCHE SCHOKOLADE, wobei Kuang-Yung Chao bereits als geheimnisvoller ONKEL DROSSELMEIER nachhaltig auf sich aufmerksam machen konnte. Rino Watabe, Julia Acedo Nicolás und Sojeong Park ergänzten das Ensemble bestens u.a. als CLARAS FREUNDINNEN und SCHNEEFLOCKEN.

Kiko Noguchi als CLARA und Marco Marongiu als NUSSKNACKER/PRINZ war ein Leading-Paar, das keine Wünsche offenließ. Kiko Noguchi bezauberte durch Anmut und Grazie und meisterte die anspruchsvolle Partie bravourös. Marco Marongiu an ihrer Seite gab einen kraftvollen Prinzen und erstaunte mit seinen athletischen Sprüngen. Gemeinsam gestalteten sie das bekannte „Pas de deux“ im 2. Akt mit all den schwindelerregenden (zumindest für mich) Hebungen, Arabesquen und Pirouetten grandios und setzten hierbei – innerhalb einer ganz und gar wunderbaren Ensemble-Leistung voller Höhepunkte – einen strahlenden Stern auf die Spitze dieser Inszenierung.

Kurz vor Ende des ersten Aktes öffneten sich die Seitentüren zum Foyer, und die Kinder vom Kinderchor des Stadttheaters reihten sich links und rechts seitlich von der Bühne auf, um den Schneeflocken-Walzer stimmschön zu untermalten und (auch dank der versierten Einstudierung durch Edward Mauritius Münch und Katharina Diegritz) zusätzlich ein funkelndes Highlight zu setzten.

Davide Perniceni kitzelte mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven wohldosiert den Schmelz aus den Kompositionen, ohne in allzu viel Kitsch zu verfallen. So erklangen die Instrumente fein differenziert, und Tschaikowskys schwelgerischen Melodien kamen mit einer erfrischenden Leichtigkeit zu Gehör.

Ich saß im Zuschauersaal – Nein! – ich durfte in einem Zuschauersaal sitzen und mich von der Kunst überwältigen lassen. Während der Vorstellung lief mir immer mal wieder eine Träne über die Wange, nicht weil ich etwa traurig war – im Gegenteil – ich war so glücklich!


Von der Probe…

…zur fertigen Inszenierung:


Die Vorstellungen von DER NUSSKNACKER am Stadttheater Bremerhaven sind restlos ausverkauft. Doch manchmal kommen zurückgegebene Eintrittskarten wieder in den freien Verkauf. Dann heißt es „Zugreifen!“.